
Italien war für die Deutschen mehr als ein Urlaubsland: In Ratgebern, Spielfilmen, Schlagern und Gastronomie spiegelte sich seit den 1950er-Jahren ein neues Italienbild, das zwischen Fernweh, Konsumlust und Stereotypen oszillierte. Während Millionen Italiener*innen als Arbeitsmigrant*innen nach Deutschland kamen, entwarfen westdeutsche Medien zugleich Bilder eines hedonistischen Dolce Vita, das deutsche Strenge und Kriegsvergangenheit überblendete. Populärkulturelle Formate verhandelten Sehnsüchte, Begehren und Alltagspraktiken – von Spaghetti-Essen als «Feuerprobe» über Italienreisefilme bis zu den ersten Pizzerien als Orte alternativer Jugendkultur. Aus einer kulturgeschichtlichen Perspektive lässt sich so zeigen, wie sich Imaginationen und Selbstbilder verschoben: zwischen Verdrängung von Schuld, Projektionen auf den «Süden» und realen Begegnungen.
Maren Möhring ist Professorin für Vergleichende Kultur- und Gesellschaftsgeschichte an der Universität Leipzig und arbeitet zur Geschichte von Migration und Ernährung sowie zur Körper- und Geschlechtergeschichte.
Massimo Perinelli/Cristina Raffaele: Du hast als Historikerin viel zur Kulturgeschichte der italienischen Einwanderung gearbeitet, zu Ratgebern für Italienreisende, zur italienischen Gastronomie in Deutschland, zu Spielfilmen der frühen BRD über Italien oder zu deutschen Schlagern, in denen die italienische Lebensart sehnsuchtsvoll besungen wurde. Wieso scheint dir der (pop-)kulturelle Zugang zu dieser Geschichte ergiebig?
Maren Möhring: Ein (pop-)kultureller Zugang ermöglicht es, sich kollektiven Wünschen, Sehnsüchten und Imaginationen zu nähern, Selbstverständnisse und Fremdbilder zu analysieren und dabei auch Alltagspraktiken in den Blick zu nehmen. Populäre Medien verhandeln verschiedene Lebensformen und Selbstentwürfe, nehmen eine wichtige Orientierungsfunktion ein und können uns daher Auskunft geben sowohl über gesellschaftliches Begehren als auch über Bedeutungsproduktionen und Sinnstiftungen.
In den eher spießigen 1950er-Jahren, nicht lange nach dem Ende des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs mit seinen Kriegsverbrechen gerade auch in Italien, wurden die Deutschen, wie du sagst, von einem Fernweh, einer Sehnsucht nach Italien gepackt. Wie erklärst du dir dieses Begehren und durch was ist es gekennzeichnet?
Eine deutsche Italiensehnsucht lässt sich historisch noch weiter zurückverfolgen. Spätestens mit Goethes «Italienischer Reise» ist Italien (nicht nur in Deutschland) zum Inbegriff «des Südens» geworden – eines verheißungsvollen Raums, der ganz anders zu funktionieren schien als das eigene Land. Nachdem die ersten Nachkriegsjahre überwunden und das sogenannte Wirtschaftswunder Fahrt aufgenommen hatte, waren Imaginationen eines italienischen Dolce Vita vermutlich besonders wirkmächtig, weil sie Gewalt, Leid und Schuld vergessen machten und es stattdessen erlaubten, in einer auf sinnlichen Genuss ausgerichteten Konsumkultur anzukommen. Das ist als wichtige Verschiebung des vormals vor allem ästhetisch geprägten deutschen Italienbildes (in der Nachfolge Goethes) hin zu einer stärker hedonistischen Interpretation Italiens zu betrachten, die um 1968 und mit der späteren «Toskana-Fraktion» noch weiter an Bedeutung gewinnen sollte. Diejenigen Deutschen, die ab den 1950er-Jahren tatsächlich in Italien Urlaub machten, erfuhren dort zudem weniger Ablehnung als in anderen von Nazi-Deutschland unterjochten Ländern.
Magst du kulturhistorische Beispiele nennen, Kinofilme, Schlager, in denen sich dieses Begehren ausgedrückt hat? Was für ein Lebensgefühl wurde da verhandelt und mit was standen diese Gefühle und Körpersensationen in Konflikt? Siehst du darin auch eine Aufarbeitung oder gar Verdrängung der Schuld des «Zivilisationsbruchs» im Nationalsozialismus?
Besonders interessant finde ich die Vielzahl von Italienreisefilmen der 1950er- und 1960er-Jahre, vor allem Filme wie «Italienreise – Liebe inbegriffen» von 1958 oder «Schick deine Frau nicht nach Italien» von 1960, weil es darin explizit um ein – in der Ausnahmezeit des Urlaubs angesiedeltes – erotisch-sinnliches Erleben geht. In diesen Filmen wird die neue Bewegungsfreiheit junger deutscher Frauen thematisiert, die allein nach Italien reisen. Sie kommen mit attraktiven italienischen respektive italianisierten Männerfiguren in Kontakt, die sich durchaus als Abkehr vom Ideal des soldatischen Mannes verstehen lassen; statt durch Härte und Disziplin überzeugen sie eher durch Charme und Sportlichkeit. Zugleich macht das Gros dieser Filme aber deutlich, dass es sich bei diesen Flirts oder Liebesbeziehungen letztlich um eskapistische Abenteuer handelt; zu Hause wartet immer der deutsche Mann.
Die Frage von Verdrängung und/oder Aufarbeitung ist eine schwierige. Die Konsumbegeisterung in der frühen Bundesrepublik, zu der ja auch der Tourismus gehörte, ist vielfach als Verdeckung, als Nicht-Befassung und Flucht vor der unmittelbaren Vergangenheit gedeutet worden. Das ist sicherlich nicht völlig abwegig. Dennoch würde ich stark machen wollen, dass sich in der Italiensehnsucht auch ein Unbehagen an deutscher Disziplin und rigider Arbeitsmoral artikuliert (hat), das auch neue Perspektiven und andere Emotionen ermöglichen konnte. Das Zeigen alternativer Lebensformen – imaginiert oder real – kann eine Selbstreflexion auslösen, die sicherlich noch keine kritische Aufarbeitung darstellt, aber vielleicht überhaupt erst einmal andere Vorstellungen und Gefühlswelten denkbar macht. (Dass Italien selbst ein faschistischer Staat war, wird in den besagten Filmen in keiner Weise thematisiert.)
Kommen wir zu den Spaghetti. Das Spaghetti-Essen war die große Herausforderung für die Deutschen, die mit Lust, Scham und Abwehr besetzt war. Jugendliteratur wie «Die Spaghetti-Bande», Ratgeberliteratur zum richtigen Verzehr der Nudeln, der «Spaghetti-Fresser» als paradigmatisches Schimpfwort für italienische Migrant*innen … An diesem Gericht scheint kulturell viel verhandelt worden zu sein. Kannst du das erklären?
An Speisen und Getränken wird generell sehr viel verhandelt, weil sie in den Körper aufgenommen und damit (Körper-)Grenzen überschritten werden. Sie bieten sich für symbolische Aufladungen geradezu an; für vermeintliche Nationalgerichte gilt das in besonderem Maße. Was die Herausforderungen des Spaghetti-Essens angeht, stammt mein Lieblingszitat aus Reinhard Raffalts 1957 veröffentlichtem und in diversen Auflagen erschienenem Reiseführer «Eine Reise nach Neapel», wo es heißt: «Sie sind im Begriff, Ihre Feuerprobe, Ihren Ritterschlag für die Italienreise zu bestehen: Wenn Sie jetzt daran gehen, die Spaghetti zu zerschneiden, dann ist es besser, Sie fahren gleich zum Brenner zurück.» In der Konfrontation mit den widerspenstig langen Nudeln wurden Essroutinen aufgebrochen; es entstanden Verhaltensunsicherheiten, die mit Scham besetzt sein und ein Scheitern nach sich ziehen konnten. Das korrekte Aufrollen der Spaghetti galt es deshalb unbedingt zu erlernen, um nicht als unkultivierte:r Deutsche*r aufzufallen. Nicht (unangenehm) aufzufallen war das erklärte Ziel westdeutscher Reisenden und, wenn man so will, der Bundesrepublik insgesamt.
Die 1960er- und 1970er-Jahre waren nicht nur geprägt vom Reisefieber ins exotische und sexualisierte Italien, sondern auch von der Etablierung der italienischen Gastronomie hierzulande. Wie entwickelte sich das und welche Bedeutung hatte gerade die italienische Gastronomie für das transkulturelle Verhältnis von Deutschen und Italiener*innen?
Die italienische Küche hat sich spätestens in den 1970er-Jahren flächendeckend in der Bundesrepublik ausgebreitet. Sie hatte insofern gute Startbedingungen, als bereits eine etablierte italienische Gastronomieform in Deutschland existierte: die italienische Eisdiele. Bereits in den 1930er-Jahren hatten sehr viele deutsche Städte ein italienisches Eiscafé vorzuweisen. In den 1950er-Jahren gehörten diese Einrichtungen mit Espresso, aber auch Coca-Cola und Musikbox zu den coolen Konsumorten der jungen Bundesrepublik. Italienische Restaurants und Pizzerien konnten an diese Konsumerfahrungen des deutschen Publikums anknüpfen. Zudem war es aufgrund der Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Gemeinschaft für Italiener*innen – im Gegensatz zu Nicht-EG- bzw. Nicht-EU-Ausländer*innen – deutlich leichter, ein Lokal aufzumachen.
Generell halte ich die sogenannte ausländische Gastronomie in der Bundesrepublik für einen ganz zentralen Bereich transkultureller Begegnungen. Zwar trafen viele Bundesbürger*innen am Arbeitsplatz oder auch im Wohnumfeld auf Arbeitsmigrant*innen aus anderen Ländern, aber italienische Lokale waren besondere Orte, weil sie freiwillig und in der Freizeit aufgesucht wurden und damit Raum für anders gelagerte Begegnungen und Erfahrungen schufen. Hier war auch die Rollenverteilung eine andere, wenn der Betreiber des italienischen Restaurants seinen Gästen unbekannte Speisen erklärte und damit sein kulinarisches Wissen weitergab. Zugleich waren italienische Lokale nicht nur ein sozialer und für die Betreiber*innen wichtiger ökonomischer Ort; sie waren auch Teil der eingangs thematisierten Imaginationen über «den Süden» und die mit diesem assoziierte Lebensform – gelebte fiktive Welten, wie man mit Michael Makropoulos sagen könnte.
Mein Großvater betrieb ab 1960 eine der ersten Pizzerien in Frankfurt, sie war auch ein Treffpunkt der Studierendenbewegung und des Frankfurter SDS. Kannst du was speziell zur Bedeutung dieser Gastronomie sagen hinsichtlich der Aufarbeitung der rebellischen bundesrepublikanischen Jugend, die im Konflikt mit ihrer Nazi-Elterngeneration standen?
Ja, gern. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, der nicht nur für italienische Lokale, sondern auch für griechische Tavernen in der Bundesrepublik noch viel genauer aufzuarbeiten wäre, als das bisher geschehen ist. Ich glaube, man kann diese migrantischen Orte als wichtige Experimentierfelder für die Neue Linke und generell die alternative Szene verstehen: Hier konnten deutsche Verhaltensvorschriften beim Essen (und darüber hinaus) hinter sich gelassen werden, hier ließen sich sinnliche Genüsse scheinbar unbeschwerter zelebrieren, und auch mit Kindern war der Besuch in einer Pizzeria wesentlich stressfreier. Gerade die oft größere Informalität italienischer (oder auch griechischer) Lokale – im Gegensatz zur gutbürgerlichen und zur französischen Gastronomie – ermöglichte andere Formen der Kommunikation, der sozialen und dabei insbesondere auch der körperlichen Interaktion.
Darüber hinaus dienten Lokale, deren italienische Betreiber für ihre linke politische Haltung bekannt waren, als Orte transnationaler politischer Vernetzung, an denen man persönlich etwas über die Kämpfe und politischen Aktionsformen in anderen Ländern erfahren konnte. Migrantische Kommunikations- und Kampfformen dienten der Neuen Linken oft als Vorbild und erweiterten das eigene politische Repertoire.
In der Schweiz spricht man seit dem massiven Anstieg deutscher Gastarbeiter*innen nach dem Mauerfall von einem «Kältestrom», der durch diese Migrationsbewegung ins Land gekommen sei, und grenzt diesen ab von einem «Wärmestrom» der italienischen Einwanderung, die das Land in den Jahrzehnten davor maßgeblich geprägt habe. Kälte, Wärme – wieso spricht man in diesen Kategorien über Migration und was genau soll denn eigentlich warm an der italienischen Migration gewesen sein? Gerade vor dem Hintergrund des andauernden und teilweise extremen Rassismus auch gegen Italiener*innen in Deutschland oder der Schweiz klingen solche kitschig anmutenden Begriffe seltsam.
Zunächst einmal sind das etablierte nationale Stereotype über «die» Deutschen und «die» Italiener*innen: distanzierte Kälte versus Herzenswärme. Vor allem kommt es – wie immer in Migrationsdebatten – zu einer Homogenisierung von an sich sehr heterogenen Migrationsbewegungen, die mittels der Strom-Metaphorik zudem naturalisiert werden. Es ließe sich bestimmt gewinnbringend darüber nachdenken, was die Zuschreibung von Wärme und Kälte uns außerdem noch geschlechtertheoretisch oder auch im Hinblick auf die soziale Positionierung der Migrant*innen verrät. Aus der Perspektive der Migrationsforschung ist in jedem Fall zu konstatieren, dass wir es mit einem allzu bekannten Schema zu tun haben: Eine in der Vergangenheit eingewanderte Migrant*innengruppe erscheint im Lichte neuer Migrationsbewegungen plötzlich weniger problematisch, der massive Rassismus gegen diese Gruppe wird glücklich vergessen und die vergangene Zuwanderung nun gar als Bereicherung der Gesellschaft gefeiert: Die Italiener*innen haben die Schweiz wärmer und freundlicher gemacht. Von «Überfremdung» ist dann nicht mehr die Rede.
