Nachricht | GK Geschichte Industriegewerkschaft Bau Agrar Umwelt (Hrsg.): 100 Jahre Landarbeitergewerkschaften

Bernd Hüttner rezensiert eine Broschüre zur Geschichte der Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft (GGLF)

Industriegewerkschaft Bau Agrar Umwelt (Hrsg.): 100 Jahre Landarbeitergewerkschaften. In schwierigem Gelände: Landarbeiter und Landarbeitergewerkschaften. Zur Geschichte der Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft (GGLF) und ihrer Vorläuferorganisationen; Frankfurt/Main, Dezember 2008, 150 S. A 4, ISBN 978-3-00-026632-4


Diese unter der Redaktion von Rainer Fattmann entstandene Publikation ist eine klassische Organisationsgeschichte. Sie fügt – lässt man bei einem solchen Produkt wohl unvermeidlichen selbstlegitimierenden Aspekte weg - der spärlichen Literatur zu Landarbeitern und Landarbeiterinnen einen lesenswerten und gut lesbaren Titel hinzu. Man will, so das Vorwort, "die historische Entwicklung der Gewerkschaften im Bereich des Gartenbaus, der Land- und Forstwirtschaft (...) in Grundzügen darstellen".

Der Anlass für diese Broschüre war die hundertste Wiederkehr der am 21. und 22. Februar 1909 erfolgten Gründung des "Verband der Land-, Wald- und Weinbergarbeiter und -arbeiterinnen Deutschlands", der sich dann 1913 in "Deutscher Landarbeiter-Verband" (DLV) umbenennt. Zwar hatte es schon vorher sehr zaghafte Organisationsversuche, vor allem im städtischen Gartenbau, gegeben, die Gesindeordnung und die repressiven ländlichen Strukturen verhinderten aber die Organisierung des ländlichen "Proletariats". Fattmann referiert in den sieben chronologisch angeordneten Kapiteln immer wieder die gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen für das gewerkschaftliche Handeln und weist z.B. darauf hin, dass die Sozialdemokratie ein schlüssiges Agrarprogramm viel zu spät – zum Ende der Weimarer Republik - entwickelte. Es wird – neben der Aufzählung von Daten und Fakten, etwa zur Entwicklung der Mitgliedszahlen des DLV oder zur Landwirtschaft allgemein – deutlich, dass sich die Gewerkschaften, neben ihrem Kerngeschäft der Sozial- und Tarifpolitik, bis in die 1950er Jahre hinein auch als Kultur- und Bildungsbewegung verstehen. Dieses Selbstverständnis schwand erst, als das Ausbildungswesen geregelt, sprich verstaatlicht wurde und die Veränderungen der Lebensweisen zum Tragen kamen.

Die anderen Organisation im Feld der Landarbeiter werden ebenfalls erwähnt. Da ist zum einen die Konkurrenzorganisation zum DLV, der 1912 gegründete christlich-nationale "Zentralverband der Landarbeiter". Der "Bund der Landwirte" (BdL), ein von Großagrariern dominierter, schon 1893 gegründeter berufsständischer Verband der landwirtschaftlichen Arbeitgeber, bildet die Gegenseite. Pikanterweise lehnt der BdL jede Zusammenarbeit mit dem ZdL ab. In der Praxis nähern sich die Arbeitsweisen der beiden Gewerkschaften ZdL und DLV jedoch an, und nach dem Ende des Nationalsozialismus wird dann 1949 die GGLF als parteipolitisch neutrale Einheitsgrwerkschaft gegründet. 1976 erreicht die GGLF mit nur noch 39.000 Mitgliedern ihren Tiefststand, obwohl sie damit über ein Drittel aller damals in der Landwirtschaft abhängig Beschäftigten zu ihren Mitgliedern zählen kann. Ein großer, und in den nachfolgenden Jahrzehnten steigender Anteil unter den Mitgliedern stammt aus der Forstwirtschaft und dem Gartenbau. Zum 1. Januar 1996 fusioniert die GGLF mit der damaligen IG Bau Steine Erden zur IG BAU (Bau – Agrar – Umwelt), die sich – so der Tenor des von Alf Mayer verfassten Schlußkapitels - heute als Vertretung der ArbeitnehmerInnen in jenen Sektoren versteht, die von einem sozial-ökologischen Umbau der Industriegesellschaft profitieren würden (Landwirtschaft, Bauwesen), aber auch mit Arbeitsmigration innerhalb der Europäischen Union konfrontiert ist. Ein relativ nutzloser Exkurs zur internationalen Gewerkschaftspolitik, der vor allem aus einer Ansammlung ellenlanger Organisationsnamen besteht, rundet den mit einem Literaturverzeichnis versehen Band ab.

Ingsesamt wird der vierfarbig illustrierte Band den im Vorwort formulierten Anspruch gerecht. Er bietet einen guten Einsteig in und Überblick über das Thema und ist damit ein wichtiger Beitrag zu einer Sozialgeschichte der Arbeit im ländlichen Raum. Die in den Gewerkschaften organisierten einfachen Mitglieder kommen als Agierende leider nicht vor, das war aber auch nicht das Ziel dieser Publikation.


Bernd Hüttner

Diese Rezension erscheint im Herbst auch in den Mitteilungen des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Arbeiterbewegung und im Newsletter des Arbeitskreises Agrargeschichte.