Im Sommer 2025 reiste eine Gruppe von Azubistipendiat*innen und Mentor*innen des «Lux Like Ausbildung»-Programms gemeinsam mit Stipendiat*innen der Stiftung Berufliche Bildung in die polnische Hauptstadt Warschau. Statt einer touristischen Erkundung standen bei dieser Bildungsreise politische, historische und soziale Aspekte im Vordergrund. Die Beschäftigung mit Erinnerungskultur, migrantischen Kämpfe, feministischen Bewegungen und gewerkschaftlichem Aktivismus zeigten den Teilnehmenden eine weniger offensichtliche, aber umso tiefgründigere Seite unseres Nachbarlandes.
Montag: Auseinandersetzung mit der Geschichte
Der Montag begann mit einer Führung durch das Warschauer Ghetto, die die Lebensbedingungen der Menschen dort während der Besetzung durch das nationalsozialistische Deutschland und der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung veranschaulichte. Im Anschluss traf die Gruppe auf Johanna Sobolewska-Pyz, die den Verein «Kinder des Holocaust» vertritt und selbst im Ghetto geboren und von nicht jüdischen Eltern gerettet wurde. Sie berührte alle mit ihren persönlichen Erlebnissen und schilderte die schweren Schicksale vieler Kinder, die dort lebten, aber auch vieler Kinder, die – wie sie selbst – gerettet wurden und heute Vereinsmitglieder sind. Ihre Schicksale konnten wir in der Ausstellung «Meine jüdischen Eltern – Meine polnischen Eltern» kennenlernen.
Dienstag: Die Geschichte spürbar machen
Am Dienstag führte der Weg zur Gedenkstätte Treblinka. Ein Guide erzählte von den unzähligen Schicksalen in dem ehemaligen Vernichtungslager und verwies auf das bekannte Beispiel von Janusz Korczak, dem jüdisch-polnischen Arzt und Autor, der bis zuletzt bei den Kindern seines Waisenhauses blieb. Nach einem Mittagessen folgte ein Treffen mit dem Leiter der Gedenkstätte, bei dem die aktuelle Rolle und Bildungsarbeit von Treblinka diskutiert wurde. In einer Fragerunde konnten die Teilnehmenden mehr über das polnische Bildungssystem und die heutige Erinnerungskultur erfahren. Den Abschluss des intensiven Tages bildete eine Reflexionsrunde.
Mittwoch: Jüdisches Leben und migrantische Realitäten
Der Mittwoch startete im POLIN-Museum mit einer eindrucksvollen, interaktiven Darstellung jüdischen Lebens in Polen. Die Führung vermittelte die Religion, Kultur und die Traditionen der jüdischen Gemeinschaft.
Am Nachmittag stand ein Treffen mit dem Kollektiv Grupa Granica im Multikulturellen Zentrum auf dem Programm. Die Mitglieder stellten ihre Integrations-, Gemeinschafts- und Beratungsangebote für Migrant*innen in Warschau vor. Die Aktivistin Monika Matus informierte über die aktuelle, hochpolitische Lage an der belarussisch-polnischen Grenze. Besonders bewegend war der Bericht von Fidele Lomasa Toko, der selbst über diese Grenze nach Polen floh und von seiner fünfjährigen Flucht erzählte, die von psychischen und physischen Strapazen, Repressionen und dem Tod anderer Menschen geprägt war. Für ihn geht es weiter in Warschau, er wiederholt sein Medizin-Studium aus Kongo, seiner Heimat, da es in Polen nicht anerkannt wurde.
Donnerstag: Queere und feministische Perspektiven
Am Donnerstag beschäftigte sich die Gruppe mit der queeren und feministischen Geschichte Polens. Im QueerMuzeum wurde über die aktuelle Situation aufgeklärt: Eine gespaltene Gesellschaft sowie politische und religiöse Einflüsse stellen eine gespannte Lage für die Community dar, die sich jedoch stark und aktiv in zivilgesellschaftlichen Organisationen engagiert und unermüdlich Aufklärungsarbeit leistet. Beim anschließenden Besuch im feministischen Gesundheitszentrum gab Aleksandra Magryta vom Bündnis FEDERA Einblicke in die Arbeit des Zentrums. Sie schilderte den extrem eingeschränkten Zugang zu legalen Abtreibungen in Polen, der trotz aktiver Protestbewegungen für Betroffene kaum erleichtert wird. Den Nachmittag konnte die Gruppe zur freien Erkundung der Stadt nutzen.
Freitag: Arbeitskämpfe und zivilgesellschaftliches Engagement
Der letzte Tag begann mit der Vorführung des Films «Streiken streng verboten», der die Kämpfe polnischer Kaufland-Mitarbeiter*innen für bessere Arbeitsbedingungen dokumentierte. Darauf folgte ein Treffen mit dem Gewerkschafter Krzysztof Król, der in einem Vortrag das polnische Streikrecht und die niedrige gewerkschaftliche Organisationsquote erläuterte. Er nannte auch die erschwerte Zusammenarbeit zwischen polnischen und deutschen Gewerkschaften aufgrund von Bürokratie und Personalmangel als großes Problem. Beim anschließenden Gespräch mit dem Politiker und Aktivisten Piotr Ikonowicz ging es um dessen Engagement in Gemeinschaften gegen Zwangsräumungen und für Wohnraum sowie das «Recht auf Stadt» für alle. Eine abschließende Reflexionsrunde ließ die gesamte Woche noch einmal Revue passieren.
James Heidenreich absolviert ein freiwilliges soziales Jahr im Studienwerk der Rosa-Luxemburg-Stiftung und unterstützt dort das Projekt «LuxLikeAusbildung».
Kraft für den internationalen Kampf und politische Euphorie sind nur zwei der vielen Eindrücke, die wir aus der historischen Hauptstadt mitnehmen. Warschau ist eine Stadt, mit der man vielleicht eine größere Verbindung hat, als man zunächst annimmt.