Details

Die Idee einer „Bioökonomie“ wird zuletzt zunehmend als Lösung für Umweltkrisen ins Spiel gebracht. Doch das Konzept ist nicht neutral: Es zielt darauf ab, Gemeingüter in Waren zu verwandeln und das überlieferte Wissen unserer Vorfahr*innen für kommerzielle Zwecke zu vereinnahmen. So lässt sich die Bioökonomie auch nicht mit Kosmologien und Lebensformen vereinbaren, die im Widerspruch zu einer kapitalistisch geprägten Gesellschaft stehen.
Guilherme Carvalho ist promovierter Wissenschaftler im Bereich Sozial- und Umweltentwicklung in den Tropen am Núcleo de Altos Estudos Amazônicos der Universidade Federal do Pará sowie Bildungsreferent der NGO FASE – Programm Amazonien.
Einmal besuchte ich mit einem meiner Söhne den Quilombo Laranjituba e África, der in der Stadt Abaetetuba im brasilianischen Bundesstaat Pará liegt[1]. Wir gingen zu einer Quilombola, einer Bewohnerin der Sieldung, die dort von allen Chica genannt wird. Während unseres Gesprächs führte sie uns in einen nahegelegenen Wald, um uns zu zeigen, was es dort alles zu finden gibt. Es war eine unverhoffte und faszinierende Lehrstunde über eine Vielfalt an Pflanzen, deren Verwendung oder auch Risiken sie uns eingehend erklärte. So hat Timbó eine betäubende Wirkung auf Fische, und diese können mit bloßen Händen gefangen werden, wenn man diese Pflanze ins Wasser wirft. Heute wird sie jedoch kaum noch verwendet, weil sie Schaden anrichtet.
In derselben Gemeinschaft lebt auch der Quilombola Vavá. Immer wieder betont er, der Wald sei „sein Supermarkt“ – alles, was er brauche, sei dort zu finden, stets griffbereit. Auch er weiß sehr viel über Bäume, die geeignete Pflanzzeit verschiedener Arten und deren Beziehung zu Tieren, Insekten, Pilzen, zum Mond, zur Sonne, zu den Gezeiten, den Waldgottheiten und der Gemeinschaft. Aber Vavá und Chica sind nicht die einzigen Menschen in diesem Quilombo, die über Wissen verfügen, das zentral ist für die Aufrechterhaltung des gemeinschaftlichen Lebens. Woher stammt dieses Wissen?
Ich bin selbst im Amazonas verwurzelt. Von hier aus denke ich über die Welt nach. Deshalb setze ich mit meinen Überlegungen nicht direkt bei der sogenannten „Bioökonomie“ an, sondern möchte zuerst aufzeigen, dass die hier entstandenen traditionellen Lebensformen mit den Prämissen der Bioökonomie unvereinbar sind, zumal letztere mit einem kolonialen Machtprojekt einhergehen.
Wie Vitor Toledo und Narciso Barrera-Bassols in ihrem Buch Memória biocultural – a importância ecológica das sabedorias tradicionais schreiben, leidet die moderne Gesellschaft „an Amnesie“, genauer gesagt an einer biokulturellen Amnesie, die sich besonders in den „fortgeschrittensten urbanen und industriellen Sektoren“ zeigt, die „ die allmählich ihr Erinnerungsvermögen verlieren“. Es ist, als würden wir dazu erzogen, zu vergessen. Den beiden Autoren zufolge ist das erste Anzeichen dafür, dass moderne Menschen sich nicht mehr als Teil der Natur empfinden.
Die Trennung zwischen Gesellschaft und Natur – oder zwischen Menschheit und Natur – gehört zu den tragenden Säulen des kapitalistischen Systems und der modernen Auffassung von Gesellschafts. Aus dieser Weltanschauung ergeben sich Narrative, Politiken auf regionaler und bundesstaatlicher Ebene, nationale und transnationale Initiativen von Großkonzernen sowie Vorschläge zum Umgang mit unseren Klima- und Umweltkrisen, die auf die Stärkung von Institutionen und Marktmechanismen setzen – insbesondere jener, die mit der Finanzspekulation verbunden sind. All diese Initiativen betrachten die Natur als etwas, das außerhalb von uns existiert, das zum Vorteil der eigentlichen Machthabenden beherrscht, kontrolliert und ausgebeutet werden soll.
Die Amazonasregion ist nicht nur das Ergebnis natürlicher Prozesse, die sich im Laufe von Jahrmillionen vollzogen haben. Sie ist auch das kulturell-historische Ergebnis menschlichen Handelns.
Hier treffen wir auf die Überlegungen des brasilianischen Umweltaktivisten Ailton Krenak, der uns fragt: „Sind wir wirklich eine Menschheit?“ Wie Krenak in seinem Buch Ideen, um das Ende der Welt zu vertagen schreibt, haben wir unser Verständnis des Menschseins genau in dem Moment entwickelt, in dem wir uns als von der Natur getrennt betrachteten: „Lange Zeit hat man uns mit dieser Vorstellung einer Menschheit ruhiggestellt. Und in der Zwischenzeit […] haben wir uns von dem Organismus Erde, zu dem wir gehören, entfremdet und dachten irgendwann, Erde sei das eine, und wir – diese Menschheit – seien etwas anderes. Ich aber kann nicht erkennen, wo etwas anderes sein soll als Natur. Alles ist Natur.“
Ähnlich wie Krenak verkündet auch Nego Bispo, dass wir keine Humanist*innen sein sollten, denn der Humanismus habe uns von der Natur entfremdet. Er gehe mit Ansätzen und Vorstellungen einher, die uns im Namen der „Entwicklung“ unserer Wurzeln berauben. Dabei ist „Ent-Wicklung“ für Bispo gleichbedeutend mit Nicht-Beteiligung oder Nicht-Zugehörigkeit, und „Entwicklung“ und „Entfremdung“ sind eng miteinander verbunden: Ersteres hält er für eine Form der „Kosmophobie“ (cosmofobia), wie er sie nennt, die sich in dem Wunsch äußere, sich vom Ursprünglichen zu entfernen und sich dem entfremdeten Zustand zuzuwenden.
Toledo und Barrera-Bassols, die oben bereits erwähnt wurden, wiederum sehen in der Unfähigkeit, sich zu erinnern, den Beweis für die Blindheit der Moderne. Mit dieser Situation zu brechen bedeutet unter anderem, den Blick wieder auf die indigenen Völker und traditionellen Gemeinschaften zu richten, denn sie tragen das „Gedächtnis unserer Spezies“ in sich. Dieses Gedächtnis beruht nicht auf kurzfristigen Erfahrungen und Lernprozessen, sondern reicht Tausende von Jahren zurück in die Vergangenheit. Laut den beiden Autoren ist dieses „Gedächtnis unserer Spezies“ entscheidend, um die Krise der Moderne zu verstehen und schließlich zu überwinden, indem wir andere Formen des Zusammenlebens unter uns und mit den anderen anerkennen: zwischen Modernen und Vormodernen sowie zwischen Menschen und Nicht-Menschen, das heißt der Natur oder den „Kulturen der Natur“ (culturezas). Dass die Moderne zu einer „Gefangenen der Gegenwart“ wurde, so Toledo und Barrera-Bassols weiter, mache die Amnesie zu einem Merkmal unserer Zeit.
Diese Analyse stellt uns vor eine doppelte und gewichtige Herausforderung: Wenn wir der Vergangenheit den Rücken kehren, können wir nicht mehr aus ihr lernen. Und gleichzeitig verliert die Zukunft ihren Charakter als Raum der Möglichkeiten, als Ort also, an dem Utopien entstehen können, die mit den strukturellen Fesseln dieser Gesellschaft brechen. Denn einer solchen Zukunft liegt die Vorstellung einer linearen Geschichte und einer stetig voranschreitenden Zeit zugrunde, wie sie sich in den Begriffen „Entwicklung“ und „Fortschritt“ ausdrückt. Im Übrigen bezeichnete auch der brasilianische Ökonom Celso Furtado die beiden Konzepte als treibende Kräfte hinter sämtlichen Gräueltaten, die Kolonialherren auf unserem Kontinent begangen haben.
Die Amazonasregion ist nicht nur das Ergebnis natürlicher Prozesse, die sich im Laufe von Jahrmillionen vollzogen haben. Sie ist auch das kulturell-historische Ergebnis menschlichen Handelns. Das heißt, sie wurde über Jahrtausende hinweg von Menschen beeinflusst. Denn die menschliche Präsenz im brasilianischen Amazonasgebiet lässt sich dank Spuren in der Caverna da Pedra Pintada im Bundesstaat Pará mindestens 11.200 Jahre zurückverfolgen.
Die Funde zeigen, dass Menschen in dieser Region eine große Vielfalt vorhandener Ressourcen mit geeigneten Techniken zugänglich machen und nutzen konnten. Der Amazonas war niemals eine „grüne Hölle“, wie manche behauptet haben, kein feindliches Umfeld, das die Entwicklung der hier ansässigen Menschen behindert hätte.
Nego Bispo ist überzeugt, dass wir einen „Kampf um die Bezeichnungen“ führen müssen. Es gilt, so Bispo, „die Kunst des Bezeichnens zu einer Kunst der Selbstverteidigung zu machen und eigene Bezeichnungen einzubringen“. „Ein Spiel“, wie er es beschreibt, das im Grunde genommen darin besteht, „dem kolonialen Vokabular entgegenzutreten, um es zu entkräften“. Denn manche Bezeichnungen können lediglich Ausdruck der Kolonisierung, der Herrschaft, der Unterwerfung und Ungleichheit sein. Dies scheint auch bei der „Bioökonomie“ der Fall zu sein, der wir die „Biointeraktion“ entgegenstellen könnten, die Nego Bispo als Gegenbegriff zur sogenannten „nachhaltigen Entwicklung“ geprägt hat. Doch ist letztlich alles nur eine Frage der Begrifflichkeiten, oder steht doch etwas Tiefgreifenderes auf dem Spiel? Ebendies wollen wir im Folgenden überprüfen.
Nicht tragfähig ohne die Verletzung von Rechten
Der Begriff der Bioökonomie hat sich zu einer Allzweckformel entwickelt – fähig, alles und nichts zugleich zu bedeuten, ganz so, wie es lange Zeit beim Begriff der „nachhaltigen Entwicklung“ der Fall war. Was jedoch nicht heißt, dass er keine klare Funktion hätte. Diese besteht genau darin, die Kontrolle über Territorien durch Konzerne zu legitimieren.
Geprägt wurde der Begriff in den 1970er-Jahren vom rumänischen Ökonomen Nicholas Georgescu-Roegen, der versuchte, Prinzipien der Biophysik auf die Wirtschaft zu übertragen, um letztere anhand von Kategorien der Naturwissenschaften zu verstehen. Später übernahmen ihn die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sowie die Europäische Union, um die Anwendung von Biotechnologien bei der Entwicklung neuer Produkte und Märkte voranzutreiben. Somit ist er eng verknüpft mit Strategien der kapitalistischen Expansion zu einem Zeitpunkt, in dem auch immaterielle Naturelemente – wie etwa Kohlenstoff – zum Gegenstand der Finanzialisierung werden.
Bergbauunternehmen, Agrarkonzerne, Holzfirmen, Ölgesellschaften, Immobilienunternehmen, Hafenbetriebe und andere Wirtschaftszweige bedienen sich des Begriffs, um eine Vielzahl von Projekten zu rechtfertigen, die enorme Umweltschäden anrichten und traditionelle Lebensweisen zerstören. Die brasilianische Bundesregierung, die Regierung des Bundesstaates Pará sowie große Unternehmen investieren massiv in Propaganda und Marketing, um den Aufbau logistischer Infrastruktur zu verteidigen und zu fördern. Sie versuchen, höchst umweltschädliche und gegen traditionelle Lebensformen gerichtete Projekte durch sogenanntes „Greenwashing“ zu legitimieren, so etwa den Bau von Häfen in der Gemeinde Barcarena in Pará, die Verdopplung der Erzleitungen der transnationalen Konzerne Hydro und Artemyn (ehemals Imerys, heute Teil der Flack-Gruppe), die Wasserstraße zwischen Araguaia und Tocantins, die Asphaltierung der BR-319, die Porto Velho in Rondônia mit Manaus in Amazonas verbindet, die Eisenbahnstrecke Ferrogrão, die Sinop in Mato Grosso mit dem Hafen von Miritituba in der Stadt Itaituba in Pará verbinden soll, sowie den Bau des Wasserkraftwerks von Marabá in Pará.
Die von diesen Akteuren angestrebte Bioökonomie ist eng mit der globalen Finanzspekulation verknüpft. Ein gemeinsamer Nenner im Handeln dieser hegemonialen Gruppen und ihrer Unterstützer*innen – zu denen Medienunternehmen, Justiz, Parlamente, konservative Strömungen verschiedener Religionen und andere gehören – ist dabei die materielle und symbolische Aneignung des überlieferten Wissens, das von indigenen Völkern und traditionellen Gemeinschaften in unterschiedlichen Regionen der Erde hervorgebracht wurde. Denn unter ihnen ist das Gedächtnis der menschlichen Art zu finden.
Um ihre Ziele zu verwirklichen, bedienen sich nationale und transnationale Konzerne und ihre Unterstützer*innen verschiedener Strategien. Die erste besteht darin, die Idee zu „verkaufen“, die Bioökonomie sei identisch mit den traditionellen Lebensweisen – als würde sie die Beziehungen, die diese untereinander und mit der Natur pflegten, einfach reproduzieren. Auf dieser Grundlage wird ein Narrativ aufgebaut, das auf der angeblichen Nachhaltigkeit staatlicher und privatwirtschaftlicher Projekte beruht. Zugleich wird versucht, in der Gesellschaft die Sichtweise zu verankern, es handle sich bei der Bioökonomie tatsächlich um einen neuen Ansatz, der das Leben auf dem Planeten retten soll.
Die zweite Strategie besteht darin, die Vorstellung zu festigen, die Bioökonomie habe mit alten Formen der Ausbeutung und Zerstörung gebrochen. Tatsächlich sind jedoch marktorientierte Lösungen für die Klima- und Umweltkrisen kaum mit jenen strukturellen Veränderungen vereinbar, die notwendig wären, um die Lage, in der wir uns derzeit befinden, grundlegend zu verändern.
Drittens wird die Bioökonomie als Mittel zum Schutz der Territorien indigener Völker und traditioneller Gemeinschaften sowie deren Lebensweisen dargestellt. Doch auch dies entspricht nicht der Realität. Schon die bloße Existenz dieser kollektiven Subjekte bedroht das kapitalistische System, denn sie sind der lebendige Beweis dafür, dass andere Beziehungen zur Natur, andere Gesellschaftsmodelle und Organisationsformen möglich sind, die nicht auf Profit, Klassentrennung und Ausbeutung beruhen, womit sie die Zukunft erneut in einen Raum der Möglichkeiten verwandeln, anstelle eines einzigen, linear verlaufenden Weges.
Bioökonomie, REDD+, der Kohlenstoffmarkt und viele weitere sogenannte „Marktalternativen“ sind Ausdruck dieser „Positivität“ in einem Umfeld, in dem das neoliberale Modell Staat und Gesellschaft vollständig durchdrungen hat.
Viertens vertritt die Bioökonomie laut ihren Befürworter*innen einen ganzheitlichen Blick auf die Territorien und die darin bestehenden Beziehungen. So stellen sie gezielt visuelle Assoziationen zwischen der Bioökonomie und den Lebensweisen indigener und traditioneller Gemeinschaften her, deren überliefertes Wissen dazu beigetragen hat, den Wald zu dem zu machen, was er heute ist. Eine der wesentlichen Eigenschaften der kapitalistischen Globalisierung besteht jedoch gerade darin, Einheitlichkeit und Standardisierung zu fördern: von Landschaften, Vorgehensweisen, Geschmäckern, Lebensformen, Konsumverhalten, Gedanken, Wünschen und vielem mehr. Somit steht sie im krassen Widerspruch zu einer wirklich holistischen Perspektive, ganz zu schweigen von der Fragmentierung, die dieser Expansionsprozess ebenfalls hervorbringt. Traditionelle Völker hingegen zeichnen sich durch Vielfalt, Gleichgewicht, Verbundenheit, gemeinschaftliches Teilen und Interaktion aus – sowie durch Kosmologien, die dem buen vivir, dem „guten Leben“, Solidarität und anderen Werten zugrunde liegen, im Gegensatz zu jenen, auf denen die kapitalistische Gesellschaft beruht.
Der fünfte Punkt beruht auf der absurden Behauptung, dass die Bioökonomie die sozioterritorialen Rechte indigener Völker und traditioneller Gemeinschaften respektiere. Um dies zu beleuchten, müssen wir auf eine zentrale Frage des Juristen und Professors Rubens Casara eingehen[2]: Leben wir tatsächlich in einem demokratischen Rechtsstaat? Wenn, wie so oft, von einer „Staatskrise“ die Rede ist, hält Cesara dem entgegen: „Wenn die Situation, die wir als Krise bezeichnen, den Anschein von Normalität annimmt, oder besser gesagt, wenn die Feststellung einer Krise dem Status quo inhärent (und funktional) ist, wenn die Gegebenheiten, die die ‹Krise› ausmachen, niemals verschwinden (und auch nicht verschwinden können), wenn die Krise also zum Dauerzustand wird, dann lohnt es sich zu fragen, ob es sich tatsächlich um eine Krise handelt. Denn eine dauerhafte Krise, die sich als funktional erweist, als nützlich für die Erzeugung von Gewinnen durch die Produktion neuer Dienstleistungen und Waren sowie für die notwendige Repression, um das politische und ökonomische Projekt eines Staates aufrechtzuerhalten, ist keine negative Erscheinung, keine Abweichung mehr, sondern ein gewünschter Zustand im neoliberalen Modell. Der Begriff ‹Krise› lässt sich also als rhetorisches Mittel verstehen, als diskursives Element, das in der Lage ist, die strukturierenden Eigenschaften des aktuellen Staatsmodells zu verschleiern.“
Und genau damit sind wir am Kern unseres Arguments angelangt: Bioökonomie, REDD+, der Kohlenstoffmarkt und viele weitere sogenannte „Marktalternativen“ sind Ausdruck dieser „Positivität“ in einem Umfeld, in dem das neoliberale Modell Staat und Gesellschaft vollständig durchdrungen hat. Solche „Alternativen“ können nur in einem Klima ständiger Rechtsverletzungen gedeihen. Das Kapital kann nicht wachsen, ohne materielle und symbolische Gewalt gegen indigene Völker und traditionelle Gemeinschaften auszuüben.
Der Kampf um Alternativen, die die strukturellen Ursachen der Klima- und Umweltkrisen angehen ist zugleich ein Kampf um Demokratie und die Überwindung des hegemonialen Entwicklungsmodells.
In der Amazonasregion werden traditionelle Gemeinschaften regelmäßig bedrängt, Verträge über den Verkauf von CO2-Zertifikaten mit dreißig- bis vierzigjähriger Laufzeit zu unterzeichnen, die den Gemeinschaften drakonische Einschränkungen und verschiedene Formen von Strafen auferlegen, ohne dass die Betroffenen die Folgen dieser „Abmachungen“ für das Fortbestehen ihrer Lebensweise gründlich abschätzen könnten. In der Region Baixo Tocantins, in der Nähe von Belém, ist dies gang und gäbe. Zum Beispiel wurden vom indigenen Volk der Suruí-Aikewara, dessen Dörfer in der Mesorregion Südost-Parás liegen, Bilder ohne ihr Wissen von einem ihnen unbekannten Beratungsunternehmen veröffentlicht, um CO2-Zertifikate an wirtschaftliche Gruppen in Brasilien und im Ausland zu verkaufen. Ebenso wurde das mit Shell verbundene Unternehmen Carbonext beschuldigt, die Rechte indigener Völker im Zusammenhang mit Zertifikatsverträgen verletzt zu haben. Gleichzeitig werden gemeinschaftliche Protokolle auf Grundlage des Übereinkommens Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) und damit das Recht auf Free, Prior and Informed Consent (FPIC) informiert, die vorherige, freiwillige und in voller Kenntnis der Sachlage erteilte Zustimmung zu jeglichen Projekten. Hinzu kommen Korruptionsskandale und andere Verbrechen, die von sogenannten Klimabroker*innen begangen werden, wie etwa im Fall der Gemeinde Portel in Pará.
Die Propaganda rund um die Bioökonomie bedient sich symbolisch der überlieferten und traditionellen Lebensformen, um Legitimität bei unterschiedlichen Zielgruppen zu gewinnen. Darüber hinaus versucht sie, etwas als neu zu verkaufen, das seit Jahrtausenden von verschiedenen Völkern und Gemeinschaften praktiziert wird. Diese Vereinnahmung findet mittlerweile auch in sozialen Bewegungen, unter Entscheidungsträger*innen und in NGOs statt, die häufig als Vermittler*innen bei der Kooptation jener Akteur*innen fungieren, die den Wald und seine sozioterritorialen Rechte verteidigen. Daher ist der Kampf um Alternativen, die die strukturellen Ursachen der Klima- und Umweltkrisen tatsächlich angehen, zugleich ein Kampf um die Demokratie und die Überwindung des hegemonialen Entwicklungsmodells.
Bioökonomie, nachhaltige Entwicklung, Agrotreibstoffe, Biokraftstoffe, Humankapital, Bio-Kapitalismus, Kapitalwirtschaft, Biotechnologie, grüne Märkte, grüne Unternehmen, grüne Zertifikate und viele weitere Begriffe reproduzieren eine Logik, die große Teile der Weltbevölkerung ausschließt. Ein „Bio“, das sich an Marktlogiken ausrichtet, hat mit uns nichts zu tun, denn es stellt nicht das Leben, sondern Profit und Macht in den Mittelpunkt.
Die hier vertretenen Ansichten spiegeln nicht notwendigerweise die Position der Institutionen wider, denen er angehört.
Übersetzung von Charlotte Thießen und Laura Haber für Gegensatz Translation Collective.
[1] Quilombos sind Siedlungen, die überwiegend von Nachfahren Schwarzer Sklaven gegründet wurden und eine stark in der Geschichte des Widerstandes gegen die Sklaverei verwurzelt sind [JS].
[2] Casara, Rubens (2018): Estado Pós-Democrático: neo-obscurantismo e gestão dos indesejáveis. Rio de Janeiro: Civilização Brasileira.

