Nachricht | Südostasien - Sozialökologischer Umbau Weniger Kohle, dafür Nickel: Nickelabbau in Indonesien

Neokoloniale extraktivistische Praktiken in der indonesischen Nickelförderung und -verarbeitung

Information

Autor*innen

Anna Fünfgeld, Lea Kammler,

Weniger Kohle, dafür Nickel
Weniger Kohle, dafür Nickel CC BY-NC-ND 1.0, Grafik: ZOFF GbR & Riikka Laasko

Einführung

Mit einem Anteil von mehr als der Hälfte der weltweiten Nickelproduktion war Indonesien 2023 klar der größte Nickelproduzent. Wachsende Sorgen vor dem Klimawandel sowie die «grüne Wende» hin zu erneuerbaren Energieträgern haben die Nachfrage nach Nickel angeheizt. Das Metall dient hauptsächlich der Erzeugung von Edelstahl und ist eine wichtige Komponente von Lithium-Ionen-Batterien für elektrische Fahrzeuge. Der Abbau und die Verarbeitung von Nickel haben jedoch zu weitreichenden sozialen und ökologischen Problemen geführt, wie etwa Entwaldung, Zerstörung natürlicher Lebensräume sowie die Vertreibung und Verarmung der lokalen Bevölkerung.

Anna Fünfgeld ist Postdoktorandin und Mitglied des Exzellenzclusters «Climate, Climatic Change, and Society» (CLICCS) an der Universität Hamburg und Fellow des German Institute for Global and Area Studies (GIGA). Sie forscht zu Energie- und Klimapolitik, sozial-ökologischer Transformationen und der extremen Rechte, mit einem regionalen Fokus auf Indonesien, Brasilien und Deutschland.

Lea Kammler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Humanities Centre for Advanced Studies Futures of Sustainability an der Universität Hamburg. Der Fokus ihrer Forschung liegt auf der Gestaltung, Aushandlung und Infragestellung gerechter Energiezukünfte, mit einem besonderen Schwerpunkt auf der Entstehung und dem Scheitern der Just Energy Transition Partnerships (JETPs).

Die Bundesregierung sowie zahlreiche deutsche Unternehmen, wie etwa der Automobilkonzern Volkswagen (VW), haben bereits ihr Interesse an der Nickelproduktion in Indonesien bekundet. Hintergrund ist insbesondere der wachsende Markt für elektrische Fahrzeuge und damit die grüne Mobilitätswende in Deutschland. Das Beispiel der deutschen Energiewende beleuchtet damit die paradoxe Entwicklung, bei der Staaten aus dem globalen Norden «saubere Energie» verbrauchen, während die Extraktion der erforderlichen Ressourcen in Ländern des globalen Südens erfolgt und die die damit einhergehenden sozialen und ökologischen Folgen auf sie abgewälzt werden.

Besonders ausgeprägt sind die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Indonesien auf den Gebieten der erneuerbaren Energien und der kritischen Rohstoffe. Vor allem in Bezug auf die Diversifizierung des Zugangs zu Ressourcen wie Nickel spielt Indonesien eine zentrale Rolle für Deutschland. Doch auch jenseits der deutschen Handelsinteressen mit Indonesien verfügen die beiden Länder über langjährige Partnerschaften in den Bereichen Energie und Entwicklung. Der 2022 gestarteten Just Energy Transition Partnership (JETP) – Finanzmechanismen, die darauf abzielen, den Ausstieg aus fossilen Energieträgern in verschiedenen Ländern anzukurbeln – kommt eine entscheidende Rolle in dieser Zusammenarbeit zu, vor allem seitdem die Bundesrepublik nach dem Ausstieg der Vereinigten Staaten im Februar 2025 den Co-Lead für dieses Vorhaben übernommen hat. Die JETP zwischen Indonesien, den G7-Staaten sowie einer Reihe internationaler Banken wurde 2022 unterzeichnet. Ein erster Implementierungsfahrplan wurde 2023 veröffentlicht.

Kürzlich verabschiedeten Deutschland und die Europäische Union Gesetze zu Sorgfaltspflichten, die verhindern sollen, dass unternehmerische Tätigkeiten zu Menschenrechtsverletzungen oder Umweltschäden beitragen. Wie wir jedoch zeigen werden, belegt der Fall des indonesischen Nickelabbaus erhebliche Lücken in der Umsetzung dieser Regelwerke. Demzufolge können diese Lieferkettengesetze den Aufbau gerechter Energiepartnerschaften nicht ersetzen.

Das Ringen um den Nickelabbau in Indonesien – insbesondere sein Framing als essenziell für das Vorantreiben der Energiewende und die Aufrechterhaltung des Wirtschaftswachstums im globalen Norden – stellt ein eindrückliches Beispiel für den Aufstieg des grünen Kapitalismus und die (Re-)Produktion kolonialer Kontinuitäten dar. Ganz konkret sind die grüne Finanzialisierung kritischer Rohstoffe sowie die neue Geopolitik Deutschlands und der EU eng mit der Fortführung historischer Muster ausbeuterischer Praktiken verknüpft. Gleichzeitig ist die Bundesregierung bemüht, das Versprechen wirtschaftlicher Solidarität und einer «Partnerschaft auf Augenhöhe» einzuhalten. Vor diesem Hintergrund sind die Regelwerke zur Sorgfaltspflicht – zumindest theoretisch – dazu da, Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden entlang der Lieferketten zu verhindern. Angesichts dieser widersprüchlichen Ansätze bietet diese Studie einen Überblick über die Nickelförderung und -verarbeitung in Indonesien, einschließlich des strukturellen Kontextes und ihrer Auswirkungen, um nachprüfen zu können, inwiefern das Agieren der deutschen Politik und deutscher Unternehmen beim Nickelabbau in Indonesien kolonialen Dynamiken ähnelt oder verstetigt.

 

Nickelabbau und - verarbeitung in Indonesien 

Indonesien ist zum geographischen Zentrum des globalen Nickelabbaus avanciert. Der Anteil des Landes an der globalen Produktion stieg zwischen 2020 und 2023 von 34 auf 52 Prozent an, bei veredeltem Nickel von 23 auf 37 Prozent. Die Bergbauunternehmen selbst gehören jedoch größtenteils ausländischen Akteuren. Weniger als 10 Prozent der Gesamtproduktion ist in indonesischem Besitz, während der Anteil chinesischer Unternehmen mit rund 40 Prozent am größten ist. Europäische Unternehmen besitzen der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge einen Anteil von etwa 20 Prozent, den Großteil davon der französische Bergbaukonzern Eramet.

Der Nickelabbau in Indonesien findet hauptsächlich auf Sulawesi und den Nord-Molukken statt, insbesondere auf Halmahera und den Obi-Inseln. Nickel wird dort vor allem in großen Industrieanlagen gewonnen und veredelt. Die größten dieser Anlagen sind IMIP (Indonesia Morowali Industrial Park) auf Sulawesi und IWIP (Indonesia Weda Bay Industrial Park) auf den Nord-Molukken. Beides sind chinesisch-indonesische Joint-Ventures, bei denen der weltweit größter Hersteller von Edelstahl, der chinesische Konzern Tsinghan, als größerer Partner fungiert. 2022 wurden rund 22 Prozent des weltweit veredelten Nickels dort gewonnen.

 

Die Suche nach Nickel als strategischem Mineral 

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen António Guterres formulierte es treffend: «Eine durch erneuerbare Energie angetriebene Welt ist eine Welt, die hungrig nach kritischen Mineralien ist». Daran lässt sich der inhärente Widerspruch «grüner Energiesysteme» verdeutlichen: das Bestreben, Nachhaltigkeit durch erneuerbare Energien zu erreichen, während beim Abbau der benötigten kritischen Rohstoffe sozial und ökologisch destruktive Praktiken zum Einsatz kommen. Deutschlands Engagement für die Transformation von Energiesystemen darf sich nicht auf eine Unterstützung der indonesischen Energiewende im Rahmen der bilateralen Zusammenarbeit sowie von Mechanismen wie JETP beschränken, sondern sollte auch die indirekten Umwelt- und Menschenrechtsauswirkungen der deutschen Energiewende in Ländern wie Indonesien berücksichtigen.

Der deutsche Ansatz zur Beschaffung kritischer Rohstoffe spiegelt eine Entwicklung wider, die sich in verschiedenen Gesetzen niedergeschlagen hat. Die deutsche Rohstoffstrategie von 2010 priorisiere etwa wirtschaftliche Interessen vor ethischen Erwägungen und vernachlässigt damit die Verantwortung für die Einhaltung von Menschenrechts- und Umweltstandards bei der Rohstoffförderung im Ausland, sagte ein*e NGO-Vertreter*in 2024 im Interview. Im Critical Raw Materials Act (CRMA) der EU wird Nickel ebenfalls als einer von 17 «strategischen Rohstoffen» identifiziert, die für die Energiewende essenziell sind, insbesondere für die Produktion von Batterien für Elektrofahrzeuge. Das Ziel des CRMA, bis 2030 mindestens 40 Prozent der kritischen Rohstoffe (wie etwa Erze) innerhalb der Europäischen Union zu verarbeiten, steht jedoch im Widerspruch zum Prinzip einer «Partnerschaft auf Augenhöhe» mit Staaten wie Indonesien, die diese Rohstoffe liefern. Die Verlagerung von Teilen der Wertschöpfungskette von Indonesien nach Europa unterläuft wirtschaftliche Solidarität und verstetigt strukturelle Ungleichheiten. Zur Sicherung der Nachhaltigkeit greift das CRMA auf Zertifizierungsmechanismen zurück, wie etwa die Initiative for Responsible Mining Assurance (IRMA), die Standards für eine soziale und umweltgerechte Governance fördern. Kritiker*innen wenden allerdings ein, dass solche Mechanismen das Risiko steigern, dass es zu einem «Greenwashing» der betroffenen Aktivitäten kommt und damit zu einem Verdecken von Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden. Ihre Abhängigkeit von Standards, die von der Industrie vorgegeben werden, führt zudem dazu, dass jene, die am stärksten von Bergbauaktivitäten betroffen sind, ungehört bleiben. Die Folge ist eine Stärkung neokolonialer Ausbeutungsmuster.

Die Verlagerung von Teilen der Wertschöpfungskette von Indonesien nach Europa unterläuft wirtschaftliche Solidarität und verstetigt strukturelle Ungleichheiten.

Auf diese Entwicklungen reagierte die indonesische Regierung unter dem ehemaligen Präsidenten Joko Widodo (2014–2024), indem sie die Souveränität über die eigenen Ressourcen über politische Maßnahmen abzusichern versuchte. Eine der Maßnahmen war beispielsweise das 2014 beschlossene Exportverbot für unveredeltes Nickel (in 2020 erneuert). Bis dahin wurde beinahe das gesamte Nickel unverarbeitet nach China ausgeführt. Das Exportverbot trug zwar zu einer größeren Werterhaltung im Land bei, führte aber gleichzeitig auch zu Spannungen mit der EU. Die in der Folge der Maßnahmen steigenden Preise für Nickel auf dem Weltmarkt  trafen auf den Widerstand der EU, die solche Beschränkungen als Hemmnisse für den Freihandel begreift und damit als Verstoß gegen das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen GATT. Während die Welthandelsorganisation WTO nach einer Beschwerde der EU in erster Instanz noch gegen Indonesien entschieden hatte, ist die entsprechende Klage bei dem Berufungsgremium der WTO aufgrund fehlender Beschlussfähigkeit auf unbestimmte Zeit ausgesetzt worden.

Zur Zeit führt die EU mit Indonesien Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen (IEU-CEPA), das potenziell die wirtschaftliche Souveränität Indonesiens gefährden könnte. Gleichzeitig führt Deutschland bilaterale Gespräche, etwa in Form des auf der Hannover-Messe 2023 gegründeten Gemeinsamen Ausschusses für Wirtschaft und Investitionen. Mit dem Ausschuss soll die wirtschaftliche Zusammenarbeit gestärkt werden, insbesondere auf dem Gebiet der Rohstoffe und der erneuerbaren Energien. Diesem gehören auch Vertreter*innen von Unternehmen an. Dieser Verdrängungswettbewerb um Nickel, um beim Rennen um die «grüne Energiewende» vorn zu liegen, lässt sich nicht mit der Idee einer Partnerschaft auf Augenhöhe vereinbaren. Stattdessen fördert er die Kapitalisierung von Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit und verstetigt damit die bestehenden globalen Machtbeziehungen und Ungleichheiten.

 

Verantwortlichkeit, Transparenz und wirksame Regulierung von Lieferketten 

2021 beschloss die Bundesregierung das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG). Es trat im Januar 2023 in Kraft und wurde seit 2024 auf Unternehmen mit mehr als 1.000 Angestellten angewandt. Im Juli 2024 folgte die EU mit der Europäischen Lieferkettenrichtlinie (CSDDD). Beide Regelwerke stellen bedeutende Schritte auf dem Weg hin zur Durchsetzung von Unternehmensverantwortung in globalen Lieferketten dar, zeichnen sich aber auch durch erhebliche Beschränkungen und systemische Mängel aus, insbesondere im Kontext komplexer und undurchsichtiger Lieferketten wie jenen im Nickelsektor.

Die zahlreichen Schlupflöcher im LkSG wurden wiederholt kritisiert, so etwa das Fehlen zivilrechtlicher Haftungsbestimmungen oder der enge Fokus auf direkte Zulieferer, der dazu führt, dass indirekte Akteure häufig unberücksichtigt bleiben. Das Gesetz verfügt aber über Beschwerdemechanismen, um Menschenrechtsverletzungen im Rahmen der Aktivitäten indirekter Zulieferer zu melden. Mithilfe solcher Hinweise können deutsche Unternehmen dazu gebracht werden, eine Risikobewertung durchzuführen und ihrer Sorgfaltspflicht nachzukommen, sollten fundierte Informationen zu möglichen Risiken vorliegen. In der Praxis stellt sich eine wirksame Anwendung dieser Mechanismen als große Herausforderung dar, insbesondere in weit verzweigten Lieferketten mit unzähligen Zwischenhändlern und unzureichender Transparenz.

Dazu kommt, dass das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA), das für die Kontrolle der Risikobewertungen durch Unternehmen sowie die Bearbeitung von Beschwerden zuständig ist, lediglich administrative Durchsetzungsbefugnisse hat. Infolgedessen sind die Beschwerdemechanismen größtenteils symbolischer Natur. Betroffene Communitys sehen sich zudem großen Hürden gegenüber, wie einem eingeschränkten Zugang zu Informationen, mangelndem rechtlichem Beistand oder finanziellen Mitteln, während Unternehmen alle gesetzgeberischen Unklarheiten dafür ausnutzen, dass Beschwerden hinausgezögert oder abgewiesen werden. Fehlende Kenntnisse über ihre eigenen Lieferketten führen in Unternehmen zu unzureichenden Datenbeständen und Risikoklassifizierungen. Eine unabdingbare Vorbedingung für jegliche Sorgfaltspflicht ist Transparenz, weshalb sich die Verantwortungsübernahme durch Unternehmen signifikant verbessern würde, wenn das BAFA seinen Fokus auf diesen Punkt legen würde. 

Hinzu kommt, dass die Regelwerke größtenteils die externen Kosten ausblenden, die von vielen Akteuren jenseits der direkt beteiligten Firmen erzeugt werden. Wie in der CSDDD richtigerweise herausgestellt, darf sich die Bewertung nicht allein auf die Unternehmen selbst beziehen, sondern muss alle Akteure in der Lieferkette berücksichtigen, einschließlich etwa der Banken, die den Unternehmen Kredite bereitstellen. Eine Priorisierung von Verbesserungen im Inland in den Bereichen Abbau, Verarbeitung und Recycling ohne entsprechende Rechenschaftspflicht für die gesamte Lieferkette ist unzureichend und birgt die Gefahr, strukturelle Ungerechtigkeiten sowie sozial-ökologische Schäden und Verluste zu verstetigen.

 

Deutsche Unternehmen und Nickel aus Indonesien 

Die deutsche Automobilindustrie steht zu einem Großteil in indirekter Verbindung zur indonesischen Nickelproduktion, und zwar durch Lieferaufträge für Batterien. VW beispielsweise listet Indonesien als eines seiner wichtigsten Zulieferländer für Nickel.

Allgemein lässt sich feststellen, dass die direkten und indirekten Verflechtungen deutscher Konzerne und ihrer Tochterunternehmen mit der indonesischen Nickelproduktion intransparent und daher schwer nachzuvollziehen sind. In Reaktion auf eine Kleine Anfrage durch Die Linke im Bundestag behauptete das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK), dass ihm keine Informationen zu Aktivitäten deutscher Firmen im Kontext des Nickelabbaus in Indonesien vorlägen.

Allerdings ist bekannt, dass BASF und VW direkt in Anlagen für die Förderung und Weiterverarbeitung von Nickel in Indonesien investieren wollten. Gemeinsam mit Eramet stand BASF kurz davor, ein Investitionsabkommen in Höhe von 2,6 Milliarden US-Dollar zu unterzeichnen, und zwar im Rahmen des «Sonic-Bay-Project» im IWIP, einem 5.000 Hektar großen Industrieareal in den Nord-Molukken, mit 24.000 Angestellten. Hier beabsichtigte BASF Nickel und Kobalt als Kathodenmaterialien für Lithium-Ionen-Batterien in Elektrofahrzeugen abzubauen. Die Veredelungsanlage, die die Unternehmen gemeinsam errichten wollten, sollte auf Land gebaut werden, das teilweise von einer der letzten nomadisch lebenden indigenen Communitys Indonesiens genutzt wird, den «Orang Tobelo Dalam» (auch als «O’Hongana Manyawa» bekannt). Es wird davon ausgegangen, dass aktuell etwa 300 bis 500 Mitglieder dieser Gruppe «unkontaktiert». Im Juni 2024 gab BASF die Entscheidung bekannt, sich aus dem Investitionsvorhaben in Weda Bay zurückzuziehen, und berief sich dabei auf bedeutende Veränderungen auf dem Weltmarkt für Nickel seit Beginn des Projekts. BASF zufolge hätten diese Entwicklungen für deutlich verbesserte Lieferoptionen sowie für eine bessere Verfügbarkeit von Nickel gesorgt, das ausreichend für den Einsatz in Batterien veredelt ist.

VW hat Interesse an Investitionen in die Verarbeitung von Nickelerz über sein Tochterunternehmen PowerCo bekundet und begann im Jahr 2023 eine Machbarkeitsstudie zur Errichtung einer Batteriefabrik für Elektrofahrzeuge im Wert von 5 Milliarden US-Dollar. Dabei arbeitete es mit mehreren Unternehmen im In- und Ausland zusammen. Dem Responsible Raw Materials Report von VW zufolge «hat PowerCo Kaufverträge mit Anbietern von Rohstoffen für Batterien abgeschlossen, die PowerCo ab 2025 beliefern werden». In dem Dokument heißt es zudem, dass das Unternehmen «IRMA 2022 beigetreten ist und seitdem die IRMA-Standards mittels vertraglicher Verpflichtungen in der gesamten Batterie-Lieferkette implementiert hat». Laut VW gäbe es aber in der Nickel-Lieferkette weiterhin Schwierigkeiten, da viele Bergbauunternehmen nicht mit IRMA vertraut seien und oft andere Standards bevorzugten.

 

Ungerechtigkeiten zutage gefördert: die sozialen und ökologischen Verluste und Schäden des Nickelabbaus in Indonesien

Nickel wird in Indonesien vor allem in großen Industrieanlagen gewonnen und veredelt, die mit großen sozialen und ökologischen Belastungen einhergehen. IMIP auf Sulawesi, die erste und größte Nickelanlage, die nach einer Vereinbarung zwischen dem ehemaligen Präsidenten Yudhoyono und Xi Jinping von 2013 entstand, ist beispielsweise zehn Mal größer als der Central Park in New York. In der Anlage befinden sich mehr als 54 Fabriken und 46 Schmelzhütten. Mehr als 100.000 Menschen sind dort beschäftigt. Insgesamt wurden bis 2022 Konzessionen zum Nickelabbau für mehr als eine Million Hektar Landfläche vergeben, 75 Prozent davon in Waldgebieten.

Für gewöhnlich wird Nickel im offenen Tagebau gefördert, eine Methode, die zu Entwaldung führt. In seiner Studie «Extracted Forests» kam der WWF zu dem Schluss, dass Indonesien zurzeit die höchste Rate der bergbaubezogenen Entwaldung weltweit aufweist. Im Fall von Halmahera und Obi betrifft die Entwaldung hauptsächlich Primärurwald. In der Folge kommt es zu einer weiteren Zerstörung von Lebensräumen und Bodenerosion, der Störung lokaler Ökosysteme und einem Verlust an Biodiversität.

Der Nickelabbau hat außerdem enorme sozio-ökonomische Auswirkungen auf umliegende Communitys. Die Entwaldung begünstigt Überschwemmungen, wodurch die lokale Bevölkerung ihren Zugang zu Waldressourcen verliert. Die Bodenerosion, die nach der Entwaldung einsetzt, führt zu einer Trübung des Wassers in Flüssen und an den Küsten, sie beeinträchtigt die Qualität von Gewässern und senkt die Produktivität lokaler Fischer*innen. Verschmutzung und Zugangsbeschränkungen zwingen Fischer*innen dazu, sich für ihre Tätigkeit weiter von der Küste zu entfernen, was die Fischerei weniger lukrativ macht. Die Versickerung von Schwermetallen und anderen schädlichen Substanzen aus dem Bergbaubetrieb führt zudem zu einer Verschmutzung von Böden und Gewässern, die die Gesundheit der umliegenden Communitys und ihren Zugang zu sauberem Wasser beeinträchtigen.

Die Schmelzhütten, mit denen das Nickel veredelt wird, müssen mit Kohle befeuert werden, weshalb die indonesische Nickelproduktion besonders CO2-intensiv ist und mit einer hohen Luftverschmutzung in der Umgebung einhergeht. Dieses Phänomen offenbart einen ausgeprägten Doppelstandard: Während die Energie- und Mobilitätswende in Deutschland als «grüne» Wende angepriesen wird, wird der CO2-Ausstoß ausgelagert, was zu erhöhten Emissionen in Ländern wie Indonesien führt. Die Externalisierung der Umweltkosten zur Aufrechterhaltung eines «grünen» Images im globalen Norden verschärft globale Ungerechtigkeiten und verstetigt im Endeffekt neokoloniale Dynamiken.

Die schnelle Ausweitung des Nickelabbaus hat auch zu Konflikten über die Landnutzung geführt. Indigene und lokale Communitys sind immer öfter von Vertreibung oder dem Verlust ihrer Lebensgrundlagen betroffen, während Bergbauunternehmen die Kontrolle über Landflächen übernehmen, die bis dahin landwirtschaftlichen oder kulturellen Zwecken dienten. In Halmahera haben Unternehmen keine Rücksicht auf die erforderlichen Prozesse für eine freie, vorherige und informierte Zustimmung genommen. Betroffene Communitys geben wiederum an, keine oder nur eine sehr geringe Kompensation für die Beeinträchtigungen erhalten zu haben, unter denen sie leiden. Aus Halmahera gibt es auch Berichte über Konflikte mit nomadischen indigenen Gruppen, die von ihren traditionellen Land- und Waldregionen vertrieben wurden. Proteste gegen die Bergbauunternehmen wurden von paramilitärischen Brigaden (Brimob) und anderem «Sicherheitspersonal» gewaltsam unterdrückt.

Die Externalisierung der Umweltkosten zur Aufrechterhaltung eines «grünen» Images im globalen Norden verschärft globale Ungerechtigkeiten und verstetigt im Endeffekt neokoloniale Dynamiken.

Ein Augenmerk sollte ebenfalls auf den genderspezifischen Auswirkungen des Nickelabbaus liegen. Der bereits beschriebene Verlust der Lebensgrundlagen führt in Kombination mit dem Zuzug sehr vieler cis-männlicher Arbeiter aus anderen Teilen Indonesiens und aus dem Ausland dazu, dass Frauen sich in übermäßiger Weise zur Sexarbeit gedrängt sehen, um das Familieneinkommen abzusichern. Das belegt auch den intersektionalen Charakter der sozio-ökonomischen Schäden des Bergbaus, der die bereits bestehenden Gefahren für die betroffenen Communitys zusätzlich verschärft. Darüber hinaus sind die Arbeitsstandards in indonesischen Nickel-Industrieanlagen unzureichend. Die Löhne sind relativ niedrig, ein Monatslohn beträgt etwa 5 Millionen Rupien (ca. 300 Euro).

Es hat zudem Berichte über eine signifikante Anzahl an Arbeitsunfällen im Industriepark auf Sulawesi gegeben. Eine Dokumetation zum „blutigen Nickel“ gibt an, dass zwischen 2015 und 2023 64 Personen bei der Nickelförderung oder -verarbeitung starben. Arbeiter*innen, die sich Gewerkschaften anschlossen oder Streiks organisierten, wurden entlassen, Proteste wurden unterdrückt.

Der größte Teil der Arbeiter*innen stammt aus anderen Teilen Indonesiens. Doch es gibt einen bedeutenden Anteil an chinesischen Arbeiter*innen. Die ungleiche Behandlung der Arbeiter*innen im indonesischen Nickelsektor verschärft die sozialen Spannungen. Eine Person aus einer lokalen zivilgesellschaftlichen Gruppe gab beispielsweise an, dass besser bezahlte Jobs häufig Menschen aus China vorbehalten sind. Lokale indonesische Arbeiter*innen erfahren hingegen regelmäßig Diskriminierung, etwa wenn Warnhinweise nur auf Mandarin verfasst sind, so dass viele essenzielle Sicherheitsvorkehrungen nicht verständlich sind. Doch obgleich sie besser bezahlt sind, können die Arbeitsbedingungen chinesischer Arbeiter*innen Berichten zufolge dennoch schlimmer sein. Der NGO China Labor Watch zufolge ähneln sie zum Teil modernen Formen der Sklaverei.

Fazit 

Der Nickelabbau in Indonesien basiert auf den großen Reserven des Landes und wird vom wachsenden globalen Bedarf an kritischen Rohstoffen, die für Batterien für Elektrofahrzeuge gebraucht werden, angetrieben. Damit ist er zu einem Dreh- und Angelpunkt der deutschen und europäischen «grünen Energiewende» geworden. Bergbauaktivitäten gehen jedoch allzu oft mit erheblichen sozialen und Umweltkosten einher, wozu Entwaldung, Verschmutzung sowie die Marginalisierung lokaler und indigener Communitys gehören, womit historische Muster neokolonialer Ausbeutung verstetigt werden. Mechanismen wie das LkSG oder CSDDD sollen sich dieser Probleme annehmen, indem sie nachhaltige Praktiken fördern und Menschenrechte in der gesamten Lieferkette schützen. Dem engen Anwendungsbereich dieser Regelwerke – mit einem Fokus auf direkte Zulieferer bei gleichzeitiger Vernachlässigung umfassenderer systemischer Auswirkungen – ist es jedoch geschuldet, dass es nicht gelingt, Unternehmen für ihren vollständigen sozialen und ökologischen Fußabdruck beim Nickelabbau zur Rechenschaft zu ziehen. Stattdessen werden Regelungslücken dazu ausgenutzt, ausbeuterische Praktiken fortzusetzen, die die sozial-ökologischen Kosten in ressourcenreiche Länder wie Indonesien auslagern und die wirtschaftliche und ökologische Besserstellung des globalen Nordens auf Kosten des globalen Südens weiter festigen.

Indonesische Aktivist*innen verlangen aus diesem Grund strengere Schutzmaßnahmen für die Umwelt, die Biodiversität und die Rechte lokaler Communitys sowie der Arbeiter*innen. Sie sind der Meinung, dass die Natur nicht zur Ware werden darf. Und die natürlich Ressourcen sollten nicht ohne Weiteres dem Bergbau preisgegeben werden. Statt sich auf einen Abbau von Ressourcen zu konzentrieren, der für Wirtschaftswachstum sorgt, sollte die Biodiversität Halmaheras und anderer Bergbauregionen anerkannt und wertgeschätzt werden. Des Weiteren verlangen sie, dass extraktive Industrien für die enormen Schäden zur Rechenschaft gezogen werden, die sie jetzt wie auch zukünftig verursachen. Zudem unterstreichen sie die Bedeutung von Gerechtigkeit und Fairness, da dort, wo Bergbauunternehmen aktiv sind, das Recht auf freie, vorherige und informierte Zustimmung verletzt wird, während die betroffenen lokalen Communitys größtenteils von den Vorteilen ausgeschlossen bleiben, die der Nickelabbau mit sich bringt.

Um die Schäden zu verringern, die der Nickelabbau in Indonesien verursacht, sollten Unternehmen und Regierungen im globalen Norden, darunter auch Deutschland, Folgendes tun:

  • Sie sollten, wie es etwa PowerShift und die indonesische Organisation AEER fordern, für einen grundlegenden Wandel eintreten: weg von der Förderung extraktiver Industrien hin zur Verringerung des Ressourcenverbrauchs und zur Schaffung einer Kreislaufwirtschaft.

  • Sie sollten strenge Standards in der gesamten Lieferkette implementieren und ihre Einhaltung sicherstellen.

  • Unternehmen sollten ihre Zulieferer überwachen und regelmäßige Audits durchführen, um die Einhaltung internationaler Normen zu gewährleisten, etwa das ILO-Übereinkommen 169 über die Rechte indigener Völker, das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) oder den Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte.

  • Sie sollten echte Energiepartnerschaften entwickeln, die über rein transaktionale Handelsvereinbarungen hinausgehen, aktiv die wirtschaftliche Souveränität der Partnerländer wie Indonesien unterstützen und Beziehungen fördern, die auf Gleichberechtigung und gegenseitigem Respekt beruhen.

  • Sie sollten sich dazu verpflichten, paternalistische Positionen und neokoloniale Muster bei der Ressourcenextraktion aufzugeben, Partnerländer als gleichberechtigt und unabhängig anzuerkennen und zu respektieren sowie in allen Belangen eine faire Behandlung zu gewährleisten.

Dieser Text ist – in leicht veränderter Form – Teil der Studie «Grüne Fassade, Dreckige Geschäfte», die Deutschlands Rolle in der globalen Ressourcenausbeutung untersucht. Die Studie kann kostenlos hier heruntergeladen werden.