Nachricht | Ostafrika - Sozialökologischer Umbau Grünes Community-Radio für den Widerstand

Ein Sprachrohr für unterrepräsentierte Erfahrungen mit Ugandas «Entwicklung»

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Radio für den Widerstand
Radio für den Widerstand  CC BY-NC-ND 1.0, Grafik: ZOFF GbR & Riikka Laasko

Rund um den Albert-Graben in West-Uganda erstreckt sich eine Region mit enormem natürlichem Reichtum – und zugleich einer der Lebensräume des Landes, die am empfindlichsten auf Umweltveränderungen reagieren. Die Landschaft ist geprägt von natürlichen Beständen an unersetzlichen Waldgebieten und einer einzigartigen Tierwelt, beherbergt aber zugleich bedeutende Lager fossiler Brennstoffe. Als 2006 im Albert-Graben Ölvorkommen entdeckt und daraufhin der Bau der East African Crude Oil Pipeline (Ostafrikanische Rohöl-Pipeline; EACOP) geplant wurde, wurde dies zum Ausgangspunkt von Konflikten zwischen den Zielen nationaler Entwicklung und den Rechten und Lebensgrundlagen lokaler Gemeinschaften. Die EACOP ist ein großangelegtes Joint-Venture-Projekt des französischen Energiekonzerns TotalEnergies, der 62 Prozent der Anteile hält, der staatlichen Uganda National Oil Company (UNOC, 15 Prozent) sowie der China National Offshore Oil Corporation (CNOOC, 8 Prozent). Die Pipeline soll sich 1.443 Kilometer vom Distrikt Hoima im Westen Ugandas bis zum Hafen von Tanga in Tansania erstrecken. 64,5 Prozent des Bauprojekts sind realisiert; bis 2027 soll das Projekt fertiggestellt werden. Der Bau der EACOP und die Aufhebung des offiziellen Schutzstatus des Bugoma-Waldreservats, das künftig der Zuckerproduktion dienen soll, sind exemplarisch für die tiefgreifende sozioökonomische und umweltpolitische Umgestaltung der Region. Die Entwicklungen treffen vor allem sogenannte «unsichtbare Gemeinschaften», also Bevölkerungsgruppen, die aufgrund sozialer und wirtschaftlicher Marginalisierung kaum Gehör finden, darunter lokale indigene Gemeinschaften, Geflüchtete, Migrant*innen und Frauen im ländlichen Raum. Der Rohstoffboom im Albert-Graben verschärft die Verwundbarkeit der Region, die bereits von den Folgen des Klimawandels und historischer Enteignungen gezeichnet ist.

Julius Kyamanywa ist Rundfunkstationsleiter des Community Green Radio.

Kasirye Samuel ist Programmleiter im Regionalbüro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Daressalam.

Vor dem Hintergrund dieses umkämpften Panoramas spielen die Medien eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, den öffentlichen Diskurs zu prägen. Die Mainstream-Medien blenden die Folgen dieser Entwicklungen allerdings größtenteils aus, aus Angst vor Repressionen oder einem möglichen Sendeverbot. Gerade daraus ergibt sich für unabhängige Community-Radios die Chance, als alternative und kritische Plattform den Stimmen gegen diese Entwicklungsprojekte Gehör zu verschaffen. Trotz der politisch herausfordernden Lage haben sich Community-Radios einen festen Platz in der Öffentlichkeit erkämpft, fördern kommunikative Teilhabe und verleihen den Erfahrungen der betroffenen Gemeinschaften Gehör.

Von der Community zum Radioprogramm

Eine dieser Initiativen nennt sich Community Green Radio (CGR), Grünes Community-Radio; es wurde 2014 unter der Schirmherrschaft des National Association for Professional Environmentalists (NAPE) gegründet. Das CGR ist Teil des Projekts «Sustainability School» (Schule der Nachhaltigkeit), das ins Leben gerufen wurde, um den wachsenden Einfluss von Konzerninteressen in der ölproduzierenden Region Ugandas einzudämmen. Seit 11 Jahren hat das CGR ein Netzwerk von sogenannten Listener Clubs aufgebaut und erreicht heute über zwei Millionen Menschen in sechs Distrikten.

Das Community Green Radio verfolgt einen innovative Ansatz, der die Zuhörer*innen aktiv in die grundlegenden Arbeitsprozesse einbindet. Es sendet täglich 18 Stunden und wird vom Radio Management Committee (RMC) geleitet, einem hybriden Team, das aus Mitarbeiter*innen des Radioteams und Vertreter*innen der lokalen Community zusammengesetzt ist. Das Radio Management Committee stimmt sich dabei eng mit den 19 etablierten Listener Clubs aus dem gesamten Sendegebiet ab. Diese Clubs halten regelmäßige Treffen ab, bei denen die Mitglieder dringende lokale Themen identifizieren und besprechen, die von Fragen der Entschädigung über die Rechenschaftspflicht lokaler Behörden bis zum Zugang zu Trinkwasser reichen. Anschließend leiten die Vertreter*innen der Clubs ihre Vorschläge an das Radio Management Committee weiter, das sie prüft und für die Programmgestaltung und Ausstrahlung prüft und freigibt. Die Sendungen des Community Green Radio entstehen somit in einem kollaborativen Prozess, an dem sowohl das professionelle Radioteam als auch die Community selbst beteiligt sind. Dieser Ansatz ermöglicht auch feldbasierte Produktionen, bei denen Mitglieder der Community einzelne Programmteile direkt vor Ort mitmoderieren. Die Mitglieder der Listener Clubs hören einzeln zu, treffen sich jedoch gelegentlich, um besonders drängende Themen gemeinsam am Radio zu verfolgen und dem Radio Management Committee in Echtzeit Rückmeldung zu den Programminhalten und Sendungen zu geben.

Aus Diskussionen, die in den Listener Clubs beginnen, werden oftmals Talkshows, Podiumsdiskussionen oder Investigativbeiträge. Feste Talkshows bringen Führungspersönlichkeiten aus der Community, lokale Behörden, Vertreter*innen der Ölkonzerne und Akteur*innen der Zivilgesellschaft zusammen. So berichtet zum Beispiel der lokale Pfarrer Musimenta, ein Mitglied des Radio Management Committees im Dorf Butimba im Distrikt Kikuube und von der EACOP betroffen, dass er nach sechs Jahren des Wartens, in denen die EACOP zu wenig Geld angeboten hatte, endlich die lang erwartete angepasste Entschädigung erhielt. «Die Regierung wandte gemeinsam mit den Ölkonzernen die Bewertungssätze von 2018/2019 an. Als wir unsere Petition lancierten, haben sie uns bedroht, doch wir haben nicht nachgegeben […]. NAPE hat uns über unsere Ansprüche aufgeklärt und uns gezeigt, wie wir uns dafür einsetzen können. Und so habe ich es geschafft, das durchzusetzen, was mir zustand.»

Diese oftmals angespannten, zugleich aber notwendigen Diskussionen würden so auf anderen Plattformen gar nicht erst zustande kommen. Das Community Green Radio dient als Echtzeit-Barometer der öffentlichen Meinung und ermöglicht es Communitys, von ihren Erfahrungen zu berichten, sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam kollektive Probleme zu identifizieren. Die über das Radio verbreiteten Informationen haben die betroffenen Gemeinschaften darin bestärkt, sich zu organisieren und so einen fundierteren Dialog mit Ölkonzernen und Regierungsstellen über lokale Anliegen sowie über Mechanismen zur Schlichtung von Beschwerden gestärkt.

Gegen die Wohlstandsnarrative

Als Framing für großangelegte Infrastrukturprojekte nutzen staatliche Akteur*innen und Unternehmen überwiegend «Entwicklung» als Narrativ, das nationalen Wohlstand, Beschäftigung für junge Menschen und Energieunabhängigkeit verheißt. So verspricht etwa das fünf Milliarden US-Dollar schwere EACOP-Projekt erhebliche Staatseinnahmen, neue Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Aufschwung. Doch wenn Großprojekte wie EACOP in ländliche Gebiete vordringen, wird der Zugang zu verlässlichen, unabhängigen Informationen erschwert. Die offiziellen Kommunikationswege verlaufen meist über Regierungs- oder Unternehmenskanäle, die die Vorteile betonen und die Risiken herunterspielen, während in den betroffenen Communitys Gerüchte, Halbwahrheiten und Angst kursieren. Dieser von oben gesteuerte Diskurs blendet die Stimmen der betroffenen Gemeinschaften aus, die die sozialen und wirtschaftlichen Lasten der Erdölförderung tatsächlich tragen. Während nationale Narrative die makroökonomischen Gewinne betonen, lasten die sozialen und ökologischen Folgekosten – von Landenteignung über Umweltzerstörung bis hin zu gesellschaftlichen Verwerfungen – überwiegend auf den Schultern der lokalen Bevölkerung.

Das Community Green Radio enthüllt hingegen die weit düsterere Realität flüchtiger, befristeter und schlecht bezahlter Arbeitsverhältnisse, die Farmer*innen, die einst selbst über ihr eigenes Land und ihre Planung bestimmten, dazu zwingt, einfache Hilfsarbeiten anzunehmen. Das Community Green Radio hat aufgedeckt, wie Frauen in ländlichen Gebieten auf verzweifelte Überlebensstrategien zurückgreifen müssen, etwa Sexarbeit oder den Tausch von Sex gegen Nahrung. Die Berichterstattung über diese Themen hat die Aufmerksamkeit auf die tiefgreifende soziale Erschütterung und Verwundbarkeit gelenkt, die entsteht, wenn Lebensgrundlagen abrupt zerstört werden, ohne dass angemessene und nachhaltige Alternativen geschaffen wurden. Das Community Green Radio hat zudem die sich abzeichnende Umweltkrise sichtbar gemacht, indem es die Baupraktiken der Ölunternehmen aufdeckte, die Feuchtgebiete zerstören und Wasserquellen sowie Gärten der Gemeinschaften verunreinigt haben. Mit fragwürdigen Zwangsmethoden hat TotalEnergies im Auftrag der ugandischen Regierung im Distrikt Buliisa Landflächen erworben, ohne zuvor Entschädigungsvereinbarungen mit den Communitys zu treffen. Die Plattform des Radios machte die korrupten Entschädigungsmechanismen öffentlich und unterstützte Communitys, die gegen TotalEnergies vor Gericht zogen. Human Rights Watch und andere NGOs, die in der ölproduzierenden Region tätig sind, berichteten, dass verzögerte Entschädigungen und Umsiedlungen zu Ernährungsunsicherheit und Verschuldung der Haushalte geführt haben, während die Entschädigungen häufig nicht ausreichen, um gleichwertiges Ersatzland zu erwerben.

Geschlechterdynamiken in den Megaprojekten rund um den Albert-Graben

Frauen in der Region des Albert-Grabens sind besonders stark betroffen, insbesondere infolge des Verlusts ihrer Lebensgrundlagen, von Enteignungen und unzureichenden Entschädigungen. In vielen Communitys entlang der Trasse der Pipeline sind traditionelle Landnutzungsmodelle die Norm, bei denen Landbesitz und Entscheidungsgewalt meist in den Händen der Männer liegen. Diese traditionellen Strukturen stellen für Frauen oft ein erhebliches Hindernis im Entschädigungsprozess dar und haben Fälle von häuslicher Gewalt verschärft. Das Tasha Research Institute Africa stellte fest, dass Frauen, die durch das EACOP-Projekt vertrieben wurden, kaum Zugang zu ihren Geldentschädigungen haben, selbst wenn sie das Land selbst oder gemeinsam besitzen. Das Community Green Radio dokumentierte beispielsweise die Geschichte von Myambubu Mary, die Schwierigkeiten hat, ihre sieben Kinder zu versorgen, weil die Regierung bislang kein geeignetes Ersatzland für ihre Familie gefunden hat. «Familien, die mit den Entschädigungsgeldern Ersatzland gekauft haben, haben in der Regel weniger und weit entfernt liegendes Land von schlechterer Bodenqualität erworben. Gleichzeitig steigen die Landpreise in vielen der Gebiete, die für die Ölförderung vorgesehen sind, kontinuierlich. Das liegt zum Teil auch an Spekulationen.» Dem Frauenprogramm des Community Green Radio ist es zu verdanken, dass Frauen die Angst überwunden haben, tief verankerte traditionelle Rollenbilder zu hinterfragen, die sie weiterhin ausgrenzen und die ohne diese Thematisierung im Radio unbeachtet geblieben wären. Dieser Widerstand hat die EACOP dazu gezwungen, Instrumente wie eine Gender Equality and Social Inclusion Policy einzuführen, deren Umsetzung die Communitys laufend überwachen. Während die Frauen auf dem Land ihre Stimmen erheben, inspirieren ihre Geschichten auch andere Communitys an den Rändern des expandierenden Rohstoffsektors in Uganda.

Dezentralisierung der Fürsprache und Vernetzung der Kämpfe

Darüber hinaus spielt das Community Green Radio eine entscheidende Rolle bei der Bildung wichtiger Widerstandszentren in der Region um den Albert-Graben. Angesichts der Aufhebung des offiziellen Schutzstatus des Bugoma-Waldreservats, eines 41.144 Hektar großen Biodiversitäts-Hotspots im Distrikt Hoima, haben lokale Frauen ein bis zu 5.000 Mitglieder starkes Kollektiv gebildet. Sie pflanzen einheimische Bäume nach, überwachen und schützen die Grenzen des Reservats vor illegaler Abholzung und organisieren Petitionen. Auch Gruppen wie die Nyairongo Environmental Recovery Initiative (NERI) sind ein Beispiel für ähnliche Initiativen. Sie verbinden Wiederaufforstung mit nachhaltigen Formen der Existenzsicherung, um dem Verlust wichtiger Ressourcen entgegenzuwirken, die für medizinische Zwecke und zur Ernährungssicherung benötigt werden. Dank einer öko-feministischen Perspektive können diese Gruppen Umweltzerstörung als untrennbar mit Geschlechterunterdrückung verbunden begreifen, und sie haben so den Schutz des Bugoma-Waldes zu einem Symbol dafür gemacht, welch dringendes Anliegen dies für Frauen ist. Diese dezentralen Initiativen sind heute in der Lage, komplexe technische und juristische Prozesse zu entschlüsseln und in lokale Sprachen zu übersetzen. Damit befähigen sie Communitys und Hörer*innen, kritisch mit der Regierung und den Konzernen in den Dialog zu treten. Das Community Green Radio und diese wachsenden Bewegungen haben wesentlich dazu beigetragen, die negativen Auswirkungen des extraktiven Sektors zu dokumentieren und zu archivieren, und leisten so einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der afrikanischen Klimagerechtigkeitsbewegung, indem sie ihr politisch wie praktisch die nötige Sichtbarkeit verschaffen.

Fazit

Das Community Green Radio ist ein wichtiger Knotenpunkt im Netzwerk des Widerstands in der Region um den Albert-Graben. Es trägt dazu bei, dass im Zusammenhang mit großangelegten, landbasierten Projekten in Uganda Rechenschaft abgelegt wird. Damit spielt das Medium eine wichtigere Rolle als bloß die einer traditionellen Informationsquelle und wird vielmehr selbst zu einem aktiven Akteur der partizipativen Entwicklung und Umweltgerechtigkeit. Das Community Green Radio fungiert als Plattform der Gegenöffentlichkeit und steht für eine grundlegende Wahrheit: dass sinnvolle und gerechte Entwicklung nicht von oben verordnet werden kann, sondern ausgehandelt werden muss. Der Kampf des Community Green Radio für mehr Resilienz unterstreicht die unverzichtbare Rolle von Graswurzel-Community-Medien, die sicherstellen, dass die Kosten des Fortschritts nicht stillschweigend von den verwundbarsten Mitgliedern der Gesellschaft getragen werden. Dieser Ansatz fordert die Mächtigen heraus, stärkt kollektives Bewusstsein und legitimiert Widerspruch in einem ohnehin prekären Umfeld, in dem Kritik schnell als «entwicklungsfeindlich» abgestempelt wird.

Übersetzung von Claire Schmartz und Sebastian Landsberger für Gegensatz Translation Collective.