Interview | Rosalux International - Krieg / Frieden - Westafrika «Der dschihadistische Aufstand hat eine eigene Dynamik entwickelt»

Interview mit Alex Thurston über die JNIM-Dschihadisten und die Militärregime in der Sahelzone

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Malische Geflüchtete, vorwiegend Tuaregs, im Flüchtlingslager Goudebo des UN-Hilfswerks UNHCR, die vor dem Krieg und islamistischem Terror geflohen sind, Oktober 2013.
Malische Geflüchtete, vorwiegend Tuaregs, im Flüchtlingslager Goudebo des UN-Hilfswerks UNHCR, die vor dem Krieg und islamistischem Terror geflohen sind, Oktober 2013. Foto: IMAGO / Joerg Boethling

Am 7. November töteten Dschihadisten in Mali die bekannte TikTokerin Mariame Cissé, die sie am Tag zuvor entführt hatten. Was waren die Gründe? Welche Ziele verfolgt die Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin (JNIM), und wie verhalten sich die Militärregime in der Sahelzone gegenüber den Dschihadisten? Armin Osmanovic, Leiter des Westafrika-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Dakar, sprach darüber mit Prof. Alex Thurston, der an der School of Public and International Affairs der University of Cincinnati lehrt.

Die öffentliche «Hinrichtung» der TikTokerin Mariame Cissé im Norden Malis war äußerst schockierend. Warum wurde die junge Frau von Dschihadisten entführt und getötet?

Alex Thurston ist außerordentlicher Professor an der School of Public and International Affairs der University of Cincinnati. Sein zuletzt erschienenes Buch trägt den Titel Jihadists of North Africa and the Sahel (Cambridge, 2020). Er veröffentlicht regelmäßig Beiträge in seinem Newsletter Sawahil.

Die Hauptbegründung in Medienberichten und von örtlichen Zeugen lautet, dass sie wegen ihrer pro-militärischen Beiträge getötet wurde – und, wie einige Berichte hinzufügen, weil die Dschihadisten sie beschuldigten, Informationen an das Militär weiterzugeben. Nachdem ich selbst viele ihrer jüngsten Beiträge angesehen habe, vermute ich, dass die Dschihadisten sie auch wegen ihrer allgemeinen Popularität und der Lebensweise, die sie zeigte, ins Visier nahmen – ein Leben voller Spaß, Tanz, Mode, Partys und lokalem Stolz. Diese Lebensweise steht, gelinde gesagt, in starkem Widerspruch zu dem, was die Dschihadisten von malischen Frauen verlangen.

Welche Ziele verfolgen die JNIM-Dschihadisten im Sahel? Geht es ihnen um den Sturz der Regierung, oder steckt mehr dahinter?

Ihre Ziele sind meiner Ansicht nach recht undurchsichtig. Ihre Propaganda betont seit Langem die Vertreibung ausländischer Truppen, den Sturz feindlicher Regierungen und die Errichtung einer von ihnen definierten «rein islamischen Gesellschaft». Doch ich vermute, dass es unter den Anführern und Kämpfern eine Mischung von Motivationen gibt – einige wollen Profit und Macht, andere Rache für Übergriffe der Sicherheitskräfte, wieder andere verfolgen politische Ambitionen, manche sind aus Zwang oder aufgrund der Umstände beigetreten, und viele sind vermutlich wirklich von der Ideologie überzeugt. Klar ist, dass einige Anführer und Kämpfer expandieren und neue Fronten eröffnen wollen. Sie arbeiten intensiv daran, die malische (und burkinische) Armee zurückzudrängen. Doch was ihr letztliches Ziel ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht wissen sie es selbst nicht; der Aufstand hat schließlich eine eigene Dynamik entwickelt.

Halten Sie es für möglich, dass die Dschihadisten Malis Hauptstadt Bamako einnehmen könnten?

Ich glaube, ihnen fehlt die nötige Truppenstärke, um Bamako zu erobern und zu halten. Schätzungen gehen von etwa 6.000 Kämpfern aus – zu wenig, um die malische Armee vollständig zu besiegen und anschließend eine Stadt zu kontrollieren, deren Bevölkerung auf über drei Millionen geschätzt wird. Zum Vergleich: Die Seleka-Rebellenkoalition, die 2013 Bangui einnahm, soll über 20.000 Kämpfer verfügt haben. Daher könnte JNIM zögern, direkt die Kontrolle anzustreben, und lieber abwarten, bis ihre derzeitige Treibstoffblockade größere Wirkung zeigt.

Andererseits kann sich der Zusammenbruch eines Staates in der Endphase sehr schnell beschleunigen: Wenn die Moral des Militärs zusammenbricht, hohe Beamt*innen in Panik fliehen oder die Zivilbevölkerung unruhig wird, könnten sich die Bedingungen so verändern, dass JNIM beinahe kampflos in die Stadt einmarschieren kann. Dann jedoch stünde die Bewegung vor einer völlig neuen Reihe von Fragen und Herausforderungen.

Wäre ich Berater der EU oder Frankreichs, würde ich ihnen raten, sich diplomatisch und militärisch von diesem Konflikt fernzuhalten.

Die Militärjuntas in Mali, Burkina Faso und Niger wirken hilflos gegenüber den Dschihadisten. Ist der «Souveränismus», den man in anderen Teilen Westafrikas, etwa in Senegal, beobachtet, nur eine leere Hülle?

Ja, ich denke, der «Souveränismus» der Sahel-Juntas hat sich bislang eher als Prahlerei denn als Substanz erwiesen. Die Ausweisung der französischen Truppen war in gewisser Hinsicht eine Wiedererlangung von Souveränität, aber echte wirtschaftliche Unabhängigkeit bleibt ein fernes Ziel. In Senegal stehen die neuen Machthaber zwischen verschiedenen Zwängen und Hindernissen, etwa der Staatsschuldenkrise und dem Internationalen Währungsfonds. Vielleicht unterscheiden sich Präsident Diomaye Faye und Ministerpräsident Ousmane Sonko auch darin, wie sie ihr Mandat und den Weg zu größerer Souveränität und Entwicklung sehen.

Es heißt oft, die Dschihadisten stellten einen Aufstand der Peul (Fulani) dar. Stimmt das?

Nein, ich halte sie für wirklich multiethnisch. Sicherlich gibt es eine starke Peul-Präsenz auf Führungs- und Kämpferebene, aber ebenso Tuareg, Araber und – je weiter sie nach Süden vordringen – auch viele andere Ethnien. In ihrer Propaganda über den großen Angriff auf Bamako im September 2024 betonte JNIM ausdrücklich, dass einer ihrer beiden Frontkommandeure Bambara und der andere Peul war. Außerdem gibt es zahlreiche Peul-Opfer – sowohl durch den Aufstand selbst als auch durch Sicherheitskräfte und lokale Milizen, die manchmal die Peul pauschal ins Visier nehmen.

Angesichts der Lage im Sahel, die sich zu einem zweiten Afghanistan entwickeln könnte, fragt man sich: Gibt es eine Rolle für die EU oder gar für die ehemalige Kolonialmacht Frankreich, die 2013 die Dschihadisten zeitweise zurückdrängen konnte?

Wäre ich Berater der EU oder Frankreichs, würde ich ihnen raten, sich diplomatisch und militärisch von diesem Konflikt fernzuhalten. Die europäischen und französischen Einsätze in Mali – ob Terrorismusbekämpfung, Ausbildung oder Regierungsaufbau – haben in den 2010er Jahren schlicht nicht funktioniert, abgesehen vom anfänglichen Erfolg Frankreichs bei der Rückeroberung 2013.

Ich denke, alle Großmächte sollten humanitäre Hilfe leisten, einschließlich der Bereitstellung von Treibstoff, um die Blockade zu überstehen. Doch darüber hinaus wäre ein abwartender Ansatz gegenüber dem Konflikt insgesamt ratsam.

Die Regierung in Bamako bleibt Frankreich gegenüber feindlich eingestellt, und selbst wenn das nicht der Fall wäre, würde eine künstliche Unterstützung riskieren, die Fehler Afghanistans zu wiederholen. Sollte die Regierung tatsächlich an die Dschihadisten fallen, wäre das ein düsteres Szenario. Besser aber wäre es, darauf erst zu reagieren, wenn es tatsächlich eintritt, statt eine ohnehin repressive Regierung künstlich am Leben zu halten.

Dieser Text erschien zuerst in «nd.aktuell» im Rahmen einer Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.