
Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf Demokratie und zivilgesellschaftliches Engagement in den Ländern Zentralasiens? Talant Sultanov erläutert, wie das Internet und sogenannte «Civic Technologies» – digitale Anwendungen und Plattformen zur Förderung politischer Teilhabe – die Gesellschaft verändern, und beschreibt sowohl das Potenzial, das sie für einzelne Nutzer*innen bieten, als auch die Risiken, die mit ihnen verbunden sind. Im Gespräch geht es um Themen wie digitale Ungleichheit, E-Government, zivilgesellschaftliche Initiativen, digitale Sicherheit sowie die Perspektiven öffentlicher Kontrolle.
Talant Sultanov, Digitalisierungsexperte aus Kirgisistan, beantwortete Fragen der Projektmanager*innen des Zentralasienbüros der RLS Yulia Abdulaeva und Sergey Marinin.
Demokratisierung und digitale Gerechtigkeit
Talant Sultanov ist ein führender kirgisischer Experte für digitale Entwicklung, Internet-Governance und Innovationen im öffentlichen Sektor. Zuvor war er als Spezialist für digitale Entwicklung bei der Weltbank tätig.
Yulia Abdulaeva und Sergey Marinin: Wie hat sich die Entwicklung digitaler Technologien auf Demokratisierungsprozesse und die Ausweitung der Bürgerrechte in Zentralasien ausgewirkt? Welche positiven und negativen Effekte konnten Sie beobachten?
Talant Sultanov: Das Internet hat viele traditionelle Vorgänge in den digitalen Raum verlagert und ihre Wirkung teilweise sogar verstärkt. Digitale Technologien haben für Nutzer*innen neue Möglichkeiten eröffnet. So können sich heute auch Menschen aus den entlegensten Regionen direkt an die Behörden wenden.
Zum Beispiel wusste früher kaum jemand etwas über die Menschen im abgelegenen Dorf Zardaly in der Region Batken und ihre Probleme. Nachdem das Dorf ans Internet angeschlossen wurde, begannen die Anwohner*innen, Videobotschaften an die nationale Regierung zu richten. Kurz darauf wurden Strom- und Mobilfunkanschlüsse eingerichtet und eine Straße gebaut – große Investitionen, die erst durch den Zugang zum Internet möglich wurden.
Der Regierung ermöglicht das Internet, den Menschen Gehör zu schenken. Während früher bürokratische Hierarchien den direkten Kontakt erschwerten, können Bürger*innen ihre Bedürfnisse heute über elektronische Dienste, mobile Anwendungen und soziale Netzwerke unmittelbar äußern.
Diese Entwicklungen haben jedoch auch ihre Schattenseiten. Die Zugänglichkeit des Internets macht Nutzer*innen anfällig: Ohne juristisches Wissen kann es vorkommen, dass sie unwissentlich gegen das Gesetz verstoßen oder Opfer von Betrug werden. Der wachsende Informationsfluss und die neuen Kommunikationsformen – etwa Posts in sozialen Medien oder Videoaufrufe – geben den Bürger*innen zwar neue Einflussmöglichkeiten an die Hand, allerdings kann es auch passieren, dass die Regierung darauf mit Einschränkungen der Meinungsfreiheit und neuen Kontrollmechanismen reagiert.
So gehen Prozesse, die den Handlungsspielraum der Bürger*innen erweitern, häufig auch mit einer Ausweitung staatlicher Überwachung einher. Aus diesem Grund halten sich viele Internetnutzer*innen zurück und betreiben Selbstzensur. Sie wissen, dass übermäßige Online-Aktivitäten politische Risiken bergen können und ziehen es vor, nicht unnötig aufzufallen. Besonders deutlich zeigt sich das in Ländern mit repressiveren Regierungen, in denen die Zivilgesellschaft unter Druck steht.
Wie schätzen Sie das Problem der digitalen Ungleichheit in der Region ein? Unternehmen die Regierungen genug, um sie zu überwinden? Und was könnte noch getan werden?
Die digitale Kluft ist ein ernstzunehmendes Problem. Entscheidend ist nicht allein, ob Zugang zum Internet besteht, sondern ob dieser Zugang auch tatsächlich sinnvoll genutzt werden kann. Nach Angaben der Globalen Partnerschaft für digitale Inklusion (GDIP) reicht ein bloßer Anschluss nicht aus – die Verbindung und die angebotenen Dienste müssen für die Nutzer*innen auch wirklich nützlich sein. Fünf zentrale Faktoren bestimmen, wie inklusiv der digitale Zugang tatsächlich ist:
- Zugang und Kosten: Der Internetanschluss sollte technisch verfügbar und erschwinglich sein. In Kasachstan und Kirgisistan ist der Zugang zum Beispiel vergleichsweise günstig, während er in anderen Ländern Zentralasiens noch immer zu teuer oder gar nicht erst verfügbar ist. Auch die Geräte für den Online-Zugang – Smartphones, Tablets und Computer – sollten bezahlbar sein.
- Verfügbarkeit und Relevanz der Inhalte: Wenn die Inhalte im Internet ausschließlich in Fremdsprachen zur Verfügung stehen, ist der lokalen Bevölkerung damit wenig geholfen. Ein Internetzugang nützt nur, wenn Informationen in den Landessprachen bereitgestellt werden und für die Nutzer*innen relevant und interessant sind.
- Digitale Kompetenzen: Selbst bei guter Verbindung und relevanten Inhalten benötigen potenzielle Nutzer*innen grundlegende Kenntnisse im Umgang mit Computern und Smartphones. Die Bevölkerung muss über grundlegende digitale Kompetenzen verfügen, von der Informationssuche bis hin zur Nutzung von Online-Diensten.
- Sicherheit: Viele Nutzer*innen, insbesondere in abgelegenen Regionen, sind gutgläubig und werden leicht Opfer von Betrug. Daher müssen ihre digitalen Kompetenzen gestärkt und die Bevölkerung für Fragen der Cyber-Sicherheit und digitalen Hygiene sensibilisiert werden. Nutzer*innen sollten lernen, Falschinformationen zu erkennen, ihre persönlichen Daten zu schützen und grundlegende Sicherheitsmaßnahmen anzuwenden.
- Daten und Analysen: Es ist äußerst wichtig, dass Regierungen über verlässliche Daten zur Netzabdeckung verfügen. Offizielle nationale Statistiken weichen oft deutlich von internationalen Zahlen ab: So kann ein Land laut eigenen Angaben eine Internetnutzungsrate von 90 Prozent haben, während die Internationale Fernmeldeunion (ITU) nach ihrer Methodik nur 30 Prozent ausweist. Die Erhebungsmethoden sollten also aufeinander abgestimmt werden. Ohne belastbare Daten lassen sich weder Netzwerkausbau noch digitale Programme wirksam planen.
Kurz gesagt: Es reicht nicht aus, lediglich Kommunikationsleitungen zu verlegen. Ebenso wichtig ist es, den Zugang zu Diensten zu sichern, qualitativ hochwertige Inhalte bereitzustellen, digitale Kompetenz zu fördern und Bürger*innen zu schützen. Länder wie Kirgisistan, Kasachstan und Usbekistan, in denen die Förderung von Wettbewerb Internetdienste hochwertiger und erschwinglicher gemacht hat, sind dafür ein positives Beispiel. In anderen zentralasiatischen Staaten bleiben die digitale Infrastruktur und ihr Zugang jedoch weiterhin unzureichend entwickelt.
Sie hatten erwähnt, dass die Preise für den Internetzugang nicht zuletzt von der Politik des Landes abhängen. Heißt das, dass in manchen Ländern die Kosten künstlich hochgehalten werden, um den Zugang der Bevölkerung einzuschränken?
Nicht unbedingt. Man muss sowohl die absoluten als auch die relativen Kosten des Internetzugangs berücksichtigen. Im internationalen Vergleich mögen die Preise niedrig erscheinen – wenn sie jedoch einen erheblichen Teil des Einkommens ausmachen, etwa zehn Prozent des monatlichen Budgets, stellen sie für eine durchschnittliche Familie eine spürbare Belastung dar.
Der Hauptgrund für hohe Preise liegt in der Struktur des Telekommunikationsmarktes. Preisunterschiede ergeben sich vor allem daraus, in welchem Maße Regierungen Liberalisierung und Wettbewerb fördern. In Kirgisistan gab es in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit vergleichsweise erfolgreiche Reformen: Private Anbieter traten in den Markt ein, der Wettbewerb entwickelte sich, und die Preise sanken. In anderen Republiken behielten Monopole ihren Einfluss, Reformen kamen nur langsam voran, und die Anbieter hatten keine Konkurrenz und damit keinen Anreiz ihre Tarife zu senken. So kann es passieren, dass Länder mit ähnlichen Startvoraussetzungen zehn Jahre später an völlig unterschiedlichen Enden internationaler Rankings zur Erschwinglichkeit des Internets landen.
Staatliche Digitalinitiativen: Von E-Diensten bis zur Videoüberwachung
Inwiefern verbessern Initiativen zur digitalen Verwaltung – das sogenannte E-Government – in der Region die Transparenz und Rechenschaft staatlicher Institutionen? Können Digitalisierungsprogramme tatsächlich zur Demokratisierung beitragen oder handelt es sich dabei vor allem um technischen Fortschritt?
Internationale E-Government-Rankings liefern zwar nützliche Vergleichswerte, geben jedoch nicht immer das ganze Bild wieder. Viele Länder orientieren sich an diesen Werten, was sie dazu motiviert, ihre Systeme weiterzuentwickeln. Eine gute Platzierung bedeutet jedoch noch nicht, dass die breite Bevölkerung tatsächlich stärker beteiligt wird. Dennoch lassen sich in Kasachstan und Kirgisistan deutliche Fortschritte bei der Entwicklung digitaler Dienste beobachten.
In Kasachstan wurde die Entwicklung digitaler Verwaltungsdienste insbesondere vom privaten Sektor vorangetrieben. So entwickelte etwa eine Bank eigene Anwendungen für E-Government-Dienste, die heute von Millionen von Bürger*innen genutzt werden. Einerseits hatte das für die Nutzer*innen viele Vorteile: Beispielsweise konnten sie über die App Bescheinigungen beantragen oder Bußgelder bezahlen. Die Kehrseite ist allerdings, dass sämtliche Nutzer*innendaten bei einem einzigen privaten Unternehmen gespeichert waren. So brachte etwa ein Ausfall dieser Anwendung den Betrieb der staatlichen Online-Dienste vollständig zum Erliegen.
Kirgisistan wählte einen anderen Ansatz: Die Regierung fungierte als Plattform und gewährte Betreibern aus dem öffentlichen und privaten Sektor gleichberechtigten Zugang. Nach dem Vorbild des estnischen X-Road-Modells wurde ein System offener staatlicher Register und Dienste entwickelt. Insbesondere das Tunduk-Portal und eine gleichnamige mobile Anwendung wurden eingeführt, die nahezu alle Dienste integriert – von elektronischen Ausweisen und Führerscheinen bis hin zu Bußgeldern und Bescheinigungen. Bürger*innen müssen somit weder Portemonaie, Pass noch Führerschein mitführen: Sie können ihre digitale ID auf dem Smartphone vorzeigen, um eine Bescheinigung zu erhalten oder ein Bußgeld zu bezahlen. Darüber hinaus führte die Nationalbank der Kirgisischen Republik (NBKR) die Plattform ELQR ein – ein einheitliches nationales QR-Code-System, das alle Banken und Zahlungsdienste miteinander verbindet. Mit diesem QR-Code lassen sich Zahlungen und Überweisungen tätigen. Zudem machte die NBKR elektronische Überweisungen in der Landeswährung gebührenfrei – ein weiterer Anreiz für Bürger*innen und Unternehmen, bargeldlos zu zahlen.
Auf diese Weise förderte die Regierung das Entstehen eines digitalen Ökosystems: Der Staat stellt die grundlegenden Werkzeuge bereit, während zahlreiche Unternehmen – Banken, Mobilfunkanbieter und IT-Firmen – auf dieser Basis verschiedene Anwendungen und Dienste anbieten. Dies fördert den Wettbewerb und erweitert die Auswahlmöglichkeiten: Fällt eine Anwendung aus, kann auf eine andere zurückgegriffen werden. Insgesamt haben digitale Dienste den Alltag vieler Bürger*innen deutlich erleichtert.
Das E-Government hat ganz klare Vorteile, allerdings birgt es auch mehrere Risiken. Die einfachere Interaktion zwischen Bürger*innen und Behörden beschleunigt zwar zahlreiche Prozesse, wirft jedoch Fragen auf: Wie lässt sich der Betrieb dieser Systeme langfristig sichern? Und wie kann der Schutz sensibler Daten und Systeme gewährleistet werden? Diese Fragen sind bislang nicht abschließend geklärt. Gleichzeitig passen sich Betrüger*innen, insbesondere solche mit internationaler Reichweite, rasch an neue Technologien an. Viele Bürger*innen bewahren ihr Geld in mobilen Geldbörsen auf – ein attraktives Ziel für Kriminelle. Mit modernen Phishing-Methoden und sogar Deepfakes gelingt es ihnen, an Passwörter und Sicherheitscodes zu gelangen. In den Nachrichten wird regelmäßig über Fälle berichtet, in denen Menschen durch Datendiebstahl und betrügerische Online-Praktiken ihre Ersparnisse verloren haben.
Im Rahmen von Initiativen für die städtische Sicherheit installieren staatliche Stellen in vielen Städten Hunderte Überwachungskameras und Systeme zur Gesichtserkennung. Dienen diese Maßnahmen tatsächlich der öffentlichen Sicherheit und einer besseren städtischen Infrastruktur oder geht es dabei vor allem um eine verstärkte Kontrolle der Bevölkerung? Und wie reagieren Bürger*innen auf diese Formen der Überwachung?
Derzeit ist ein regelrechter Boom des Smart City-Konzepts zu beobachten. Tatsächlich erweisen sich Überwachungssysteme schon jetzt als nützlich: In Regionen, in denen Kameras installiert wurden, steigen die Aufklärungsraten, weil der Polizei mehr Informationen zur Verfügung stehen.
Allerdings haben sich bislang nur Wenige mit den Risiken befasst. Auf internationaler Ebene wird gerade diskutiert, wohin all die Video- und biometrischen Daten gelangen. Wenn private oder halbstaatliche Unternehmen Kameras installieren, bleibt häufig unklar, ob die Aufzeichnungen im Land selbst gespeichert werden und wer Zugriff darauf hat. Erst nachdem es zu Datenlecks in solchen Systemen kam, wurden auch Gesetzgeber*innen auf deren Anfälligkeit aufmerksam. Es ist gut möglich, dass politische Entscheidungsträger*innen erst dann ernsthaft mit einer Regulierung dieses Bereichs beginnen, wenn neue Probleme auftreten – etwa weitere Lecks oder Hackerangriffe. Da Transparenz bislang nur eingeschränkt besteht, sind sich viele Bürger*innen der Risiken nicht bewusst und stehen dem Einsatz von Gesichtserkennungstechnologien eher gleichgültig gegenüber.
Die Sicherheitsvorkehrungen haben zweifellos Vorteile – etwa die bereits erwähnte höhere Aufklärungsquote bei Straftaten –birgt jedoch erhebliche Risiken im Hinblick auf Datensicherheit. Idealerweise müssten klare rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, die festlegen, wer Zugriff auf die Aufnahmen hat, wo sie gespeichert werden und wie sie verwendet werden dürfen.
Bürgerschaftliche Initiativen und digitaler Aktivismus
Sind die Plattformen, über die Bürger*innen Eingaben an öffentliche Stellen machen können, in Bezug auf die zivilgesellschaftliche Teilhabe und Transparenz wirksam? Wie würden Sie zum Beispiel das kasachische Portal e-Otinish bewerten, auf dem Bürger*innen Beschwerden und sogar Klagen online einreichen können, auf die die staatlichen Behörden verpflichtet sind zu antworten?
Jeder Feedback-Kanal zwischen Regierung und Bevölkerung ist eine positive Entwicklung. Je mehr Möglichkeiten Bürger*innen haben, die Behörden zu erreichen, desto besser. Entscheidend ist jedoch, welche Mechanismen dabei zum Einsatz kommen. Spezialisierte Plattformen und Anwendungen sind meist nur einem begrenzten Publikum zugänglich: In der Regel werden sie von Menschen mit ausgeprägten digitalen Kompetenzen genutzt. Viele Bürger*innen stehen solchen Neuerungen hingegen skeptisch gegenüber. Effektiver ist es daher, Beteiligungsformate in jene Kanäle zu integrieren, die ohnehin im Alltag genutzt werden. In Kirgisistan etwa dominiert WhatsApp: Zahlreiche Gruppen in diesem Messenger ermöglichen den direkten Dialog mit staatlichen Behörden. In Usbekistan ist dagegen Telegram weiter verbreitet. Wenn Regierungen also ein funktionierendes Feedback-System aufbauen wollen, wäre es sinnvoll, ihre Dienste über Bots in diese vertrauten Kommunikationskanäle einzubinden, anstatt die Bevölkerung dazu zu bringen, sich mit neuen Plattformen vertraut zu machen. Was das Portal e-Otinish betrifft – im Prinzip ist es eine gute Idee, aber ich kann es schwer beurteilen, da ich nicht in Kasachstan bin. Die Erfahrungen ähnlicher Projekte zeigen, dass ihre Nutzung oft begrenzt bleibt, weil sich Bürger*innen zunächst registrieren und mit neuen Benutzeroberflächen vertraut machen müssen. Idealerweise sollten solche Dienste in bereits etablierte Anwendungen integriert werden – etwa in WhatsApp, Telegram, Bank-Apps oder soziale Netzwerke, die täglich genutzt werden.
Ein Beispiel für eine erfolgreiche Umsetzung ist das elektronische Dokumentenmanagement-System e-Kyzmat. Hier lag der Schlüssel zum Erfolg darin, dass Beamt*innen der Gebrauch von Papierdokumenten weitgehend untersagt wurde und alle Unterlagen ausschließlich über das e-Kyzmat-System versendet werden mussten. Heute nutzen sowohl Bürger*innen als auch Unternehmen diese Plattform für die Kommunikation mit staatlichen Stellen.
Wie wirksam sind Online-Petitionen und öffentliche Internetplattformen in Zentralasien? Gibt es Erfolgsbeispiele, bei denen sie zu realen Veränderungen geführt haben?
Die Existenz solcher Plattformen gibt Bürger*innen die Möglichkeit, ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen: Wenn jemand mit einer bestimmten Situation unzufrieden ist, kann er oder sie eine Petition starten und hat das Gefühl, dass die eigene Stimme zumindest irgendwo Gehör findet. Einige Länder stehen solchen Initiativen jedoch misstrauisch gegenüber. So haben etwa mehrere zentralasiatische Staaten die Plattform Change.org gesperrt. Sobald unbequeme Petitionen auftauchen, wird der Zugang zu internationalen Plattformen sofort blockiert.
Trotzdem sind solche Mechanismen wichtig. Nationale Petitionsportale – wie das usbekische Mening fikrim oder das staatliche Portal in Kasachstan – sind ebenfalls ein Schritt nach vorn. Entscheidend ist, dass Bürger*innen tatsächlich Zugang zu diesen Instrumenten haben und die Gewissheit, dass ihre Anliegen gehört werden.
Ein positives Beispiel für digitales zivilgesellschaftliches Engagement findet sich in Kirgisistan: Dort nutzten Aktivist*innen Online-Plattformen erfolgreich, um Spenden für die Behandlung von Kindern mit seltenen Krankheiten zu sammeln. Anhand von Hilfsplattformen und sozialen Netzwerken wurden innerhalb weniger Tage Hunderttausende, teils sogar Millionen US-Dollar gesammelt, um teure Medikamente zu finanzieren. Das zeigt die Wirkungskraft digitaler Mobilisierung zum Wohle der Gesellschaft.
In Krisensituationen – etwa bei Naturkatastrophen, Bränden oder Überschwemmungen – zeigen die Menschen große Solidarität und es bilden sich Online-Communitys, um den Betroffenen zu helfen. Wichtig ist dabei jedoch die Koordination mit den Behörden, insbesondere mit dem Katastrophenschutzministerium und den lokalen Verwaltungen. Ohne Abstimmung kann die Lage leicht unübersichtlich werden – etwa, wenn Menschen eigenständig Materialien und humanitäre Hilfe sammeln, ohne dass sie sich mit staatlichen Stellen absprechen. Das führt zu Doppelarbeit und einer ineffizienten Verteilung von Ressourcen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Freiwilligen und staatlichen Stellen ist daher entscheidend für eine erfolgreiche Mobilisierung.
Derzeit stehen vor allem ökologische und soziale Themen im Vordergrund. Besonderes Augenmerk gilt der grünen Agenda: So führten etwa Proteste gegen den Uranabbau an einem umstrittenen Standort – unterstützt von 33.000 Unterschriften und öffentlichen Demonstrationen – dazu, dass der Beschluss geändert wurde. Auch Themen wie Verkehrsbelastung, Abholzung und Luftverschmutzung bewegen viele Menschen: Jeden Herbst und Winter äußern sich Bewohner*innen Kirgisistans in sozialen Netzwerken empört über Smog und Baumfällungen.
Der Erfolg solcher Kampagnen hängt stark von den genutzten Kommunikationskanälen ab. Unterschiedliche Generationen bewegen sich auf unterschiedlichen Plattformen: Ältere Menschen informieren sich häufig über Facebook oder Odnoklassniki, während Jüngere zunehmend TikTok und verschiedene Messenger-Dienste nutzen. Wenn Regierungen beliebte Dienste blockieren und etwa eine Plattform wie TikTok verbieten weichen Nutzer*innen ins «digitale Untergrundnetz» aus, verwenden VPNs oder weniger bekannte Apps. Dadurch wird es für die Behörden schwieriger, die öffentliche Meinung zu erfassen. Mit anderen Worten: Übermäßige Kontrolle verschärft das Problem, weil sie Bürger*innen in schwer zugängliche Kommunikationsräume drängt.
Herausforderungen: Digitaler Autoritarismus, Überwachung und Zensur
Der digitale Autoritarismus hat in den letzten Jahren zugenommen: Gesetze gegen sogenannte «Fake News», die verpflichtende Registrierung von Social-Media-Konten oder strafrechtliche Sanktionen für die Beleidigung von Behörden. Wie unterminieren derartige Maßnahmen die Unabhängigkeit von Medien, Aktivist*innen und Blogger*innen? Gibt es im Internet der Region überhaupt noch so etwas wie «Inseln der Freiheit»?
Die Meinungsfreiheit im Internet schrumpft weltweit. Eine der Folgen ist die Zunahme an Fake-Accounts und die wachsende Verbreitung von Desinformation. Wenn Menschen sich nicht offen und öffentlich ausdrücken können, tauchen zunehmend Bots und anonyme Kommentator*innen auf. Das ist mit zusätzlichen Risiken verbunden: So können zum Beispiel Bewohner*innen entlegener Gebiete Fake Posts für wahr halten, ohne zu wissen, wer sie verfasst hat.
Unter solchen Umständen ist es besonders wichtig, kritisches Denken zu fördern – also zu lernen, Informationen zu analysieren und sich immer wieder bewusst zu machen, dass man nicht wissen kann, mit wem man da kommuniziert. Ebenso sollte man sich darüber im Klaren sein, dass es im Internet viele Betrüger*innen gibt – und wenn ein Angebot «zu gut klingt, um wahr zu sein», ist es das höchstwahrscheinlich auch.
Wie lassen sich in der jetzigen Situation das Recht auf Privatsphäre und auf Meinungsfreiheit schützen? Wie ausgeprägt ist das Bewusstsein der Bevölkerung für die Gefahren digitaler Überwachung, und gibt es Schutzinitiativen wie VPNs, Verschlüsselung oder Bildungsangebote?
Viele von uns haben eine «sowjetische Vergangenheit» und gehen aufgrund dieser Erfahrung bis heute mit besonderer Vorsicht an solche Themen heran. Eines sollte man sich stets vor Augen halten: Alles, was im Internet geschrieben oder gepostet wird, bleibt irgendwo gespeichert – das ist eine Tatsache. Wie es in einem Sprichwort heißt: «Was mit einem digitalen Stift geschrieben wird, lässt sich nicht mit der Axt entfernen.» Zudem wissen soziale Netzwerke und Online-Dienste längst mehr über uns, als wir selbst – sie speichern Fotos, persönliche Dokumente, Gewohnheiten und Metadaten. Daher ist es wichtig, grundlegende Prinzipien der Cybersicherheit zu beachten. Jede*r sollte zumindest über grundlegende Schutzkenntnisse verfügen:
- Zwei-Faktor-Authentifizierung (2FA): Diese Funktion sollte überall aktiviert werden, wo es möglich ist. Sie gehört zu den zuverlässigsten Methoden, um Konten, E-Mails und Profile in sozialen Netzwerken zu schützen.
- Sichere Passwörter und Passwortmanager: Man sollte keine einfachen oder mehrfach genutzten Passwörter für verschiedene Dienste verwenden. Schwache Passwörter können von automatisierten Systemen in Sekundenbruchteilen entschlüsselt werden.
- Keine Veröffentlichung persönlicher Dokumente oder sensibler Daten: Man sollte keine Fotos oder Scans von Pässen, Führerscheinen, Telefonnummern, Geburtsdaten oder Bildern von Kindern ins Internet hochstellen – solche Informationen können von Betrüger*innen missbraucht werden. Es gibt bekannte Fälle, in denen Menschen nach dem Hochladen von Dokumenten ihre Ersparnisse verloren haben, weil ihre Identität gestohlen wurde: Kriminelle nahmen in ihrem Namen Kredite auf oder erstellten gefälschte Profile, um Falschinformationen zu verbreiten.
- Vorsicht bei unbekannten Links und Anwendungen: Man sollte nicht auf verdächtige Links klicken und Programme aus unzuverlässigen Quellen herunterladen. Wenn etwas «zu gut klingt, um wahr zu sein», ist es das höchstwahrscheinlich auch.
- Verschlüsselung und VPN: Man sollte sichere Messenger mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung nutzen und wenn möglich über ein VPN auf das Internet zugreifen.
Darüber hinaus muss die digitale Kompetenz weiter gestärkt werden. Insbesondere in abgelegenen Regionen sollten Nutzer*innen Aufklärungsangebote zur Verfügung gestellt werden, in denen sie lernen, Informationen kritisch zu prüfen und grundlegende Schutzvorkehrungen zu treffen. Der beste Weg dazu sind Transparenz in der Arbeit zivilgesellschaftlicher Projekte und kontinuierliche öffentliche Bildungsangebote im Bereich Datenschutz und Cybersicherheit.
Abhängigkeit von ausländischen Technologien und geopolitische Risiken
Die Länder Zentralasiens sind stark abhängig von importierten Geräten und Infrastruktur. Welche geopolitischen Risiken sehen Sie in dieser Abhängigkeit? Können wir von einem digitalen Neokolonialismus sprechen, oder haben die Regierungen ausreichend Kontrolle?
Erworbene Technologien sollten grundsätzlich auf ihre Sicherheit geprüft werden. Ich hoffe, dass die für die Digitalisierung zuständigen Behörden über qualifizierte Spezialist*innen verfügen, die in der Lage sind, Geräte und Software auf eingebaute «Hintertüren» und Spionagemodule zu untersuchen. Im Idealfall hätte jedes Land einen Cyber-Sicherheitsdienst, der sämtliche neu beschaffte Systeme testet. In der Praxis ist das jedoch nicht überall der Fall. In weniger entwickelten Staaten fehlt häufig das Bewusstsein für die damit verbundenen Risiken – oder die Ressourcen für eine gründliche Prüfung.
Vor einigen Jahren wurde beispielsweise vorgeschlagen, in einem Ministerium unserer Region ein Audit zur Cybersicherheit der kritischen Infrastruktur durchzuführen. Die Behörde lehnte dies mit der Begründung ab, das Thema sei nicht von Bedeutung. Wenige Jahre später wurde sie Opfer eines schweren Cyberangriffs. Das ist ein klassischer Fall: Solange ein Land noch nicht von einer Bedrohung betroffen ist, spricht kaum jemand darüber. Bisher hatten die zentralasiatischen Länder vielleicht das Glück, dass Cyberkriminelle und Hacker*innen ihre Aufmerksamkeit noch nicht auf sie gerichtet haben – doch das ist kein Garant für eine sichere Zukunft.
Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft die Datensouveränität. Viele Gesetze schreiben vor, dass zentrale Bürger*innendaten – insbesondere Regierungsdaten – im eigenen Land gespeichert werden müssen. In der Praxis wird dies jedoch nicht immer konsequent umgesetzt: Manche Beamt*innen nutzen private E-Mail-Dienste oder Messenger, um Informationen auszutauschen. Dadurch werden Daten angreifbar. Ein aufschlussreiches Beispiel ist der jüngste Datenabfluss aus den Messengern US-amerikanischer Regierungsmitarbeiter*innen.
Was den Speicherort der Daten betrifft – ob im Inland oder auf ausländischen Servern –bin ich der Ansicht, dass der entscheidende Faktor nicht der Standort, sondern die Zuverlässigkeit der Sicherheitsvorkehrungen ist. Denn es ist für Hacker*innen oft einfacher, in die Server einer Regierungsstelle in einem Land des Globalen Südens einzudringen, als in die gut geschützten Systeme eines großen IT-Unternehmens. Entscheidend ist also das Sicherheitsniveau, nicht die geografische Lage.
Grundsätzlich sollten Daten kategorisiert werden: Persönliche Daten liegen in der Verantwortung der einzelnen Nutzer*innen, die selbst entscheiden, was sie in sozialen Medien teilen möchten – unter Beachtung grundlegender Regeln der Cyber-Hygiene. Vertrauliche Regierungsdaten sollten in gesicherten Systemen gespeichert werden – auf Servern mit hohen Sicherheitsstandards, regelmäßigen Backups und Offline-Speichern. Alle übrigen Daten können sowohl bei lokalen als auch bei internationalen Cloud-Anbietern gespeichert werden, sofern diese über verlässliche Infrastrukturen verfügen. Wichtig ist, dass die Systeme zertifiziert sind (zum Beispiel mindestens nach Tier-3-Standard) und regelmäßig gewartet werden. Mitunter kann die kleine Größe eines Landes sogar von Vorteil sein: Niemand erwartet von uns, dass wir eigene soziale Netzwerke oder Supercomputer entwickeln.
Die Zukunft der digitalen Zivilgesellschaft
Was muss in den nächsten Jahren passieren, um eine starke digitale Zivilgesellschaft zu entwickeln? Wird es der neuen Generation von Aktivist*innen gelingen, digitale Technologien und Civic Tech effektiver einzusetzen, um Rechte und Transparenz zu verbessern?
Im Grunde genommen sind digitale Technologien einfach nur Werkzeuge. Ob sie nützlich sind, hängt von den Menschen ab, die sie verwenden. Jemand kann ein Smartphone besitzen, soziale Netzwerke nutzen und Zugang zu staatlichen Online-Diensten haben – doch ohne kritisches Denken und digitale Hygiene können diese Instrumente ebenso gut ernsthaften Schaden anrichten, wie sie helfen können.
Umso mehr müssen wir also auf Aufklärung setzen. Es braucht einen systematischen Ansatz: Investitionen in die Vermittlung digitaler Kompetenzen und kritischen Denkens, und zwar von klein auf. Die Ergebnisse werden sich nicht sofort zeigen; es braucht Zeit, um eine neue Generation vollständig einzubinden. Aber nur so können Menschen Technologien im Sinne von Transparenz und dem Schutz ihrer Rechte einsetzen. Wenn Bürger*innen nur oberflächliches Wissen erwerben, bleibt das Potenzial der verfügbaren Instrumente ungenutzt – zugleich steigt ihre Anfälligkeit für digitale Bedrohungen. In der Folge schwindet auch das Vertrauen in digitale Dienste.
Angesichts des rasanten Einzugs der Künstlichen Intelligenz ist es besonders wichtig, neue Fachkräfte umfassend auszubilden – durch eine Verbindung von MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) mit geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Künstliche Intelligenz ist letztlich nur eine Technologie – sie wird das, was wir aus ihr machen. Es gilt daher, Ingenieur*innen und Entwickler*innen auszubilden, die auch etwas von Philosophie und Humanismus verstehen, damit KI der Gesellschaft dient und nicht zur Bedrohung wird.
Am Ende läuft alles auf die Stärkung digitaler Kompetenzen hinaus. Initiativen für öffentlich zugängliche Daten, öffentliche Plattformen oder Online-Verwaltungsdienste werden nur dann nachhaltige Wirkung entfalten, wenn Bürger*innen – und künftige Entscheidungsträger*innen – bereit sind, sie verantwortungsvoll zu nutzen. Darin liegt der Schlüssel zu einer gerechteren und freieren digitalen Zukunft für die Region.
Übersetzung aus dem Englischen von Charlotte Thießen und Cornelia Gritzner für Gegensatz Translation Collective
Originaltext russisch; Erstveröffentlichung in englischer und russischer Sprache am 3. Juni 2025 auf der Webseite des Zentralasien Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung