
In den 1960er-Jahren entstanden die ersten italienischsprachigen Radiosendungen in Deutschland – gedacht zur Information, zur politischen Kontrolle und als Brücke nach Italien. Im Gespräch mit Tommaso Pedicini (WDR/COSMO italiano) geht es um die Geschichte von «Buonasera collega» und «Radio Colonia», um Zensur und Selbstermächtigung, um Briefe der «Gastarbeiter:innen» und die Frage, welche Rolle migrantisches Radio heute spielt.
Tommaso Pedicini ist Radiojournalist beim WDR. Er studierte Philosophie, Pädagogik und Psychologie in Mailand und Freiburg und arbeitet seit 2007 als Redakteur beim WDR, wo er 2009 zum Teamleiter von COSMO italiano wurde. Seit 2022 koordiniert er für den WDR die Fremdsprachenprogramme bei Radio COSMO.
Massimo Perinelli/Cristina Raffaele: Wie entstand das italienischsprachige Radioprogramm für sogenannte Gastarbeiter*innen und welche gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen haben seine Ausrichtung geprägt?
Tommaso Pedicini: Um den Kontext zu verstehen, in dem die italienischsprachigen Programme entstanden sind, muss man bis zum Ende der 1950er-Jahre zurückgehen, als in Deutschland bereits über 150.000 italienische «Gastarbeiter*innen» lebten, die auf der Grundlage des bilateralen Abkommens von 1955 in die Bundesrepublik gekommen waren. Diesen meist alleinstehenden Männern – es handelte sich dabei größtenteils um Männer –, die keine Deutschkenntnisse hatten und kaum Kontakt zur hiesigen Gesellschaft, wollte die deutsche Regierung ein Informationsinstrument zur Verfügung stellen, das gleichzeitig eine Brücke zu ihrem Herkunftsland, eine Möglichkeit, das Nötigste über Deutschland zu lernen, und eine Hilfe bei der Lösung der vielen alltäglichen Probleme sein sollte.
Die Entscheidung war jedoch nicht auf bloße Menschenfreundlichkeit der deutschen Führungsklasse zurückzuführen, sondern auf zwei Ängste, die in der Bonner Regierung und in den verschiedenen Bundesländern tief verwurzelt waren und ihre Machtinteressen berührten. Einerseits wollte man mithilfe der italienischen diplomatischen Vertretung in Deutschland die italienischen Arbeiter*innen, die oft Opfer von Ausbeutung und Diskriminierung am Arbeitsplatz und in öffentlichen Einrichtungen waren, «bei Laune halten». Andererseits wollte man ein ideologisches Gegengewicht zu den Informationen schaffen, die die «Gastarbeiter*innen» täglich vom kommunistischen Radio Prag hören konnten, dem tschechoslowakischen Staatsrundfunk, und so Kontrolle über die Inhalte haben. Prag sendete nämlich auch italienischsprachige Programme, die in Deutschland leicht zu empfangen waren, im Gegensatz zu den italienischen Radiosendungen, deren Funkwellen die Hürde der Alpen nicht überwinden konnten. Durch Informationen in italienischer Sprache (und später auch in den Sprachen anderer «Gastarbeiter*innen») wollten die deutschen Behörden im Kalten Krieg dem Einfluss der kommunistischen Propaganda auf die «Gastarbeiter*innen» entgegenwirken und ihn abschwächen. Vor diesem Hintergrund entstanden Ende 1961 die ersten italienischsprachigen Radiosendungen in Deutschland beim WDR in Köln, beim Bayerischen Rundfunk in München und später im Saarland und in Frankfurt.
Welche Rolle spielten dabei Formate wie «Buonasera collega» und «Radio Colonia» – und welche Zielsetzung und Ausrichtung hatten sie?
«Buonasera collega» war eine tägliche 15-minütige Informationssendung, die vom WDR in Köln produziert und Anfang Dezember 1961 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. Wenige Jahre später wurde dieses Format durch eine ebenfalls tägliche 45-minütige Sendung namens «Radio Colonia» ersetzt, einen Titel, den sie dann jahrzehntelang beibehielt. In kurzer Zeit wurde die Sendung ein großer Erfolg. Man muss bedenken, dass damals italienische Zeitungen erst mit einigen Tagen Verspätung nach Deutschland kamen und es ziemlich schwierig war, sie zu bekommen, und vor allem, dass ein großer Teil der italienischen «Gastarbeiter*innen» Analphabeten waren.
Die Sendung wurde schnell zu einem wichtigen Bezugspunkt für eine italienische Gemeinschaft, die in diesen ersten Jahren mehrheitlich aus jungen Männern bestand, die ohne ihre Familien ausgewandert waren. Das Radio lieferte grundlegende Informationen zu Politik, Nachrichten und Sport sowohl aus Italien als auch aus Deutschland. Aber «Buonasera collega» und später «Radio Colonia» waren vor allem die freundliche Stimme, über die man seinen Lieben in Italien Grüße schicken und ihnen ein Lied widmen konnte, sowie eine Hilfe, um kleinere oder große Alltagsprobleme, auch administrativer und bürokratischer Art, zu lösen.
Wie würden Sie das Verhältnis zwischen staatlicher Einflussnahme und redaktioneller Unabhängigkeit einschätzen im Hinblick auf das italienischsprachige Programm?
In dieser ersten Phase (60er- und frühe 70er-Jahre) war die Kontrolle sowohl durch die Leitung der deutschen Landesrundfunkanstalten, die Sendungen in italienischer Sprache produzierten, als auch durch die italienischen Konsularbehörden ziemlich streng. Die Nachrichten, insbesondere die politischen, wurden vor ihrer Ausstrahlung gefiltert und kontrolliert. Wie gesagt, wir befanden uns mitten im Kalten Krieg, und Deutschland und Italien standen auf derselben Seite des Atlantiks. In beiden Ländern war bei den Eliten die Angst vor dem Kommunismus weit verbreitet – Deutschland war durch den Eisernen Vorhang geteilt und in Italien gab es die stärkste Kommunistische Partei des Westens.
Die redaktionelle Arbeit der italienischen Journalist*innen von «Radio Colonia» und «Radio Monaco» beispielsweise wurde in diesen ersten Jahren, obwohl sie nominell unabhängig war, stets von einem deutschen Chefredakteur überwacht. Wenn der kein Italienisch verstand, ließ er die Manuskripte und Moderationen, die am Mikrofon vorgelesen werden sollten, übersetzen. Durch Vereinbarungen mit den konsularischen Vertretungen gelangten dann Informationen des öffentlich-rechtlichen italienischen Rundfunks RAI und der wichtigsten italienischen Presseagentur ANSA, die beide ausgesprochen antikommunistisch waren, in die Redaktion. Darüber hinaus führte der unterschiedliche Status des oder der deutschen Redakteur*in bzw. Aufseher*in als Festangestellte und der italienischen Journalist*innen als Freiberufler*innen ohne besondere vertragliche Garantien zu einem noch unausgewogeneren Machtverhältnis in den Redaktionen. Dieser Mechanismus der starken Kontrolle lockerte sich Ende der 1960er-Jahre allmählich und verschwand dann in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre fast vollständig, als die italienischen und anderen ausländischen Journalist*innen der «Gastarbeiter»-Sendungen ihre Vertragsposition verbessern und in einigen Fällen zu vollwertigen Redakteur*innen des WDR und anderer deutscher Rundfunk- und Fernsehanstalten werden konnten.
In ihrem 2008 veröffentlichten Buch «Radio Colonia. Lettere dal passato» haben Roberto Sala und Giovanna Massariello Merzagora Zuschriften von Hörer*innen versammelt. Diese machen deutlich, wie stark sich die damaligen «Gastarbeiter*innen» mit ihren Alltagsproblemen – wie Diskriminierung, Isolation, Trennung von der Familie – an die Radioredaktion wandten. Welche Bedeutungen hatten diese Zuschriften – etwa für die soziale Beratung oder als Ausdruck kollektiver Erfahrungen?
Die in dem Buch von Sala und Massariello Merzagora gesammelten Briefe geben einen äußerst interessanten Einblick in die italienische Gemeinschaft in Deutschland zwischen Mitte der 1960er- und Ende der 1970er-Jahre. Es ist bemerkenswert, wie sich in diesen oft ungrammatischen, naiven und bewegenden Zeilen Jahr für Jahr eine Veränderung der Themen und dringlichsten Anliegen der «Gastarbeiter*innen» manifestiert. Zu Beginn schrieben die Italiener*innen in Deutschland an «Radio Colonia», um Fälle von Diskriminierung am Arbeitsplatz oder in öffentlichen Einrichtungen anzuzeigen, um Hilfe bei Fragen rund um die Gesundheit, zum Beispiel Krankenversicherung, zu erbitten oder einfach um ihren Lieben in Italien ein Lied zu widmen.
Später, nach der Beendigung der Anwerbeabkommen 1973, änderten sich die Themen. Die Hilferufe und Beschwerden bezogen sich nun häufiger auf die schwierige Wohnungssuche oder die schulischen Probleme der Kinder. Denn in dieser Zeit holten viele «Gastarbeiter» – statt, wie gefordert, in ihre Heimatländer zurückzukehren – ihre Familien nach Deutschland. Dadurch bestand die italienische Gemeinschaft nicht mehr überwiegend aus alleinstehenden Männern mit einem befristeten Arbeitsvertrag. Viele italienische Familien entschieden sich für einen dauerhaften Umzug nach Deutschland, andere wiederum begründeten das Phänomen des «Pendelns» zwischen Deutschland und Italien: ein paar Jahre im Belpaese und ein paar Jahre nördlich der Alpen. Hinzu kamen die unvermeidlichen Schul- und Identitätsprobleme der minderjährigen Kinder.
Welche Themen standen im Mittelpunkt der Berichterstattung und wie haben sich diese inhaltlichen Schwerpunkte im Laufe der Zeit (bis heute) verändert?
Die Sendungen von «Radio Colonia» waren von Anfang an allgemeine Programme, in denen nach den aktuellen Nachrichten aus Politik und Wirtschaft auch immer Platz für leichtere Themen wie Sport und Musik war. Das eigentliche Highlight waren jedoch die Sozialrubriken, in denen Fragen beantwortet wurden, die in der Redaktion eingingen – zunächst per Post und später auch über direkte Anrufe ins Studio. Dabei ging es um Themen wie Arbeit, Rente, Familienbeihilfen, Leistungen der Krankenkasse, Arbeitslosigkeit und so weiter. In dieser Hinsicht ist die Rubrik «Le risposte dell՚esperto» («Die Antworten des Experten»), die fast 20 Jahre lang von unserem Kollegen Giacomo Maturi betreut wurde, ein außergewöhnliches Beispiel für öffentlichen Dienst und Hilfe für die Gemeinschaft. Maturi, Jurist mit Abschluss in Mailand, Sozialarbeiter bei der Caritas und später Angestellter bei Ford in Köln, war in den 1960er- und 1970er-Jahren eine Berühmtheit in der italienischen Gemeinschaft. In dieser Zeit erhielt er nach eigenen Angaben mehr als 50.000 Briefe mit Fragen und Hilfsersuchen von Landsleuten.
Auch heute – mehr als 60 Jahre nach der ersten Sendung in italienischer Sprache in Deutschland und obwohl das von uns betreute Produkt nicht mehr in erster Linie eine Radiosendung, sondern ein Podcast ist – gehören soziale Themen zu den von unserem Publikum am meisten nachgefragten. Jedes Mal, wenn sich COSMO italiano mit Renten, Krankenversicherung, Sozialleistungen, dem Schulsystem oder der Anerkennung von Bildungs- und Berufsabschlüssen befasst, sind wir sicher, dass wir vor allem das Interesse jener Italiener*innen wecken, die gerade erst nach Deutschland gezogen sind und weder die deutsche Sprache noch die deutsche Gesellschaft und ihre Institutionen gut kennen – und das sind jedes Jahr Tausende.
Gab es Bestrebungen, migrantische Perspektiven auch ins deutschsprachige Radioprogramm einzubringen?
Ja, fast von Anfang an bestand seitens der Kolleg*innen anderer Redaktionen Interesse daran, das Wissen und die Kompetenzen der italienischen Journalist*innen von «Radio Colonia» und anderer fremdsprachiger Redaktionen in ihren deutschsprachigen Programmen zu teilen. Einerseits, um die jeweiligen Herkunftsländer besser kennenzulernen, andererseits, um einen Überblick darüber zu bekommen, was in den verschiedenen Gruppen von Migrant*innen in Deutschland geschah. Die Journalist*innen von «Radio Colonia» und anderen fremdsprachigen Redaktionen übernahmen nach und nach die Rolle von Expert*innen für ihre jeweiligen Herkunftsgemeinschaften. Dies mündete Ende der 1990er-Jahre in das multikulturelle Programm des WDR Funkhaus Europa, dem Vorläufer des heutigen COSMO, in dessen Rahmen bis heute fremdsprachige Sendungen ausgestrahlt werden. Gegenwärtig berichten die Journalist:innen von COSMO italiano und den anderen acht fremdsprachigen Redaktionen nicht nur über ihre Podcasts und Facebook-Seiten, sondern stellen auch aktuelle Themen aus ihren «Communities» für ihre deutschen Kolleg:innen vom WDR und von der ARD bereit.
Welche Rolle spielen heute die sogenannten Euro-Mover für das italienischsprachige Programm auf COSMO?
Das Publikum unseres italienischen COSMO-Podcasts besteht heute größtenteils aus Italiener*innen, die vor Kurzem nach Deutschland gezogen sind und beabsichtigen, in den nächsten Jahren in diesem Land zu bleiben. In der Regel handelt es sich um Menschen mit einem guten Bildungsniveau und soliden Berufsaussichten, die jedoch die deutsche Sprache und die Gepflogenheiten in Deutschland noch nicht gut kennen. Auch wenn es sich in der Regel um Menschen mit ganz anderen Lebenserfahrungen, Ambitionen und Erwartungen handelt als die der «Gastarbeiter*innen» der 1960er- und 1970er-Jahre, ist es auch heute noch unsere Aufgabe – wie vor 50 oder 60 Jahren bei «Radio Colonia» –, unseren Landsleuten bei ihren ersten Schritten in Deutschland Orientierung zu geben. Darüber hinaus fungieren wir als kulturelle Brücke zwischen unseren beiden Ländern.
Neben den sogenannten Expats hören uns auch Italiener*innen, die sich seit Langem in Deutschland niedergelassen haben, einige der zweiten oder dritten Generation und auch viele Deutsche mit einer Leidenschaft für Italien und die italienische Sprache.
Eine abschließende Frage: Unserer Einschätzung nach ist es relativ still um die Italiener*innen aus der sogenannten Gastarbeiter*innen-Generation geworden. Was glauben Sie, warum ist dies so?
Ich denke, dass die Geschichte der «Gastarbeiter*innen» oft erzählt wurde – mehr oder weniger korrekt und ausführlich –, aber dass sie wenig mit den aktuellen Migrationsphänomenen in Europa und außerhalb Europas in Verbindung gebracht und verglichen wurde. Der Fehler seitens der Politik und der Medien besteht vielleicht darin, die Migration von damals als etwas Abgeschlossenes zu betrachten. Nicht umsonst greifen wir oft auf den Begriff «postmigrantisch» zurück, wenn wir unsere heutige Gesellschaft beschreiben. Allerdings handelt es sich meines Erachtens um ein unpassendes und irreführendes Adjektiv, das auf ein Phänomen hinzudeuten scheint, das den vergangenen Jahrzehnten angehört. Aber das ist nicht der Fall. Die Migration in Deutschland ist in ständiger Bewegung. Allein aus Italien kommen jedes Jahr Zehntausende Menschen hierher, ganz zu schweigen von den Hunderttausenden Kriegsflüchtlingen, Hungeropfern und Arbeitsmigrant*innen, die Jahr für Jahr aus dem Süden der Welt nach Europa kommen. Dabei wären gerade die Geschichten der «Gastarbeiter*innen», also die Erfahrungen derjenigen, die beispielsweise in den 1960er- und 1970er-Jahren aus Italien in ein Land auswanderten, das sich noch nicht als Einwanderungsland verstand, sehr nützlich, um die heutigen Ereignisse zu interpretieren. Die Geschichte der «Gastarbeiter*innen» zu kennen und die Art und Weise, wie damals mit diesem Phänomen umgegangen wurde, würde es vielleicht ermöglichen, ähnliche Fehler heute zu vermeiden. Dieser 70. Jahrestag ist meiner Meinung nach daher eine Gelegenheit, eine Geschichte von gestern mit Blick auf die Gegenwart zu erzählen.
