
Vor fünfzig Jahren, am 20. November 1975, starb Francisco Franco, der Diktator Spaniens. An die Macht gekommen war er durch den Putsch der Militärs im Jahre 1936. Der Sieg im anschließenden Bürgerkrieg war möglich geworden dank entscheidender Unterstützung durch Hitler und Mussolini, bei gleichzeitigem Wegschauen der westlichen Mächte. Durch geschicktes Manövrieren sollte es ihm nach 1945 gelingen, deren Schicksal zu entgehen und seine Herrschaft bis zu seinem Tod drei Jahrzehnte später zu sichern.
Doch damit wurde allerdings das schnelle Ende der Diktatur eingeläutet. Diese «transición» (Übergang) lief zwar nicht ganz so friedlich ab, wie sie im Nachhinein ausgegeben wurde. Francos in den dreißiger Jahren entstandene Diktatur war vor dem Hintergrund der Entwicklung in Westeuropa einfach veraltet geworden. Wenn auch stärker am griechischen Beispiel ausgerichtet, ist dazu erst kürzlich auf diesen Seiten anhand eines Konferenzberichts über die Ablösung der Diktaturen in Südeuropa Mitte der siebziger Jahre berichtet worden.
Reiner Tosstorff ist apl. Professor für Neueste und Zeitgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seine Arbeitsgebiete sind spanische Sozialgeschichte und Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung (Kommunismusgeschichte, internationale Gewerkschaftsbewegung).
Doch die nachfrankistische Entwicklung mit ihren Defiziten soll hier nicht das zentrale Thema sein. Im Folgenden sollen die Diktatur Francos, sein Herrschaftssystem und seine Rolle in Europa über die Jahrzehnte hinweg im Mittelpunkt stehen. Dies geschieht auch unter Heranziehung zweier neuer Biographien, die rechtzeitig zum Jahrestag seines Todes erschienen sind (siehe Hinweis unten).
Die Vorgeschichte
Die spanische Monarchie, einstmals die erste europäische Kolonial-Großmacht, hatte mit den Einnahmen daraus im Land selbst viele Entwicklungsprozesse versäumt, was nach dem Verlust fast aller Kolonien im 19. Jahrhundert zu zahlreichen inneren Krisen und Konflikten führte. Erst mit der Durchsetzung der Republik im Jahre 1931 schien die Inangriffnahme grundlegender Veränderungen möglich. Doch auf den Aufschwung der sozialen Bewegungen reagierten die herrschenden Kreise aus Großgrundbesitzern, Unternehmern wie auch der katholische Kirche mit offener Ablehnung. Große Teile des Militärs träumten noch immer von einer erneuerten Kolonialherrschaft, diesmal im Norden Marokkos. Auch angesichts der allgemeinen Situation in Europa, die seit der Errichtung der Nazi-Diktatur im Jahre 1933 auf einen neuen Krieg hin orientierte, begann nun die Vorbereitung eines Militärputsches gegen die Republik, die nach dem Wahlsieg eines Linksbündnisses im Februar 1936 («Volksfront») beschleunigt wurden. Es kam auch zu Absprachen mit dem faschistischen Italien.
So begann am 17. Juli der Putsch zunächst in Marokko. Anführer war dort der General Francisco Franco. Da er das schlagkräftigste Militär in Gestalt der Kolonialarmee kontrollierte, konnte er sich an die Spitze des Putsches setzen. Zumal es ihm aufgrund seiner Bekanntheit gelang die entscheidende deutsche Hilfe auf sich zu ziehen. Sie sollte, zusammen mit der aus Italien, die wesentliche Grundlage für den Sieg der Militärs stellen.
Franco war in den Jahren zuvor politisch nicht besonders aufgefallen. Sein «Renommee» war militärisch und basierte auf seiner Rolle in Marokko. Dass er allerdings mit der äußersten Rechten sympathisierte, war schon lange deutlich. Nun passte er sich ganz seinen faschistischen Verbündeten an. Spanien hatte vor dem Bürgerkrieg nur eine randständige faschistische Bewegung in Gestalt der «Falange» gekannt. Nun vereinigte er sie zusammen mit den Mitputschisten von der monarchistischen und katholischen Rechten zu einer Einheitspartei. Die Wiederherstellung der Monarchie, der er ja dann sein Amt hätte übergeben müssen, war deshalb gar nicht vorgesehen, auch wenn sich seine Herrschaft daran äußerlich orientierte. Er bevorzugte das faschistische Modell der persönlichen Herrschaft als «caudillo» (span. für Führer). Sie war mit der Staatspartei Falange mit ihm als alleinigem Chef unterfüttert. In ihr waren alle Strömungen seines Regimes nach einem bestimmten Proporz zusammengebunden. Doch die Staatspartei hatte nur Zustimmung zu geben. Francos wesentliche Stütze war das Militär. Hier konnte er über Postenverteilung Privilegien gewähren (oder notfalls auch entziehen), zumal das Militär auch viele Positionen in der Wirtschaft einnahm.
Als weiteres wichtiges Herrschaftsinstrument wurde nach dem Vorbild der «Deutschen Arbeitsfront» des NS-Staates schon 1938 ein staatliches, an die Stelle der verbotenen Gewerkschaften tretendes Syndikat eingerichtet, dem die Lohnabhängigen zwangsweise angehören mussten, wie auch in einem zweiten Zweig die Unternehmer. Ergänzt wurde das durch weitere Zwangsorganisationen wie für die Jugend, die Frauen und die Studentenschaft.
Die Bedeutung der katholischen Kirche
Ganz offen erklärte sich das Regime in dieser Anfangsphase nach dem Bürgerkrieg für «totalitär». Aufgrund seiner historischen Entstehungsbedingungen war die herausragende Rolle der katholischen Kirche allerdings ein ganz eigener Zug. Sie war mehr noch der «ideologische Staatsapparat», um den Ausdruck von Louis Althusser zu verwenden, der Erziehung und Moral sichern sollte. Weitgehend kontrollierte sie das Schulsystem und ebenso in der Zensur war der kirchliche Einfluss deutlich. Im Gegenzug mobilisierte die Kirche auch international für das Regime und sicherte somit seine Massenbasis mit. Zudem half Franco seine Nähe zur Kirche, um deren Gewicht bei den Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Strömungen des Regimes einzubringen.
Franco orientierte sich also für seine Herrschaft eindeutig an dem faschistischen Modell und pflegte deshalb ab 1939 die enge Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland und dem Italien Mussolinis. Zwar war Spanien im Gefolge der Zerstörungen durch den Bürgerkrieg nicht in der Lage, bei Beginn des Weltkriegs aktiv an deren beider Seite zu treten. Formal neutral, lieferte Spanien tatsächlich Rohstoffe (z. B. Wolfram für den Panzerstahl), half bei Nazi-Geheimdienstaktivitäten und gewährte sogar in den ersten Kriegsjahren Hilfe für die deutschen U-Boote. Da das Land aber nie offiziell Kriegspartei war, erlaubte dies Franco ab 1945, sich schnell zum Anschluss an den «Freien Westen» umzuorientieren. Auch wenn die blutigsten Herrschaftsmethoden bereits ab 1942/43 etwas gemildert worden waren, änderte dies nichts an der Aufrechterhaltung der Diktatur. Schließlich wurde das Regime in den fünfziger Jahren international rehabilitiert, beginnend von den USA, die wichtige Militärstützpunkte errichten konnten. Schließlich gab das Regime auch Ende der fünfziger Jahre die bis dahin verfolgte strikte Wirtschaftspolitik der «Autarkie», der ökonomischen Abschottung, auf und suchte die Nähe zu den boomenden Ländern der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (heute Europäische Union).
Der wirtschaftliche Anschluss an das kapitalistische Kerneuropa, der auch von massiver Arbeitsmigration insbesondere aus Südspanien begleitet war, wie parallel dazu das Land als Ziel des Massentourismus entdeckt wurde, führte allerdings zu sozialen Änderungen, die das Regime dann nicht mehr vollständig kontrollieren konnte, trotz der weiter aufrechterhaltenen Repression.
Eine neue Opposition fordert das Regime heraus
Seit Mitte der fünfziger Jahre hatte sich außerdem eine neue Opposition gebildet, nach der Vertreibung ins Exil im Jahre 1939 und der Zerschlagung der Überreste im Lande in den vierziger Jahren. Für die neue Generation, die ab Ende der fünfziger Jahre erwachsen wurde, war das Trauma der Niederlage und die Hungerjahre nach dem Krieg nicht mehr Teil ihrer direkte Erfahrung. So entwickelte sich zunächst an den Universitäten und dann in den vielen neuen Betrieben auch eine neue Opposition, die die staatlichen Zwangsorganisationen ablehnte. Insbesondere die neue Bewegung der «Arbeiterkommissionen» trat dabei hervor.
Franco, der sich angesichts seines Alters und schwächelnder Gesundheit ab den beginnenden sechziger Jahren aus dem «operativen» Regierungsgeschäft zurückzog, war nicht zur Aufgabe seiner Herrschaft bereit. Mit gelegentlichen vagen Ankündigungen von Reformen, aber bei sofortiger Repression, sobald sich auf der Straße irgendetwas regte, bereitete er die Fortführung des Regimes vor. Dabei konnte er auf viele unmittelbare Nutznießer in seinem direkten Umkreis bauen, die nicht zuletzt durch Korruption, eine seiner wichtigsten Herrschaftsmethoden, an das Regime gebunden waren.
Dennoch war offensichtlich, dass das Regime letztlich fallen müsste, denn nur dessen Ende würde die Eintrittskarte in das kapitalistische Westeuropa darstellen. Doch trotz der Formierung eines breiten politischen Oppositionsspektrums und wachsender Mobilisierung der Arbeiterschaft und der StudentInnen wurde die Blockade des Regimes erst durch den Tod des Diktators am 20. November 1975 aufgelöst. Auch angesichts der «Nelkenrevolution» 1974 in Portugal, die auf Spanien – so die Befürchtung der Regierenden im Westen – übergreifen könnte, setzte nun zumeist hinter den Kulissen ein komplizierter Prozess von Verhandlungen ein. Während auf den Straßen für die «Amnestie» für die politischen Gefangenen und für demokratische Freiheiten mobilisiert wurde, löste sich Francos Scheinparlament auf und es kam 1977 zur Wahl eines Parlaments zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung. Doch all dies geschah unter der Oberaufsicht des noch von Franco eingesetzten Monarchen Juan Carlos und des von diesem ernannten Regierungschefs Adolfo Suárez.
«Transición» statt Bruch
Es setzte nun ein komplizierter Prozess der Aushandlung einer neuen politischen Ordnung ein. Die linke Opposition hatte jahrelang den «Bruch» (ruptura) mit dem System der Diktatur als einzig denkbaren Weg zur Rückgewinnung demokratischer Verhältnisse gefordert. Davon blieb jetzt nicht allzu viel übrig. Bei allen Zugeständnissen, die die Regierung nun anbot, von Legalisierung der Parteien, von demokratischen Freiheiten, und zuallererst einer Amnestie, ging es für sie doch auch darum zu verhindern, dass die ökonomischen Eliten des Regimes wie auch deren jahrzehntelangen «Amtsträger» vor allem in Armee und Polizei zur Rechenschaft gezogen würden. Da gab die Opposition nach.
Natürlich darf man die Überwindung der Diktatur nicht gering schätzen. Doch war sie nicht einfach ein Gnadenerweis, sondern war jahrzehntelang unter großen Opfern erkämpft worden. Allerdings drohen die bei der konkreten Form nach 1975 erfolgten Defizite heute, angesichts einer neu erstandenen extremen Rechten zum Bumerang zu werden, wenn sie, wie aktuelle Meinungsumfragen bedeuten, große Teile insbesondere der Jugend in Spanien im erklärten Unwissen über die Franco-Diktatur, die nicht einmal Gegenstand des Schulunterrichts geworden ist, sie verklären.
Literaturhinweis:
Zwei aus Anlass des Jahrestags erschienene und empfehlenswerte Biographien setzen sich ausführlich mit der Person Francos wie auch dem System seiner Diktatur auseinander und weisen die von ihrer Propaganda verbreiteten Legenden zurück. Dabei finden sich dort auch viele hier aus Platzgründen nicht ausführbaren Aspekte. Etwa Francos Prägung durch den Kolonialkrieg, genaueres zu seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg (etwa als angeblicher Judenretter) und schließlich seine Rolle eines Alliierten für den «Freien Westen» im Kalten Krieg, die die Fortsetzung seiner Herrschaft ermöglichte.
Till Kössler: Franco. Der ewige Faschist. Eine Biografie, München 2025.
Carlos Collado Seidel: Franco. General - Diktator - Mythos, 2. erw. Auflage, Stuttgart 2025.

