
Die Kanarischen Inseln nehmen innerhalb der Europäischen Union als eine der bevölkerungsreichsten Regionen an der äußersten Randlage Europas eine besondere Stellung ein. Ihre geografische Lage, Umweltbedingungen, historischen Verbindungen und die offene Wirtschaftsstruktur machen den Archipel zu einem Ort von besonderer Bedeutung im Kontext internationaler Migration. Trotz dem schrittweise abnehmenden Bevölkerungswachstum und einer alternden Bevölkerung hat sich die Einwohner*innenzahl des Archipels in fünfzig Jahren auf rund 2,5 Millionen verdoppelt – hinzu kommen unzählige Tourist*innen und andere Personen, die sich dort temporär aufhalten.
Vicente Manuel Zapata Hernández ist Professor für Geografie und Raumplanung sowie Tourismus an der Universidad de La Laguna in San Cristóbal de La Laguna auf Teneriffa.
Mit jährlich über 15 Millionen Besucher*innen, hauptsächlich aus europäischen Ländern, insbesondere aus Großbritannien und Deutschland, ist der Archipel seit jeher ein bedeutendes Reiseziel. Gleichzeitig blickt die Region auf eine lange Geschichte internationaler Migration zurück: Mehr als jede*r fünfte Einwohner*in der Kanarischen Inseln wurde in einem anderen Land geboren. Communitys venezolanischen, kubanischen und italienischen Ursprungs sowie, in jüngerer Zeit, Gruppen aus China und Marokko tragen zur kulturellen Vielfalt eines traditionell diversen Raums bei.
Obgleich die Inseln an internationale Migration gewöhnt sind, ist seit Ende der 1990er Jahre ein deutlicher Anstieg der Zahl der Menschen zu beobachten, die mit kleinen, unsicheren Booten (Cayucos und Pateras) von der benachbarten westafrikanischen Küste aus versuchen, die Inseln zu erreichen. Diese sogenannte «Kanarenroute» oder «Atlantikroute» zählt inzwischen zu den aktivsten und zugleich gefährlichsten Migrationskorridoren Europas. Zwischen 1994 und 2024 wurden 250.970 Ankünfte aus Ländern wie Marokko und der Westsahara, Mauretanien, Senegal, Mali oder Gambia registriert (siehe Grafik).
In diesem Zeitraum gab es zwei besonders intensive Phasen: die «Cayuco-Krise» in den frühen 2000er-Jahren und die seit 2020 anhaltende Zunahme der Ankünfte. Allein zwischen 2020 und September 2025 erreichten 160.261 Menschen in 3.157 Booten den Archipel – das entspricht 60,8 Prozent aller registrierten Ankünfte seit 1994. Die Häfen der Gemeinde Arguineguín (Gran Canaria) wurden zum Symbol dieser zweiten Phase, deren Bilder überfüllter Boote und humanitärer Überforderung einen Wendepunkt markierten.
Chancen statt Krisen
Die offiziellen Statistiken bilden jedoch nicht das gesamte Ausmaß ab. Viele Menschen kommen auf der Überfahrt auf tragische Weise ums Leben: Schätzungen der IOM zufolge gab es im Jahr 2024 auf der Atlantikroute 1.361 Tote oder Vermisste. Die NGO Caminando Fronteras spricht gar von 9.757 Opfern. Abfahrten von weiter südlich gelegenen Orten sowie Fahrten weit hinaus ins Meer, um Küstenkontrollen zu umgehen, machen die Überfahrten immer gefährlicher. Trotz verstärkter Such-, Abfang- und Seenotrettungssysteme verschwinden weiterhin viele dieser Boote.
Die meisten Menschen, die über den Seeweg ankommen, verbleiben nicht lange auf dem Archipel und werden anschließend nach einem festgelegten Schlüssel auf das spanische Festland gebracht. Eine Ausnahme bilden unbegleitete Minderjährige, die unter die Obhut der Regionalregierung fallen. Im Februar 2025 waren mehr als 5.800 Minderjährige in 86 zu diesem Zweck eingerichteten Zentren untergebracht. Angesichts der Überlastung forderten die Behörden der Region von der Zentralregierung einen «Notfallplan zur Bewältigung der Migration», um eine gerechtere Verteilung auf alle Autonomen Gemeinschaften in Spanien zu erreichen. Auch wenn einige Regionen diesen Ansatz rechtlich angefochten haben, setzen die Kanarischen Inseln weiterhin auf Solidarität unter den Autonomen Gemeinschaften und eine geteilte Verantwortung für die Aufnahme von Migrant*innen und Geflüchteten.
Ein Gebiet mit solchen strukturellen Herausforderungen und einer hohen Bevölkerungsdichte wie die Kanaren lässt sich nicht auf die Funktion eines ‹Bollwerks› reduzieren.
Das Thema Migration dominiert stets die sozialen und politischen Debatten auf den Kanarischen Inseln. Während Hassrede in den sozialen Medien wächst, bleibt ein großer Teil der auf den Kanaren lebenden Menschen weiterhin solidarisch, sichtbar etwa auf El Hierro, einer der Inseln, wo am meisten Menschen ankamen. Politisch – mit Ausnahme ultra-konservativer bzw. rechtsextremer Kräfte – wurde das für den Archipel so wichtige Thema konstruktiv aufgegriffen. Es wurden mehrere Initiativen ins Leben gerufen, darunter der Migrationspakt der Kanarischen Inseln, das Immigrationsforum der Kanarischen Inseln sowie der Plan der Kanarischen Inseln für Immigration und interkulturelles Zusammenleben 2026–2029. Dieser als strategisches Planungsinstrument konzipierte Plan wurde in einem breiten partizipativen Prozess unter Einbeziehung von über tausend Personen aus allen Inseln entwickelt, die eine Rolle auf politischer, fachlicher und Community-Ebene einnehmen. Er verfolgt einen stark community-basierten Ansatz und umfasst mehr als fünfzig Maßnahmen, die nach Themenbereichen gegliedert sind. Ein Großteil der Informationen zu diesen Initiativen ist über die Website des Programms Canarias Convive zugänglich, eine der bedeutendsten Initiativen in dieser neuen Phase der Migrationssteuerung auf dem Archipel.
Teilhabe statt Ausschluss
Diese Projekte richten ihren Fokus auf die Bekämpfung von Diskriminierung, die Förderung des interkulturellen Zusammenlebens und die Stärkung sozialer Teilhabe – und stehen damit häufig im Widerspruch zu EU-Strategien in Grenzregionen wie den Kanarischen Inseln, die stark auf Abschottung setzen. Doch ein Gebiet mit solchen strukturellen Herausforderungen und einer hohen Bevölkerungsdichte wie die Kanaren lässt sich nicht auf die Funktion eines «Bollwerks» reduzieren.
Vor diesem Hintergrund ist ein Umdenken dringend notwendig. Die Ursachen der Migration über den Atlantik werden sich nicht einfach auflösen und sich vermutlich auch kurz- oder mittelfristig nicht abschwächen. Angesichts dieser Realität ist es dringend erforderlich, die Situation für die Mehrheit der Menschen, die in diesem Transitgebiet ankommen und von dort ihre Reise fortsetzen möchten, zu verbessern. Gleichzeitig gilt es jenen, die bleiben wollen, effektive Integrationsmöglichkeiten zu eröffnen.
Die Kanarischen Inseln bieten der Europäischen Union ein vielversprechendes Testfeld für eine humanere Migrations- und Asylpolitik, die die jeweilige strategische Rolle ihrer vielen Regionen ernst nimmt, insbesondere derjenigen, die zu den Grenzgebieten gehören und bereits über langjährige Erfahrung mit Migration verfügen. Da sich die bisherigen Maßnahmen als unzureichend erwiesen haben – mit hohen Belastungen für die Aufnahmegebiete sowie Leid und oftmals Tod von Migrant*innen – ist es Zeit für neue Ansätze. Diese sollten Fluchtursachen adressieren und einen neuen Ansatz für die Beziehungen zwischen Gebieten fördern, die historisch durch Migrationsbewegungen verbunden sind. Dabei sollte den Menschen, die bereits im Land sind, mehr Gehör und Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Die Kanarischen Inseln haben sich zu einem internationalen Referenzgebiet für das Verständnis und die Steuerung von Migration sowie für die Suche nach geeigneten Antworten auf die vielfältigen Herausforderungen entwickelt. Die aktuelle Lage zeigt, dass sie nicht nur eine Herausforderung darstellt, sondern in einer klugen und nachhaltigen Steuerung dieser Prozesse auch eine Chance steckt – für regionale Entwicklung und eine angemessene Antwort auf die demografischen Veränderungen einer alternden Bevölkerung.
Der Original-Beitrag in Spanisch und die Übersetzung in Englisch wurden im Oktober 2025 auf der Plattform Moving Cities veröffentlicht.


