Analyse | Rosalux International - Krieg / Frieden - Südasien Die Rückkehr der Schlangen

Der Konflikt zwischen Afghanistan und Pakistan gefährdet die Stabilität Südasiens

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Autorin

Britta Petersen,

Der indische Außenminister Subrahmanyam Jaishankar bei der Übergabe eines symbolischen Schlüssels, nachdem er dem afghanischen Außenminister Amir Khan Muttaqi Krankenwagen geschenkt hatte, Neu-Delhi, Indien, 10.9.2025.
«Erscheinen als merkwürdige Bettgenossen: die hindu-nationalistische indische Regierung und die islamischen Fundamentalisten aus Afghanistan. Doch die neue Romanze ist von Pragmatismus und strategischen Überlegungen getragen.» Der indische Außenminister Subrahmanyam Jaishankar bei der Übergabe eines symbolischen Schlüssels, nachdem er dem afghanischen Außenminister Amir Khan Muttaqi Krankenwagen geschenkt hatte, Neu-Delhi, Indien, 10.9.2025., Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited

Als die USA im August 2021 aus Afghanistan abzogen, war das Entsetzen im Westen ebenso groß wie scheinheilig. Die chaotischen Szenen am Flughafen von Kabul, als hunderte Menschen versuchten, in letzter Minute vor der Machtübernahme der Taliban zu fliehen, waren nicht vorgesehen, doch Verantwortung für das Chaos wollte niemand tragen. 

Pakistan war da ehrlicher. Afghanistan habe endlich «die Ketten der Sklaverei abgeworfen», so der damalige Ministerpräsident, Imran Khan. Sein Sonderbeauftragter Raoof Hasan sprach gar von einem «nahezu reibungslosen Übergang» von der «korrupten afghanischen Regierung» zu den Taliban. Schließlich hatte Islamabad seit Jahren auf einen Sieg der radikalislamischen Miliz gehofft und hingearbeitet. 

Britta Petersen leitet das Regionalbüro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi.

Seitdem hat sich viel geändert. Imran Khan sitzt seit 2023 wegen angeblicher Korruption im Gefängnis, und die pakistanische Armee besitzt derzeit die Oberhand in der Politik. Vom guten Verhältnis zu Kabul ist nicht viel übrig geblieben.

Im Oktober kam es zwischen beiden Ländern zu heftigen Gefechten. Pakistan flog Luftangriffe auf die afghanische Hauptstadt sowie auf die Städte Jalalabad, Khost und Paktika in den paschtunischen Grenzgebieten. Das Ziel war Noor Wali Mehsud, der Chef der pakistanischen Taliban (Tehrik-e-Taliban Pakistan, TTP) und ein international gesuchter Terrorist. Die TTP zeichnen für zahlreiche Attentate auf militärische und zivile Einrichtungen in Pakistan verantwortlich und verfolgen das Ziel, die Regierung in Islamabad zu stürzen, um einen islamischen Staat zu errichten.

Kabul hielt mit einer Reihe von Angriffen auf mehrere pakistanische Militärstützpunkte entlang der Grenze dagegen. Es folgten pakistanische Drohnenangriffe in Kandahar und Helmand, heftige Gefechte in der Nähe des afghanischen Grenzpostens Spin Boldak sowie pakistanische Luftangriffe auf Militärstützpunkte in Kabul und Kandahar. Nach zehn Tagen verkündete Katar, das zusammen mit der Türkei zwischen beiden Ländern vermittelt hatte, einen Waffenstillstand. Darin erklärt sich Kabul bereit, von weiterer Unterstützung der TTP abzusehen. Nach Angaben der United Nations Assistance Mission in Afghanistan (UNAMA) kamen bei den Auseinandersetzungen 37 Zivilist*innen ums Leben, 425 wurden verletzt.

Der Konflikt ist damit allerdings keineswegs erledigt. Im Gegenteil: Wenige Tage nach Bekanntgabe des Waffenstillstands distanzierten sich beide Seiten von dem Abkommen. Pakistans Informationsminister Attaullah Tarar sagte, die Gespräche hätten «keine tragfähige Lösung» ergeben. Verteidigungsminister Khawaja Asif meinte, die afghanische Seite sei «zurückgerudert», während aus Kabul zu hören war, dass Pakistan «unvernünftige Forderungen» gestellt habe. Überraschend ist das angesichts des engen Verhältnisses zwischen den pakistanischen Taliban und ihren Glaubensbrüdern in der Kabuler Regierung nicht. Weitere Auseinandersetzungen sind vorprogrammiert.

Der Rückzug der NATO-Truppen aus Afghanistan hat das unvollendete koloniale Erbe, die Teilung des indischen Subkontinents, erneut auf die regionale Agenda gesetzt. Da Indien in diesem Jahr mit seiner Annäherung an die Taliban eine Kehrtwende im Verhältnis zu Afghanistan vollzogen hat und nach dem Sturz von Bangladeschs Premierministerin Sheikh Hasina auch die Beziehungen zwischen Islamabad und Dhaka eine Neubewertung erfahren, werden die geostrategischen Karten in Südasien derzeit neu gemischt – mit ungewissem Ausgang.

Pakistanische Motive

Dazu ein kurzer Rückblick: Die Teilung Britisch-Indiens 1947 in ein damals (überwiegend hinduistisch geprägtes) säkulares Indien und ein muslimisches Pakistan schaffte eine unvollkommene neue Ordnung in Südasien, die sich schon 1971 mit dem Auseinanderbrechen Ost- und West-Pakistans in die unabhängigen Staaten Pakistan und Bangladesch auflöste. Nie geklärt wurde in diesem Zusammenhang auch das Verhältnis zwischen Afghanistan und Pakistan, zwei mehrheitlich muslimische Länder, die durch eine 2640 Kilometer lange Grenze voneinander getrennt sind: die sogenannte Durand-Linie, auf die sich Britisch-Indien und das damalige Emirat Afghanistan 1893 verständigt hatten.

Diese internationale Grenze wurde von den afghanischen Folgeregierungen seit 1947 nicht anerkannt, da sie durch zahlreiche paschtunische Stammesgebiete schneidet, die Afghanistan als Teil seiner nationalen Identität betrachtet. Pakistan sieht sich daher von Kabul potenziell in seiner Existenz bedroht. Dieser Umstand und das schwierige Verhältnis zu Indien führten dazu, dass Islamabad stets bestrebt war, in Afghanistan eine Pakistan-freundliche Regierung zu installieren. Nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan 1979 unterstützte man die US-Aktivitäten, die darauf zielten, mit Hilfe radikalislamischer Gruppierungen die Regierung in Kabul zu stürzen.

In dieser Zeit entwickelte Islamabad das Konzept der «strategischen Tiefe», das in Afghanistan einen Rückzugsraum für den Fall eines Krieges mit Indien sieht. Denn bis Afghanistan reichten die indischen Mittelstreckenraketen nicht. 

Gleichzeitig – und von Islamabad geflissentlich ignoriert – entwickelte sich aber auch Pakistan zum Rückzugsraum für verschiedene Gotteskrieger (Mudschaheddin) aus Afghanistan. Während Indien in der Zeit des afghanischen Bürgerkriegs die sogenannten Nordallianz unterstützte, hatte Pakistan gleich mehrere Eisen im Feuer, darunter Gulbuddin Hekmatyars Partei Hesb-e-Islami und später die Taliban. Während deren erster Regierungszeit (1996-2001) war Pakistan eines von nur drei Ländern weltweit, das ihre Regierung in Kabul anerkannte.

Als die USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington die Taliban aus Kabul vertrieben, verschwanden diese überwiegend einfach über die Durand-Linie nach Pakistan. In dieser Zeit entstanden auch die pakistanischen Taliban, die sich mit den afghanischen Taliban verbündeten, Kontakte zu Osama Bin Ladens Al-Qaida sowie dem Islamischen Staat Provinz Khorassan (ISPK) unterhalten und auf die Einrichtung eines islamischen Staats in der gesamten Region hinarbeiten.

Die Rolle Indiens

Angesichts ideologischer Nähe und enger ethnischer Beziehungen scheint es wenig wahrscheinlich, dass die Taliban in Afghanistan sich von ihren Brüdern in Pakistan lossagen. Sie verbindet nicht nur der paschtunische Ehrenkodex Paschtunwali, der unter anderem das Gastrecht über alles stellt, was bereits zuvor dazu geführt hatte, dass die Taliban in Afghanistan den Aufforderungen der USA zur Auslieferung Osama Bin Ladens nicht nachkamen.

Ideologisch berufen sich beide Gruppierungen auf die Deobandi-Bewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts in Britisch-Indien als Reaktion auf die Kolonialherrschaft entstand. Basis ist die vermeintliche Rückkehr zu einem orthodoxen, sunnitischen Islam mit Fokus auf der Hanafi-Rechtsschule des islamischen Rechts (Scharia). Sie strebte damals wie heute nach einer Wiederbelebung des Islam, um ausländische Einflüsse zu konterkarieren, und predigt den globalen Dschihad als heilige Pflicht der Muslime. 

Das Zentrum der Bewegung ist der Ort Deoband im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Dort befindet sich auch heute noch das Predigerseminar Darul Uloom Deoband, das ein wichtiges Zentrum islamischer Gelehrsamkeit ist. 2008 verkündete das Seminar eine Fatwa gegen jegliche Form des Terrorismus, was auch deshalb notwendig wurde, weil Indien damals zum Ziel islamistischer Terrorangriffe geworden war. Gesellschaftlich bleibt das Seminar erzkonservativ, wie beispielsweise eine Fatwa gegen die Einreise des Schriftstellers Salman Rushdie nach Indien zeigt. Frauen dürfen den Campus nur in Begleitung eines Mannes und verschleiert betreten.

Dessen ungeachtet hat Indien die afghanische Taliban-Regierung in der Vergangenheit nie anerkannt und stattdessen die Nordallianz unter Führung von Ahmad Schah Massoud unterstützt, die 2001 mit Hilfe der USA die Taliban zu Fall brachte. Doch die Zeiten haben sich geändert – und die strategischen Aussichten auch. Frei nach dem Motto «Der Feind meines Feindes ist mein Freund», macht Neu-Delhi sich inzwischen den Konflikt zwischen Pakistan und den Taliban zunutze und hofiert die afghanischen Herrscher. 

Zwar erscheinen die hindu-nationalistische Regierung von Premierminister Narendra Modi und die islamischen Fundamentalisten als merkwürdige Bettgenossen, doch die neue Romanze ist von Pragmatismus und strategischen Überlegungen getragen. Während Neu-Delhi sich der Tatsache stellt, dass es in Afghanistan derzeit keine Alternative zu den Taliban gibt, erhoffen sich die Taliban von Indien Entwicklungshilfe, Investitionen und mehr Unabhängigkeit von Pakistan.

Das neue Selbstbewusstsein der Taliban 

Mit Erfolg. Der Besuch des afghanischen Außenministers, Amir Khan Muttaqi, im Oktober in Delhi war für die Taliban ein Triumph. Seine Bilder mit Indiens Außenminister, S. Jaishankar, verleihen der Regierung in Kabul internationale Legitimität. Doch für Indien ist das ein gefährliches Spiel. Als die Taliban-Delegation Journalistinnen auf Basis des Geschlechts von einer Pressekonferenz in Delhi ausschloss, war die Empörung der indischen Medien zu Recht groß.

Ebenso problematisch erscheint der Besuch Muttaqis im Predigerseminar Darul Uloom Deoband. Dort wurde er mit großer Begeisterung empfangen. Indien mag sich von diesem Besuch erhoffen, dass die dort Lehrenden moderierend auf die Taliban einwirken, zumindest werden in Deoband Frauen nicht von Bildungseinrichtungen ausgeschlossen. Das macht die Deobandi-Ideologie aber kaum weniger radikal. Wie Kabir Taneja, stellvertretender Direktor des Strategic Studies Programme an der Observer Research Foundation (ORF), einem regierungsnahen Think-Tank in Neu-Delhi, bemerkt, hat der Besuch Muttaqis «ein delikates neues Kapitel» zwischen Indien und den neuen Machthabern in Afghanistan eröffnet.

Das ist eher vorsichtig formuliert. Dass während des Muttaqi-Besuchs der militärische Schlagabtausch zwischen Afghanistan und Pakistan begann, ist kein Zufall, sondern zeigt das neue Selbstbewusstsein der Taliban, die für vieles bekannt sind, aber nicht für Mäßigung. Neu-Delhi tut gut daran, sich an ein afghanisches Sprichwort zu erinnern, dass bisher immer in Richtung Pakistan zitiert wurde: «Wer sich Schlangen im Hinterhof hält, wird irgendwann selbst gebissen.» 

In Islamabad jedenfalls ist man entschlossen, der neuen Entwicklung nicht tatenlos zuzusehen. Nach einem Selbstmordanschlag Anfang November in der pakistanischen Hauptstadt, zu dem sich die pakistanischen Taliban bekannten, warf Premierminister Shebaz Sharif Indien vor, das Attentat «gestützt» zu haben. Verteidigungsminister Khawaja Asif ging noch einen Schritt weiter: «Wir sind bereit für einen Zwei-Fronten-Krieg mit Afghanistan und Indien.»