Hintergrund | Deutsche / Europäische Geschichte - Arbeit / Gewerkschaften - Westeuropa - 70 Jahre Italienische Migration Don Camillo und Peppone nördlich der Alpen

Italienische Institutionen und Vereine in Deutschland nach 1945

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Autorin

Edith Pichler,

Portrait von Edith Pichler
Edith Pichler, Politikwissenschaftlerin Quelle: Universität Potsdam

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der restriktiveren Emigrationspolitik des Faschismus wurden die Bewegungsfreiheit und der Schutz italienischer Arbeiterinnen und Arbeiter im Ausland in Artikel 35 der italienischen Verfassung verankert. Hinter dieser liberalen Haltung standen die wirtschaftlichen und sozialen Interessen der herrschenden politischen Klassen, die in der Migration eine Lösung für den schlechten Zustand der Wirtschaft und die hohe Arbeitslosenquote sahen. Außerdem war der italienische Staat unmittelbar nach dem Krieg mit Landbesetzungen in Süditalien konfrontiert, die durch repressive Maßnahmen unterdrückt wurden. Eine 1950 in die Wege geleitete, aber nur partiell durchgeführte Agrarreform konnte die «Südfrage» nicht lösen, sondern leitete stattdessen weitere Freisetzungsprozesse in der Landwirtschaft ein.

Edith Pichler arbeitet als Politikwissenschaftlerin am Centre for Citizenship, Social Pluralism and Religious Diversity der Universität Potsdam. Zu ihren Interessengebieten zählen Migration, Ethnizität, Sozialpolitik und Erinnerungskultur in Europa. Sie ist Mitglied des Rates für Migration.

Nachdem Migration als ein soziale Konflikte reduzierendes «Sicherheitsventil» erkannt worden war, begann die italienische Regierung, die Auswanderung öffentlich zu propagieren. Der damalige christdemokratische Ministerpräsident De Gasperi (1881-1954) richtete an die süditalienischen Bauern die Aufforderung: «Betretet wieder die Wege der Welt!» und «Lernt eine Sprache und geht ins Ausland!». So begannen schon 1952 auf Initiative Italiens die Verhandlungen mit Deutschland über die Anwerbung italienischer Arbeiter. Im Dezember 1955 kam es dann zur Unterzeichnung des Anwerbevertrags zwischen den beiden Staaten, der in den folgenden Jahren zur Einwanderung von tausenden Italienern führte.

Die Neuankömmlinge brachten ihre eigenen Lebenswelten und «Traditionen» aus Italien mit. Die in den Einwanderungsländern ebenso wie in Deutschland aktiven italienischen Organisationen spiegelten (und spiegeln) die Verhältnisse der italienischen Gesellschaft wider, die durch eine katholische und eine kommunistisch-sozialistische Kultur geprägt war. Beide Milieus waren in der italienischen Resistenza aktiv gewesen und leisteten nach 1945 einen wichtigen Beitrag zu der von ihrem Inhalt her ausgesprochen sozialen italienischen Verfassung. In dieser Konstellation lag es nahe, dass neben der Missione Cattolica auch italienische Parteien des linken Spektrums und die Gewerkschaften mit ihren Sozialdiensten sehr aktiv waren; von Bedeutung waren aber auch, wie wir sehen werden, landsmannschaftliche Vereine.

Das «Little Italy» der Organisationen

Nach Pierre Bourdieu ist das «soziale Kapital» die Gesamtheit der aktuellen und potenziellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen – Familien-, Freundes- und Kollegenkreise, aber auch Organisationsmitgliedschaften – erlangt werden können. Das soziale Kapital wird also über soziale Beziehungen (Netzwerke und Assoziationen) vermittelt. 

Durch die Auswanderung verloren die Migrantinnen und Migranten allerdings ihre eigenen sozialen Netzwerke, das heißt ihr soziales Kapital – sei es in der Verbindung zu familialen Netzwerken oder zu formellen und halb-formellen Institutionen –, und mussten es in Deutschland völlig neu aufbauen.

In der Bundesrepublik ist es, anders als beispielsweise bei der italienischen Community in Nordamerika, nicht zu einer starken Konzentration von Italienern in bestimmten Stadtvierteln und zur Bildung eines Little Italy gekommen. Allerdings kann man bei der Bildung und Präsenz italienischer Organisationen in Deutschland von der Entstehung einer «Ersatz-Little-Italy» sprechen, das heißt einer Diaspora der auch in Italien vorhandenen Institutionen.

Die erste Institution, die in den 1950er Jahren die Sozialberatung beziehungsweise die seelsorgerische Betreuung der italienischen Migranten übernahm, war die katholische Kirche durch den deutschen Caritasverband und die italienischen Missioni Cattoliche. Schon zu Beginn der großen Überseeauswanderung im 19. Jahrhundert hatte die katholische Kirche durch ihre Missionen die Betreuung der italienischen Emigranten übernommen, ganz besonders, wenn diese in protestantische Länder oder Regionen auswanderten und in Gefahr waren, von der protestantischen Umwelt beeinflusst zu werden (etwa durch ihr Heiratsverhalten). Zugleich befürchtete die Kirche, dass die Emigration Säkularisierungstendenzen und die Orientierung an sozialistischen Ideen begünstigten würde – und dass diese nach der Rückkehr auch in Italien verbreitet werden könnten. 

So entstand aus der Missioni Cattoliche heraus eine Vielzahl von Aktivitäten, die darauf abzielten, Immigrantinnen und Immigranten, die in materielle Nöte geraten waren, zu helfen, etwa bei der Suche einer Wohnung. Mit dem Auftreten schulischer Schwierigkeiten bei italienischen Migrantenkindern unterstützten die katholischen Missionen dann auch die Gründung der Federazione Associazioni Italiane degli Emigrati in Germania (FAIEG – Verbund der Vereine der italienischen Migranten in Deutschland). Die vorwiegend aus Eltern- und Familienvereinen zusammengesetzte Vereinigung, die als Grundlage eine christliche Lebensauffassung vertrat und sich politisch als pluralistisch verstand, entstand aus dem Bedürfnis der Eltern heraus; nicht zufällig befürwortete die FAIEG in der Bundesrepublik ein zweisprachiges Schulmodell.

Ab den 1960er Jahren wurden durch ihre Patronati (Sozialdienste) auch die italienischen Gewerkschaften und Arbeiterorganisationen tätig, die wiederum eine Differenzierung in christliche und kommunistisch-sozialistische Weltanschauung unter den Einwanderern zementierten. Besonders aktiv waren und sind die katholische Arbeitervereinigung ACLI beziehungsweise ACLI-Patronato, die der damaligen Kommunistischen Partei Italiens nahestehende Gewerkschaft CGIL beziehungsweise ihre Patronato INCA-CGIL, die seinerzeit mit dem Partito Socialista Italiano verbundene UIL mit der Patronato l’ITAL-UIL sowie die damals eher christdemokratisch orientierte CISL mit der INAS-CISL. ACLI und CGIL haben auch eigene Berufsbildungswerke (ACLI die ENAIP und CGIL die ECAP) betrieben, die Kurse zur Berufsbildung auch in den Einwanderungsländern organisierten.

Die italienischen Gewerkschaften und ihre Sozialdienste unterhielten (und unterhalten auch heute noch) Beziehungen zum Deutschen Gewerkschaftsbund und den Einzelgewerkschaften, während die ACLI vorwiegend mit der Caritas und der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) kooperiert. Nachdem auch die «Gastarbeiter» als Betriebsräte kandidieren durften, boten die deutschen Gewerkschaften für einige von ihnen eine erste Chance auf soziale Mobilität.

Die italienischen Parteien entdecken die Migranten

Als im Laufe der 1960er Jahre die italienischen Parteien die Migranten als Klientel für ihre Politik entdeckten, hörten diese auf, lediglich ein «Objekt der Hilfe» zu sein und wurden stattdessen zu einem «politischen Subjekt». Die italienischen Parteien eröffneten Auslandssektionen in der Bundesrepublik und gründeten eigene Organisationen, die die Interessen der Migranten vertreten und schützen sollten. Von den verschiedenen italienischen Parteien waren der Partito Comunista Italiano (PCI) und der Partito Socialista Italiano (PSI) besonders gut organisiert und aktiv. Beide Parteien unterhielten eigene Migrantenorganisationen: der PSI die 1970 gegründete Istituto Fernando Santi und der PCI die Federazione Italiana Lavoratori Emigrati e Famiglie (FILEF – Italienischer Dachverband Arbeitsmigranten und Familien). Letztere wurde Mitte der 1960er Jahre auf Initiative des Malers und Arztes Carlo Levi[1] und des linken, kalabrischen Intellektuellen Paolo Cinanni gegründet. Sie versteht sich als Organisation von Demokraten und Antifaschisten unterschiedlicher Couleur. Aktiv war allerdings auch der neofaschistische Movimento Sociale Italiano (MSI) mit seiner Migrantenorganisation Comitato Tricolore Italiani nel Mondo (CTIM). Die Partei besaß in Stuttgart einen eigenen Verlag und gab die Zeitung «Oltreconfine» heraus.

Allerdings war die Arbeit der Parteien, die in den Migranten potenzielle Wählerinnen und Wähler sahen, hauptsächlich darauf gerichtet, Stimmen für die italienischen Wahlen zu organisieren. Sie waren deshalb eher an der Beibehaltung der Kontakte nach Italien interessiert als an der Integration der sogenannten Gastarbeiter in die deutsche Gesellschaft. Gerade in jenen Jahren wurden in Italien große soziale und politische Kämpfe ausgetragen, die die Zukunft des Landes entscheidend prägten. In diesem Zusammenhang stellten die fünf Millionen Italiener, die im Ausland lebten, eine nicht zu vernachlässigende soziale Kraft und ein riesiges Wählerreservoir dar, auch wenn in Wirklichkeit nur wenige von ihnen – wie es das Wahlgesetz verlangt – zur Abstimmung nach Italien zurückkehrten. Insbesondere die der kommunistischen Partei nahestehenden Verbände organisierten anlässlich der Wahltermine sogenannte treni rossi (Rote Züge), um Wähler nach Italien zu bringen. Mittlerweile haben die ethno-politisch-sozialen Netzwerke aber an Bedeutung eingebüßt, auch aufgrund der politischen Umwälzungen in Italien Anfang der 90er Jahre, als einige Parteien (PCI, PSI, DC, MSI) verschwanden und neue Formationen (Lega Nord, AN, Berlusconis Parteien etc.) entstanden oder – wie der Partito Democratico (PD)[2] – ihre Arbeit mit neuer Ausrichtung und neuem Namen in neuer Form fortsetzten.

Landsmannschaftliche Vereine und wirtschaftliche Interessenverbände

Durch die jeweiligen Regionen wurden Anfang der 70er Jahren zahlreiche Circoli (Clubs) und Associazioni (Vereine) gegründet, deren Hauptmerkmal die gemeinsame regionale Herkunft der Mitglieder war. Die Konsularbehörden und die Kirche unterstützten die Gründung dieser Organisationen, da sie in ihnen ein Ventil für angestaute politische Spannungen und deren explosives Potenzial sahen. In der Bundesrepublik existieren neben den verschiedenen Circoli Sardi, Pugliesi, Siciliani, Calabresi auch Vereine, die weltweit aktiv sind, wie beispielsweise die Vereine Friulani nel Mondo (Verein der Friauler in der Welt), Trentini nel Mondo (Trientiner in der Welt) und Lucchesi nel Mondo (Lucchesi in der Welt), Associazione Emilia-Romagna, Siciliani nel Mondo, Sudtiroler in der Welt etc. Wichtige Aktivitätsfelder dieser landsmannschaftlichen Vereine sind Erholung, Sport und Folklore, wobei insbesondere Gruppen wie die Sarden und Friauler, die sich in Italien als eine ethnische Sprachgruppe verstehen, der Pflege der eigenen Sprache und Kultur eine große Bedeutung beimessen. 

Mit den Transformationen innerhalb der Community und der Wandlung der Zuwanderertypen in den letzten zwanzig Jahren haben sich auch die Betätigungsfelder dieser Vereine geändert; teilweise verschob sich ihr Schwerpunkt dabei in Richtung Kulturarbeit. In letzter Zeit werden diese Vereine aber auch zunehmend von den neuen Emigranten kontaktiert und konsultiert, die, wie in der Vergangenheit, aus wirtschaftlicher Not auswandern. Auch bei diesen Vereinen kann man aufgrund ihrer regionalen Provenienz und Geschichte eine Trennung in christliche oder laizistische Orientierung ausmachen: so etwa die landsmannschaftlichen Vereine, die aus Regionen wie Veneto, Trentino-Südtirol, Friaul-Julisch-Venetien oder Sizilien stammen, die nach 1945 jahrzehntelang von den Christdemokraten regiert wurden. Sie waren und sind eher christlich orientiert und im Dachverband Unione Nazionale Associazioni Immigrati ed Emmigrati (UNAIE – Nationaler Dachverband der Vereine von Emigranten und Immigranten) organisiert. Andere hingegen, die beispielsweise Regionen repräsentieren, die nach dem Krieg von PCI und PSI regiert wurden, wie die landsmannschaftlichen Vereine aus der Emilia-Romagna, sind vorwiegend laizistisch geprägt und bevorzugen eine Zusammenarbeit mit der FILEF.[3]

Mit der Entwicklung und Etablierung einer «italienischen Ökonomie» in der Bundesrepublik gründeten italienische Gewerbetreibende eigene Interessenverbände, die überregional und transnational agieren. So formten die italienischen Speiseeiskonditoren bereits Ende der 1960er Jahre einen eigenen Verband, die «Union der italienischen Speiseeiskonditoren» (UNITEIS) mit Sitz in Frankfurt am Main. Die UNITEIS organisiert jährlich eine Messe – die Mostra Internazionale del Gelato – in Longarone (Region Venetien) sowie Ausbildungskurse in Italien und Deutschland, die in Zusammenarbeit mit verschiedenen Handelskammern ausgerichtet werden.

Als Anfang der 1980er Jahre die Pionier- und Improvisationszeit der italienischen Gastronomie zu Ende ging und einige ihrer Probleme wie Qualifikation, Professionalisierung und Qualität zum Vorschein kamen, versuchten die italienischen Gastronomen, ihren Individualismus zu überwinden und gründeten mit Unterstützung des zum linken Flügel der Christdemokratischen Partei gehörenden Politikers Bartolo Ciccardini den Verein Ciao Italia. Hier kann man auch Unterschiede zwischen «traditionellen» und «alternativen» Gastronomen ziehen. Während «traditionelle» Gastronomen im weltweit aktiven Verband Ciao Italia organisiert sind, sind die «alternativen» in der aus der linken Kulturorganisation ARCI entstandenen Slow-Food-Bewegung zu finden. Diese versteht sich als internationales Netzwerk, deren Mitglieder nicht nur Italiener und Gastronomen sind.

Trotz der oben dargestellten politischen Spaltung war den Organisationen gemein, dass sie sich der Aufgabe einer Interessenvertretung der Emigranten verpflichtet sahen. Auf deren gemeinsame Initiative hin kam es 1985 mittels Gesetzreform zur Gründung der Comitato degli Italiani all’Estero (Com.It.Es.) als einer offiziellen Vertretung der Italiener im Ausland. Dieses vom Gesetz festgelegte «Miniparlament» wird von den italienischen Migranten vor Ort auf der Ebene der Konsular-Bezirke[4] gewählt, aber auch hier kann man Unterschiede hinsichtlich der Migrationsmuster und der Milieuzugehörigkeit beobachten.

Berlin und die italienische Linke

Zur Zeit der Teilung war West-Berlin Ziel von Personen, die von dem liberalen, offenen und avantgardistischen Klima der Stadt angezogen wurden. Berlin spielte aber auch eine wichtige politische Rolle: Als Symbol des Kalten Krieges, durch eine Mauer getrennt, stellte die Stadt bildhaft die Trennung zwischen den beiden Machtblöcken dar, die Churchill den «Eisernen Vorhang» genannt hatte. West-Berlin war eine Art Seismograph dessen, was sich auf der Ebene der internationalen Politik und der gesellschaftlichen Veränderungen abspielte. Diese Realität wirkte sich auch auf die Italo-Berliner aus. Die Stadt wurde so zu einem Aktionsfeld für die verschiedenen politischen Aktivisten «made in Italy».

Die nach Berlin eingewanderten italienischen Migrationsgruppen unterscheiden sich wesentlich von den italienischen Migrantinnen und Migranten in Westdeutschland, die vorwiegend Arbeitsmigranten waren. Die spezifischen politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Charakteristika der Zielorte und -regionen zogen verschiedene Typen von Migranten an, die mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen und Lebensstilen zur Entfaltung vielfältiger Aktivitäten innerhalb der Community und so zu deren Diversifizierung beigetrugen. Anhand von Beobachtungen hat die Autorin folgende Migrantentypen mit entsprechenden Milieus identifiziert: Pioniere, Arbeitsmigranten, Rebellen, Postmoderne und neue Mobile.

MigrantentypenOrganisationen
Die PioniereKatholische Mission (Circolo Cesare Orsenigo)
Die Arbeitsmigranten

Italienische Parteien (PCI/PSI/MSI)

Parteinahe Migrantenorganisationen (Filef/IstitutoSanti/Circolo Carlo Levi/CTIM)

Die Rebellen

Außerparlamentarische Linke (u.a. Lotta Continua)

Fraueninitiativen

Die Postmodernen Unabhängige Organisationen, oft mit (inter)kulturellem Charakter
Die MobilenVirtuelle Netzwerke

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hatten manche der in Berlin verbliebenen Italiener – meist ehemalige Zwangsarbeiter oder internierte Soldaten – ihre Familien zu sich geholt; sie können als die Pioniere der italienischen Immigration nach Berlin definiert werden. Italienische Arbeitsmigranten kamen erst Mitte der 1960er Jahre nach Berlin, häufig nach Zwischenaufenthalten in Westdeutschland. Die finanzielle Unterstützung, die der Berliner Senat für zuziehende Arbeitnehmer bereitstellte, und die so genannte Berlin-Zulage stellten auch für Italiener einen Anreiz dar. Die Entscheidung, in die große und anonyme Stadt Berlin zu ziehen, hatte auch für diese Gruppe eine abenteuerliche Komponente und kann als ein Zeichen der Unabhängigkeit bzw. Emanzipation interpretiert werden. Kurz: Man kam nach Berlin nicht nur aus ökonomischen Motiven, sondern auch aufgrund der Möglichkeiten, die die Stadt jungen Italienern aus der Provinz bot. 

Ende der 1960er und während der 1970er Jahre immigrierten dann die Rebellen – junge Italiener, darunter etliche Frauen, die sich als Studenten vom «Mythos Berlin» als einer Stadt der Studentenrevolte angezogen fühlten. Berlin war für sie der Gegenentwurf zur Enge der italienischen Provinz; hier konnten alternative Lebensweisen ausprobiert werden. In den 1980er Jahren war es der Mythos des Bezirks Kreuzberg, und hier vor allem die Hausbesetzerbewegung und die autonome Szene, die junge Italiener nach Berlin zog. Da sie in ihrer Lebensgestaltung flexibel sein wollten, verdienten sie ihren Lebensunterhalt durch Gelegenheitsjobs, gaben Italienischunterricht oder jobbten in Restaurants und Kneipen oder auch in alternativen Projekten.

Ab Anfang der 1980er Jahre lässt sich ein weiterer Migrantentypus erkennen, nämlich der Postmoderne: Junge Italienerinnen und Italiener, die – wie die Rebellen – häufig im Besitz eines großen kulturellen Kapitals sind. Sie sind die Initiatoren neuer Wirtschaftsaktivitäten, die, auch in traditionellen Sektoren wie der Gastronomie, innovative Charakteristika aufweisen. Nach der Vereinigung kamen dann italienische Freiberufler, Journalisten, Manager, Architekten, Bankdirektoren und andere mehr in die Stadt. Die neuen Austauschprogramme europäischer Universitäten (wie etwa das Erasmus-Programm) förderte dann die Zuwanderung der neuen Mobilen. 

Auch in Berlin waren seit den 1970er Jahren vor allem die traditionellen Parteien der italienischen Linken präsent. So organisierte beispielsweise der PCI seine Festa dell’Unità in der alten Mensa der Technischen Universität, einen geradezu «mythischen» Ort der Berliner Linken, in dem in den 1970er und 1980er Jahren viele Veranstaltungen und Konzerte von Gruppen aus dem Umfeld der Studentenbewegung stattfanden. Dadurch erhofften sich die Kommunisten, auch das Publikum aus dem studentischen Milieu zu erreichen und für ihre Politik gewinnen. Außerdem konnten sie auf diese Weise auch unter der – deutschen und nichtdeutschen – Bevölkerung Berlins für eine europäische linke Politik (Eurokommunismus) werben. Gerade in dieser Zeit faszinierte die italienische Linke viele Studenten und Intellektuelle, die die politische Entwicklung in Italien mit Interesse verfolgten und mit dem PCI in Deutschland einen direkten Ansprechpartner fanden. So entstanden auch in Berlin viele «multiethnische» Initiativen aus linken migrantischen und deutschen Organisationen und Aktivisten, darunter auch eine internationale Arbeitsgruppe der Jusos.

Weil die Kommunistische Partei Italiens sich auch aufgrund der Veränderungen innerhalb der kommunistischen Bewegung in Europa mit internen Kontroversen auseinandersetzen musste, konnte die Sozialistische Partei Italiens – auch aufgrund eines privilegierten Verhältnisses zur SPD – in Berlin eine wichtige Rolle im italienischen Vereinsleben erlangen. So war der PSI-Vertreter lange Jahre zugleich Präsident verschiedener Vertretungsorgane und leitete auch die Zeitschrift «Incontri – Zeitschrift für Italiener und Deutsche», die dem PSI nahestand. Mit dieser Zeitschrift konnte die Partei auch einen Kreis junger (italienischer und deutscher) Intellektueller um sich versammeln, die als mögliche Autoren an einer Zusammenarbeit interessiert waren. Dasselbe geschah mit dem Istituto Fernando Santi, das Forschungsprojekte über die Lage der italienischen Arbeiter in der Automobilindustrie und in der Gastronomie initiierte und förderte.

Der Circolo Carlo Levi in Berlin-Schöneberg: Migrantenvereine und Frauenorganisation

 Um Einfluss zu gewinnen, gründeten die Parteien, wie gesehen, weitere Migrantenvereine. Ein Beispiel hierfür ist der Anfang der 1970er Jahre von Mitgliedern des PCI gegründete Circolo Carlo Levi in Berlin-Schöneberg. Der Circolo verfügte über verschiedene Räumlichkeiten, darunter eine Kneipe, ein Veranstaltungsraum und eine Bibliothek mit italienischer Belletristik und wissenschaftlicher (vor allem geschichtswissenschaftlicher) Literatur, deren Ankauf durch einen Sonderfonds des Außenministeriums über das italienische Konsulat ermöglicht wurde. Ende der 1980er Jahre wurde für die Bibliothek Videotechnik angeschafft, so dass italienische Filme in Originalsprache gezeigt und auch sportliche Ereignisse gemeinsam verfolgt werden konnten.

Der Circolo Carlo Levi war Sitz des Migrantenvereins FILEF sowie des Frauenvereins Unione Donne Italiane (UDI); auch der PCI hielt hier Versammlungen und Parteitage ab. Außerhalb der Wochentage, an denen die eine oder andere dieser Organisationen abends ihre Besprechungen oder Sitzungen abhielt, hatte der Circolo gewöhnlich an den Wochenenden geöffnet. Aktivisten oder Sympathisanten der Partei und der Vereine teilten sich die Aufgabe, die Einrichtung betriebsfähig zu halten, also etwa einen regelmäßigen Küchendienst zu organisieren. Speisen und Getränke anzubieten, diente dabei nicht nur der Geselligkeit, sondern auch der Finanzierung des Circolo.

Besonders für allein lebende und ältere Migranten bedeuteten die Angebote des Circolo eine Möglichkeit, der Einsamkeit der Wochenenden zu entfliehen. Hier trafen sie Landsleute, konnten billiger essen als im Restaurant und bei einem Glas Wein Karten spielen. An manchen Wochenenden spielte jemand Ziehharmonika, und dazu wurden alte italienische Lieder und Volkslieder gesungen.

Die Geschichte des Circolo Carlo Levi steht in gewisser Weise zugleich für die Geschichte der Wandlung des PCI, der italienischen Community in Berlin sowie der Wandlung der Stadt selbst seit der Öffnung der Mauer im November 1989. Denn auch das Leben der linken italienischen Organisationen und insbesondere des PCI wurde von der Situation des geteilten Berlins, das als Symbol des kalten Krieges galt, beeinträchtigt. Gleichzeitig spiegeln die internen Konflikte und Richtungskämpfe unter den (und innerhalb der) politischen Organisationen die Auseinandersetzungen zwischen «traditionellen» und «importierten» Führungspersonen wider. 

Bis in die 1980er Jahre waren der PCI und die ihm nahestehenden Organisationen in Berlin bestimmt durch harte Auseinandersetzungen zwischen dem lange Zeit dominierenden «rechten» (moskautreuen) und einem «linksliberalen» Flügel, zu dem auch Mitglieder mit eher sozialdemokratischen Positionen gehörten. Der Öffnung der Berliner Mauer 1989 und die Ereignisse in den anderen realsozialistischen Ländern Mittel- und Osteuropas blieben schließlich nicht ohne Auswirkungen auf die italienischen Kommunisten. Die folgenden Diskussionen über die Zukunft der Partei führten in Italien wie auch in Berlin zur endgültigen Spaltung. Insgesamt bedeutete diese Entwicklung auch das langsame Aus für den Circolo Carlo Levi. Im Frühjahr 1993 musste die Einrichtung, die im Laufe der Jahre zu einer Institution innerhalb der italienischen Community geworden war, schließen.

Die beiden wichtigsten Organisationen, die seit den 1980er Jahren im Circolo residierten, waren die FILEF, die ab 1992 in Berlin personell wie inhaltlich starke Wandlungen durchmachte, und die Unione Donne Italiane a Berlino e.V. (UDI). Letztere war Mitte der 1980er Jahre als Verein eingetragen worden. Ihre Mitglieder waren Frauen von Arbeitsmigranten, die den Circolo besuchten, aber auch einige Italienerinnen, die aus anderen Motiven nach Berlin gekommen waren, und darüber hinaus deutsche oder ausländische Frauen, die mit Italienern verheiratet waren. Besonders die beiden letztgenannten Gruppen riefen verschiedene Aktivitäten ins Leben, während die erstgenannte Gruppe vor allem ihre Klientel und Zielgruppe darstellte. Die UDI veranstaltete etwa Näh- und Schwimmkurse, Seminare zu Gesundheitsfragen und Deutschkurse. Zu ihrer Tätigkeit gehörte auch Sozialarbeit, die für den Alltag von Migrantinnen wichtig war, etwa deren Begleitung bei Arztbesuchen oder zum Arbeitsamt. Da die Migrantinnen vielfach die deutsche Sprache nicht beherrschten oder sich in bürokratischen Details nicht auskannten, war diese «Dienstleistung» durchaus von Bedeutung. Mit finanzieller Unterstützung des Berliner Senats gab die UDI die Broschüre «Le donne dove a Berlino» über Fraueninitiativen und andere Institutionen in Berlin heraus.

Anfang 1990 beendete die UDI ihre Arbeit, nachdem auch hier Auseinandersetzungen zwischen «alten» und «neuen» Migrantinnen zu unlösbaren Problemen geführt hatten. Die jüngeren Migrantinnen suchten der Arbeit der UDI eine eher feministische, auf «Selbstfindung» (autocoscienza) orientierte Richtung zu geben und wollten zugleich vom Circolo in ein deutsches feministisches Frauenzentrum übersiedeln. Für die «älteren» UDI-Aktivistinnen war jedoch klar, dass die mit Mühe gewonnenen Immigrantinnen, für die bereits die Wahrnehmung der Angebote des Circolo einen Schritt hin zur Selbstständigkeit, ja einen Akt der «Befreiung» darstellte, sich sowohl aus sprachlichen Gründen als auch angesichts der Arroganz der «aufgeklärtend deutschen Feministinnen in einem deutschen Frauenzentrum nicht wohlfühlen konnten. Das führte dann auch dazu, dass die alte Klientel, die es gewohnt war, mit Männern und Kindern in den Circolo zu kommen, um dort Freunde zu treffen, und die mit «feministischer Selbstfindung» wenig anzufangen wusste, allmählich wegblieb.

Die Migrantenorganisation FILEF bot vor allem Beratung für Einwanderer an, etwa zum Thema Rente, und veranstaltete in Zusammenarbeit mit verschiedenen deutschen und italienischen Einrichtungen Seminare und Informationsabende. Auf diesen Veranstaltungen wurden nicht nur Themen behandelt, die für Einwanderer von Interesse waren – wie beispielsweise die Maßnahmen der verschiedenen Regionen in Italien zur Unterstützung und Eingliederung von Rückkehrern oder zum Wahlrecht für Ausländer –, sondern auch Fragen, die sich mit der Lage und Entwicklung des Einwanderungslandes beschäftigten. Als in der Bundesrepublik die Problematik der Atomenergie zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern führte, wurde dazu ein Informationsabend mit Experten und Politikern organisiert. Ein weiterer Informationsabend mit Gewerkschaftern und Angestellten des Arbeitsamtes beschäftigte sich Ende der 1980er Jahre mit der Arbeitsmarktsituation in Berlin und Deutschland. Ein weiteres Anliegen der FILEF war die Organisation von Festen und von Italien-Reisen für italienische Kinder und Jugendliche. Bei den Reisen wurde die FILEF von den zuständigen regionalen Behörden (vorwiegend in von PCI/PSI regierten Regionen wie Emilia-Romagna oder Toskana) und von verschiedenen Institutionen unterstützt, die ihnen Räumlichkeiten und Mittel für die Unterbringung und Verpflegung der Jugendlichen zur Verfügung stellten. Als Alternative zu dem eine Zeit lang vom Konsulat organisierten Weihnachtsfest für italienische Kinder oder ähnlichen christlichen Festen der Katholischen Mission veranstaltete die FILEF zusammen mit dem Circolo Carlo Levi Kinderfeste zum Karneval. 

Die italienische APO in Berlin

Berlin war, wie bereits erwähnt, die Stadt der Studentenbewegung, der außerparlamentarischen Opposition. Johannes Agnoli (1925-2003), ein aus Pieve di Cadore stammender Professor italienischer Abstammung, war zunächst Assistent und dann Professor für politische Theorie am legendären Otto-Suhr-Institut der Freien Universität. Er hatte 1967, zusammen mit Peter Brückner, mit «Transformation der Demokratie» den vielleicht wichtigsten Text der Bewegung verfasst. Agnoli war zu dieser Zeit auch einer der Gründer des Republikanischen Clubs (RC), in dessen Kreis die «Union der fortschrittlichen italienischen Emigranten» mit der Arbeitsgruppe Berlin-Wolfsburg initiiert wurde, die die Zeitung «L’emigrante in Lotta» (Der Migrant im Kampf) herausgab. Für diese «kämpfenden Migranten» gab der radikale Professor Kurse in politischer Ökonomie und Marxismus an der Technischen Universität. An den Wochenenden fuhr die Gruppe, bestehend aus italienischen Arbeitern und Studenten sowie deutschen «Genossen», nach Wolfsburg, in die Stadt der Volkswagenwerke, um unter den italienischen Arbeitern, von denen viele noch in Baracken lebten, zu agitieren und zu organisieren.

Es gab auch einige junge Leute, die bereits in Italien in Gruppen der außerparlamentarischen Linken aktiv waren (wie etwa Lotta Continua oder Democrazia Proletaria) und die sich von der Berliner Industrie anwerben ließen, um in die Stadt der «Studenten-Revolte» zu gelangen. Mitte der 1970er Jahre gründeten einige von ihnen ein Casa di Cultura Popolare (Haus der Populären Kultur) mit dem Ziel, die «andere», linksalternative Kultur durch verschiedene Aktivitäten und politisch-kulturelle Arbeit unter Einwanderern und deutschen Freunden zu verbreiten und zu pflegen. 1976 folgte die Rockgruppe Gli Straccioni (Die Lumpen), die bei Veranstaltungen linker Gruppen auftrat, beispielsweise in der alten Mensa der Technischen Universität. Ein paar Leute aus diesem linken Milieu eröffneten Ende der 1970er Jahren die legendäre Osteria Nr. 1 in Kreuzberg, den damaligen Treffpunkt der alternativen und multinationalen Linken.

Resümee

Mit der Einwanderung italienischer Migrantinnen und Migranten wurden auch in Deutschland italienische Organisationen aktiv, die vorwiegend die soziokulturellen und politischen Verhältnisse der italienischen Gesellschaft widerspiegelten: katholische Organisationen, linke Parteien, Gewerkschaften und landsmannschaftliche Vereine. Trotz der ideologischen Differenzen kam es in den 1980er Jahren auf Initiative all dieser Organisationen mit der Konstitution der Comitati Italiani all’Estero (Italienische Komitees im Ausland) zu einer «Institutionalisierung» der Repräsentanz italienischer Migranten. Andererseits kann man bei den neuen Einwanderinnen und Einwanderern neue Formen des sozialen Engagements beobachten; sie haben eigene Initiativen ergriffen und andere, ihren sozialen und kulturellen Bedürfnissen und Interessen mehr entsprechende Einrichtungen oder lockere Zusammenschlüsse gegründet, die häufig mit Gruppen aus anderen Herkunftskulturen interagieren. Diese Vereine haben als Zielgruppe nicht nur die eigene ethnische Gruppe, sondern sind in ihren Aktivitäten eher milieuorientiert. Dies illustriert, dass die italienische Community in Deutschland eine Pluralisierung der Milieus erfahren hat – was zugleich bedeutet, dass sie nicht mehr so stark in Don Camillos und Peppones zu unterscheiden ist.
 

Dieser Text ist aus: Albert Scharenberg (Hrsg.): Der lange Marsch der Migration. Die Anfänge migrantischer Selbstorganisation im Nachkriegsdeutschland, Rosa-Luxemburg-Stiftung 2020, www.rosalux.de/publikation/id/42906.


[1] Carlo Levi wurde während des Faschismus als Antifaschist nach Lukanien verbannt. Dort entstand auch sein Roman «Christus kam nur bis Eboli».

[2] Der Partito Democratico ist eine Mitte-Links-Partei, die 2007 von Ex-Mitgliedern der PCI, der Democrazia Cristiana (DC), der Partito Socialista u.a. gegründet wurde. 

[3] Interview am 18.12.2019 mit Aldo Degaudenz, langjähriger Politiker in Trentino-Südtirol, ehemaliger Senator der Italienischen Republik und Mitglied im Direktorium der Trentini nel Mondo

[4] Die Festlegung der Wahlkreise erfolgt über die Konsular-Bezirke; in Deutschland gibt es aufgrund der Migrationsgeschichte mehrere italienische Konsulate, die jeweils für ein bestimmtes Gebiet zuständig sind. Diese Gebiete bilden den Wahlkreis; so ist beispielsweise das Konsulat Berlin zuständig für Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.