Analyse | Wirtschafts- / Sozialpolitik - Rosalux International - Südasien - Südostasien Südkoreanische Zwickmühle

Die Regierung Lee zwischen wirtschaftlicher Abhängigkeit von China und sicherheitspolitischer Dependenz von den USA. Von Canan Kus

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Canan Kus,

Ökonomische Schadensbegrenzung: Südkoreas Präsident Lee Jae-myung versucht China wieder enger an Südkorea zu binden. APEC-Gipfel in Gyeongju, Südkorea, 2. November 2025.Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire

Seit Ende September hat Südkorea seine Grenzen ein Stück weiter geöffnet: Nun dürfen drei oder mehr Personen aus der Volksrepublik China visafrei ins Land einreisen. Dieses neue Modell der Einreise gilt nur für organisierte oder gemeinsam reisende Touristengruppen. Für die meisten Reisenden markiert die Einreise nur den Beginn ihres Urlaubs; für die Regierung hingegen handelt es sich um ein wichtiges politisches Signal. Es ist das erste Mal seit den Olympischen Winterspielen 2018, dass Seoul eine solche Regelung ermöglicht.

Canan Kus arbeitet im Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in der chinesischen Hauptstadt Beijing.

Damals diente die Visafreiheit als freundliche Geste, als Einladung an die Nachbarschaft. Heute, sieben Jahre später, steht dieselbe Maßnahme in einem anderen Licht. Sie reagiert auf die Entscheidung Chinas vom November 2024, Südkoreaner*innen visafrei für bis zu dreißig Tage einreisen zu lassen.

Es ist ein Tauschgeschäft, das ökonomisches Interesse und politische Geste miteinander verknüpft. Offiziell soll das Programm den Tourismus beleben und die angeschlagene Binnenwirtschaft stützen. Aber in der koreanischen Gesellschaft liest niemand die visafreie Einreise für chinesische Touristengruppen als bloße Konjunkturpolitik, berührt sie doch die Frage, wohin sich das Land im Spannungsfeld der Großmächte bewegen will.

APEC-Gipfel in Gyeongju

Und in der internationalen Arena stand Südkorea zuletzt im Rampenlicht. Ende Oktober richteten Präsident Lee Jae-myung und seine Regierung in Gyeongju, dem historischen Zentrum des alten Königreichs Silla, den Gipfel der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftskooperation (APEC) aus. Der Gipfel, dessen Motto dieses Jahr «Building a Sustainable Tomorrow» lautete, fand inmitten sich global verschärfender Handelsstreitigkeiten, fragiler Lieferketten und wachsenden technologischen Wettbewerbs statt. Die sogenannte Gyeongju-Deklaration, das Abschlusspapier des Gipfels, bekräftigte die «Putrajaya Vision 2040», die auf stärkere digitale Integration, Förderung von Innovationen, resilientere Infrastruktur sowie Unterstützung kleiner und mittlerer 

Für die meisten Delegationen ist dies Routine. Für Südkorea hingegen war es eine Gelegenheit, sich zu profilieren, um seine wirtschaftliche Position und sein diplomatisches Gewicht in der Region zu festigen. Symbolpolitisch passend wurden daher sowohl Xi Jinping als auch Donald Trump nach Gyeongju eingeladen.

Die Debatte um visafreie Einreise ist lediglich der sichtbare Teil eines viel tiefer gehenden Konflikts. Lees Politik geht davon aus, dass wirtschaftliche Abhängigkeit nicht einfach durch sicherheitspolitische Loyalität aufgehoben werden kann.

Auch diplomatische Gesten verdeutlichten, wie die neue Regierung ihre Rolle zu inszenieren suchte. So wurde Trump am Rande des APEC-Gipfels eine Nachbildung der goldenen Krone aus der Silla-Zeit als Geschenk überreicht. Die aus dem 4. bis 6. Jahrhundert stammende Krone ist eine Art mythischer Gegenstand, ihr Gebrauch bis heute ungeklärt. In den sozialen Netzwerken wurde deshalb wild über eine heimliche Botschaft der Gabe spekuliert. Diplomatisch interpretiert, sollte sie allerdings wohl der Inszenierung politischer Stabilität dienen. Schließlich steht die Silla-Dynastie bis heute primär für zwei Dinge: die politische Einigung der Halbinsel und die weitreichenden Handelsströme bis nach Eurasien.

Handel mit China, Sicherheit mit den USA?

Die genannten diplomatischen Gesten, von der Visafreiheit für Gruppenreisen gegenüber China bis zum APEC-Gipfel, lassen erkennen, welchen Kurs die neue Regierung unter Lee einschlägt. In offiziellen Mitteilungen wurde betont, dass Xis Aufenthalt neben dem Gipfel auch einen kurzen Staatsbesuch beinhalte. Konkrete Themen wurden indes nur allgemein umschrieben, Details zu Handel, Lieferketten und den vorangegangenen Gesprächen am Rande des Gipfels der Vereinigung Südostasiatischer Nationen (ASEAN) in Malaysia nicht angesprochen.

Der Kurs der Lee-Regierung ist ein «doppelter Pragmatismus»: Handel mit China und Sicherheitspolitik mit den USA. Doch die Gesten der Annäherung, die auf internationaler Bühne als Zeichen souveräner Außenpolitik gelten, erscheinen im Inneren vielen als Ausdruck einer Abhängigkeit von China. Lees Pragmatismus trifft in der südkoreanischen Gesellschaft auf eine Stimmung, die weder pragmatisch noch geduldig ist – insbesondere bei den Regierungsgegner*innen. Im Herbst versammelten sich immer wieder Demonstrierende vor Regierungsgebäuden und in den Gassen rund um die alten Paläste. Ihre Plakate kritisierten den Besuch des chinesischen Präsidenten, doch ihre Wut richtete sich vor allem gegen die eigene Regierung.

Auffällig ist, wer dort protestiert: Es handelt sich nämlich überwiegend um ältere, konservative Männer aus dem Umfeld der nach einem Putschversuch gestürzten Yoon-Regierung. Es sind Gruppen, die bereits in der Vergangenheit mobilisiert wurden, wenn es um proamerikanische Solidarität, antichinesische Stimmungen und nationalkonservative Anliegen ging. Daneben mischen sich kleinere religiöse Vereinigungen, Veteranenverbände und ultrarechte Aktivist*innen ein. Der Protest erscheint als ein chaotischer Mix aus Nationalismus und Angst vor chinesischer Einflussnahme. Manche richten ihren Ärger gegen chinesische Tourist*innen, andere direkt gegen die politische Linie Lees.

Wirtschaftspolitische Imperative

Dass chinesische Reisegruppen wieder durch Seoul oder Busan ziehen, ist nur der sichtbarste Ausdruck einer wirtschaftlich längst fest verankerten Entwicklung. Viele Kritiker*innen sehen in der Rückkehr der Besucher*innen nicht nur touristischen Alltag, sondern ein Anzeichen dafür, dass die wirtschaftliche Schwerkraft in der Region sich immer weiter in Richtung China verlagert. Im Netz teilen Regierungsgegner*innen ihre Sorge, dass die Visa-Freiheit lediglich der Anfang einer viel tieferen Abhängigkeit sei.

Oft übersehen wird dabei, dass Südkorea wirtschaftlich schon immer eng mit China verflochten war. Das Reich der Mitte ist nach wie vor der wichtigste Absatzmarkt und zugleich die größte Bezugsquelle für Vorprodukte, Elektronik und Konsumgüter. Diese doppelte Abhängigkeit war für Südkorea über Jahrzehnte hinweg überaus profitabel. Das Land erzielte seit 1992 einen Handelsüberschuss mit China, in erster Linie, weil es Technologie, Maschinen und Halbleiter exportierte und im Gegenzug Rohstoffe und Zwischenprodukte einführte. Südkorea importierte 2024 Waren im Wert von 139,9 Mrd. US-Dollar aus China – doch die Gezeitenwende fand bereits im Jahr zuvor statt, als das Land erstmals seit über drei Jahrzehnten ein Handelsdefizit mit China in Höhe von 17,5 Mrd. US-Dollar verzeichnete. Denn heute produziert Chinas Industrie ebenjene Güter, mit denen Südkorea einst selbst reüssierte: Batterien, Chips, Konsumelektronik. Die Gezeitenwende belegt, dass China jene Wertschöpfungsketten, die einst Südkoreas Exportwunder trugen, inzwischen selbst beherrscht. Die chinesische Industrie produziert Halbleiter, Batterien und Displays in immer besserer Qualität – und zu niedrigeren Kosten. Kurz: Produkte, die einst aus Südkorea kamen, werden jetzt in China hergestellt.

Hinzu kommt die politische Dimension: Die Regierung des konservativen Präsidenten Yoon Suk-Yeol ließ durch ihre einseitige Ausrichtung auf die USA den Dialog mit China abkühlen. Lee Jae-myung erbte daher einen stagnierenden Exportsektor, eine nachlassende Binnennachfrage und einbrechende Verkäufe auf dem wichtigsten Absatzmarkt.

Lees Kurs, China wieder enger an Südkorea zu binden, muss also vor dem Hintergrund einer ökonomischen Schadensbegrenzung gelesen werden. Konsum und Tourismus sind ein guter Weg, Vertrauen zu schaffen. Man kann von der «Belebung des Binnenmarktes» sprechen, aber es geht eben auch um die Wiederbelebung des chinesischen Kapitalflusses, der für Südkoreas Wachstumsmodell unverzichtbar bleibt.

Zwischen Washington und Beijing

Im Oktober 2025 verkündeten Trump und Lee eine Handelsvereinbarung, wonach Südkorea massiv in die USA investieren soll und im Gegenzug Zollerleichterungen erhält. Auch dieser Deal illustriert, dass die neue Regierung versucht, einen Kurs zwischen Washington und Beijing zu finden, ohne sich unwiderruflich auf eine Seite zu schlagen. Der Streit um Visa-Erleichterungen und bilaterale Gipfelmomente sind deshalb keine isolierten Ereignisse, sondern Teil einer umfassenderen Strategie, bei der es um Souveränität und Sicherheit geht – und damit zugleich um die Frage, welchen Platz Südkorea in einer Welt einnimmt, die sich wieder in Einflusssphären und Blöcke zu teilen scheint.

Dieser Zusammenhang illustriert, dass Südkorea in einer Zwickmühle steckt, in der wirtschaftliche Abhängigkeiten, sicherheitspolitische Verpflichtungen und gesellschaftliche Erwartungen kaum mehr miteinander vereinbar sind. Innenpolitisch prallen Misstrauen, ökonomische Sorgen und geopolitische Ängste aufeinander. Außenpolitisch wiederum bleibt der Versuch, die (Handels-)Beziehungen mit China zu verbessern, ohne das Bündnis mit den USA zu gefährden, ein fragiles Unterfangen.

Die Debatte um visafreie Einreise für Touristengruppen ist deshalb lediglich der sichtbare Teil eines viel tiefer gehenden Konflikts. Lees Politik geht davon aus, dass wirtschaftliche Abhängigkeit nicht einfach durch sicherheitspolitische Loyalität aufgehoben werden kann. Wenn die Regierung heute versucht, sich mit den beiden führenden – und immer mehr in Konkurrenz zueinander stehenden – Mächten zu arrangieren, dann zeigt dies vor allem, dass ein mittelgroßes Land, dessen Wohlstand auf Exportabhängigkeit und technologischer Verflechtung beruht, wirtschafts- und außenpolitisch nur relativ geringe Handlungsspielräume besitzt.

Gerade in diesem Spannungsfeld wird sichtbar, dass der Blick darauf gerichtet werden muss, wer im Land die Folgen dieser Gratwanderung trägt. Es sind nämlich nicht jene, die Gipfel eröffnen oder goldene Kronen überreichen. Betroffen sind vielmehr jene, deren Alltag direkt an die globale Konjunktur gekoppelt ist: Beschäftigte in industriellen Zentren, migrantische Arbeitskräfte mit unsicheren Verträgen, kleine Händler*innen, deren Einkommen von Schwankungen im Tourismus abhängt, und junge Menschen, deren Zukunftschancen immer stärker vom wirtschafts- und sicherheitspolitischen Wetterleuchten zwischen den Großmächten bestimmt werden.