
Im Iran, wo der Zugang zum Internet staatlich reguliert wird und digitale Inhalte immer strengeren Beschränkungen unterliegen, haben Mädchen und junge Frauen in der Künstlichen Intelligenz (KI) ein neues Sprachrohr und Ventil für den Widerstand gefunden.
Seit Beginn der «Frau, Leben, Freiheit»-Bewegung nach dem Tod der jungen Mahsa Amini im Jahr 2022 hat sich die Realität des Konfrontation zwischen Staat und Gesellschaft gewandelt. Soziale Medien reichen als Plattform nicht mehr aus, da die staatliche Überwachung strenger und die Zensurmaßnahmen komplexer geworden sind.
Ghady Kandil ist Leiterin der Abteilung für Iranistik am Arab-Eurasian Studies Center.
Vor diesem Hintergrund trat KI auf den Plan, mit deren Hilfe Inhalte schneller produziert und überzeugendere Bilder und Botschaften generiert werden können, die zugleich die sprachliche Zensur umgehen. Somit wurde die Technologie zu einer Art digitaler Waffe in den Händen junger Frauen, die sich gegen auferlegte Beschränkungen wehren wollen.
Wer führt den Kampf an?
Die Generation Z hat in KI-Tools ein neues Medium für ihre Forderungen gefunden. Was als persönliches Experiment mit automatischer Übersetzung oder der Erstellung künstlerischer Bilder begann, entwickelte sich schnell zu einem Raum für digitalen Widerstand und zu einem einzigartigen Schnittpunkt zwischen Technologie und Politik. «Wenn ich ein virtuelles Bild ohne Hidschab entwerfe, habe ich das Gefühl, einen Moment der Freiheit zu erleben», erzählt eine 20-jährige Ingenieurstudentin aus Maschhad, die anonym bleiben möchte, dem Portal Raseef22. Die 25-jährige Jurastudentin Zahra aus Teheran berichtet, dass diese Erfahrungen nicht auf den virtuellen Bereich beschränkt blieben, sondern ihr auch im Umgang mit ihrer Familie mehr Selbstvertrauen gaben. KI ermöglichte es ihr, das auszudrücken, was sie im realen Leben nicht zum Ausdruck bringen konnte.
Bemerkenswert ist auch, dass iranische junge Frauen KI auf andere Weise einsetzen als ihre männlichen Altersgenossen. Während einige junge Männer technologische Tools eher für Datenanalysen oder die Organisation groß angelegter politischer Kampagnen nutzen, konzentrieren sich junge Frauen eher darauf, Geschlechtsidentität und Frauenbelange zu thematisieren.
Es besteht kein Zweifel daran, dass feministische Motive nach dem Tod von Mahsa Amini im Jahr 2022 zum stärksten Protestimpuls wurden. Die Bilder der Proteste und die Losung «Frau, Leben, Freiheit» wurden zum unmittelbaren Ausdruck feministischer Forderungen, darunter vor allem die Ablehnung der Hidschab-Pflicht und die Forderung nach gleichen Rechten im Bildungsbereich, in der Arbeitswelt und im öffentlichen Raum.
In diesem Zusammenhang wandten sich junge Frauen der KI zu, um symbolträchtige Botschaften zu erzeugen: Frauen ohne Kopftuch oder digitale Kunstwerke, die iranische Traditionen mit modernen Freiheiten kombinierten, daneben Übersetzungen von Texten, die dazu beitrugen, ihre Geschichten weltweit bekannt zu machen. All diese Anwendungen hatten einen ausgeprägt feministischen Charakter, da sie darauf abzielten, das Bild der iranischen Frauen neu zu definieren und die Kontrolle des Staates über ihre Identität zu durchbrechen.
Vom persönlichen Ausdruck zur politischen Auseinandersetzung
Die Proteste in der Islamischen Republik haben seit 2022 zugenommen, ebenso wie die Verbreitung von KI.
Die 23-jährige Fatima aus Kermanshah studiert persische Literatur und sieht in den modernen Technologien ein Mittel des Widerstands. Vor einem Jahr hatte sie noch Angst, einen politischen Kommentar auf ihrer Seite zu posten. Doch heute herrscht ein anderes Klima.
«Ich veröffentliche KI-generierte Bilder, die meine Gefühle widerspiegeln, ohne Angst zu haben. Satirische politische Memes, Videos und Losungen, die mithilfe von KI gestaltet wurden, sind zu mächtigen Mobilisierungsinstrumenten geworden. Es handelt sich nicht mehr nur um persönliche Meinungsäußerungen, sondern um ein kollektives Mittel, mit dem eine alternative Erzählung geschaffen werden kann, die im Widerspruch zu dem steht, was der Staat propagiert.» Fatima
Diese Werkzeuge ermöglichen eine schnelle Verbreitung und liefern Content in überzeugender Qualität, so Fatima. Botschaften, die in kleinen Räumen in Teheran oder Isfahan erstellt werden, können jetzt ein internationales Publikum erreichen und dadurch die iranische Regierung stärker unter Druck setzen.
Viele junge iranische Frauen schildern, dass sie KI ursprünglich als Mittel des persönlichen Ausdrucks verwendet haben. Einige nutzten Textprogramme, um ihre Tagebücher aus dem Persischen in andere Sprachen zu übersetzen, und so ihre Geschichten Menschen im Ausland zugänglich zu machen. Bild- und Videotools ermöglichten es ihnen aber auch, sich eine neue Welt vorzustellen und diese darzustellen: Frauen ohne obligatorischen Hidschab, Freizügigkeit auf der Straße, Protestsymbole, die mit traditionellen Mitteln nur schwer zu verbreiten sind, sowie KI-generierte Bilder und Videos, die den Iran beschreiben, von dem sie träumen. Dieses Mittel wurde somit zu einer Form des kulturellen und politischen Widerstands. Der Inhalt ist für den Staat umso heikler, als er nicht nur die politische Autorität infrage stellt, sondern auch die kulturellen und sozialen Grundlagen erschüttert, auf denen die Regierung ihre Legitimität aufbaut.
Ein Blick in den Werkzeugkasten
Hauptinstrument des KI-Toolkits der Mädchen ist ChatGPT, das nicht nur zur Erstellung von Texten und Artikeln in englischer und persischer Sprache verwendet wird, sondern auch dazu dient, politische Losungen in eine emotionale Sprache zu übertragen, die die Verbreitung auf globalen Plattformen erleichtert.
MidJourney und Stable Diffusion dienen der beeindruckend überzeugenden visuellen Gestaltung. Deepfake hingegen ist umstritten. Die App wird dafür verwendet, die Gesichter von Amtsträgern nachzubilden oder den offiziellen Diskurs in satirischen Videos zu entlarven. Auch automatische Übersetzungen spielen eine entscheidende Rolle. Mit ihrer Hilfe können lokale Erfahrungen übersetzt werden und so Teil globaler Diskurse werden, wodurch sie internationale Medien und Menschenrechtsorganisationen erreichen.
Aus rein technischen Hilfsmitteln sind Räume der digitalen Konfrontation geworden. Durch KI-generierte Bilder entstehen neue Protestsymbole, die an die Wandmalereien in Teheran erinnern, aber mit neuen Botschaften der Befreiung versehen sind. Einige junge Frauen produzieren satirische Deepfake-Videos, in denen iranische Beamte feministische Parolen skandieren, um so ihre Autorität in den Augen der Öffentlichkeit zu untergraben. Andere haben KI genutzt, um kurze Clips zu erstellen, die traditionelle Hymnen mit modernen Beats unterlegen und auf TikTok und Instagram weite Verbreitung finden. Sogar ganze Artikel werden mittlerweile mithilfe von ChatGPT oder ähnlichen Tools verfasst, wobei politische Analysen mit emotional ansprechender Sprache kombiniert werden, um ihre globale Reichweite zu erhöhen.
Kann Technologie den feministischen Kampf stärken?
Sei es der Hidschab, Fragen der Bildung und Freiheit oder darüber hinausgehende politische Anliegen: KI-Tools durchdringen inzwischen frauenpolitische Themen und eröffnen neue Räume der Selbstermächtigung jenseits staatlicher Institutionen und ihrer engen Grenzen.
Die seit langem bestehende Hidschab-Pflicht ist das zentrale Symbol für den Konflikt zwischen dem Staat und den Frauen im Iran. Aber in der KI haben junge Frauen einen Raum gefunden, in dem sie sich den Iran ihrer Träume vorstellen können. Diese Bilder sind keine reine digitale Kunst, sondern verschlüsselte politische Botschaften, die den Traum einer ganzen Generation widerspiegeln, die autoritäre Herrschaft des Staates zu durchbrechen.
Trotz der strengen Einschränkungen der Beteiligung von Frauen an der iranischen Politik glaubt die iranische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Sahar Beit Mashal, dass KI einen neuen Weg eröffnet hat. Einige junge Frauen nutzen ihn, um in Fremdsprachen Meinungsbeiträge oder Petitionen zu Menschenrechten zu verfassen, die dann an internationale Organisationen und westliche Zeitungen geschickt werden. Diese Strategie hat die politische Teilhabe von einem lokal beschränkten Bereich in eine grenzenlose digitale Arena verlagert. Die KI verschafft den Frauen zwar keine Sitze im Parlament oder politische Ämter innerhalb der Institutionen der Islamischen Republik, aber sie sichert ihnen Sichtbarkeit im internationalen öffentlichen Raum.
Ein weiterer bemerkenswerter Effekt ist, dass KI jungen iranischen Frauen direkten Zugang zu Wissen verschafft hat. Studentinnen können nun auf akademische Ressourcen zugreifen, die früher zensiert oder teuer waren, und Forschungsarbeiten in mehreren Sprachen verfassen. Dies stärkt die Stellung der Frau im Bildungsbereich und untergräbt das Monopol des Staates über Lehrpläne und traditionelle Bildungsinhalte.
Frauen wie Männer der iranischen Generation Z teilen die gemeinsame Erfahrung von Isolation und Einschränkung.
Sich jedoch nur auf die feministische Dimension zu konzentrieren, birgt die Gefahr, das Gesamtbild aus den Augen zu verlieren. Frauen wie Männer der iranischen Generation Z teilen, so die Frauenrechtsaktivistin Hoda Sadr, die gemeinsame Erfahrung von Isolation und Einschränkung. Aus diesem Grund ist die KI-gestützte Kommunikation nicht nur ein feministisches Instrument, sondern allgemeiner ein Medium, mit dem Frustrationen über Armut, Arbeitslosigkeit, internationale Isolation und sogar den Ausschluss aus der freien digitalen Welt thematisiert werden. Auf diese Weise wird KI zu einer Plattform für die Identität einer ganzen Generation und nicht nur eines Geschlechts. Die Technologie wird zum gemeinsamen Nenner, der auf den ersten Blick verstreut erscheinende Forderungen verbindet, die letztendlich in einem gemeinsamen Verlangen münden: dem Verlangen nach Freiheit und Würde für die junge Generation.
All dies zeigt, dass die Nutzung von KI-Tools zwar zunächst einen ausgeprägt feministischen Charakter hatte, aber schnell über diesen Rahmen hinauswuchs und zu einem umfassenden Instrument für die jüngere Bevölkerung des Iran wurde. Mädchen mögen zwar an vorderster Front stehen, aber die Forderungen beschränken sich nicht mehr nur auf die Abschaffung der Hidschab-Pflicht oder Frauenrechte. Sie sind zum Ausdruck einer viel umfassenderen Krise einer Generation geworden, die sich jenseits der vom Staat auferlegten Erwartungen definieren will.
Junge Frauen versus Regierung
Die iranischen Behörden haben die Entwicklungen nicht ignoriert, sondern ihre technologischen Fähigkeiten ausgebaut und setzen KI ihrerseits zur Überwachung, Verfolgung verdächtiger Konten und Analyse von Sprachmustern in sozialen Netzwerken ein. Die Islamische Republik hat KI-gesteuerte Verfahren für Gesichtserkennung und Videoüberwachungssysteme entwickelt, ebenso wie Geolokalisierungstools und andere Formen der automatisierten Erkennung. Außerdem wurden Überwachungsverfahren für die Nutzung von VPN-Netzwerken eingeführt und digitale Gegenkampagnen gestartet, die über propagandistische Bot-Konten verbreitet werden.
Auf der einen Seite werden Innovationen zur Befreiung genutzt, auf der anderen Seite zur Unterdrückung.
Das Ergebnis ist ein wilder Wettlauf zwischen jungen Frauen, die versuchen, sich mit generativen Algorithmen der Überwachung zu entziehen, und einem Staat, der sie mit Gegenalgorithmen verfolgt. Dieses fragile Kräfteverhältnis verdeutlicht die Natur des heutigen Konflikts im Iran und zeigt, wie sich die digitale Sphäre zu einem doppelten Schlachtfeld gewandelt hat: Auf der einen Seite werden Innovationen zur Befreiung genutzt, auf der anderen Seite zur Unterdrückung.
Das Paradoxe daran ist, dass alles, was iranischen Mädchen heute Raum für ihre Befreiung bietet, morgen in den Händen des Staates zu einem Instrument noch stärkerer Kontrolle werden könnte. Wenn es den Behörden gelingt, KI-Technologien so weiterzuentwickeln, dass sie Muster von Dissens verfolgen und digitale Netzwerke zerschlagen können, wird der ohnehin bereits heute eingeschränkte öffentliche Raum noch weiter schrumpfen.
Wenn junge Frauen im Iran diese Mittel jedoch weiterhin kreativ einsetzen, kann sich die Protestbewegung ausweiten und neue politische, kulturelle und soziale Strömungen miteinbeziehen, die die feministische Bewegung stärken und den Einfluss des Staates auf die Kontrolle der öffentlichen Meinung schwächen.
«Wir sind nicht die Generation des Schweigens, wir sind die Generation einer neuen Sprache», sagte Leila, eine 20-jährige Studentin der Elektrotechnik an der Sharif University of Technology in Teheran.
So fasst sie die Essenz des Kampfes zusammen, der mithilfe der Technologie gegen traditionelle Einschränkungen geführt wird. Die entscheidende Frage bleibt: Wird künstliche Intelligenz ein Weg zu mehr Freiheit für eine ganze Generation sein, oder lediglich ein neues Mittel für gezieltere Unterdrückung? Für die jungen Frauen im Iran ist diese Frage noch nicht beantwortet. Eines ist jedoch klar: Die Algorithmen sind untrennbar mit ihrem Kampf um Selbstbestimmung verbunden – und die politische Auseinandersetzung ist noch lange nicht vorbei.
Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit Raseef22 veröffentlicht worden und in Englisch auf der Website des RLS-Regionalbüros in Beirut erschienen.
Übersetzung von Camilla Elle und Claire Schmartz für Gegensatz Translation Collective.


