Hintergrund | Soziale Bewegungen / Organisierung - Arbeit / Gewerkschaften - Rosalux International - Solidarität Die Tage, als Italien stillstand

Über Arbeit, Solidarität und die Bewegung «Blocchiamo Tutto»

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Generalstreik in Rom, 3. Oktober 2025
Am 3. Oktober verwandelte der von der Gewerkschaft Unione Sindacale di Base (USB) ausgerufene und vom Gewerkschaftsbund CGIL unterstützte Generalstreik die zuvor diffuse Empörung in kollektives Handeln. Rom, 3.10.2025, Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire

Obwohl es sich seit Monaten angebahnt hatte, ahnten nur wenige das Ausmaß dessen, was sich zwischen dem 22. September und dem 4. Oktober 2025 ereignen würde. Italien, das lange Zeit als apathisch, politisch demobilisiert und zersplittert galt, kam plötzlich vollständig zum Stillstand. Unter dem Motto «Blocchiamo Tutto» («Wir blockieren alles») entstand eine Massenmobilisierung in Solidarität mit der Bevölkerung in Gaza – von den Häfen von Genua und Livorno bis zu den Schulen von Neapel und den Bahnhöfen von Mailand, Rom und Bologna.

Was am 22. Oktober als Aufruf zum Handeln von Basisgewerkschaften zur Unterstützung der Global-Sumud-Flottille begann, entwickelte sich zu einem beispiellosen Generalstreik, der ganze Sektoren lahmlegte. Gewerkschaften schätzen, dass sich mehr als 2 Millionen Menschen in 85 Städten beteiligten. Der öffentliche Nahverkehr kam in fast 90 Prozent der Kommunen zum Erliegen; die Hälfte aller Zugverbindungen wurde eingestellt. Große Häfen wie Genua, Livorno, Triest, Neapel und Ancona wurden von Hafenarbeiter*innen blockiert, die palästinensische Flaggen schwenkten. Über 200 Straßenkreuzungen und Bahnstrecken wurden besetzt und auch der Flughafenverkehr kam fast zum Erliegen.

Federico Tomason ist Projektmanager im Europa-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Brüssel und befasst sich vorwiegend mit  Gewerkschaften, globalen sozialen Rechten und Landwirtschaft sowie den Projekten der Stiftung in Italien.

Zunächst voneinander losgelöste Versammlungen in Schulen und an Arbeitsplätzen verschränkten sich nach und nach zu einer koordinierten Streikkampagne. Am Freitag, dem 3. Oktober, verwandelte der von der Gewerkschaft Unione Sindacale di Base (USB) ausgerufene und vom Gewerkschaftsbund CGIL unterstützte Generalstreik die zuvor diffuse Empörung in kollektives Handeln. Am Folgetag fand die Mobilisierung mit einer riesigen Demonstration in Rom ihren Abschluss.

Die Forderungen der Demonstrierenden waren eindeutig: ein sofortiger Waffenstillstand und ein Ende der israelischen Angriffe auf Gaza, ein Stopp des Waffenhandels und der Mittäterschaft Italiens durch Exporte, Logistik und militärische Zusammenarbeit, ein vollständiger Abbruch der wirtschaftlichen und institutionellen Beziehungen zu Israel und schließlich die uneingeschränkte Einfuhr humanitärer Hilfe in den belagerten Gazastreifen. Hinter diesen unmittelbaren Forderungen stand jedoch ein umfassenderes Bestreben: die Wiedererlangung moralischer und politischer Handlungsfähigkeit in einem Land, das seit Langem von Zynismus gelähmt ist. 

Von der moralischen Empörung zur Massenmobilisierung

Die Situation spitzte sich schnell zu. Am 22. September fand der erste von der USB ausgerufene Generalstreik statt, an dem sich spontan viele Menschen beteiligten und der zu Hafenblockaden und Besetzungen in ganz Italien führte. Nach dem Angriff auf die Global-Sumud-Flottille am 24. September kam es im ganzen Land zu spontanen Kundgebungen, woraufhin die USB und palästinensische Organisationen landesweit eine permanente Mobilisierung auf 100 Plätzen in Solidarität mit Gaza («100 Piazze per Gaza») ausriefen. Als Israel die Schiffe der Flottille am 1. Oktober enterte, riefen die USB und diesmal auch die CGIL zu einem zweiten Generalstreik für den 3. Oktober auf, der große Demonstrationen und landesweite Blockaden auslöste und in der Massendemonstration in Rom am 4. Oktober gipfelte.

Um die Dimension von Blocchiamo Tutto zu begreifen, muss man zuerst die Kluft betrachten, die sich zwischen einer Bevölkerung auftut, die noch immer von einem katholisch-humanistischen Bewusstsein geprägt ist, und Institutionen, die sich zunehmend der atlantischen Orthodoxie unterordnen. Während die Regierung unter Meloni unbeirrt an ihrer Ausrichtung auf die NATO und Israel festhielt und dies als geopolitische Notwendigkeit ausgab, reagierte die Öffentlichkeit mit der Sprache des Mitgefühls. Diese Kluft schuf ein Legitimitätsvakuum. Als im Fernsehen bombardierte Krankenhäuser und leblose Kinder zu sehen waren, bot die Regierung lediglich diplomatische Floskeln. Es war diese Verleugnung dessen, was die einfachen Menschen mit eigenen Augen sehen konnten, das die Revolte schürte.

Die Mobilisierung war weniger ein plötzlicher Ausbruch als vielmehr eine Rückkehr moralischer Vernunft ins politische Leben Italiens.

Die Flottille verkörperte das genaue Gegenstück zu dieser Verleugnung: ein kleiner, aber zielgerichteter Akt, der die moralische Handlungsfähigkeit bekräftigte. Mit ihrem Versprechen einzuschreiten, sollte der Flottille etwas zustoßen, ließen die Hafenarbeiter*innen die Vorstellung wieder aufleben, dass Einzelpersonen und Kollektive etwas gegen Ungerechtigkeit ausrichten können. In diesem Sinne war die Mobilisierung weniger ein plötzlicher Ausbruch als vielmehr eine Rückkehr moralischer Vernunft ins politische Leben Italiens.

In Teilen der italienischen Gesellschaft hält sich noch immer hartnäckig die Überzeugung, dass gewisse Taten die Schwelle des menschlichen Anstands überschreiten. Die Tötung von Zivilist*innen in Gaza aktivierte diese latent vorhandene ethische Haltung und setzte eine viel breitere Dynamik in Gang. Hier trafen katholische Milieus auf säkulare antiimperialistische Traditionen: Pfarrgemeinden und katholische NGOs schlossen sich linken Gewerkschaften an und riefen zu Streiks auf. Diese Verschmelzung moralischer Sprachen – christlicher Humanismus und radikaler Internationalismus – erzeugte eine Resonanz, die in stärker säkularisierten Gesellschaften schwerlich reproduzierbar wäre.

Doch wenn moralische Empörung den Funken lieferte, dann waren die Arbeiter*innen der eigentliche Motor. Die Entschlossenheit der genuesischen Hafenarbeiter*innen – «Alles blockieren, wenn die Flottille angegriffen wird» – ließ keinen Raum für rhetorische Spiele. Italiens Basisgewerkschaften wie USB und ADL, die sich stark für Hafenarbeiter*innen, prekär beschäftigte Beamt*innen und Menschen im Logistikbereich engagieren, verliehen der aufgestauten Wut einen organisatorischen Rahmen. Im Jahr 2025 trug ihre Geduld Früchte. Mit der Ausrufung eines politischen Streiks, verbunden mit internationaler Solidarität, gelang es ihnen, die Idee der Arbeiter*innenklasse als moralischen und strategischen – und nicht nur als wirtschaftlichen – Akteur neu zu legitimieren. Der «Menschenstrom», der zwischen dem 22. September und dem 4. Oktober auf die Straßen ging, war somit das Ergebnis organisatorischer Vorarbeit, die auf eine historische Dringlichkeit traf.

Das Ergebnis war ein hybrider Mix von Protestformen. Traditionelle Streiks verschmolzen mit Straßen- und Hafenblockaden, Universitätsbesetzungen und dem «Sozialstreik». Der Arbeitsplatz war nicht mehr das einzige Terrain des Kampfes, das ganze Land wurde zum Schlachtfeld. Die italienische Wirtschaft, die stark vom Logistik- und Transportsektor abhängt, weist verwundbare Engpässe auf, und indem die Bewegung diese temporär lahmlegte, verwandelte sie symbolischen Protest in materiellen Druck. 

Eine solche Koordination brauchte weder eine zentrale Führung noch ungeordnete Spontaneität; sie entstand aus einer diffusen sozialen Intelligenz: Gewerkschaften, Kollektive und Versammlungen, die innerhalb eines gemeinsamen Zielhorizonts agierten. Das Ergebnis war eine Mobilisierung, die zugleich geplant und organisch wirkte – rigoros und doch lebendig.

Die Geburt einer neuen Bewegung?

Die Streiks haben gezeigt, was möglich wird, wenn moralischer Reflex in kollektives Handeln übergeht. Zugleich machten sie deutlich, dass es dauerhafte Strukturen braucht, um Empörung in nachhaltige Politik übersetzen zu können. Die Ablehnung ist real und tiefgreifend, aber die Infrastruktur, um sie voranzutreiben, befindet sich noch im Aufbau.

In diesen Tagen ereignete sich etwas, das sich nicht allein durch Mitgefühl erklären lässt. Die Menschen auf Italiens Straßen empfanden nicht nur Mitleid mit der Bevölkerung in Gaza – sie erkannten sich selbst in deren Unterdrückung wieder. Die Bilder aus Gaza – staubbedeckte Familien, Krankenhäuser ohne Strom, aus den Trümmern geborgene Kinder – waren für sich genommen erschütternd, doch sie fanden auch Widerhall bei Italiener*innen, die selbst Unsicherheit, Wohnungsnot und eine Politik erleben, die die Probleme der einfachen Menschen ignoriert.

Diese Erkenntnis lieferte auch eine gemeinsame sprachliche Struktur: Hafenarbeiter*innen und Lieferfahrer*innen, Studierende und Rentner, Krankenschwestern und Lehrende – alle konnten sich darin wiederfinden. Nicht Identität war der Antrieb dieser Mobilisierung, sondern Nachvollziehbarkeit: Die Forderung der Palästinenser*innen nach Würde machte eine breitere Forderung nach Sichtbarkeit und Gehör im eigenen Land nachvollziehbar. Deshalb verstummten die Sprechchöre nach dem Waffenstillstand nicht, sondern nahmen bald auch Themen wie Löhne, Wohnraum, Sparmaßnahmen und Militärausgaben auf – ein roter Faden, der Innen- und Außenpolitik gleichermaßen durchzieht. Wird dies als Grundlage für eine neue Antikriegsbewegung genügen?

Dem Land fehlt bislang eine Antikriegsplattform, die in Massenorganisationen an Arbeitsplätzen und Schulen verankert wäre.  

Die Ablehnung des Krieges durch die italienische Bevölkerung ist weder neu noch oberflächlich. Sie ist tief in Artikel 11 der italienischen Verfassung und in der katholisch-humanistischen Sensibilität der Menschen verwurzelt. Das Zusammentreffen zweier Entwicklungen – die öffentliche Empörung über die Massaker an Zivilist*innen in Gaza und die Erschöpfung der Bevölkerung angesichts der Rhetorik der Versicherheitlichung – führte zu einer breiten, wenn auch noch unstrukturierten antimilitaristischen Stimmung. Doch sie steckt noch in den Kinderschuhen. Dem Land fehlt bislang eine Antikriegsplattform, die in Massenorganisationen an Arbeitsplätzen und Schulen verankert wäre.  

Die Mobilisierung schöpfte ihre Kraft aus der Vielfalt – Basisgewerkschaften, studentische Kollektive, palästinensische Organisationen, katholische Gruppen, soziale Zentren und Teile der CGIL. Doch Pluralität ist noch keine Hegemonie. Die Basisgewerkschaften führten mit Klarheit und Mut, während die CGIL, von ihrer Basis mitgerissen, nur zaghaft folgte. Zwischen beiden Lagern klafft eine große taktische und kulturelle Lücke, die berücksichtigt werden muss. Es droht Zersplitterung: parallele Zeitpläne, konkurrierende Rahmensetzungen, ungleiche Kapazitäten, Lokalpatriotismus.

Ein Teil der institutionellen Opposition rund um die Demokratische Partei und ihre Verbündeten versuchte, die Proteste als rein humanitäre, konfliktfreie Anliegen darzustellen. Das Repertoire ist bekannt: Aufrufe zum Dialog, losgelöste Demonstrationen mit viel Symbolik und wenig Konkretem, Vorschläge für parlamentarische Ausschüsse, Wohltätigkeitsaktionen anstelle von Streiks. Nach Monaten der Unentschlossenheit versuchte dieser Block nun, die neue Energie in sichere institutionelle Bahnen zu lenken.

Der Staat seinerseits hielt sich während der Hochphase weitgehend zurück, überzeugt davon, dass eine umfassende Repression kontraproduktiv sein würde. Das Ausbleiben massiver Repression bedeutete jedoch keineswegs Neutralität. Auf die Proteste folgte selektiver Druck: Disziplinarverfahren gegen Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, Platzverweise für Aktivist*innen, verstärkte Überwachung von Organisator*innen, Ermahnungen an studentische Sprecher*innen sowie Schikanen gegenüber Logistikarbeiter*innen und aktivistischen Hafenarbeiter*innen. Politisch geht es darum, die Militanz an den Rändern einzuhegen und im Zentrum auf Ermüdung zu setzen. Doch der Staat geht ein erhebliches Risiko ein: Er unterschätzt, wie deutlich der Streik die tatsächliche Zustimmung im Land offengelegt hat.  

Wenn es in Italien einen Weg zu einer langlebigen Bewegung gibt, dann führt er über den Arbeitsplatz. Neue Führungskräfte, die aus den Streiks hervorgegangen sind, steigende Mitgliedszahlen in den Basisgewerkschaften, Hafen- und Logistikarbeiter*innen, die ihre Blockadetechniken verfeinert haben, sowie eine beginnende sektorübergreifende Koordination zwischen dem Bildungssektor, Lagerhäusern und Häfen – all dies sind entscheidende Bausteine für Kontinuität. Hier kann die Bewegung reproduzierbar werden: durch regelmäßige Versammlungen, eine Bereitschaftsplanung für gezielte Arbeitsniederlegungen, rechtliche Unterstützungsstrukturen für Beschäftigte, gegen die ein Disziplinarverfahren läuft, und einen gemeinsamen Zeitplan, der weltpolitische Triggerpunkte mit lokalen Handlungsoptionen verbindet. Die Lehre dieser Tage ist eindeutig: Sobald die Arbeiter*innenklasse die Bühne betritt, gewinnt Solidarität konkrete Wirkmacht. Die kommenden Monate werden zeigen, ob aus dieser Art des Auftretens eine dauerhafte Haltung entsteht.

Strategische Implikationen

Seit Jahren regiert die Rechte in Italien nicht nur mit Politik, sondern auch über emotionale Einflussnahme. Ihre Lehre ist die Ohnmacht: Nichts ändert sich, nichts funktioniert, nichts ist das Risiko wert. Blocchiamo Tutto hat diesen Bann zumindest vorübergehend gebrochen. Die Märkte kamen zum Stillstand, Züge stoppten, Häfen standen still, und selbst die beiden Parlamentskammern konnten nicht ignorieren, was geschah. In einem Land, das vom Gespenst dessen heimgesucht wird, was Alberto Moravia Gli indifferenti nennt, zeigten die Proteste das Gegenteil auf: Nicht die Menschen waren gleichgültig, sondern die Institutionen. Für eine Generation, die mit gedämpften Erwartungen aufgewachsen ist, wurde der Bruch mit der Normalität zu einer Lektion darin, was politisch möglich ist. 

Die Ereignisse machten etwas sichtbar, das viele vergessen hatten: Internationalismus mobilisiert. Nicht als abstrakter Slogan, sondern als gelebte Moral mit unmittelbaren innenpolitischen Folgen. Die Forderung, einen Völkermord zu stoppen, setzte mehr Energie frei als viele Lohnkämpfe der letzten Jahre – nicht, weil Löhne unwichtig wären, sondern weil Internationalismus einen moralischen Horizont eröffnet, der Prioritäten neu ordnet. 

Nach den Blockaden hielt ein Satz Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch: Wir können Dinge aufhalten. Das ist keine Prahlerei, sondern ein kognitiver Wandel mit strategischer Tragweite. Das Wissen, dass Häfen und Bahnhöfe kritische Engpässe sind, ist nicht mehr nur organisierten Aktivist*innen vorbehalten, sondern Teil des öffentlichen Bewusstseins geworden. Dies hat zwei Konsequenzen. Erstens erhöht es die Kosten von Repression: Der Öffentlichkeit ist jetzt bewusst, dass Arbeitsniederlegungen kein Ausdruck von Nihilismus sind, sondern einem Plan folgen. Zweitens werden damit selektivere Taktiken möglich: von vollständigen Stilllegungen bis zu kurzen, gezielten Unterbrechungen mit großer Wirkung, die an konkrete Auslöser geknüpft sind (ein Schiff, ein Waffentransfer, eine Abstimmung). Die Blockade gehört nun zum politischen Repertoire des Landes. 

Organisation ist verdichtete Zeit. Sie ist die stille Arbeit, die einen Moment des Aufbruchs in eine dauerhafte Struktur verwandelt.

Bedeutsam waren die Mobilisierungen auch wegen der massiven Beteiligung junger Menschen. Italien ist ein Land mit einer älteren Bevölkerung – und in der Politik wirkt dieses Übergewicht noch deutlicher. Die Protagonist*innen waren Studierende mit ungewisser Zukunft, junge Arbeiter*innen aus dem Logistik- und dem Dienstleistungssektor, Demonstrierende, die zum ersten Mal auf die Straße gingen und in ihrer Schule auf dem Boden schliefen, um die Besetzung aufrecht zu halten. Hunderte Schulen in allen Regionen wurden aktiv; an Universitäten, an denen lange Ruhe geherrscht hatte, füllten sich die Flure wieder mit Versammlungen. 

Das ist eine entscheidende Entwicklung. Eine Generation, die wirtschaftlich durch Niedriglöhne und prekäre Jobs benachteiligt, sozial durch steigende Lebenshaltungskosten an den Rand gedrängt und politisch durch die Ignoranz gegenüber ihren Forderungen aus der öffentlichen Debatte ausgeschlossen wurde, hat sich als eigenständiger politischer Akteur wiederentdeckt. Diese Woche war für die Jugendlichen kein Fest, sondern ein Lehrgang: wie man sich organisiert, verhandelt und öffentliche Aufmerksamkeit erkämpft. Fähigkeiten, die bleiben.

Rückblickend war an diesen Tagen nichts spontan im mythischen Sinne. Die jahrelange Weigerung der Hafenarbeiter*innen, Waffen zu verladen; der geduldige Aufbau von Bündnissen der Basisgewerkschaften; die frühen Universitätsproteste, getragen von Organisationen wie Potere al Popolo; die beständige Präsenz studentischer Organisationen und der palästinensischen Diaspora – gemeinsam bildeten sie die feinen Kanäle, durch die die Mobilisierungsenergie fließen konnte. 

Die Lektion ist unspektakulär, aber unverzichtbar: Organisation ist verdichtete Zeit. Sie ist die stille Arbeit, die einen Moment des Aufbruchs in eine dauerhafte Struktur verwandelt. Wo Organisationen existierten – Komitees, betriebliche Netzwerke, stadtübergreifende Koordinationen –, war die Mobilisierung tief verwurzelt. Wo sie schwach waren, verpuffte die Energie schnell. Der Weg nach vorn ist kein Mysterium, sondern Arbeit: Lieferketten analysieren, Aktivist*innen schulen, Rechts- und Betreuungsteams aufbauen, Zeitpläne abstimmen und Führungskräfte jenseits der üblichen Kreise fördern. 

Nach der Flut

Das Ausmaß des Widerstands jener Tage lässt sich nicht einfach auf Knopfdruck wiederholen und sollte auch nicht zum Maßstab für künftige Erfolge werden. Mobilisierungen sind im Fluss – sie ziehen sich zusammen und dehnen sich wieder aus. Es geht nicht darum, den Höhepunkt zu konservieren, sondern darum, das Erreichte zu verankern: in der kollektiven Erinnerung, in Netzwerken, in politischen Routinen. 

Der Generalstreik am 28. und die landesweite Demonstration am 29. November in Rom setzten den Zyklus ruhiger, aber spürbar fort. Aufgerufen hatten vor allem die USB und die Basisgewerkschaften, die darauf abzielten, den Druck für einen Waffenstillstand hochzuhalten. Diesmal stellte sich die Mobilisierung offen gegen das Haushaltsgesetz der Regierung, das als Ausdruck derselben Kriegsökonomie angeprangert wurde, die den Genozid in Gaza ermöglicht. Die CGIL – bedacht darauf, nicht erneut übertrumpft zu werden – wählte eine eigene Mobilisierung am 12. Dezember, ein ungewöhnliches Datum, das die Konkurrenzängste innerhalb der italienischen Gewerkschaftsbewegung offenlegte. Die Beteiligung war deutlich geringer als Ende September; erwartbar nach der Hochphase, und dennoch gelang es den Protesten, die Dynamik fortzusetzen. Wie so oft in Italien setzte sich die Zersplitterung durch: Noch hat kein Akteur die hegemoniale Kraft, das Feld zu vereinen. Eine einzigartige Konstellation von Umständen ermöglichte es der USB, dies kurzzeitig zu erreichen. Doch aufgrund eigener Begrenzungen und des ständigen Drucks der liberalen Linken in Richtung Mäßigung und Kooptation ist diese Rolle schwer durchzustehen. 

Dessen ungeachtet haben die Novemberproteste das politische Bewusstsein geschärft: Es gelang ihnen, die Verbindung zwischen Gaza, dem Widerstand gegen die Aufrüstung und der Forderung nach höheren Löhnen, sozialen Rechten und einem Bruch mit dem kriegsorientierten Haushalt am Leben zu erhalten. Ob dieser Zyklus eine stärkere Verankerung erfährt oder versiegt, hängt von diesen Themen ab – und davon, ob die organisierte Arbeiter*innenklasse sie in der nationalen Debatte durchsetzen kann. Die rückläufigen Zahlen verdeutlichten die Kluft zwischen moralischer Empörung und politischer Struktur, doch das Bestreben, die Bewegung wieder zu formieren, ist notwendig; die Alternative wäre ein schneller Zerfall.

Wenn Solidarität «Waffen runter, Löhne rauf» fordert, stellt sie das Lokale nicht gegen das Globale, sondern verknüpft beides.

Die tiefgreifendste Veränderung ist konzeptioneller Natur. Der organisierte Teil der Solidaritätsbewegung verstand den palästinensischen Widerstand nicht bloß als humanitären Appell, sondern als politische Auseinandersetzung: als Kampf gegen koloniale Herrschaft, die mit einer globalen Kriegswirtschaft, Spekulation und autoritären Tendenzen verbunden ist. Damit forderte er die italienische Gesellschaft auf, die eigene Situation aus der Perspektive Palästinas zu sehen – statt losgelöst davon.

Das ist der Unterschied zwischen einer Welle, die sich zurückzieht, und einer Strömung, die Flussläufe verändert. Wenn Solidarität «Waffen runter, Löhne rauf» fordert, stellt sie das Lokale nicht gegen das Globale, sondern verknüpft beides. Denn dieselben Budgetmittel, dieselben Rechtfertigungsmythen, dieselben Repressionsmuster greifen in beiden Fällen ineinander. In dieser Erkenntnis liegt das Potenzial für Kontinuität. Die Aufgabe besteht darin, sie zu festigen: moralische Empörung in Struktur zu übersetzen, Struktur in Einfluss, Einfluss in konkrete Ergebnisse.

Eine Frage, die die Streiks in Italien erneut aufgeworfen haben, betrifft das Verhältnis zwischen dem Generalstreik, den rollierenden Streiks der klassenbewusstesten Sektoren und der Taktik von Blocchiamo Tutto. Diese Debatte zieht sich durch die gesamte Geschichte der Arbeiter*innenbewegung – von Rosa Luxemburgs Überlegungen zum politischen Massenstreik, der keinem Befehl folge, sondern das Resultat ungleichmäßiger Kampfzyklen sei, bis zu den jüngsten Erfahrungen in Frankreich, wo einige Sektoren Kämpfe über längere Zeiträume aufrechterhalten, während andere nur sporadisch an den Protesten teilnehmen. 

Mit der Verschiebung des Fokus auf Blockaden des Waren- und Personenflusses durchbrach die Bewegung die alte Trennung zwischen ‹Produzent*innen› und ‹Zuschauer*innen› und machte den Streik zu einer demokratischen Ressource, nicht zu einem Privileg einzelner Branchen.

Der Generalstreik bot durch seine symbolische und politische Wucht einen Moment kollektiver Selbsterkenntnis: Das Land entdeckte seine Fähigkeit, alles zum Stillstand zu bringen. Doch diese Kraft darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die stärksten Hebel in jenen Sektoren lagen, die unbefristet streiken konnten – Häfen, Logistik, Transport. Ihre Kontinuität erzeugte einen Druck, den ein einziger Tag nicht hätte bewirken können. Gleichzeitig verhinderte Blocchiamo Tutto, dass diese fortschrittlichen Sektoren in eine isolierte Avantgarde-Position gerieten: Mit der Verschiebung des Fokus auf Blockaden des Waren- und Personenflusses durchbrach die Bewegung die alte Trennung zwischen «Produzent*innen» und «Zuschauer*innen» und machte den Streik zu einer demokratischen Ressource, nicht zu einem Privileg einzelner Branchen. 

Dennoch bleibt die Verbindung dieser Formen ungelöst. Wie kann man dauerhaften Aktivismus mit Massenprotesten so koordinieren, dass sie zusammen wirksam sind? Wie lassen sich Blockaden so gestalten, dass sie nicht symbolisch verpuffen, sondern in langlebige Organisierungsbemühungen münden? Diese Fragen bleiben offen und werden erst in künftigen Kämpfen weiterentwickelt werden. Klar ist jedoch: Blocchiamo Tutto hat eine lange verschüttete strategische Fragestellung wieder freigelegt – wie die unterschiedlichen Tempi der Klasse zusammengeführt und episodische Einheit in dauerhafte politische Kraft verwandelt werden kann. 

Die «Tage des Stillstands» in Italien waren eine strategische Pause, die der Politik – lange erstickt von Euphemismen und Resignation – moralische Klarheit zurückgab. Sie zeigten, dass Internationalismus kein dekorativer Anstrich der Linken ist, sondern ihr Motor; dass die Macht der Arbeiter*innenklasse, auf die neuralgischen Punkte der Wirtschaft gerichtet, Mitgefühl in wirksame Konsequenzen übersetzen kann; dass die Jugend, wenn sie reale Interessen und reale Aufgaben vor sich sieht, nicht abgleitet – sondern vorangeht.

Was bleibt, ist weder selbstverständlich noch unmöglich. Es geht darum, eine dauerhafte Verbindung zwischen drei Ebenen zu schaffen: der ethischen (einer Verweigerung der Barbarei), der organisatorischen (einem Netz aus Komitees, Delegierten und Koordination) und der strategischen (gezielten, wirkungsvollen Eingriffen, gebunden an klare Auslöser). Die Regierung wird versuchen, die Dynamik mittels Gleichgültigkeit oder gezielter Repression abzuflauen. Die Mitte-Links-Parteien werden versuchen, die Bewegung einzufangen und in eine für sie kontrollierbare Form zu gießen. 

Doch die Erinnerung an den Streik wird nicht einfach verschwinden. Die Häfen erinnern sich, die Bahnhöfe erinnern sich, die Schulen erinnern sich. Und mit ihnen eine Bevölkerung, die sich – wenn auch nur für wenige Tage – bewiesen hat, dass selbst in einem gealterten Land Geschichte wieder in Bewegung geraten kann. Die Lektion ist schlicht und überzeugend: Wenn Arbeiter*innenklasse und Solidarität zusammenkommen, kann die Maschinerie von Krieg und Gleichgültigkeit zum Stillstand gebracht werden. Und das ist der Moment, wo Politik neu entstehen kann. 
 

Übersetzung: Conny Gritzner und Sebastian Landsberger von lingua*trans*fair