Nachricht | Geschichte «Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen»

Hannah Arendt (14. Oktober 1906 – 4. Dezember 1975)

Information

Autorin

Gisela Notz,

Hannah Arendt auf dem 1. Internationalen Kulturkritikerkongress, München 1958, CC BY-SA 4.0, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, Barbara Niggl Radloff

In der Ahnenreihe bedeutender politischer Philosoph*innen gibt es nur wenige Frauen. Die bekannteste ist sicher Hannah Arendt.

Kindheit, Jugend und erste politische Einflüsse 

Geboren wurde Hannah Arendt am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover (heute Hannover) als Tochter einer säkular-jüdischen Familie. Sie war kaum drei Jahre alt, als sie mit ihren Eltern nach Königsberg zog. Die Großeltern führten sie an das liberale Reformjudentum heran. Sie gehörte jedoch keiner religiösen Gemeinschaft an, nach ihrem Selbstverständnis verstand sie sich jedoch als Jüdin. Nach dem frühen Tod des Vaters war es die Mutter, die sie freiheitlich erzog und in die gebildeten Kreise Königsbergs einführte. Schon als Schülerin las sie Kant, Kierkegaard und andere Philosophen. Sie studierte Philosophie, Theologie und klassische Philologie. Das Philosophie-Studium begann sie als 18- jährige in Marburg unter anderen bei Martin Heidegger, mit dem sie eine Liebesbeziehung einging. Der Verbindung zu ihm dauerte mit Unterbrechungen bis ans Lebensende an, über politische und inhaltliche Gegensätze hinweg. Nach einem Wechsel an die Universität in Freiburg im Breisgau zog es sie nach Heidelberg. Die Existenzphilosophie, die ihr Doktorvater Karl Jaspers dort an der Universität vertrat, prägte ihr weiteres Leben und ihre philosophische Denkweise wesentlich. Auch mit ihm blieb Hannah Arendt lebenslang im Austausch. In der späteren Weimarer Zeit lernte sie führende Künstler und Intellektuelle kennen, unter anderem Günther Anders, den sie 1929 heiratete.

Ein Jahr nach Beendigung der Promotion mit einer Arbeit über den «Liebesbegriff bei Augustin» zog Hannah Arendt 1929 nach Berlin und arbeitete dort ab 1930 an einer Biografie über die jüdische Schriftstellerin und Salonniére Rahel Varnhagen. Die Arbeit wurde allerdings erst 1959 veröffentlicht. 

Flucht, Exil, praktische politische und schriftstellerische Arbeit

1933, nach der Machtübertragung an die Nazis wurde Hannah Arendt wegen ihrer jüdischen Abstammung von der Gestapo verhaftet. Sie verurteilte die freiwillige «Gleichschaltung» vieler Intellektueller und brach viele Kontakte ab. Über Karlsbad, Genua und Genf emigrierte sie ohne Papiere nach Paris. Dort lernte sie das französische Büro der «Jugend-Alijah» kennen, eine Einrichtung, die jüdische Kinder nach Palästina brachte. Bis 1940 engagierte sie sich als Leiterin dieser Fluchthilfeorganisation, die eine wichtige Phase in der praktischen politischen Arbeit für sie bedeutete und die Grundlage für Positionen schaffte, die sie später in ihrem Buch «Vita activa» beschrieb. Nachdem ihre Ehe 1937 geschieden worden war, begegnete ihr in Paris der antistalinistische Kommunist Heinrich Blücher, mit dem sie ab 1940 verheiratet war. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Frankreich retteten sich beide – wie viele andere deutsche Intellektuelle – über Marseille in die USA. Dort wurde sie Mitarbeiterin zahlreicher politisch unabhängigen Zeitschriften. Alle ihre maßgeblichen Werke schrieb sie in den USA. Zudem wurde sie Dozentin an verschiedenen Universitäten.

Hannah Arendt wird amerikanische Staatsbürgerin 

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete sie zwischen 1949 und 1952 als Sekretärin der «Jewish Cultural Reconstruction Inc.», einer jüdischen Kulturorganisation, die unter der Herrschaft der Hitler-Faschisten verloren gegangene Schriften von jüdischen Autoren suchte und neu herausgab. 1951 hatte sie die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten. Berühmt wurde sie mit ihrem im gleichen Jahr erschienenen Werk «The Origins of Totalitarianism» (Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft), das 1955 in der deutschen Übersetzung erschien. Ihre Auseinandersetzungen mit dem Totalitarismus sind heute so aktuell wie damals. Sie erkannte die verhängnisvolle Wirksamkeit totalitärer Bewegungen in Antisemitismus, Imperialismus und Rassismus, die als unterschwellige freiheitsbedrohende Momente dem Totalitarismus den Boden bereiten. Ihre Betrachtungen über den Nazi-Faschismus und den Stalinismus zeigen, wie gefährlich Massenideologien für das Individuum und die Gesellschaft sein können.

1958 erschien dann ihr philosophisches Buch «Vita activa oder Vom tätigen Leben», in dem sie Handlungsbezüge zwischen Mensch und Umwelt auslotete. Die von ihr vorgenommene Unterscheidung der menschlichen Aktivitäten in «arbeiten», «herstellen» und «handeln» wurden später von der soziologischen Frauenforschung übernommen. Den Unterschied zwischen Arbeiten und Herstellen formulierte sie folgendermaßen: «Der Unterschied zwischen einem Brot, dessen ‚Lebensdauer‘ in der Welt kaum mehr als einen Tag beträgt, und einem Tisch, der manchmal Generationen von Benutzer überlebt, ist zweifellos viel schlagender als der Unterschied in dem Leben der produzierenden Subjekte, also der Unterschied zwischen einem Bäcker und einem Tischler».

Mehrfach besuchte und beschrieb Hannah Arendt das kriegszerstörte Deutschland. Immer wieder nahm sie auch publizistisch zu aktuellen Streitfragen Stellung, wie etwa gegen die rassistische Diskriminierung von Schwarzen und später gegen den Vietnam-Krieg. 1961 beobachtete sie für die amerikanische Zeitschrift «The New Yorker» den Eichmann-Prozess in Jerusalem. Ihre Berichte wurden in dem 1963 erschienen Buch: «Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen» zusammengefasst. Das Buch löste heftige Kontroversen aus und kostete sie langjährige Freundschaften.

Nicht zuletzt waren es ihr persönlichen Erfahrungen als Verfolgte der Hitler-Faschisten, die sie veranlassten, sich wissenschaftlich mit der Theorie des Totalitarismus zu befassen. Rückhaltlos stellte sie ihr Denken unter einen intellektuellen Wahrheitsanspruch.

Hannah Arendt und Rosa Luxemburg

Über die privaten und engen Beziehungen zu den beiden Lehrern und zu Günther Anders ist Einiges geschrieben worden. Weniger Interesse gilt offenbar ihrem revolutionärem Engagement. Wenig bekannt und diskutiert ist ihre gedankliche Gemeinschaft mit Rosa Luxemburg, die sie – trotz ihrer Kritik am Marxismus - sehr beeinflusst und ihr genuines Interesse an der Revolution gespeist hat. Tanja Storlökken geht in ihrem Artikel, den sie «Frauen in finsteren Zeiten: Rosa Luxemburg und Hannah Arendt» überschrieb, sogar so weit, dass sie Hannah Arendt als Revolutionärin bezeichnen will, die durch das Denken von Rosa Luxemburg beeinflusst war. Tatsächlich argumentiert Hannah Arendt In dem Buch «Über die Revolution», das 1963 in deutscher Sprache erschien, für eine politische Revolution, die – wie sie hoffte – in der Lage sein wird, totalitäre Tendenzen abzuwehren. Nach ihrer eigenen Darstellung hatte ihr Lebensgefährte Heinrich Blücher, gemeinsam mit Rosa Luxemburg während der deutschen Revolution in Berlin gekämpft, und war ein großer Verehrer der Revolutionärin. Auch das hat sie inspiriert.

Am Ende ihres Essays über Rosa Luxemburg «Eine Heldin der Revolution» von 1966 schrieb Arendt: «Man möchte die Hoffnung nicht aufgeben, daß mit großer Verspätung doch noch erkannt wird, wer Rosa Luxemburg war und was sie geleistet hat – ebenso wie man weiter hoffen möchte, daß sie endlich ihren Platz im Pensum der Politologen der westlichen Welt finden möge». Offenbar war Arendt sogar stolz darauf, dass sie mitunter mit Rosa Luxemburg, über die sie mehrere Artikel schrieb, verglichen wurde.

Berühmte, viel zitierte politische Philosophin

1959 wurde Hannah Arendt als erste Frau an die Universität von Princeton und 1963 als Professorin für Politische Theorie an die Universität Chicago berufen, 1967 an die New School for Social Research in New York. Inzwischen berühmt und viel zitiert, erfuhr sie in ihren letzten Lebensjahren zahlreiche Ehrungen. Unter anderem bekam sie 1959 den Hamburger Lessing-Preis, 1967 den Sigmund-Freud-Preis und 1969 die Emerson-Thoreau-Medal der American Academy of Arts and Sciences. Wissenschaftliche Auszeichnungen, Lehrstühle und Gymnasien wurden nach ihr benannt. 

Am 4. Dezember 1975 erlag sie im Alter von 79 Jahren in New York einem Herzschlag.


Zum Weiterlesen

Tilman Ebert: «Denken ohne Geländer». Hannah Arendt (1906 – 1975), in: Gisela Notz (Hrsg.): Wegbereiterinnen. Berühmte, bekannte und zu Unrecht vergessene Frauen aus der Geschichte, Neu-Ulm 2020, S. 304 – 305.

Wolfgang Heuer: Hannah Arendt. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1987, 7. Auflage 2004.

Lotte Köhler (Hrsg.): Hannah Arendt, Heinrich Blücher. Briefe 1936–1968, München 2013.

Tanja Storlökken: Frauen in finstern Zeiten. Rosa Luxemburg und Hannah Arendt, in: UTOPIE kreativ, H. 192 (Oktober 2006), S. 897 – 909. [PDF]