
In der Schweiz wurde zwischen 1934 und 2002 einer halben Million Familien von überwiegend italienischen Arbeitsmigrant*innen das fundamentale Menschenrecht auf ein Zusammenleben verweigert. Diese rassistische Bevölkerungspolitik, die in anderer Form auch in Deutschland stattfand, destabilisierte und zerstörte systematisch migrantische Familien. Der Schweizer Verein TESORO engagiert sich für eine offizielle Anerkennung dieses historischen Unrechts und eine von der offiziellen Schweiz gestützte Erinnerungsarbeit. Giulia Bernardi und Paola De Martin von TESORO sprechen in diesem Interview über dieses transgenerationale Trauma in der italienischen Migrationsgeschichte, das bis heute kaum aufgearbeitet wurde.
Massimo Perinelli/Cristina Raffaele: Was ist die Geschichte und die Spezifik der italienischen Arbeitsmigration in die Schweiz und inwiefern unterscheidet sie sich von der nach Deutschland?
Giulia Bernardi (GB): Die italienische Arbeitsmigration in die Schweiz begann schon im 19. Jahrhundert. Der Bau der Gotthard-Infrastruktur ist ein Beispiel dafür. In dieser Zeit wurde ein ausbeuterisches – und zum Teil tödliches – Arbeitsregime etabliert, das im 20. Jahrhundert im Saisonnierstatut formalisiert werden sollte. Dieses Statut wurde im «Bundesgesetz über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer» (ANAG) geregelt, das von 1934 bis 2002 in Kraft war. Das Saisonnierstatut sah im Wesentlichen folgende Punkte vor: Die Einreise war nur mit gültigem Arbeitsvertrag möglich, der Aufenthalt war auf neun Monate begrenzt. Der Familiennachzug war untersagt, in der Regel durften Menschen mit Saisonnierstatut keine Wohnungen mieten, weswegen sie häufig in sogenannten Saisonnierbaracken untergebracht wurden. Diese Baracken befanden sich in der Nähe der jeweiligen Baustellen oder Fabriken – das hatte zum einen wirtschaftliche Gründe, zum anderen wurden migrantische Arbeiter*innen durch diese Platzierung räumlich zusätzlich ausgegrenzt. Die Umstände waren oft prekär, da die Unterkünfte – wie der Aufenthalt der Arbeiter*innen selbst – als temporär erachtet wurde. Arbeitsmigrant*innen aus Italien und generell aus dem Ausland wurden in speziell dafür eingerichteten Sanitätsstationen an den Grenzübergangen in Brig und Chiasso gesundheitlichen Kontrollen unterzogen, aber nur bei Einreise, nicht bei der Ausreise. Wenn Menschen aufgrund der Arbeitsbedingungen zum Beispiel erkrankten, wurde das also nicht berücksichtigt.
Giulia Bernardi ist Journalistin und Redaktorin. Sie hat Kunstgeschichte und Gender Studies an der Universität Zürich und Basel studiert. Ihr Schwerpunkt liegt im Bereich der Provenienzforschung im Kontext des Nazismus. Seit 2024 ist sie im Vorstand von TESORO.
Eine Spezifik dieses Arbeitsregimes ist, dass der «Grad der Überfremdung» in das ANAG eingeschrieben war: «Der Saisonaufenthalt soll weder tatsächlich noch rechtlich in dauernden Aufenthalt übergehen», hieß es in der entsprechenden Vollziehungsverordnung. Das bedeutet, dass der prekäre Zustand der Arbeiter*innen als legitim erklärt wurde. Ich kenne mich mit der italienischen Arbeitsmigration in Deutschland zu wenig aus, um eine Aussage darüber zu treffen, inwiefern sich diese Spezifik von Deutschland unterscheidet. Ich denke, dass es neben den Unterschieden auch Sinn macht, einen Blick auf gemeinsame Elemente zu werfen. Die Schweizer Historikerin Elisabeth Joris weist zum Beispiel darauf hin, dass es sich beim Arbeitsregime, das in der Schweiz mit dem Saisonnierstatut etabliert wurde, auch um ein Geschlechterregime handelte. Das Saisonnierstatut war so angelegt, dass nach neun Monaten geleisteter Arbeit die Arbeiter*innen die Schweiz wieder verlassen, also ins Herkunftsland zurückkehren mussten. Doch wer pflegt den Ort, an den sie zurückkehrten?
1970 gab es die sogenannte Schwarzenbach-Initiative. Was war das und welche Auswirkungen hatte sie?
GB: Die «Schwarzenbach-Initiative», auch «Überfremdungsinitiative» genannt, kam im Juni 1970 zur Abstimmung. Mit der Annahme dieser Initiative sollten zwischen 300.000 und 350.000 «ausländische» Personen ausgeschafft, also abgeschoben werden. Interessant ist, dass Menschen mit Saisonnierstatut ausgenommen waren. Das heißt, die ausbeutbaren und rechtlosen Arbeitskräfte sollten bleiben können, da ihr Aufenthaltsrecht ohnehin temporär, ohnehin prekär war. 54 Prozent der stimmberechtigten Bürger – das Frauenstimmrecht gab es in der Schweiz damals noch nicht – stimmten mit Nein, die Initiative wurde knapp abgelehnt. Trotz des knappen Neins erkenne ich die Tragweite etwa anhand meiner eigenen Familiengeschichte: Meine Großeltern verließen aufgrund der «Schwarzenbach-Initiative» die Schweiz und zogen – nach fast 20 Jahren – wieder nach Italien.
Paola De Martin (PDM): In diesem Zusammenhang, den du ansprichst, Giulia, ist der historische Kontext interessant. Die «Schwarzenbach-Initiative» war ein Backlash gegen die kurz zuvor erfolgte Besserstellung der italienischen Saisonnierfamilien. Ein markantes Ereignisse war dafür verantwortlich: Die Bedingungen für Italiener*innen wurden Ende der 1950er-Jahre im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), und somit auch in der BRD, besser. Der Migrationszufluss in die Schweiz nahm danach deutlich ab. Das war für die Schweiz schmerzhaft, in Zeiten der Hochkonjunktur fehlten auf einmal Arbeitskräfte. Die Schweiz war plötzlich in der schwächeren Position gegenüber Italien. Als Reaktion darauf konnte das neue Abkommen von 1964 zwischen der Schweiz und Italien endlich realisiert werden, der den Familiennachzug für italienische Staatsangehörige grundlegend verbesserte. Danach trat für illegalisierte Saisonnierfamilien aus Italien mit Status A, also der auf eine Saison beschränkten Aufenthaltserlaubnis, die nun den begehrten Jahresaufenthaltsstatus B erlangt hatten, nach einer mehrmonatigen Wartefrist ein Automatismus in Kraft, der ihnen das Recht gab, mit ihren Kindern zusammenzuleben. Sie waren also nicht mehr der Willkür der Fremdenpolizei ausgeliefert, sie mussten nicht mehr zittern, bitten und hoffen, ob ihnen der Familiennachzug gewährt würde, sondern sie erhielten nach Ablauf der festgelegten Frist automatisch das Recht auf ein Familienleben. Basta. Immer noch restriktiv, aber deutlich besser als vorher.
Paola De Martin ist Textildesignerin, Forschende und Aktivistin. Sie ist Postdoc am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur der ETH Zürich. 2024 hat das Schweizerische Bundesamt für Kultur ihren interdisziplinären Ansatz mit dem Schweizer Grand Prix Design geehrt. Seit 2021 ist die Präsidentin von TESORO.
Das allein hat die Rassisten auf den Plan gerufen und James Schwarzenbach hat das erkannt. Er hat mit der Fortpflanzungsfähigkeit und hohen Geburtenraten der Migrant*innen sowie der daraus drohenden Überfremdung durch diese Familien in der Schweiz argumentiert. Die völkische Angst, dass diese migrantischen Arbeiterfamilien sich stärker vermehren als die Schweizerischen, die saß tief und war sehr verbreitet. Die Rassisten und Rassistinnen dachten, sie seien eine biologisch wertvollere «Rasse» als die der migrantischen Arbeiterfamilien. Diese seien eine Gefahr und beförderten die Degeneration des «guten Volksstamms». Völlig absurd, wenn man nicht in diesen Kategorien denkt. Dahinter steckt ein mehrfach toxischer Klassenkampf von oben, getrieben von der Angst der Suprematisten, ihre quasi angeborenen Klassenprivilegien zu verlieren. Hier sieht man, wie sich die Schweizer Migrations- und Bevölkerungspolitik sowohl in der Sphäre der Produktion als auch in der Sphäre der Reproduktion manifestiert, es ist ein Beispiel von «racial capitalism».
Wie genau sahen die staatlichen Angriffe auf italienische Familien in der Schweiz aus?
GB: Durch das Saisonnierstatut wurden Ehepartner*innen und Kinder illegalisiert. Die Eltern mussten ihre Kinder bei Verwandten im Herkunftsland zurücklassen – sofern das möglich war –, in Heimen unterbringen oder sie illegal über die Schweizer Grenze bringen. Das Perfide daran ist, dass die Eltern diese Gewalt selbst ausführen mussten: Sie mussten ihre Kinder zurücklassen oder versteckt halten. Diese strukturelle Gewalt betraf nicht nur italienische Familien, sondern Familien aus dem ganzen europäischen Süden.
PDM: Es gibt auch einen interessanten Genderaspekt. Migrantinnen wurde oft der Status B zugeteilt, weil sie in den Fabriken, in der Pflege oder als Hausangestellte arbeiteten, wo man sie das ganze Jahr brauchte. Sie konnten also theoretisch das ganze Jahr in der Schweiz bleiben und mussten nicht regelmäßig das Land wieder für drei Monate verlassen. Aber wenn diese Frauen einen Saisonnier heirateten, wurden sie, was die Kinder betraf, auf den Status des Mannes herabgestuft. Sie mussten das ganze Jahr arbeiten, durften aber nicht mit ihren Kindern zusammenleben. Das traf übrigens auch Schweizerinnen, die einen Saisonnier heirateten, die Fremdenpolizei nahm diesen Paaren die Kinder weg und steckte sie in Heime. Diese Frauen verloren bis 1952 sogar ihr Schweizer Bürgerrecht. Schweizerinnen wurden hart bestraft, wenn sie einen Migranten heirateten. Bis 1972 konnten sie das Bürgerrecht nach der Heirat wieder zurückerlangen, wenn sie darüber informiert wurden. Viele wussten das aber nicht. Es gäbe noch mehr Spitzfindigkeiten, die man hier anfügen könnte, alle zuungunsten der Migrant*innen.
Könnt ihr was zur Spezifik der Situation der Kinder sagen, die davon vor allem in den 1970er-Jahren betroffen waren?
PDM: Die Kinder waren nicht nur in den 1970er-Jahren besonders betroffen, das fing schon in der Nachkriegszeit an, mit dem Beginn der Trente Glorieuses 1945 bis 1975, wie man in der Schweiz die Hochphase der sozialen Wohlfahrt nennt. Für migrantische Familien waren diese drei Jahrzehnte in der Schweiz eher nicht so glorios. Sie kriegten die Fortsetzung des «Rassengesetzes» zu spüren, ich bezeichne das ANAG mittlerweile so. Nürnberger Gesetze, ANAG und die Rassengesetze in Italien entstanden alle aus denselben tiefen Dispositionen heraus, auch wenn sie sich auf der Oberfläche in unterschiedlichen Ausprägungen und Inhalten manifestierten.
Mein Großvater war in der Nachkriegszeit schon Saisonnier, mein Vater musste jahrelang als kleines Kind ohne ihn aufwachsen, die Mutter war im Krieg an TB erkrankt und oft im Spital, er hatte eine elende Kindheit. Dann wurde er selbst Saisonnier und ich durfte auch nicht bei meinen Eltern sein. Ich wurde 1965 in Zürich geboren und drei Monate später mussten meine Eltern sich von mir trennen. Manchmal holten sie mich und ich hatte ein Touristenvisum, bis es ablief, dann war ich «clandestina». Es gibt sehr viele Varianten dieser Geschichte. Meine Mutter widersetzte sich dem ANAG, sie holte mich, wie ich mittlerweile weiß, zu sich nach Zürich, damit bewusst das Gesetz brechend. Sie passte auch auf andere Kinder im Untergrund auf, während die Mütter arbeiten mussten. Sie litt ein Leben lang sehr stark unter der erzwungenen Trennung und tut es noch immer.
Ich hatte auch Glück mit meiner Mutter, sie hat mir immer zu verstehen gegeben, dass das Leben im Untergrund eine Art ziviler Ungehorsam gegen eine gesichtslose Gewalt ist.
Die Eltern sind erst-traumatisiert, die Kinder haben Glück und entkommen dem Trauma oder sie haben Pech, je nachdem, wer sie auffängt. Ich hatte Glück, das ganze Dorf, in dem ich bei meinen Verwandten in Italien lebte, hat mich beschützt, eine unglaublich starke, soziale Ur-Vertrauensbasis wurde da gelegt. «It takes a village to raise a child» lautet ein schönes kenianisches Sprichwort und mein Dorf war Tisoi in den Dolomiten. Ich hatte auch Glück mit meiner Mutter, sie hat mir immer zu verstehen gegeben, dass das Leben im Untergrund eine Art ziviler Ungehorsam gegen eine gesichtslose Gewalt ist. Ich habe also viel Gutes mitbekommen. Aber andere Familienmitglieder hat’s halt erwischt.
Schockierend ist auch die Fremdplatzierung der Kinder in Waisenhäusern, manche im Land selbst, direkt vor den Augen der Eltern. Kinder, die keine Waisen waren, wurden «verwaist», das ist schrecklich für Eltern und Kinder. Wie Giulia schon sagte, es ist besonders verletzend, dass die Eltern gezwungen wurden, die Gewalt selbst zu vollziehen. Die Symptome der Opfer vom ANAG sind oft sehr ähnlich wie die von psychischen Folteropfern, die Gewalt wird internalisiert. Selber Schuld, sagt die innere Stimme. Du bist Schuld, sagen die Familienmitglieder einander, für was auch immer. Das Theater der Ohnmacht und der Überforderung beginnt und wird irgendwann zur toxischen Normalität. Die Folgen der strukturellen Gewalt sind komplex, die Kinder sind gleichzeitig selbst Opfer und sie sind Zeugen, wie ihre Eltern Opfer werden. Und umgekehrt. Es ist ein Spiegelkabinett, aus dem man nur schwer allein herausfindet. Auch deshalb haben wir den Verein TESORO gegründet.
Wir haben festgestellt: Traumata werden intergenerationell weitergegeben, wenn die Wunden der Betroffenen nicht geheilt werden konnten. Häufig sind es gar nicht die direkt betroffenen Kinder, die am meisten leiden, sondern ihre Geschwister, die manchmal sogar schon legal im Land lebten, aber mit den zuvor traumatisierten Eltern. Wir wissen mittlerweile, dass auch die dritte Generation Symptome eines historischen Traumas manifestieren kann. Oft leiden viele Jahre später sogar liebevoll zugewandte Partner*innen und Freund*innen von ehemaligen Betroffenen unter ähnlichen Symptomen wie die Betroffenen. Deshalb liegt unser Fokus bei TESORO nicht auf den Kindern, sondern auf den familiären Beziehungen. Heute nennt man das «networks of care». Diese migrantischen, intergenerationellen, intimen Netze wurden systematisch angegriffen. Dahinter steckt das implizite Wissen der Herrschenden, dass isolierte und beziehungslose Arbeiter*innen besser manipulierbar sind. Dieses Wissen habe ich in vielen Quellen aus der Kolonialgeschichte und der Vorgeschichte des ANAG auch explizit ausformuliert vorgefunden.
Ihr sprecht von Kolonialismus, der sich im Herzen der europäischen Länder abspielt. Ihr sprecht auch von Eugenik und einer spezifisch rassistischen Biopolitik gegenüber migrantischen Familien. Könnt ihr ausführen, was ihr damit meint?
PDM: Man spricht in der Forschung von «endo-colonialism», wenn koloniale, rassistische Praktiken der Beherrschung auf bestimmte Bevölkerungsgruppen im Mutterland angewandt werden. Die Schweiz war zwar nie eine Kolonialmacht, aber mächtige Schweizer Player, Firmen, Wissenschaftler*innen, Banken, Kantone, Versicherungen, Missionen und auch Kunst- und Kulturschaffende waren im Kolonialismus engagiert und verstrickt, meist als Profiteure der Situation und Komplizen der Mächtigen, seltener auch im Widerstand. Insofern ist die Schweiz interessant, denn sie war schon postkolonial vor dem Ende des kolonialen Zeitalters – postkolonial avant la lettre, sozusagen. Die Schweiz hat also die Fortsetzung von neo- oder postkolonialen Praktiken unter weniger offensichtlichen und programmatischen Rahmenbedingungen vorgezeichnet, vor den Imperien selbst. Gewissermaßen mit einem Vektor nach innen, vielleicht wäre sub-kolonial passend, oder eben endo-kolonial.
Wie genau das Spektrum dieses Endo-Kolonialismus ohne Kolonien in der Schweiz aussieht, das erforschen wir gerade. Mich interessiert als Forschende vor allem die völlig ausgeblendete ästhetische und kulturelle Dimension in der Architektur und im Design der Schweiz. Ein Aspekt, der mich als Aktivistin interessiert, sticht jetzt schon ganz klar heraus: die systematische Zerstörung von «rassisch minderwertigen» Familien. Man denke an Parallelen zur Sklaverei in den USA, da wurden die Liebespaare auch getrennt und die Kinder von ihnen. Sklavinnen wurden systematisch vergewaltigt und ihre Kinder versklavt. Meine Mutter umschreibt, wenig überraschend, ihre Erfahrung denn auch als «Menschenrechts-Vergewaltigung», ein Begriff, den neulich auch eine Betroffene von fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen gegen Jenische[*] in der Schweiz mir mitteilte. Zurück zu den USA, da hatte man nichts gegen die Reproduktion dieser versklavten Menschen, solange ihre Eingliederung in die «gute Gesellschaft» strikt reguliert blieb. Das ist beim ANAG auch so, es war eine rigorose, antiintegrative Maßnahme.
Ein weiteres Detail, das mich immer wieder aufbringt, ist das, was in den Papieren der Neugeborenen in der Schweiz von Müttern mit Statut C, also mit Niederlassungsbewilligung, steht. In der Rubrik «geboren am» steht bei diesen Neugeborenen das gleiche Datum wie in der Rubrik «eingewandert am». Der Mutterbauch ist das Land, aus dem das Neugeborene also per Geburt einwandert. Dem Kind wird derselbe Status wie der Mutter, also C, zugewiesen. Das ist wie ein Echo der Regel patrus sequitur ventrem aus der Sklaverei. Kinder von Sklavinnen wurden als Sklav*innen behandelt, auch wenn die Väter oft weiß waren. Großfamilien sind verständlicherweise für viele POC in den USA heute fast ein Heiligtum, Beyoncé oder Spike Lee bezeugen dies in Interviews.
Wie jede Bevölkerungsgruppe ist auch jene der Italiener*innen nicht homogen. ‹Die› Italiener*innen gibt es nicht.
Viele «Väter» des ANAG haben sich von den US-amerikanischen Segregationsgesetzen Ende des 19. Jahrhunderts, den sogenannten Jim-Crow-Gesetzen, inspirieren lassen, andere schielten auf das Apartheidsregime in Südafrika und nicht wenige waren explizite Unterstützer der «Rassenhygiene» der Nazis, Befürworter der eugenischen Zwangssterilisationen weltweit, der gezielten Selektion und der «Ausländer-Auslese». Diesen Begriff hat Melinda Nadj Abonji, die auch Vorstandsmitglied von TESORO ist, überall in den Quellen zur Geschichte des ANAG gefunden. Interessant in diesem Zusammenhang finde ich, dass die «Väter» des ANAG sagten, man müsse nicht in eine extreme Fremdenfeindlichkeit verfallen wie die Nazis, schließlich brauche man ja diese «Fremden» im Produktionsprozess und auch im «Fremdenverkehr», also in der Tourismusbranche. Die migrantischen Arbeiter*innen sollten also bis an die Schweizer Grenze kommen, sie sollten sich da einer strengen Auslese unterwerfen und dann sollten sie, durch Unrechtsstatuten degradiert und ihrer Menschenwürde beraubt, in der Schweiz arbeiten, das schon. Aber nicht Familien gründen, das nicht. Es gibt viele Parallelen, in Ansätzen sind wir schon weit mit der Erforschung.
In den Archiven der Basler Mission habe ich die unwidersprochene Aussage eines Nazis aus den 1930er-Jahren gefunden, dass in Deutsch-Afrika die Kolonisierten «Objekte einer anständigen Ausbeutung» bleiben, und sich nicht erdreisten sollten, als Mensch behandelt werden zu wollen. Die Basler Mission hat systematisch Kinder von ihren Eltern und Dorfgemeinschaften in Indien getrennt, um sie besser zum Christentum bekehren zu können, sie nannten das «gelungene Assimilation». In einer Quelle aus der gleichen Zeit bezeichnet ein Journalist in der Schweiz die Italiener*innen als «razza sfruttabile», eine «ausbeutbare Rasse». Als ich einmal Spike Lees Making-off seines Films «Bamboozled» anschaute, hat es mir fast den Atem verschlagen wegen der Ähnlichkeiten zwischen der USA und der Schweiz, was popkulturelle Projektionen auf rassifizierte «Andere» betrifft. Rassismus ist ein «travelling concept», es kann alle möglichen unterprivilegierten Menschengruppen treffen. Aber nicht auf alle hat es dieselbe Auswirkung, das muss man schon betonen. Wenn es heute Schwarze in der Schweiz trifft, ist das nochmal anders als für Italiener*innen, für Schwarze Schweizer*innen ist es härter, brutaler, unausweichlicher.
Gibt es eine Dialektik zwischen der Konstruktion und Etablierung der bürgerlichen weißen Familie und der systematischen Destabilisierung der migrantischen Familien als die «racial Others»?
PDM: Ja, das ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Die Konstruktion der normativen Schweizer Familie entstand in der gleichen Zeit wie das ANAG. Die Zeitschrift Illustrierte Schweizer Familie wurde ins Leben gerufen, die es in veränderter Form immer noch gibt. Die Stiftung Pro Familia wurde ins Leben gerufen. Gesetze zur Förderung von günstigem Wohnraum für die Schweizer Arbeiterelite wurden geschaffen, der Genossenschaftsbau für dieses Milieu blühte auf. Gartenstädte wurden realisiert, mit eindeutig eugenischen Hintergedanken. Da fand von Anfang an eine gnadenlose Selektion statt, wer in diesen hübschen Bauten leben durfte und wer sie baute und putzte. Stararchitekten wie der Schweizer Le Corbusier haben sich international im großen Stil für eugenische Ideen engagiert, sie waren getrieben von der Vorstellung, man müsse weltweit eine Art eugenisches Utopia umsetzen. Sozialhygiene, Rassismus und Architektur gingen eine toxische Verbindung ein, die noch heute in den Reflexen der Gestalter*innen und Architekt*innen weiterwirkt. Wir haben in der ganzen Vorgeschichte des ANAG unzählige explizite Belege dieser idealistischen, strahlenden Pro-Familia-Politik gefunden. Im Schatten dieser vermeintlichen Sonnenscheinpolitik der Familienförderung überlebten die Familien der «Anderen», die man diskret, aber radikal auslöschen wollte, sowohl real wie auch auf der Ebene der historischen Repräsentation.
Wie ist die Situation der Italiener*innen in der Schweiz heute? Und gibt es Austausch mit denen in Deutschland?
GB: Heute gelten italienische Bevölkerungsgruppen, die damals rassifiziert wurden, als Beispiel einer «gelungenen Integration». Wichtig ist mir an dieser Stelle zu betonen, dass «Integration» als einseitige Leistung betrachtet wird. Diese Vorstellung besteht bis heute, wenn man sich das Gesetz anschaut, das 2002 auf das ANAG folgte, das «Ausländer- und Integrationsgesetz». Ich frage mich, was wohl meine Großeltern dazu sagen würden: Wäre es für sie eine Erleichterung festzustellen, dass sich die gesellschaftliche und politische Stimmung verändert hat? Oder würde es ihnen befremdlich – ein komisches Wort in diesem Kontext – vorkommen, weil es ihre Erfahrungen auch ein Stück weit unsichtbar macht? Im Vergleich zu meinen Großeltern verfüge ich heute über so viel mehr Privilegien und Ressourcen. Das geht für mich auch mit einer gewissen Verantwortung einher – deswegen ist mir der Fokus unseres Vereins auch so wichtig, der nicht zuletzt auf den historischen Kontinuitäten liegt: Welche Bevölkerungsgruppen werden heute diskriminiert? Wessen Familien illegalisiert?
Wie jede Bevölkerungsgruppe ist auch jene der Italiener*innen nicht homogen. «Die» Italiener*innen gibt es nicht. Deswegen fällt es mir an dieser Stelle schwer, eine verallgemeinernde Aussage zum Austausch nach Deutschland zu treffen.
PDM: Ich teile Giulias Aussagen ganz und gar. Italiener*innen machen in der Schweiz auch aufgrund der sozialen Herkunft, des Geschlechts und der Hautfarbe sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Rassismus. Mir wird es immer mulmig, wenn die Italianità etwas schablonenhaft abgefeiert wird, das ist der neoliberale Standort-Marketing-Sound. Dieser klebrige Hype, der das vergangene Unrecht überzuckert. Gleichzeitig wurden ja die Blut-und-Boden-Metaphern von den Wurzeln wieder salonfähig. Meist ist diese faschistische Referenz der Wurzel-Metaphern subtil, sie manifestiert sich nur latent als Vorwurf an die von Armut betroffenen Migrant*innen. Den Vorwurf, das Herkunftsland –die «Wurzeln» eben – mit der Migration «verraten» zu haben. Das finde ich richtig unfair und ungemütlich.
Man kann keine eigene Emanzipation haben, ohne Solidarität mit allen anderen ‹Anderen›.
Ich identifiziere mich lieber mit produktiven Widersprüchen, zum Beispiel, welche tiefen Dispositionen und Reflexe die Migrant*innen der italienischen Diaspora aus dem italienischen Kolonialismus geerbt haben – und wie sie diese an die nächste Generation weitervererben. Meist geschieht das ja völlig unreflektiert und nonverbal, auch in meiner Familie. Mich interessieren kritische Frauenstimmen aus Italien wie Iciaba Shego oder Anna Curcio, die die postkolonialen Zugänge auch in der Schweiz unter die Leute bringen. Ich bin auch mit gut befreundeten Schweizerinnen wie Jovita dos Santos Pinto, einer afro-deszendenten Aktivistin und Forscherin, gemeinsam an diesen Fragen dran: Was können wir über Rassismus als Spektrum, über Klasse und Gender voneinander lernen, ohne wichtige Differenzen auszublenden. Ich glaube, man muss eine kritische Reflexion pflegen, denn das Schweigen blockiert auch uns.
Wir hatten in der Ausstellung über das ANAG letztes Jahr an der ETH Zürich ein Exponat, das viele Leute magisch anzog. In Glasschüsseln und Gläsern hatten wir die halbe Million migrantische Arbeiterfamilien, die vom ANAG betroffen sind, als Perlen präsentiert. Das ist eine beeindruckende Menge Perlen! Aber wie viele dieser Betroffenen haben sich bisher öffentlich dazu positioniert? Wir kamen auf etwa 500. Diese Anzahl Perlen haben wir auf eine kleine Perlenkette aufgezogen und neben die vollen Gefäße gelegt. Das Verhältnis zwischen der Minderheit, die ein soziales Coming-out als Gewaltopfer des ANAG gewagt hat, und der schweigenden Mehrheit, die das noch nicht gewagt hat, beträgt 1:1000. Auf eine redende Perle kommen 1000 schweigende, das ist krass! Für TESORO heißt das auch, dieses extrem schiefe Verhältnis zu verstehen.
Meine Vermutung ist, dass die unreflektierte Verstrickung der Diaspora mit der kolonialen Vergangenheit ihrer Mutterländer die Menschen daran hindert, sich in sozialen Kämpfen aktiv antirassistisch zu positionieren. Stattdessen identifizieren sie sich mit den Strukturen der Gewalt. Sie lassen sich korrumpieren, und das wird ja auch gefördert. Mich interessiert es, wie wir diese Identifikation mit den Gewaltstrukturen erkennen, verstehen und transformieren können. Ohne Vorwürfe, denn das bringt gar nichts, aber auch ohne falsche Scheu. Ich berühre mit meinem Interesse an Widersprüchen einen neuralgischen Punkt, ich weiß das, aber es ist ein zentraler Nerv im Nervensystem der Gegenwart.
Die Arbeit von TESORO ist für mich heilsam. Die Parallelen zu anderen gesellschaftlichen Widersprüchen springen einem sofort ins Auge. Man kann keine eigene Emanzipation haben, ohne Solidarität mit allen anderen «Anderen». Das ist bei TESORO Common Sense, aber es ist keine Schweizer Tradition. Im Gegenteil, in der Schweiz gilt, «de Foifer und s’Weggli», man will die Münze und das Brötchen. Man setzt das Unrecht hinter den Kulissen fort und beharrt auf dem sauberen Image der guten Schweiz. Die migrantischen Familien und andere attackierte Networks of Care bezahlen den Preis für diesen absurden Tausch, der gar kein Tausch ist, sondern staatlich legitimierter Diebstahl. Was den Austausch mit Deutschland betrifft, nun ja, den gibt es schon da und dort, aber er könnte stärker sein. Wir machen hier schon mal einen weiteren Schritt in die gemeinsame Zukunft, Massimo!
[*] Jenische sind eine ethnische Minderheit mit einer eigenen Kultur, Traditionen und Sprache, die in der Schweiz, Österreich, (Süd-)Deutschland, Frankreich und anderen Ländern leben. Ihre Lebensweise war von Mobilität geprägt, wobei heute die meisten Jenischen sesshaft sind. Im Nationalsozialismus waren sie Verfolgung ausgesetzt und wurden im Sinne der «Rassenhygiene» Opfer von Zwangsterilisationen. Viele wurden in Konzentrationslagern ermordet.
