Interview | 70 Jahre Italienische Migration Integration auf dem Fußballfeld?

60 Jahre Lupo Martini Wolfsburg

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Portrait von Giuseppe Genetiempro
Giuseppe Genetiempro, Vereinsmitglied bei Lupo Martini Foto: privat

Die Geschichte des Wolfsburger Fußballvereins Lupo Martini vom VW-Konzern ist mehr als nur eine Fußballgeschichte. Sie zeigt, wie migrantische Communities in einer Stadt, in der sie neu sind, zwischen Werkshalle und Barackensiedlung ihre eigenen Räume schufen. Während Tausende italienische Arbeitsmigrant*innen in Wolfsburg ihr neues Leben aufbauten, wurde der Fußballverein zum sozialen Zentrum, zum Ort des Ankommens, des Austauschs und der Zugehörigkeit. Auf dem Spielfeld verdichteten sich Hoffnungen, Konflikte und Diskriminierungserfahrungen: von rassistischen Zuschreibungen in den Amateurligen bis zu Momenten gelebter Integration, die weit über den Sport hinausreichten.
 

Giuseppe Genetiempro, geboren in Wolfsburg, ist nach 41 Jahren bei VW in der Logistik zurzeit in der passiven Phase der Altersteilzeit. Seit 1980 ist er bei Lupo Martini aktiv, erst als Spieler, von 1992 bis 2023 auch ehrenamtlich. Noch heute ist er aus Passion am Spielfeldrand dabei.

Massimo Perinelli/Cristina Raffaele: Stellen Sie sich doch einmal für unsere Leser*innen vor: Wer sind Sie und was ist Lupo Martini? 

Giuseppe Genetiempro: Also, ich bin Giuseppe Genetiempro, 61 Jahre jung und im Moment im passiven Vorruhestand. Das heißt, ich werde noch von Volkswagen bezahlt, bin aber freigestellt bis zu meinem vorgesehenen Renteneintritt mit 63 Jahren. Ich war 44 Jahre bei Volkswagen, davon kurze Zeit in der Produktion und den größten Teil in der Logistik. Meine Hobbys – das können Sie sich sicher denken – sind Fußball, Sport allgemein, Vereinsleben; ich lese auch sehr gern. Mittlerweile kann ich leider kein Fußball mehr spielen, weil ich gehandicapt bin.

Wir haben zwar auch eine kleine Boxsparte, aber Lupo Martini ist hauptsächlich ein Fußballverein, sowohl im Jugend- als auch im Seniorenbereich. Lupo Martini ist aus dem Zusammenschluss zweier Vereine hervorgegangen; von Lupo Wolfsburg, der 1962 gegründet wurde, unter anderem auch von meinem Vater, und dem 1972 ebenfalls von italienischen «Gastarbeitern» – wie man damals noch sagte – gegründeten Martini. 1981/82 fusionierten dann beide Vereine, weil man merkte, dass man gemeinsam sportlich mehr erreichen könnte, was sich dann auch bewahrheitet hat.

Was genau war der Unterschied zwischen Lupo und Martini?

Lupo wurde 1962 im ehemaligen «Italienerdorf» im Allerpark gegründet, wo sich heute die VW-Arena, also das Fußballstadion des VfL Wolfsburg, befindet. Dort waren die Italiener in Baracken untergebracht. Es gab einen italienischen Pfarrer, der für die Seelsorge bzw. soziale Arbeit zuständig war. Und der ist dann mit ein paar anderen Leuten auf die Idee gekommen, einen Fußballverein zu gründen. Das lag natürlich nahe, da Fußball ja zu Italien dazugehört wie der Rhein zu Deutschland (lacht). Das geschah mit der Unterstützung der VW-Sozialabteilung. Als das «Italienerdorf» errichtet wurde, hat man gleichzeitig neben den Baracken auch einen Schotterplatz angelegt, auf dem sich die Bewohner ein bisschen sportlich betätigen konnten. Und da ist der Fußballverein gegründet worden.

Im Laufe der Jahre bzw. Jahrzehnte haben sich die Italiener*innen immer mehr in das Stadtleben integriert. Mein Vater beispielsweise hat selbst nie im italienischen Dorf gewohnt. Und dann kam es zu einer Konkurrenzveranstaltung mit dem Verein Martini. Das waren die, die es nicht in die erste Mannschaft bei Lupo geschafft hatten, aber meinten, sie seien genauso gut. Und dafür wurde eben der zweite Verein Martini gegründet. Immerhin gab es zu Hochzeiten an die 15.000 Italiener*innen in Wolfsburg.

Welche Rolle spielte der Verein Lupo damals für Menschen, die in Werkhallen und Sammelunterkünften lebten – war er Freizeitort, Schutzraum oder auch ein Ort politischer Selbstbehauptung?

Mein Vater hat mich von klein auf mitgenommen. Ich war manchmal eines dieser Auflaufkinder, die an der Hand der Spieler aufs Spielfeld kommen. Ich habe von klein auf den gesamten Verein durchlebt und war fast jeden Sonntag mit da. 

Sicherlich kam man in erster Linie wegen des Spiels, des Fußballs. Aber man hat danach auch zusammen getrunken, diskutiert und über Gott und die Welt geredet, über alles. Das hat schon eine Menge bedeutet zur damaligen Zeit. Der Sonntagnachmittag war eine Art gesellschaftlicher Höhepunkt im «Italienerdorf». Wenn dort gespielt wurde, kamen locker mal 1000 Zuschauer*innen. Für die Gästemannschaften – die sprachen damals oft von einem Länderspiel – war das natürlich auch eine große Sache, vor 1000 Leuten zu spielen. Normalerweise kamen zu solchen Spielen 100 oder 200 Zuschauer*innen. Und das war schon viel damals. Aber bei Lupo waren es noch einmal viel mehr.

Also das war wirklich ein Höhepunkt. In erster Linie bedeutete Lupo zwar sportliche Aktivität, aber natürlich war auch alles andere damit verbunden. Ich kann mich erinnern, dass mein Vater manchmal drei Stunden nach dem Spiel noch da war.

Das heißt, der Fußballplatz war auch ein Ort, wo man sich einfach ausgetauscht hat, auch über andere Dinge außerhalb des Sports?

Ja. Lupo hat unheimlich viel zur Integration der Italienier*innen in das tägliche Leben in der Stadt Wolfsburg beigetragen.

Können Sie sich erinnern, ob es auch um Themen wie Diskriminierung, Ausgrenzung, Rassismus oder Ähnliches ging?

Natürlich. Zumal ich das noch erlebt habe, als ich später selbst gespielt habe. Bis Mitte der 1980er-Jahre wurden wir bei manchen Spielen als «Spaghettis» bezeichnet, und die ersten deutschen Freunde, die bei uns in der Mannschaft spielten, wurden ebenfalls angemacht: «Was bist denn du für ein Landsmann? Wie kannst du mit den Spaghettis Fußball spielen?» Ja, das gehörte damals zum Repertoire und das war diskriminierend. Aber ich habe es nie erlebt, dass man die Polizei rufen musste oder Schutz brauchte oder irgend sowas. Ich habe zwar gesehen, wie Leute körperlich aneinandergeraten sind, aber Rassismus in extremer Form wie das, was da in Rostock-Lichtenhagen passiert ist, wo sich Menschen verschanzen mussten – nein, so etwas ist hier nicht passiert.

Der Verein war also auch offen für nicht-italienische Leute?

Ja, natürlich. Also am Anfang, allein durch die Gründung, war das eindeutig ein italienischer Verein. Das ist heute auch noch im Namen verankert: Komplett heißt der Verein «Unione Sportiva Italiana Lupo Martini e. V.». Das resultiert aus den Namen der fusionierten Vereine: Lupo war ISC Lupo und Martini war US. Und das hat man halt zusammengefügt. Das war am Anfang also eine rein italienische Veranstaltung. Im Laufe der Zeit kamen aber auch andere dazu. Ich kann mich zum Beispiel an unseren Trainer in der A-Jugend erinnern, der stammte aus Portugal, sprach aber perfekt Italienisch. Später spielten mal Spanier bei uns und noch später, in den 1980er-Jahren, hatten wir auch mal einen Türken. Schließlich kamen Anfang bis Mitte der 1980er-Jahre die ersten deutschen Spieler dazu. Das öffnete sich Stück für Stück. Heute ist es so, dass du die Italiener in der Mannschaft an einer Hand abzählen kannst. Als ich mich noch engagiert habe, habe ich als Zeichen der Integration immer vorgeschlagen, den Vereinsnamen Unione Sportiva Italiana in Unione Sportiva Internationale umzubenennen. Das wäre ein Zeichen gewesen und hätte dem Rechnung getragen, was im Verein passiert ist, also dass wir bei Weitem nicht mehr mehrheitlich Italiener sind. Aber leider habe ich mich damit nie gegen die Traditionalisten durchgesetzt (lacht), die wollten, dass alles so bleibt. Aber wir sind kein rein italienischer Verein, auf keinen Fall.

Es gab in den 1970er-Jahren diesen sehr bekannten Streik bei VW. In welchem Verhältnis stand dieser Arbeitskampf zu Lupo Martini? Gab es irgendeine Art von Verbindung oder auch Organisierung im Kontext des Fußballs?

Da ich in den 1970er-Jahren eingeschult worden bin, kann ich mich zwar daran erinnern, aber nur ganz vage und an keine Details oder Hintergründe. Lupo war in erster Linie ein Fußballverein, man kam zusammen, um Fußball zu spielen, aber es wurden, wie erwähnt, auch andere Dinge diskutiert. Und da will ich nicht ausschließen, dass bei diesem Streik auch Leute involviert waren, die bei Lupo aktiv waren. Vielleicht ist damals ein Funke übergesprungen, aber, wie gesagt, ich war dann doch zu jung, da müssen Sie Ältere befragen, etwa unseren Ehrenpräsidenten Rocco Lo Chiatto, der könnte Ihnen bestimmt mehr erzählen, denn er war später auch Betriebsrat bei Volkswagen. 

Die Gründung von Lupo Martini erfolgte unter der «Obhut» des VW-Sozialreferats. Wie frei war diese Selbstorganisation wirklich, wenn sie institutionell von einem Konzern gerahmt wurde? Übte der Verein vielleicht auch soziale Kontrolle aus?

Bei der Gründung von Lupo 1962 war ich noch nicht geboren und auch über die Frühzeit des Vereins kann ich nichts sagen. Sicher hatte VW immer ein Auge auf den Verein. Die Sozialabteilung stellte Geld zur Verfügung, kleine Summen für Trikots, Bälle, Tornetze, für eine Maschine, um den Fußballplatz abzukreiden und so was. Aber ich selbst kann mich nicht erinnern, dass es irgendwelche Hürden gegeben hätte, und kenne das auch durch Erzählungen meines Vaters nicht.

Das Problem war damals eher, dass im Fußball bis in die 1980er-Jahre hinein pro Mannschaft nur drei «Ausländer» mitspielen durften. Und dann wurde mit Lupo 1962 plötzlich ein Verein gegründet, der praktisch mit elf «Ausländern» auflaufen und am Spielbetrieb teilnehmen wollte. Und was passierte daraufhin? Man hat auf Kreisebene begonnen und im Wolfsburger Fußballkreis angefragt, die gaben das Anliegen weiter an den Niedersächsischen Fußballverband. Der war sich auch nicht sicher, wie man damit umgehen sollte, und schaltete den DFB ein. Und der DFB, der Deutsche Fußball-Bund, hatte eigentlich nichts dagegen, holte sich aber auch erstmal das Okay, nämlich von der UEFA, also von der Europäischen Fußballunion. Und die UEFA befand, die Sache mit den drei «Ausländern» beziehe sich mehr oder weniger auf den Profifußball. Da aber Lupo im Amateurbereich beheimatet sei und die ganze Mannschaft eine andere Nationalität besitze, würde in diesem Fall die Ausländerregel nicht gelten. Lupo hat dann ein Jahr lang nur sogenannte Pflicht-Freundschaftsspiele gemacht, bis das durch all diese Instanzen geklärt war. Man spielte zwar gegen andere Mannschaften, aber ohne Wertung.

Lupo Martini ist der erste von Gastarbeiter*innen gegründete Verein in Deutschland. Warum taucht seine Geschichte kaum in der deutschen Fußball-Erinnerung auf?

Diese Frage müssten Sie eigentlich den Verbänden stellen, in erster Linie – da wir ja in Wolfsburg beheimatet sind – an den niedersächsischen Fußballverband und den DFB. Die müssten sagen: Hey, in Dortmund gibt es doch ein Fußballmuseum. Wäre da nicht eine Ecke, wo man so etwas dokumentieren könnte? Also, das ist eine berechtigte Frage. Gleichwohl waren wir schon in Beiträgen von allen möglichen Medien, von Fußballmagazinen wie Elf Freunde bis hin zu den Fernsehsendern. Es wurde über uns berichtet, aber inwieweit wir über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind, das weiß ich nicht. Dafür ist der Fußball auch viel zu groß in Deutschland.

Was verrät diese Leerstelle über nationale Narrative in Deutschland aus?

Nun, vielleicht ist es auch dem geschuldet, dass Wolfsburg dann doch nur niedersächsische Provinz ist, auch wenn es der Hauptsitz eines multinationalen Konzerns ist. Wenn Sie in Berlin Leute, die im Amateurfußball unterwegs sind, nach solchen Mannschaften wie der unseren fragen würden, die würden Ihnen sofort sagen: Da gibt es doch den FC Internationale, da gibt es doch mehr als ein Dutzend türkischstämmiger Vereine und so weiter und so fort, das werden die wissen. Aber wenn Sie noch den Namen des bekanntesten ausländischen Vereins in der Bundesrepublik wissen wollten – ich denke, darüber wird dann auch in den Tiefen des Amateurfußballs auf nationaler Ebene zu wenig in den Medien berichtet.

Sie haben bei VW gearbeitet bzw. sind jetzt freigestellt und haben bei Lupo Martini gespielt. Das ist schon eine sehr einzigartige Verbindung von Arbeit und Freizeit, Fabrik und Spielfeld. Was hat das für Sie bedeutet, in einem Fußballverein im Kontext der eigenen Arbeitsstätte zu spielen? Was hat Ihnen diese Gemeinschaft gegeben, vielleicht auch im Kontext von eigenen Diskriminierungserfahrungen?

Fabrik und Fußball – gerade hier bei VW und in Wolfsburg wurden die Vereine schon immer stark gefördert. Das mag vielleicht im letzten Jahrzehnt aus betriebswirtschaftlichen Gründen abgenommen haben, aber die Förderung gibt es nach wie vor. Und auch wir in der zweiten Generation (mein Vater gehört zur ersten Generation der italienischen «Gastarbeiter») haben alle – oder die allermeisten – unseren Arbeitsplatz bei Volkswagen gefunden. Wir waren eigentlich immer stolz auf diese Symbiose von Werk und Fußball. Die Spiele vom Wochenende waren stets bei der Arbeit mit anderen Kollegen, die vielleicht auch Fußball gespielt haben, ein Thema. Also wenn Sie in Wolfsburg Leute fragen, wer Lupo Martini ist, dann sind wir natürlich bekannt. Auch viele Deutsche werden sagen: Ja, Lupo ist ein Beispiel für gelungene Integration. Das war immer eine Sache, auf die man stolz war. So war das damals einfach: Wochenende Fußball und der Rest der Woche Arbeit.

In der Geschichte von Lupo Martini tauchen fast ausschließlich Männer auf. Welche Rolle spielten Frauen in dieser migrantischen Fußballkultur – als Zuschauerinnen, Organisatorinnen, Familienangehörige oder unsichtbare Akteurinnen im Hintergrund?

Leider gibt es immer noch keine Frauenmannschaft, auch wenn das immer mal wieder besprochen wurde, in den letzten Jahren selbst im Vorstand. Im Moment haben wir bei Lupo relativ viele Teams – etwa zehn Jugendmannschaften und zwischenzeitlich fünf Seniorenmannschaften –, aber nur zwei Fußballplätze und vier Kabinen sowie ein kleines Vereinsheim. Unsere Kapazitäten sind also ziemlich begrenzt. Als wir für kurze Zeit in der Regionalliga waren, das ist die vierthöchste Spielklasse, und auch jetzt in der Oberliga würde es uns eigentlich gut zu Gesicht stehen, ein Frauenteam aufzubauen, zumal sich der Frauenfußball mittlerweile ganz stark etabliert hat in Europa. Aber es ist uns bisher leider nie gelungen. Und zu meiner aktiven Zeit in den 1980er-Jahren, da kamen zunehmend mehr Frauen zum Zugucken. Am Anfang waren das meist nur die Spielerfrauen, Freundinnen oder Partnerinnen. Und heutzutage? Eine Zeit lang war die Tochter vom besten Freund meines Vaters bei uns stellvertretende Jugendleiterin, Miriam Gobbato. Trotzdem bleibt die Zahl der Frauen begrenzt. Ich weiß nicht, worauf das zurückzuführen ist, vielleicht hat das was mit patriarchalen Vorstellungen zu tun, mit denen viele Italiener groß werden. Gleichzeitig, wenn man sich das heute so anschaut, sind italienische Frauen eigentlich total emanzipiert. Also da gibt dieses strenge Rollenverständnis nicht mehr.

Heute spielt Lupo Martini in der Oberliga Niedersachsen. Was bedeutet es, dass ein ehemaliger «Gastarbeiterverein» heute Teil des organisierten Profisystems ist – bleibt der soziale und politische Gründungsgedanke erhalten oder wird er «folklorisiert»?

Ja, schon ein Stück weit wurde das schon folklorisiert, denke ich. Vielleicht ist das auch ganz normal, gehört zum Wandel durch Integration dazu. Früher waren wir kein «normaler» Verein und heute sind wir ein total normaler Verein wie jeder andere auch. Und so werden wir auch gesehen. Heute spielt es keine Rolle mehr, dass wir ein «Gastarbeiterverein» waren, im Gegensatz zu den Gründungszeiten oder in den ersten 20, 30 Jahren. Wir sind jetzt voll integriert, in jedweder Hinsicht. Nicht nur die Spieler, sondern auch wir als Verein, im Verband, in der Gemeinschaft des Fußballsports. 

Es gibt derzeit ziemlich viel Zuwachs von, in Anführungszeichen, «neuen italienischen Personen». Suchen die auch den Verein auf?

Es sind schon ein paar gekommen, aber noch wenig. Wenn, dann sind es eher die Kinder der 4. oder bereits 5. Generation, die heute zu uns kommen. Aber was mir schon auffällt: Ich besuche oft am Sonntagvormittag die Spiele unserer Altliga-Mannschaft, weil da noch einige mitmachen, mit denen ich gespielt habe. Und da ist in unserem Vereinsheim immer relativ viel los, weil viele zum typisch italienischen Frühstück kommen: Cappuccino, Espresso, Brioche und so was. Das kennen Sie vielleicht ein bisschen. Und da sieht man dann auch wirklich sehr viele von diesen, in Anführungszeichen, «Neuankömmlingen» oder neuen Immigrant*innen, die in den letzten fünf Jahren gekommen sind. Aber im Gegensatz zu früher, wo die Italiener selbst oder mit ihren Kindern zu Lupo gekommen sind, haben die heute kein Problem mehr damit, sich einem deutschen Sportverein anzuschließen, wenn der um die Ecke ist.

Im Jahr des 70-jährigen Bestehens des Anwerbeabkommens mit Italien wird viel über Erinnerung gesprochen. Welche Verantwortung tragen Vereine wie Lupo Martini, diese Geschichte lebendig zu halten – auch angesichts aktueller Debatten über Migration, Rassismus und Arbeitsrechte?

Ich denke, dass Lupo schon eine große Rolle spielt und auch eine große Verantwortung trägt. Selbst durch ein einfaches Interview wie unser heutiges Gespräch wird diese Geschichte weiterhin erzählt. Das ist wichtig, weil sie ein Beispiel dafür ist, welche Schwierigkeiten es am Anfang für italienische Immigrant*innen gab und wie im Laufe der Jahre daraus trotzdem eine gelungene Geschichte entstanden ist. Die Geschichte von Lupo Martini ist ein Beleg dafür, dass Sport für eine Integration im täglichen Leben absolut förderlich ist, gerade auch gegen jene Tendenzen, die wir leider auch heute wieder haben. Vereine wie Lupo helfen, dem Rassismus entgegenzuwirken.

Wir haben im Laufe unserer Recherche bemerkt, dass Italiener und Italienerinnen in der deutschen Erinnerungskultur irgendwie unsichtbar scheinen. Warum, glauben Sie, ist das so?

Ich denke, weil die Anwesenheit von Italiener*innen mittlerweile normal ist. Ich muss Ihnen ehrlich sagen, die Integration, um das mal an einem ganz klaren Beispiel aufzuzeigen, ist so gelungen, dass meine Generation – und wir sind die zweite – und die dritte sowieso meistens beide Pässe besitzt. Also wir sind Nachfahren der italienischen Immigrant*innen, aber haben auch einen deutschen Pass. Also zählen wir genauso zur deutschen Gesellschaft dazu und fühlen uns genauso dazugehörig, wohl wissend um unsere Wurzeln. Und ich denke, deswegen wird das nicht mehr so erinnert. Klar, gerade hier im Stadtbild von Wolfsburg gibt es noch viele italienische Bars und Ähnliches. Das ist schon noch was Besonderes. Aber im Allgemeinen, wenn ich das auf das ganze Land beziehe, scheint mir die italienische «Kultur» gar nicht so weit entfernt von der deutschen «Kultur» zu sein. Wir sind vielleicht noch einzelne bunte Farbtupfer. Aber man muss schon genau hinsehen, um das zu erkennen. Aber im Großen und Ganzen unterscheiden wir uns da nicht besonders von den Deutschen.

Und weil man nicht mehr so «heraussticht», kriegen die Medien das mit dem Jubiläum nicht so mit. Aber wir können unheimlich stolz sein, und das in jedweder Hinsicht. Also stolz darauf, bei Lupo mitzumachen und auf unsere italienische Herkunft. Was wir mit Lupo erreicht haben – wo Lupo heute ist und wo der Verein herkam, wie er gegründet wurde und dass das unsere Eltern hinbekommen und somit auch die erfolgreiche Integration praktisch mit angestoßen haben –, darauf können wir unheimlich stolz sein. Und im Allgemeinen: Wenn ich den Fernseher anmache und in den Tagesthemen dann Ingo Zamperoni sehe, sage ich: Schau mal, er ist auch ein Kind von italienischen Einwanderern, er ist aber auch ein Stück Deutschland. Ja, und darauf bin ich stolz.