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Im Vorfeld der Weltklimakonferenz COP30 in Belém lud der Verein journalists.network e.V. zehn junge Journalist*innen auf eine Recherchereise nach Brasilien ein. Unter anderem sprachen sie dort mit Vertreter*innen der brasilianischen Zivilgesellschaft und mit Mitgliedern afrobrasilianischen und indigenen Bewegung. Über die Erwartungen und Kritiken, die es dort hinsichtlich der COP30 gab und über ein vorläufiges Resümee des Gipfels sprachen wir mit Omeima Garci, Kyra Hertel und Enno Schöningh, die an der Reise teilnahmen.
Lula versprach kurz nach seinem Wahlsieg beim Klimagipfel in Sharm el-Sheikh 2022 eine politische Kehrtwende gegenüber der Politik der Bolsonaro-Regierung, die den Amazonas massiv unter Druck gesetzt und den Klimaschutz weitgehend ausgehöhlt hatte. In welchem Maß ist diese Kehrtwende heute tatsächlich umgesetzt?
Eine politische Kehrtwende ist seit Beginn von Lulas Amtszeit Anfang 2023 beim Waldschutz sichtbar. Die Abholzung im Amazonasgebiet ist im Vergleich zur Zeit der Bolsonaro-Regierung zurückgegangen. Bis 2024 sank die Entwaldungsrate auf den niedrigsten Stand seit 2014. Zwischen August 2024 und Mai 2025 stieg sie jedoch aufgrund von Waldbränden an. Im Interview mit den Teilnehmenden der Journalistenreise sagte die brasilianische Umweltministerin Marina Silva: „Auch wenn Bolsonaro vier Jahre lang vieles aufgehalten hat, haben wir durch unsere Gesetzgebung bereits die Freisetzung von 450 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid verhindert.“ Gleichzeitig hat die Nationale Öl- und Gasagentur (ANP) im Juni eine Auktion für 172 neue Erkundungsgebiete durchgeführt und die brasilianische Umweltbehörde IBAMA hat Probebohrungen nahe der Mündung des Amazonas genehmigt. Sowohl die ANP als auch die IBAMA sind Bundesbehörden, die in Regierungsministerien eingegliedert sind und für Lulas Regierung arbeiten. Dass er auf der Weltklimakonferenz einen Fahrplan zum Ausstieg aus den fossilen Energien vorantrieb, kam daher überraschend.
Anders als bei früheren Gipfeln, etwa in Baku oder Dubai, ist die Zivilgesellschaft in Belém deutlich sichtbar - es gibt Demonstrationen, Besetzungen, vielfältige Protestformen und sogar einen Gegengipfel (Cupúla dos povos). Was war euer Eindruck vor Ort, wie es um das Verhältnis zwischen der Regierung Lula und diesen sozialen Bewegungen bestellt ist?
Unser Eindruck war, dass viele Aktivist*innen der Regierung Lula deutlich positiver gegenüberstehen als zuvor der Regierung Bolsonaro. Nicht, weil Lula alle Erwartungen erfüllt, sondern weil unter seiner Regierung überhaupt wieder Räume für Dialog existieren. Gespräche mit Ministerien, Behörden oder Delegierten sind unabhängig davon, wie erfolgreich sie am Ende sind, erstmals wieder möglich. Und genau das ist für viele Organisationen zentral: Sie können ihre Anliegen artikulieren, Druck aufbauen und politische Prozesse mitgestalten. Dieses Mindestmaß an Offenheit sieht die Zivilgesellschaft als entscheidenden Fortschritt, auch wenn es weiterhin Spannungen, Kritik und viele unerfüllte Forderungen gibt.
Die Proteste in Belém waren stark durch indigene Organisationen geprägt. Welche Hoffnungen und welche Kritik haben diese angesichts der COP30?
Indigene Organisationen forderten auf der COP30 vor allem Mitspracherecht. Mitspracherecht darüber, wie ihr Land bewirtschaftet werden soll und wie das globale Klima geschützt werden kann. Hinzu kommen Forderungen einer angemessenen Finanzierung indigener Arbeit für den Waldschutz. Sara Pereira von der Nichtregierungsorganisation FASE (Föderation der Organisationen für soziale und pädagogische Hilfe), kritisierte im Vorfeld der Klimakonferenz, dass auf dieser ausschließlich Regierungen unter sich verhandeln und Stimmen aus der Zivilgesellschaft nur eine untergeordnete Rolle spielen. Trotzdem besteht für die indigene Bevölkerungen die Hoffnung, dass ihre Stimmen auf dieser Klimakonferenz gehört werden. „Die Klimakonferenz findet in ihrem Zuhause statt und sie wollen nicht nur Dekoration sein“, sagte sie uns. Für die indigene Bewegung ist die Frage der Demarkierung von indigenem Land eng mit dem Klimaschutz verbunden. Das hat etwa die Fachstelle für indigene Gemeinschaften (CIMI) im Gespräch mit uns betont: Wenn die Gebiete Indigenen zugesprochen werden, dann ist das dem Umweltschutz dort zuträglich und sie sind vor großen Infrastruktur- und Bauprojekten geschützt.
Ihr habt euch auch mit Vertreter*innen der afrobrasilianischen Bewegungen getroffen und dort unter anderem über Rassismus und Klimawandel gesprochen. Wie hängt beides zusammen?
Das lässt sich gerade an der COP sehr gut beobachten: Die Regionen und Gemeinschaften, die am wenigsten zum Klimawandel beitragen, darunter viele afrobrasilianische Communities, sind gleichzeitig diejenigen, die die härtesten Folgen spüren. Klima- und Umweltkrisen verstärken bestehende Ungleichheiten, weil Ressourcen, politische Macht und Schutzmaßnahmen ungleich verteilt sind.
Rassismus und Klimawandel hängen also direkt zusammen: Wer gesellschaftlich benachteiligt ist, trägt auch beim Klima die größte Last. Das wird gerade bei Klimakatastrophen in Brasilien deutlich, das haben wir auch bei dem Besuch bei Uneafro (Union der Volksbildungszentren für Schwarze Frauen, Schwarze Männer und die Arbeiterklasse) erfahren, die zu dieser Thematik eigene Daten erheben und auswerten.
Brasiliens Regierung kündigte eine „Konferenz der Umsetzung an“ – und weckte damit große Erwartungen. Was ist eure vorläufige Bilanz: Hält der Gipfel dieses Versprechen bislang ein?
Auf der COP30 galten der Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen, der Schutz des Regenwaldes und die Finanzierung globaler Klimaschutzmaßnahmen zu den wichtigsten Themen. Doch bis zur Halbzeit der UN-Klimakonferenz gab es in Belém keine großen Durchbrüche an den Verhandlungstischen.
In der zweiten Woche ging es dann doch noch etwas voran. Ein wichtiger Moment war die Vorstellung eines Landrechte-Abkommens, dem sich 15 Staaten angeschlossen. Bis 2030 sollen 63 Millionen Hektar indigener Gebiete anerkannt werden. Brasiliens Präsident Lula selbst ließ noch während der COP30 zehn weitere indigene Gebiete offiziell anerkennen. Zudem stimmten unter anderem Deutschland und Norwegen zu, in den Waldschutzfonds TFFF mit Beiträgen in Milliardenhöhe zu investieren.
Was unklar bleibt, ist, zu welchen konkreten Schritten für den Ausstieg aus den fossilen Energien sich die Länder verpflichten. Lula selbst rückte von seinem Fahrplan für den Ausstieg aus den fossilen Energien ab. Auch ein konkreter Plan für weitere Klimaschutzmaßnahmen auf globaler Ebene fehlt bisher.
Die Recherchereise fand in Kooperation und mit finanzieller Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung statt.

