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Die Bezeichnungen mögen von Land zu Land variieren – Küche für Alle, Volksküche, Gemeinschaftskantine oder Solidaritätsküche. Doch diese, in den einkommensarmen Schichten der Bevölkerung verwurzelten, kollektiven Initiativen stehen nicht nur für Solidarität in Krisenzeiten, sondern sind auch Keimzellen für Projekte der Ernährungssouveränität und Orte, an denen sich soziale Kämpfe aus dem ländlichen und städtischen Raum verbinden.
Patricia Lizarraga ist Projektkoordinatorin im Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Buenos Aires (Argentinien, Chile, Uruguay).
Jorge Pereira Filho ist Projektkoordinator im Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in São Paulo ((Brasilien, Paraguay).
Beide arbeiten unter anderem zum Thema Ernährungssouveränität und haben den Atlas of Food Systems of the Southern Cone herausgebracht.
Aus der Alltagserfahrung von Mangel und strukturellen Ungleichheiten in Lateinamerika entstanden, stützen sich die Praktiken auf eine lange Geschichte der Organisation von Nachbarschaften, Gewerkschaften, Kleinbäuer*innen und Gemeinden. Dabei gehen sie über die reine Wohltätigkeit hinaus und verändern den öffentlichen Raum. Von Gemeinschaftsküchen in den Mietshäusern und Arbeitervierteln im Cono Sur über solidarische Küchen während der Diktatur in Chile bis hin zu Streikposten der argentinischen Arbeitslosenbewegung zu Beginn des 21. Jahrhunderts und den Küchen, die als erster gemeinschaftlicher Raum bei Landbesetzungen in Brasilien eingerichtet wurden, entstanden mit ihnen lebenswichtige Strukturen, die Verfolgungen, Wirtschaftskrisen und autoritärer Politik standhalten konnten. In der gesamten Region folgen sie einem Prinzip: Das gemeinsame Kochen und Essen sichert nicht nur das materielle Überleben, sondern es ist auch ein politischer Akt. Es ist eine Möglichkeit, kollektive Fürsorge zu leisten, elementare Grundbedürfnisse zu decken, Selbstverwaltung im Alltag zu praktizieren und eine Gegenmacht zum geschwächten Staat und ausgrenzenden Wirtschaftsmodellen aufzubauen.
Brasilien: Staatliche Unterstützung der Solidarküchen
Während der Pandemie und der jüngsten Ernährungskrise haben die Erfahrungen verschiedener Länder mit gemeinschaftlichen Ernährungsinitiativen erneut gezeigt, dass eine kollektive Lösung auch unter extremen Bedingungen möglich ist. So zum Beispiel in Brasilien: Vor drei Jahren litten hier noch mehr als 33 Millionen Menschen Hunger. Im Jahr 2025 verschwand das Land jedoch von der Welthungerkarte der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Eine der von Luiz Inácio Lula da Silva (Partido dos Trabalhadores, PT) und seiner Regierung angekündigten Maßnahmen, die dazu beitrugen, war die staatliche Unterstützung der Solidarküchen.
Angesichts der sozialen Fragmentierung und des Rückzugs des Staates während der Pandemie organisierten sich die lateinamerikanischen Gesellschaften erneut rund um die Küche als politischen Raum, als Ort der Fürsorge und Motor kollektiven Handelns. Auf diese Weise fand Freires Begriff des „Hoffens“ als aktive und verändernde Praxis in den Solidaritätsküchen konkreten Ausdruck.
Hunderte von Gemeinschaftsküchen, die von bäuerlichen und städtischen Bewegungen ins Leben gerufen wurden, bildeten solidarische Versorgungsnetze, passten die logistische Organisation an die gesundheitlichen Auflagen an und versorgten die Bevölkerung mit gesunden Lebensmitteln zu fairen Preisen. Dort, wo die bäuerliche Landwirtschaft dynamisch und vielseitig ist, konnte schnell und effektiv reagiert werden. Das zeigt, dass Solidarität in Krisenzeiten als materielle Kraft wirken kann. Die Nahrung wurde zum Ausgangspunkt für einen umfassenderen Kampf – denn, wo gemeinsam gekocht wird, werden auch Themen wie der Zugang zu Land, Agrarpolitik, menschenwürdige Arbeit und Ernährungssouveränität diskutiert.
In den schlimmsten Zeiten der Pandemie, als der rechtsextreme Militär Jair Bolsonaro an der Macht war, waren die Gemeinschafts- und Solidarküchen in Brasilien zentrales Instrument im Kampf gegen den Hunger. Während sich die Ernährungskrise landesweit ausbreitete, ignorierte der Präsident die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und verweigerte den Menschen selbst im Lockdown jegliche ökonomische Unterstützung.
Mit dem explosionsartigen Anstieg des Hungers gründeten verschiedene städtische und ländliche Basisbewegungen, darunter die Landlosenbewegung (MST), die Bewegung der wohnungslosen Arbeiter*innen (MTST), die Bewegung der Kleinbäuer*innen (MPA), die Arbeiterbewegung für Rechte (MTD) und die Brasilianische Volksbewegung (MBP) Initiativen von Gemeinschafts- und Solidarküchen. Sie stärkten damit eine „von unten“ entwickelte soziale Praxis, um den Hunger zu bekämpfen und zugleich eine Auseinandersetzung über gesellschaftliche Werte zu führen – indem sie Solidarität und kollektives Handeln als Mittel zur Bewältigung der schweren Krise dieser Zeit in den Vordergrund stellten.
Mit dem Wahlsieg von Lula im Jahr 2022 kam die Anerkennung dieser Initiativen. In seinem ersten Regierungsjahr wurde das von dem linken Abgeordneten Guilherme Boulos (Partido Socialismo e Liberdade, PSOL, São Paulo) entwickelte Nationale Programm Solidarische Küchen (PNCS) ins Leben gerufen und im Rahmen des Programms zur Beschaffung von Lebensmitteln (PAA) gesetzlich verankert. Heute beziehen rund 2.000 der Küchen Lebensmittel und finanzielle Unterstützung von der Bundesregierung, damit sie ihre Arbeit weiter leisten können.
Die beiden Programme – PNCS und PAA – verbinden den staatlichen Ankauf von Lebensmitteln, die von indigenen Gemeinschaften, traditionell wirtschaftenden Bevölkerungsgruppen, Quilombolas, Kleinbäuer*innen und im Rahmen der Landreform angesiedelten Familien produziert werden, mit der kostenlosen Verteilung von Lebensmitteln, Mahlzeiten und frischen Produkten an Bedürftige, insbesondere in den städtischen Randgebieten. Die Hauptrolle liegt bei den sozialen und gemeindebasierten Organisationen, die sich um die soziale Gemeinschaftsarbeit der Lebensmittelverteilung kümmern.
Die beiden öffentlichen Maßnahmen bekämpfen nicht nur den Hunger, sondern unterstützen auch den Verbleib der produzierenden Familien auf dem Land, indem sie durch den garantierten Aufkauf durch den Staat Einkommen generieren. Außerdem leisten sie einen positiven Beitrag im Hinblick auf die globale Erderwärmung, da die bäuerliche Produktion weniger schädlich für die Umwelt ist als die Agrarindustrie. In Brasilien wird mehr als die Hälfte der Treibhausgase durch die großflächige Produktion von Commodities verursacht.
Argentinien unter Milei: Zerstörung solidarischer Räume
Um das vorherrschende Agrar- und Ernährungsmodell im Cono Sur zu überwinden, welches nicht nur die Bevölkerung unzureichend ernährt, sondern auch umweltschädlich ist, ist die finanzielle Unterstützung der bäuerlichen und traditionellen Landwirtschaft von grundlegender Bedeutung.
Mitten in der Pandemie wurde in Argentinien das „Netzwerk der Kantinen für eine selbstbestimmte Ernährung“ ins Leben gerufen, eine Initiative, die Organisationen aus ländlichen und städtischen Gebieten zusammenbrachte, um gesunde Lebensmittel für die Solidar- und Gemeinschaftsküchen in den Armenvierteln von Buenos Aires und im Großraum Buenos Aires zur Verfügung zu stellen. Dieses übergreifende Netzwerk koordinierte die Arbeit von mehr als 200 Nachbarschaftsorganisationen, Gewerkschaften, Kirchengemeinden, Schulen, Fußballvereinen, Gemeinschaftsküchen, Nachbarschaftsvereinigungen und bäuerlichen Organisationen und versorgte jedes Stadtviertel mit gesunden, sicheren und souverän erzeugten Lebensmitteln: Agrarökologie in den Armenvierteln. Diese Entwicklung kam jedoch nicht von ungefähr. Argentinien blickt auf eine lange Geschichte zurück, in der Volksküchen zu einem Symbol des Kampfes und Kantinen und Lokale zu einem Sinnbild der Gemeinschaftsorganisation wurden.
Im Jahr 2023 gab es in Argentinien laut dem nationalen Register für Gemeinschaftsküchen RENACOM (Registro Nacional de Comedores y Merenderos Comunitarios) mehr als 40.000 Kantinen und Gemeinschaftsküchen sowie etwa 70.000 Köch*innen, die diese Gemeinschaftsräume Tag für Tag am Laufen hielten. Zusammen mit Basisorganisationen politisierten sie historisch unsichtbare Aufgaben und schafften es, die Vorstellung von nicht anerkannten Gemeinschaftsarbeiten ins Problembewusstsein der Bevölkerung zu rücken. Organisationen wie die Unión de Trabajadores de la Economía Popular (UTEP) oder La Poderosa setzten sich zwischen 2022 und 2023 für die Anerkennung von Sorgearbeit, eine verbesserte Infrastruktur und den Zugang zu frischen Lebensmitteln ein. Dieser Prozess half, den Bereich der Gemeinschaftsarbeit innerhalb der Basiswirtschaft zu festigen: ein feminisierter und lokal verankerter Raum, der das Leben in den Stadtvierteln aufrechterhält, die Wohltätigkeitslogik infrage stellt und ein anderes Verständnis des Gemeinwesens von unten auf den Plan ruft. Auch in Zeiten von Sparmaßnahmen konnte dieses Netzwerk bestehen und hat gezeigt, dass Solidarität innerhalb der Gemeinschaft eine unverzichtbare politische Grundlage für Ernährungssouveränität und soziale Gerechtigkeit darstellt.
Die Regierungsübernahme durch den ultralibertären Javier Milei im Dezember 2023 führte zu einer raschen Demontage der sozialen und ernährungspolitischen Maßnahmen. Unter dem Motto der „steuerlichen Kettensäge“ und unter dem Vorwurf, dass gemeinnützige Organisationen unnötige „Zwischenhändler“ zwischen Staat und Bevölkerung (und nicht nur ineffizient, sondern auch profitgierig) seien, kündigte die Regierung Vereinbarungen mit sozialen Organisationen, kürzte das Ernährungsbudget drastisch und startete eine Kampagne der Stigmatisierung und rechtlichen Verfolgung. Im Rahmen ihres Kreuzzugs gegen soziale Bewegungen zielte die rechtsextreme Regierung darauf ab, alle gemeinwohlorientierte Maßnahmen abzuschaffen. Im Sinne ihrer Vorstellung, der zufolge der freie Markt alle menschlichen Bedürfnisse befriedige, wurden im Laufe des Jahres 2024 mehr als hundert Maßnahmen im Bereich der Nahrungsmittelversorgung abgeschafft.
Es ist kein Zufall, dass die Regierung als eine ihrer ersten Maßnahmen die Solidarküchen boykottierte und eine generalisierte Schwächung der basisnahen Sozial‑ und Wirtschaftspolitik vorantrieb (u.a. durch die Reduzierung der staatlichen Programme für Ernährungssicherheit, die grundlegende Schwächung der sozialen Sicherungssysteme und Kürzung der staatlichen Förderung der Gemeinschaftsküchen). Nach Klagen von sozialen Bewegungen wurde im Juli bekannt, dass der Staat Lebensmittel in öffentlichen Lagern verrotten ließ, anstatt sie an Gemeinschaftsküchen zu verteilen. Erst auf starken gesellschaftlichen Druck hin beschloss die Regierung, einen Teil dieser Lebensmittel abzugeben – allerdings nicht an die Organisationen, die diese Praktiken seit jeher unterstützen, sondern an kirchliche Initiativen, die das politische Projekt der Regierung befürworteten.
Heute gibt es keine offiziellen Daten darüber, wie viele Gemeinschafts- und Solidarküchen ihren Betrieb aufrechterhalten konnten. Bekannt ist allerdings, dass viele geschlossen wurden, ihre Öffnungszeiten oder Essensrationen reduzieren mussten oder von der hohen Nachfrage überfordert sind. Dennoch sind die gemeinschaftlichen Essensausgaben weit davon entfernt, wegzubrechen; vielmehr fungieren sie als eine der stabilsten Auffangnetze des Landes. Dort, wo sich der Staat zurückgezogen hat, bleibt das Gemeinschaftsgefüge bestehen. Die Basisbewegungen waren entscheidend dafür, die Arbeit sichtbar zu machen, die notwendig ist, um ein Stadtviertel täglich mit Lebensmitteln zu versorgen.
Diese in der gesamten Region verbreiteten Praktiken sichern nicht nur die Ernährung ganzer Gemeinschaften, sondern beleben auch die Basisarbeit, fördern die emanzipatorische Bildung der Bevölkerung und eröffnen neue politische Perspektiven. In einem Projekt für Ernährungssouveränität ist Solidarität kein Beiwerk oder Wohltätigkeit, sondern ein strategisches Prinzip. Es setzt die angestrebte menschenwürdige Gesellschaft voraus und inspiriert zu neuen Formen der kollektiven Organisation.
Übersetzung von Camilla Elle und Susanne Munz für Gegensatz Translation Collective.


