Details

Seit Jahrzehnten prägen Landkonflikte, staatliche Gewalt, Druck durch Bergbau und Agrarindustrie sowie anhaltende Formen des Umweltrassismus das tägliche Leben im Amazonas-Gebiet. Im Bundesstaat Pará konzentrieren sich einige der gravierendsten Territorialkonflikte des Landes. Aus dem Widerstand gegen große Ungleichheiten sowie aus geopolitisch beeinflussten Auseinandersetzungen um Land und Rohstoffe sind Netzwerke entstanden, die die bislang größte Mobilisierung Schwarzer Frauen in der Geschichte Brasiliens hervorgebracht haben. Über einen Zeitraum von mehr als vierzig Jahren haben Schwarze Initiativen eine überregionale politische Bewegung aufgebaut. Sie sind so zu einer maßgeblichen Stimme für kollektive Anliegen geworden und haben das Verständnis von Demokratie, Territorium und sozialer Gerechtigkeit grundlegend in Frage gestellt. Der Zweite Nationale Marsch der Schwarzen Frauen – für Reparation und ein gutes Leben (Buen Vivir / Bem Viver) –, der am 25. November in Brasília stattfand, ist der aktuelle Höhepunkt dieser Entwicklung.
Katarine Flor ist Journalistin und verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit im Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in São Paulo.
Der Protestmarsch rückt ein entscheidendes Thema erneut in den Mittelpunkt der Debatte: Ohne den Kampf gegen Rassismus wird es keine echte Demokratie in Brasilien geben – insbesondere im Amazonasgebiet, wo die rassistische Gewalt durch Landkonflikte und die fortbestehenden kolonialen Denkweisen bestimmt ist.
Amazonien als politisches Zentrum
Um die Kraft des Protestmarsches zu verstehen, muss man die Vorreiterrolle des Bundesstaates Pará verstehen. In einer Region, die von systematischem Landraub, Übergriffen auf traditionelle Territorien, der Expansion großer Konzerne sowie staatlicher Vernachlässigung geprägt ist, haben Schwarze Frauen starke politische Netzwerke aufgebaut, die mittlerweile von grundlegender Bedeutung für die landesweite Bewegung sind.
In diesem Kontext haben sich wichtige Führungspersönlichkeiten wie Nilma Bentes entwickelt. Sie gründete 1980 das „Zentrum für Studien und Verteidigung der Schwarzen in Pará“ (Cedenpa). Cedenpa befasste sich frühzeitig mit Themen, die heute auf der globalen Agenda für ethnokulturelle Gerechtigkeit stehen: Polizeigewalt, Landrechte, Gleichstellungspolitik und die kritische Auseinandersetzung mit Umweltrassismus – ein international anerkannter Begriff, der die unverhältnismäßige Belastung Schwarzer und indigener Bevölkerungsgruppen durch Umweltschäden beschreibt.
Es war Bentes, die 2011 während der „Afro XXI“, einem Treffen der Vereinten Nationen im Rahmen des Internationalen Jahres für Menschen afrikanischer Abstammung, die Idee eines landesweiten Demonstrationszugs Schwarzer Frauen einbrachte. Dieser Vorschlag wurde umgehend von der „Vereinigung brasilianischer Organisationen Schwarzer Frauen“ (AMNB) aufgenommen. Die Erfahrungen aus dem Amazonasgebiet rückten somit in den Mittelpunkt der politischen Arbeit der Bewegung.
Nilma Bentes hebt hervor, dass der Protestmarsch konkrete politische Erwartungen beinhalte. „Es geht nicht darum, nach Brasília zu fahren, um Lula und dem Kongress ‹Hallo› zu sagen. Es geht darum, etwas zu verändern“, sagt sie. Ihre Vorstellung einer symbolischen Konfrontation – „und sei es nur, dass frau ein faules Ei wirft“ – verdeutlicht, worauf es ankommt: nicht nur die politische Landschaft zu prägen, sondern die institutionelle Macht unter Druck zu setzen und eine echte Wirkung zu erzielen.
Neuordnung der politischen Landschaft durch Schwarze Frauen
Durch die Einbindung der AMNB erhielt das Vorhaben eine größere Dimension. Laut Maria Malcher von Cedenpa wurde mit dem Protestmarsch ein lang gehegter politischer Wunsch Wirklichkeit: „Der Marsch verlieh der Rolle Schwarzer Frauen Sichtbarkeit und führte zu einer Neuausrichtung der landesweiten Aktionen.“
Die erste Mobilisierung im Jahr 2015, bei der mehr als 50.000 Schwarze Frauen in ganz Brasilien gegen Rassismus, Gewalt und für das gute Leben demonstrierten, veränderte die Geografie der Mobilisierungen im Land. Schwarze Frauen waren nun nicht mehr nur ein „Flügel“ der Bewegung, sondern standen im Mittelpunkt der politischen Gestaltung des 8. März. Sie verschoben Prioritäten, konzipierten Methoden und schmiedeten Allianzen. In dieser Zeit konsolidierte sich auch das „Nationale Förderkomitee“ (Comitê Impulsor Nacional) und weitete die Mobilisierung auf alle Bundesstaaten aus.
Juliana Gonçalves (Marcha das Mulheres Negras São Paulo, MMNSP) fasst zusammen: „Der Marsch schuf einen realen Raum für den Dialog zwischen Schwarzen Frauen mit unterschiedlichen Ideologien, Hintergründen und Lebenswegen. Er ermöglichte es, Zusammenhalt zu schaffen, ohne Meinungsverschiedenheiten auszublenden.“
Diese Neustrukturierung hatte konkrete Auswirkungen: die Stärkung nationaler Bündnisse, die Bildung von Kommunikationsnetzwerken und Kollektiven für Schwarze feministische Ökonomie, Fortschritte im Bereich der reproduktiven Gerechtigkeit sowie eine stärkere Präsenz Schwarzer Frauen in der institutionellen Politik. Letzteres wurde in Studien des Instituto Marielle Franco, von UN Women und anderen Organisationen dokumentiert.
Das gute Leben in Schwarz
Schwarzen Frauen haben in den letzten Jahren eine tiefgreifende Neugestaltung des Konzepts eines „guten Lebens“ vorangetrieben. Ursprünglich mit lateinamerikanischer Kritik an der Vermarktung des Lebens verknüpft, wurde es unter Einbeziehung afrikanischer Traditionen, Praktiken der gemeinschaftlichen Fürsorge sowie Kritik an Konsumkultur und Ausbeutung der Natur neu definiert. Gonçalves erklärt es so: „Wir haben das gute Leben Schwarz ausgelegt.“
Diese ethische Horizonterweiterung hat die Debatten zu Ernährungssouveränität, zu Umweltrassismus und Landrechten erweitert – Fragen, die allesamt in direktem Zusammenhang mit der globalen Klimagerechtigkeitsagenda stehen.
Reparation und internationale Solidarität
Der Zweite Nationale Marsch der Schwarzen Frauen stellte die historische Wiedergutmachung in den Mittelpunkt der Debatte. Reparation ist dabei kein abstraktes Konzept: Es geht um konkrete Forderungen – Finanzmittel, Wohnungspolitik, soziale Absicherung für Hausangestellte, Frauenquoten auf allen Ebenen des Staates und die Bekämpfung der Masseninhaftierung.
Der Globale Norden, der einen Teil seines Reichtums durch ein koloniales Sklavensystem angehäuft hat, muss verstehen, dass die Forderung nach Reparation auf dokumentierten und andauernden Verstößen beruht, die in Untersuchungen internationaler Organisationen wie UN Women, CEPAL und Oxfam anerkannt wurden.
Gleichzeitig markiert der diesjährige Marsch einen organisatorischen Meilenstein, nämlich seine Internationalisierung. Arbeitskreise und Netzwerke Schwarzer Frauen aus dutzenden Ländern – aus Lateinamerika, der Karibik, aus Afrika, Europa und den Vereinigten Staaten – haben sich zu diesem Thema zusammengeschlossen.
Diese Ausweitung weist auf etwas Grundsätzliches in Bezug auf soziale Gerechtigkeit hin: Der brasilianische Kampf um Reparation steht im Zusammenhang mit globalen Debatten zu Kolonialismus, historischer Verantwortung und Klimagerechtigkeit. Es handelt sich nicht nur um eine nationale Agenda, sondern um einen Aufruf zu grenzüberschreitender Solidarität.
Erinnerung, Aufbau und Zukunft
Selbst unter widrigen Umständen bewahrt die Bewegung ihre politische Entschlossenheit. Bentes beschreibt diese Beharrlichkeit treffend: „Der Marsch hat 2015 keineswegs aufgehört. Viele von uns marschieren jeden Tag weiter.“
Die Entwicklung des nationalen Marsches der Schwarzen Frauen zeigt, dass Amazonien kein Randgebiet der brasilianischen Politik ist, sondern ein Zentrum der Artikulation, des Widerstands und der Schaffung von Alternativen. Die politische Vorstellungskraft Schwarzer Frauen ist nach wie vor eine der stärksten Kräfte der brasilianischen Demokratie.
Der Zweite Nationale Marsch der Schwarzen Frauen fasst all dies zusammen: Erinnerung, Aufbau und Zukunft. Und er bekräftigt, dass keine ernsthafte Debatte über Demokratie, Klimagerechtigkeit oder Menschenrechte die historische Rolle Schwarzer Frauen ignorieren darf – weder in Brasilien, noch im Amazonasgebiet oder weltweit.
Übersetzung von Camilla Elle und Susanne Munz für Gegensatz Translation Collective.

