Zum Hauptinhalt springen

Interview , : Süditalienische Arbeitsmigration in Turin und München

Die Unterschiede zwischen Binnen- und Auslandsmigration

Wichtige Fakten

Details

Portrait von Olga Sparschuh
Dr. Olga Sparschuh, Migrationsforscherin und Autorin Foto: Blende 11 Fotografen (Weißenburger Platz 2, 81667 München)

Wie unterschieden sich Wege, Erwartungen und Erfahrungen der zunächst vor allem männlichen Arbeitsmigranten, die in den 1950er- bis 1970er-Jahren aus Süditalien nach Turin oder München gingen? Im Gespräch erklärt Olga Sparschuh, warum nationale Grenzen für viele nicht maßgeblich waren, wie München zum sogenannten Nadelöhr der italienischen Migration wurde und weshalb sich in der Stadt – anders als in Turin – nie ein süditalienisches Viertel bildete. Sie erläutert, wie eng verwoben Binnen- und Auslandsmigration waren, warum italienische „Gastarbeit“ heute in der öffentlichen Erinnerung kaum vorkommt, was die „wilden Streiks“ der 1970er-Jahre über die Position italienischer Arbeiter in deutschen Fabriken verraten und wie Italienerinnen protestierten.

Dr. Olga Sparschuh hat Binnen- und Auslandsmigration in der EWG-/EU verglichen und arbeitet an der Uni Wien zur Bewertung ausländischer Qualifikationen im „langen“ 20. Jahrhundert. Ihre Dissertation Fremde Heimat, fremde Ferne. Italienische Arbeitsmigration in Turin und München 1950-1975 ist 2021 im Wallstein Verlag erschienen.

Massimo Perinelli/Cristina Raffaele: Wie unterschied sich aus Sicht der Migrant*innen der Weg aus Süditalien nach München im Vergleich zum Weg nach Turin?

Olga Sparschuh: Genau das war die zentrale Frage meiner Arbeit: Was unterscheidet eine Binnen- von einer Auslandsmigration? Meine Vermutung war, dass es für die Menschen, die sich auf den Weg aus dem ländlichen Süden Italiens oder sogar von den Inseln in die großen Industriestädte im Zentrum Europas machten, gar nicht so eine Bedeutung hatte, ob sie nach Turin oder nach München gingen. Einerseits war Italien von den 1950er- bis in die 1970er-Jahre hinein noch durch starke Unterschiede zwischen dem Süden und dem Norden des Landes geprägt, die nicht nur sozial und kulturell, sondern auch wirtschaftlich sehr verschieden waren. Während im Süden traditionell die Landwirtschaft der dominante Wirtschaftszweig war, Armut alle Lebensbereiche prägte und die Familienstrukturen das Zusammenleben im Dorf bestimmten, war der Norden Italiens viel moderner. Dort hatten sich nicht nur Gewerbe und Industrie durchgesetzt, auch war das Leben der Einzelnen individueller organisiert.

Andererseits gab es in Europa die ersten politischen Maßnahmen zur Steuerung der Migration. Zunächst waren das die bilateralen Anwerbeverträge; auch das deutsch-italienische Anwerbeabkommen von 1955, das sich jetzt zum 70. Mal jährt, sollte die Arbeitskräftewanderung zwischen Italien und der Bundesrepublik erleichtern. Ab 1961 galten dann die ersten Regelungen zur Durchsetzung der Freizügigkeit innerhalb der EWG. Das machte die grenzüberschreitende Migration einfacher, während in Italien ein noch aus dem Faschismus stammendes Gesetz gegen die Urbanisierung die Binnenwanderung bis 1961 erschwerte.

Beide Tendenzen, traditionelle Unterschiede im Lande und moderne europäische Migrationsregelungen, relativierten also die Bedeutung der nationalstaatlichen Grenzen – und genau das machte es so interessant, beide Wanderungen zu vergleichen.

Zum Thema „Erste Station: München“: Sie beschreiben München als „Nadelöhr“ für viele sogenannte italienische Gastarbeiter*innen. Welche Rolle spielte diese Transitfunktion für die spätere Wahrnehmung und Bedeutung der Stadt innerhalb der italienischen „Community“, damals wie heute?

Vor allem wegen seiner geografischen Lage spielte München für die Wanderung aus Italien stets eine wichtige Rolle. Bereits seit dem 19. Jahrhundert waren Händler, besonders natürlich von Obst und Gemüse, und Handwerker, etwa Stuckateure und Terrazzoleger, aber auch Ziegeleiarbeiter, vor allem aus dem Norden Italiens über den Brenner in die Stadt gekommen. Die, die ihre Familien mitgebracht und sich niedergelassen hatten, wurden in den Unterlagen der katholischen Seelsorger der Missione Cattolica Italiana, die sich um die Betreuung der Migrantenfamilien in der Stadt kümmerte, als „alte Kolonie“ bezeichnet.

Ab den späten 1950er-Jahren kamen die Arbeitsmigranten aus dem Süden Italiens dazu, die per Anwerbevertrag vermittelt wurden – und anfänglich wirklich fast ausschließlich Männer waren. Da die Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung am Hauptbahnhof eine Weiterleitungsstelle für das gesamte Bundesgebiet eingerichtet hatte, machten die meisten wenigstens kurz in München Station. Hier wurden sie von der Caritas in Empfang genommen oder in den Gasthöfen der Dachauer Straße verpflegt. Der erste Eindruck von Deutschland war also München – und das bleibt natürlich in der Erinnerung.

Dass München heute mit knapp 30.000 italienischen Staatsbürger*innen eine der größten italienischen Communities in Deutschland hat, liegt daher sowohl an der geografischen Lage als auch an der historischen Erfahrung. Anders als andere Städte ist München in Italien ein Begriff, nicht zuletzt wegen des Oktoberfestes. Trotzdem sollte man keine zu klare Kontinuitätslinie ziehen und „Italien“ aus der deutschen Perspektive zu stark als einheitliches Ganzes begreifen, denn die Gruppen der „alten Kolonie“, die sich seit dem 19. Jahrhundert niedergelassen hatte, der „Gastarbeiter“ und ihrer Familien, von denen die meisten mit der Ölkrise nach Italien zurückkehrten, und der vielen EU-Mobilen, die danach kamen, überschnitten sich kaum.

Welche Faktoren waren ausschlaggebend dafür, dass viele Süditaliener*innen lieber nach München gingen als in norditalienische Industriestädte wie Turin?

Grundlegend waren beide Städte für die zunächst männlichen Arbeitsmigranten ähnlich attraktiv. Das lag nicht nur an großen Maschinen- und Fahrzeugbaufirmen wie Fiat, MAN oder BMW, sondern auch an der boomenden Bauwirtschaft der Nachkriegszeit. Aus Interviews und Zeitungsberichten dieser Jahre wird deutlich, dass alle, die auf dem Bau oder in der Industrie Beschäftigung suchten, wirklich vor der Entscheidung standen, nach Norditalien, in die Bundesrepublik oder auch nach Frankreich oder in die Schweiz zu gehen.

Wichtig war, ob sie vor Ort jemanden kannten, der ihnen in der schwierigen Anfangszeit Unterstützung bieten konnte. Aber auch die Arbeitsbedingungen spielten eine Rolle – und gaben oft den Ausschlag für die Bundesrepublik. Dort war anfangs das Lohnniveau deutlich höher als in Italien, sodass sie das Zwei- bis Dreifache verdienen konnten. Außerdem gab der Musterarbeitsvertrag größere Sicherheiten, indem er nicht nur die Arbeitsstunden, den Lohn und die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung vorschrieb, sondern die Unternehmen auch verpflichtete, eine Unterkunft zu stellen. Das war bei der freien Migration innerhalb Italiens nicht der Fall, zusätzlich wurde die Lage dadurch verschärft, dass innerhalb Italiens von Anfang an auch ganze Familien wanderten, während die Migration nach München stärker durch Alleinstehende geprägt blieb. Gerade für Migranten also, die in kurzer Zeit viel verdienen wollten, um danach auf verbesserter wirtschaftlicher Grundlage zu ihren Familien zurückzukehren, war die bayerische Hauptstadt daher sehr attraktiv.

Häufig wechselten die Arbeitsmigranten, die oft saisonweise pendelten, die Ziele, wenn sich anderswo bessere Möglichkeiten ergaben, sodass viele Erfahrungen in unterschiedlichen europäischen Ländern sammelten. Erst Ende der 1960er-Jahre änderte sich das. Als das Lohnniveau auch in Norditalien anstieg und in der Bundesrepublik die Konkurrenz am Arbeitsplatz durch Arbeitskräfte aus Drittstaaten wie der Türkei oder Jugoslawien zunahm, entschieden sich immer mehr für die Migration im eigenen Land.

In welchen Bereichen (z. B. Arbeit, Freizeit, Nachbarschaft) ähnelten sich die Erfahrungen der Süditaliener*innen in München und Turin und wo zeigten sich deutliche Unterschiede?

Das zentrale Ergebnis meiner Arbeit war, wie sehr sich die Erfahrungen der zunächst wirklich männlichen Migranten ähnelten. Anhand der Akten aus Turiner und Münchner Archiven ließ sich rekonstruieren, dass vergleichbare Probleme mit Migration zu analogen Diskussionen und Maßnahmen nicht nur der städtischen Akteure führten, sondern dass sich auch die Handlungen der Migranten – und oft auch ihrer Familienangehörigen – nicht wesentlich unterschieden, nur weil sie einmal im Inland und einmal ins Ausland wanderten.

Schaut man auf den Lebensbereich Arbeit zeigt sich, dass die Migranten in die untersten Segmente des Arbeitsmarktes einstiegen, meistens auf dem Bau, während die Industrie das große Ziel war. Ergaben sich am Arbeitsplatz Konflikte, hatten sie wenig Möglichkeiten, ihre Interessen durchzusetzen, obwohl sie in Turin Staatsbürger waren und auch in München der Musterarbeitsvertrag die Gleichstellung der Arbeitsmigrant*innen aus der EWG am Arbeitsplatz vorsah. Aber die Gewerkschaften konzentrierten sich eher auf die einheimischen Facharbeiter im Betrieb und setzten sich kaum für die Belange der „Neuankömmlinge“ ein.

Betrachtet man die Freizeit, galt der Aufenthalt der Migranten im „Stadtbild“ als Problem, auch wenn das damals nicht so genannt wurde. Um die in diesen Jahren als gefährlich angesehenen Männer aus dem Mezzogiorno von der Straße zu holen, organisierte die Kirche in Turin bis Ende der 1960er-Jahre „Messe dell’Immigrato“, für die eigens Geistliche aus dem Süden anreisten, und analog dazu in München die „Italienergottesdienste“. Im In- wie im Ausland wurden also eigene Veranstaltungen für sie durchgeführt – und das zog sich auch durch die Aktivitäten der Stadtverwaltungen bis in die 1970er-Jahre.

Weder in Turin noch in München war klar, wie lange die Migration anhalten würde. Anfang der 1960er-Jahre wurden daher Lösungen zur temporären Unterbringung geplant: In Turin das Quartiere Immigrati, ein eigenes Stadtviertel, das 5.000 Familien beherbergen sollte. Das verweist übrigens auf einen zentralen Unterschied, denn innerhalb des Landes war Familiennachzug eher üblich und barg die Gefahr, dass die Wandernden angesichts der immensen Wohnungsnot in der expandierenden Stadt buchstäblich mit Frau und Kindern auf der Straße landen würden. In München dagegen blieben „Familienbaracken“, wie sie MAN ab den frühen 1960er-Jahren einrichtete, wegen des erst allmählich einsetzenden Familiennachzugs zunächst die Ausnahme. Fast identisch von der Anlage her waren aber die Casa-albergo immigrati für alleinstehende männliche Migranten in Turin und das parallel entstehende Unterkunftsheim der Landeshauptstadt München für Ledige. In beiden Städten nahm man also an, dass die Migranten separate Wohnlösungen benötigten – und brachte sie möglichst unsichtbar am Rand der Stadt in unmittelbarer Fabriknähe in Le Vallette oder Milbertshofen unter.

Insgesamt gab es also viele Gemeinsamkeiten, die Migranten galten in beiden Städten als Fremde, auf Italienisch wurde das treffend als „stranieri in patria“ auf den Punkt gebracht, worauf auch der Titel meiner Buches „Fremde Heimat, fremde Ferne“ Bezug nimmt.

Einen wichtigen Unterschied gab es aber: Während sich in Turin doch die meisten niederließen, kehrte aus München die Mehrzahl nach Italien zurück. Statt zu argumentieren, dass am Ende doch nationale Unterschiede den Ausschlag gaben, erkläre ich das aus dem Anwerbesystem: In Turin führte die unregulierte Binnenmigration und die daraus resultierende Kettenmigration, mit dem Nachzug nicht nur von Frauen und Kindern, sondern auch ganzer Familienverbände und am Ende selbst von Geschäftsleuten wie Bäckern oder Fleischern aus dem Süden dazu, dass sich in der Stadt die alten dörflichen Netzwerke neu etablierten. Das war in München anders: Die Vermittlung führte zu einer Verteilung der ohnehin meist männlichen Italiener über die Stadt, Familiennachzug war in der ersten Kohorte eher selten – und so blieben die wegen der großen Nähe zu Italien und oft sowieso nur saisonal auf dem Bau beschäftigten Italiener weniger dauerhaft und gingen nach Beschäftigungsende zurück nach Italien.

Sie schreiben in der Abendzeitung München (Juli 2022), dass sich in München, anders als in Turin, keine festen italienischen Viertel bildeten. Welche Gründe sehen Sie dafür und wie wirkte sich das Fehlen solcher Strukturen auf das Leben der sogenannten italienischen Gastarbeiter*innen aus?

Ja, das war eine der großen Überraschungen meiner Arbeit. München bezeichnete man bereits in den 1960er-Jahren – und bis in die Gegenwart – als „nördlichste“ Stadt Italiens. Ganz ähnlich übrigens wie Köln, das ja auch eine wichtige italienische Community hat und diesen Wettbewerb geografisch betrachtet daher wohl gewinnt. Ein italienisches Viertel bildete sich in München aber nicht. Zeitgenössisch wurde das Anfang der 1970er-Jahre im Kontext der Debatte um Gettos in deutschen Großstädten allerdings im Münchner Stadtrat befürchtet. Das zeigt, wie lange auch in München ganz massive Vorurteile gegenüber Italienern herrschten – und überrascht fast angesichts der in der bayerischen Hauptstadt auch schon damals sorgsam kultivierten „italianità“. Wenn das Kulturreferat der Stadt aber wie 1965 eine Veranstaltungswoche „Italien in München“ veranstaltete, bezog sich das Programm ausschließlich auf den Norden des Landes, bis etwa Rimini, das die Münchner*innen als Tourist*innen kannten, der Süden des Landes, aus dem die Arbeitsmigranten mehrheitlich kamen, blieb dagegen ausgeblendet.

Der Befund, dass in München kein italienisches Viertel entstand, deckt sich übrigens mit den Ergebnissen der Studie zu „Siedlungsstrukturen von Migrantengruppen“ von Janina Söhn und Karen Schönwälder zur gesamten Bundesrepublik, dass italienische Migrant*innen am wenigsten zur Bildung eigener Viertel neigten. In München erklärt sich das aus zwei Gründen: einerseits aus der verstreuten Siedlungsweise. Durch die Vermittlung nach dem Anwerbevertrag und die häufige Beschäftigung auf dem Bau waren die italienischen Arbeitskräfte über das gesamte Stadtgebiet verteilt. Die Unterbringung in Baubaracken und Bauwägen, mit denen sie mit den Baustellen mitzogen, machte eine Clusterbildung wenig wahrscheinlich. Einer entstand aber doch im Nordosten von München, im sogenannten Karlsfeld. Rings um das dortige MAN-Werk, das sogar Familienbaracken bereitstellte, entstand eine italienische Ansiedlung. Da im Laufe der Zeit mehr italienische Migranten und dann auch immer mehr Frauen und Kinder in die angrenzenden Gemeinden Allach und Dachau nachzogen, entwickelte sich ein italienisches Gemeindeleben rings um die St.-Anna-Kirche, verstetigte sich aber nie so wie in Italien. 

Andererseits war die Nähe zu Italien und die Freizügigkeit ab 1961 ausschlaggebend. Denn viele Italiener nutzten die Möglichkeit zu pendeln und kamen nur saisonweise von März bis Oktober nach München. Außerdem spielte die schon damals angespannte Wohnungssituation in München eine Rolle. Das erschwerte den Familiennachzug massiv, sodass die italienische Arbeitsmigration in München bis Anfang der 1970er-Jahre stark durch alleinstehende Männer geprägt blieb.

Aufgrund beider Faktoren entstanden in München keine echten italienischen Viertel – und das verhinderte eine dauerhafte Ansiedlung. Besonders Anfang der 1970er-Jahre kehrten aus München viele in der Industrie und auf dem Bau beschäftigte Italiener nach Italien zurück. Für die Bundesrepublik hat Sonja Haug in ihrer Untersuchung zur sogenannten Kettenmigration italienischer Migrant*innen kalkuliert, dass das fast 90 Prozent der italienischen Arbeitsmigrant*innen waren. Diese Zahlen sind aber mit Vorsicht zu gebrauchen, denn seit der Einführung der Freizügigkeit im Verlauf der 1960er Jahre war es kaum noch möglich, die Migrationsbewegungen der Italiener*innen genau zu messen und konkrete Zahlen zu generieren. Als Angehörige eines EWG-Mitgliedsstaates galt für die Italiener auch der Anwerbestopp nicht und sie konnten nach 1973 weiterhin zwischen den beiden Ländern pendeln. Das machte diese Migration aber viel unbeständiger und war ganz anders als bei der türkischen Migration, wo sich nach dem Anwerbestopp durch die erzwungene Entscheidung zu gehen oder zu bleiben viele eher zum Familiennachzug entschlossen.

Gab es in den norditalienischen Industrien Mitte/Ende der 1960er-Jahre eine spezifische Erfahrung der Süditaliener*innen mit Arbeitskämpfen, die bei ihrer Migration nach Deutschland „mitwanderte“ und möglicherweise eine Rolle im Zyklus der sogenannten wilden Streiks zwischen 1969 und 1973 spielte?

Interessant fand ich zunächst eher, dass die Italiener in München nicht streikten. Aus der Logik der Migranten, die in der Heimat oft arbeitslos gewesen waren, aber nun im Norden gute Beschäftigung gefunden hatten, schien das auch nicht nötig. Auf den Punkt brachte das ein Interview mit Arbeitsmigranten im Münchner 8-Uhr-Blatt vom Juni 1963: Auf die Frage des Journalisten nach der politischen Betätigung lachten die bei einer Münchner Bauunternehmung beschäftigten Männer: „Politik – hier in Deutschland? Warum sollten wir? Jeder verdient Geld – warum da Politik?“. In Turin war das anfangs ähnlich; gerade weil die Migranten in den ersten Jahren jede Beschäftigung annahmen, galten sie als Streikbrecher. Und wenn die Frauen außer Haus arbeiteten, waren das häufig nicht sozialversicherte Tätigkeiten, etwa als Putzfrauen oder Kindermädchen, wo wie heute im haushaltsnahen Care-Bereich die Möglichkeiten zu streiken begrenzt sind.

Erst ab Ende der 1960er-Jahre gab es in Turin im „autunno caldo“, also im heißen Herbst, einen Schulterschluss zwischen einheimischen Facharbeitern und neuen Arbeitskräften. Die Voraussetzung dafür war, dass die Migranten durch die rasche Expansion von Fiat überhaupt erst in die Fabrik gekommen waren und nicht weiter in kleinen Werkstätten oder auf dem Bau schufteten. Dabei wurde der Protest wilder. In der italienischen Literatur wird das so diskutiert, dass die Arbeitsmigranten die gewerkschaftliche, demokratische Aushandlung ihrer Interessen nicht gelernt hätten – und deshalb auf vormoderne, dörfliche Praktiken der Konfliktaustragung zurückgriffen, wie den „corteo interno“, den gewalttätigen Zug durch die Fabrik.

Man könnte das aber auch so interpretieren, dass die eingesessenen Gewerkschafter bei Fiat und BMW sich eher für die etablierten Facharbeiter zuständig fühlten und die Interessen der Migranten nicht vertraten. Die „wilden Streiks“ wären dann ein Versuch, sich jenseits der Gewerkschaftsarbeit Gehör zu verschaffen – was auf diese Weise ja auch gelang.

Analog spielten die Frauen aus dem Süden in Turin eine zentrale Rolle bei den oft lautstarken Protesten über die Unterkunftssituation und in den allgegenwärtigen Hausbesetzungen; in der Bundesrepublik kam es in Frankfurt zu einer ähnlichen Aktion. Angesichts der noch stark männlich geprägten Welt der Autoindustrie und des Baugewerbes blieben sie also auch in ihrem Protestverhalten zunächst stärker auf die häusliche Sphäre bezogen.

Der „Italiener-Streik“ von 1972 bei BMW gilt als Zäsur. Welche Bedeutung hatte er für die Präsenz italienischer Arbeitskräfte in München?

Ja, der sogenannte Italiener-Streik bei BMW im Mai 1972 ist interessant, denn letztlich war er sehr überschaubar, steht aber für größere Tendenzen. BMW hatte, anders als Volkswagen, erst spät angefangen, ausländische Arbeitskräfte anzuwerben – und dadurch eine gemischt-nationale Belegschaft. Die Streikenden waren eine kleine Gruppe, die mehrheitlich aus Süditalien stammte und in einer EWG-geförderten Berufsschule in Pisa eine einjährige Facharbeiterausbildung abgeschlossen hatte. Da man bei BMW diese Qualifikation einer deutschen nicht als gleichwertig ansah, wurden sie trotzdem am Fließband eingesetzt und geringer entlohnt – daher streikten sie im Mai 1972. Nachdem sie die Fließbänder zum Stillstand gebracht hatten und ins Personalbüro gezogen waren, wurden sie entlassen und verloren auch ihre Wohnheimplätze. Unterstützung aus der Belegschaft gab es nicht, sicher auch, weil die Aktion durch Mitglieder der radikalen politischen Gruppierung Lotta Continua begleitet worden war. In der Folge stellte BMW keine italienischen Arbeitskräfte mehr ein und die Belegschaft wurde rasch türkischer und serbokroatischer.

Das passt in die Entwicklung der späten 1960er-, frühen 1970er-Jahre: Als die Italiener*innen als EWG-Bürger*innen versuchten, ihre Rechte einzuklagen, war ihnen das wegen der parallelen Anwerbung aus Drittstaaten oft unmöglich. Da Arbeitskräfte aus der Türkei und Jugoslawien stärker an die Anwerbeverträge gebunden waren und weniger Freiheiten hatten, wurden sie für deutsche Arbeitgeber interessanter – und Italiener*innen nicht mehr eingestellt. Schon 1969 hatte es in einem Bericht der Süddeutschen Zeitung geheißen: „Die beliebtesten Gastarbeiter in Münchner Unternehmen sind Jugoslawen, gefolgt von Griechen und Türken.“ Der „Italiener-Streik“ war damit also nur noch ein weiterer Grund für das Verschwinden der italienischen „Gastarbeiter“ zunächst aus Münchner Betrieben und dann auch aus der Stadt.

Zum 70-jährigen „Jubiläum“ der italienischen „Gastarbeit“ stellen wir uns die Frage, warum es heute so ruhig um dieses Thema geworden ist und scheinbar kaum öffentliches Interesse daran besteht. Wo sind die Italiener*innen von damals heute und wie erklären Sie sich diese Zurückhaltung?

Ja, das ist spannend, denn schaut man, wie breit die Ankunft der ersten Italiener an den Bahnhöfen der Wirtschaftswunderstädte in den 1950er-Jahren in der deutschen Presse diskutiert wurde, überrascht es fast, wie wenig dieser 70. Jahrestag heute eine Rolle spielt.

Ein Grund sind meines Erachtens die substanziellen Brüche in der italienischen Migration in die Bundesrepublik nach 1945, die aus der deutschen Perspektive oft zu sehr als „Italiener:innen“ vereinheitlicht werden, während es sich wegen der großen Differenzen im Lande um ganz unterschiedliche Gruppen handelte, die nicht nur aus verschiedenen Regionen kamen, sondern auch ganz andere soziokulturelle Hintergründe hatten. Daher trifft auf die italienische Arbeitsmigration in München auch die gerade Linie „vom Gastarbeiter zum Gastwirt“ nicht so einfach zu. Wegen der großen Nähe zu Italien und der ohnehin saisonalen Beschäftigung kehrte die große Mehrheit der ersten Gastarbeiter-Kohorte mit der Ölkrise zurück nach Italien. Gleichzeitig eröffneten auf der „Italienwelle“ ab den 1960er-Jahren wahnsinnig viele italienische Gastronomiebetriebe in München, die seither ganz massiv italienisches Lebensgefühl an eine vorwiegend deutsche Kundschaft verkauften, während die italienischen Gastarbeiter nach Feierabend eher die bayerischen Brauhäuser frequentierten, die damals recht günstig waren. Aber auch wenn es keinen geraden Karrierepfad vom Hilfsarbeiter auf dem Bau zum selbständigen Pizzeria Besitzer gab, was angesichts der bayerischen Bürokratie und der fehlenden Sprachkenntnisse schwierig gewesen wäre, boten die italienische Gastronomie und der Lebensmittelhandel doch neue Beschäftigungsmöglichkeiten für jene, die sich zum Bleiben entschieden. Seit den 1980er-Jahren kamen im Rahmen der europäischen Freizügigkeit andere Gruppen von Italienern und auch Italienerinnen nach München, darunter Studierende, Studierte und EU-Mobile, die sich eher langfristig niederließen und das positive Italienbild von Eleganz und „Dolce Vita“ in der Stadt bis heute mit prägen. Für das Selbstverständnis und die Erinnerungspolitik dieser in sich sehr heterogenen Community, die mit den „Gastarbeitern“ der ersten Stunde kaum Überschneidungen hat, spielt die „Gastarbeit“ daher keine wichtige Rolle.

Heute gibt es in der Bundesrepublik zwar einzelne wichtige Persönlichkeiten der italienischen Arbeitsmigration wie den Gewerkschafter Lorenzo Annese in Wolfsburg, aber kaum breiteren Aktivismus ehemaliger Arbeitsmigrantengruppen, der sich ihren Problemen widmet. Und auch Nachfahren der ersten Generation, die im öffentlichen Leben eine herausgehobene Rolle spielen, fallen einem nicht auf Anhieb ein. Viele italienische Vereine in München, wie der „Circolo Cento Fiori“, sind ebenfalls später gegründet worden und haben die neuere italienische Migration im Fokus, die mit den „Gastarbeitern“ der 1950er bis 1970er-Jahre wenig gemein hat.

Ein anderer Grund ist der Wandel der Migrationsgesellschaft. Zwar waren die Italiener die erste Gruppe, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Bundesrepublik kam, doch bereits ab den späten 1960er-Jahren änderte sich die Zusammensetzung der Migration nach Deutschland rasant und ihr prozentualer Anteil nahm ab. Gegenüber der als noch viel fremder wahrgenommenen türkischen Arbeitsmigration, die zudem mehrheitlich muslimisch geprägt war, rückte die italienische Migration scheinbar näher an die deutsche Mehrheitsbevölkerung heran. Auch wegen der Freizügigkeit in der EWG und später der EU galten Italiener und Italienerinnen als gleichberechtigt und integriert, ohne dass genauer hinterfragt wurde, ob das im Alltag wirklich der Fall war. Denn schaut man etwa auf die Bildungschancen der zweiten Generation, schneiden gerade junge Italiener*innen besonders schlecht ab.

Doch wird das kaum problematisiert. In unserer inzwischen wirklich diversen Migrationsgesellschaft wird über ganz andere, als viel fremder angesehene Gruppen diskutiert, die die Bundesrepublik scheinbar vor größere Herausforderungen stellen. Gleichzeitig haben Migrant*innen ganz unterschiedlicher Hintergründe, nicht nur aus den ehemaligen Anwerbenationen, sondern auch als Aussiedler*innen oder als Geflüchtete. Diese haben zahlenmäßig eine größere Präsenz in Deutschland und oft auch aktuell drängendere Anliegen. Darüber aber die Spezifik der heterogenen italienischen Migration in die Bundesrepublik nicht zu vergessen ist eine Herausforderung für die Zukunft. Denn sie war nicht nur durch die Armutsmigration der Wirtschaftswunderjahre geprägt, sondern auch durch die Mobilität im Rahmen der Freizügigkeit der letzten Jahrzehnte und oszillierte in der deutschen Wahrnehmung – entsprechend dem gerade vorherrschenden Italienbild – immer ein bisschen zwischen Abwehr und Idealisierung. Daher wird es spannend sein zu sehen, ob der 80. Jahrestag des Anwerbevertrages mit Italien 2035 mehr sein wird als eine Randnotiz.

Das könnte Sie auch interessieren

70 Jahre «La Deutsche Vita»

: Schwerpunkt

In Gesprächen zeichnen wir ein differenziertes Bild italienischer Migration

Weitere Inhalte zum Thema

Zerstörte Familien

: Interview 01.12.2025

Staatlicher Rassismus gegenüber italienischen Saisonniers in der Schweiz

Integration auf dem Fußballfeld?

: Interview 02.12.2025

60 Jahre Lupo Martini Wolfsburg

Dolce Vita made in Germany

: Interview 17.11.2025

Italienbilder und Sehnsüchte in der frühen Bundesrepublik