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Analyse , : Das Ende extremer Armut in Kerala

Welche Lehren hält der südindische Bundesstaat für den Globalen Süden bereit? Von Jiju P. Alex

Wichtige Fakten

Autor
Jiju P. Alex,

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Der Aufbau eines allgemeinen Bildungswesens war ein Schwerpunkt des linken Programms zur Armutsbekämpfung: Schülerinnen in einem Bus in der Stadt Kochi, Kerala, Indien. Foto: IMAGO / Pond5 Images

Der im Südwesten Indiens gelegene Bundesstaat Kerala hat unlängst erklärt, der extremen Armut vor Ort ein Ende gesetzt zu haben – eine Erfolgsmeldung, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgte. Denn damit ist womöglich eine neue strategische Option gegeben, um die extreme Armut im Globalen Süden zu besiegen. 

Prof. Jiju P. Alex lehrt an der Kerala Agricultural University. Er ist außerdem Mitglied im Planungsausschuss von Kerala (Kerala State Planning Board).

Die bahnbrechende Errungenschaft der Regionalregierung ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert: Erstens steht sie stellvertretend für einen historischen Prozess, bei dem kontinuierliche Interventionen mit konzertierten Maßnahmen zur wirtschaftlichen Umverteilung die Ungleichheit verringern sollten. Zweitens belegt sie, dass linke Ideen ein charakteristisches Paradigma partizipativer Planung und dezentraler Kommunalpolitik auf den Weg gebracht und damit den gesellschaftlichen Entwicklungsprozess maßgeblich beeinflusst haben. Mit dem erfolgreichen Experiment seiner linken Regionalregierung ebnet Kerala anderen Regionen mit ähnlichen Problemen einen Weg – erforderlich sind dafür allerdings ein transformativer Politikansatz und ein egalitär orientiertes Regierungshandeln.

Armut als Erbe kolonialer Unterdrückung und sozialer Diskriminierung

Armut stellt für den Globalen Süden weiterhin eine hartnäckige Herausforderung dar, auch für Indien. Historisch war das Land nach zwei Jahrhunderten britischer Herrschaft verarmt in die Unabhängigkeit gegangen, 1947 lebten beinahe 80 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. 

In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit bemühte sich die neue Regierung, die Armut zu bekämpfen, erzielte dabei aber nur kleine Fortschritte. Die nationale Bourgeoisie hatte sich zwar dem antikolonialen Kampf angeschlossen, aber die neue Regierung blieb auch nach 1947 den Interessen der Kapitalist*innen und Großgrundbesitzer*innen verpflichtet – dies bremste Tempo und Tiefe der Reformen zugunsten der Ärmsten. Die tief verwurzelte, strukturelle Ungleichheit – dazu zählen Kastenhierarchien, die Diskriminierung von Frauen und ein ungleicher Zugang zu Bildung, Land und Arbeit – behinderte weiterhin jede soziale Mobilität nach oben und verstetigte Armut über Generationen hinweg. Verstärkt wurde diese Armut noch durch die Abhängigkeit der Menschen von einer relativ unproduktiven Landwirtschaft. 

Indiens Bemühungen bei der Armutsbekämpfung war kaum Erfolg beschieden, denn sie waren durch direktive, regierungsamtliche Programme gekennzeichnet, die zudem von einer recht starren Bürokratie umgesetzt werden sollten. Von einigen lobenswerten Initiativen abgesehen, gab es keine ernsthaften Versuche, die Armutsursachen umfassend zu beheben. Angefangen mit der ersten größeren Intervention zur ländlichen Entwicklung, dem „Community Development Programme“ von 1952, bis hin zur neueren „National Rural Livelihood Mission“ haben die meisten Programme lediglich einzelne Aspekte der Armut adressiert, die entscheidenden strukturellen Bedingungen der Ungleichheit allerdings nicht berührt. Landreformen hätten Privatisierungs- und Verarmungsprozesse wesentlich verringern können, wurden allerdings in nur vier von 28 Bundesstaaten durchgeführt. Stattdessen konzentrierten sich die Programme für ländliche Entwicklung auf den Ausbau der Infrastruktur und die Schaffung von Arbeitsplätzen in abhängiger Beschäftigung, womit die tiefer liegenden strukturellen Armutsursachen kaum in den Blick genommen wurden.

Die linke Agenda und die regionale Transformation in Kerala

Lange Zeit war Kerala der bunte Hund im politischen Gefüge Indiens. Die Geschichte dieses südwestlichen Bundesstaates ist eng verbunden mit bedeutenden linken Massenmobilisierungen, die bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückreichen und sich in eine kraftvolle kommunistische Bewegung verwandelten. Dies gipfelte 1957 in der Bildung einer ersten kommunistischen Regionalregierung in Indien und somit der weltweit ersten Regierung außerhalb Europas, mit der Kommunist*innen durch einen Urnengang an die Macht gelangten. 

Tatsächlich eröffnete deren Aufstieg neue Perspektiven darauf, wie eine linke Partei in einer föderal organisierten kapitalistischen Demokratie agieren kann. Im verfassungsrechtlich begrenzten Rahmen, der ihr offenstand, setzte die Regionalregierung auf eine Reihe radikaler Eingriffe, die als Entwicklungspolitik unmittelbar gegen fest etablierte Hierarchien und feudale Wertvorstellungen gerichtet waren. Zuallererst beseitigten die Landreformen den feudalen Großgrundbesitz, während der Aufbau eines allgemeinen Bildungs- und Gesundheitswesens die Kasten- und Klassenschranken erschütterte. Darüber hinaus sorgte ein robustes öffentliches Verteilungssystem für Ernährungssicherheit, und ein breites Spektrum sozialer Schutzmechanismen garantierte die Menschenwürde aller Bürger*innen. 

Der Sonderweg Keralas beweist, dass eine engagierte linke Bewegung – auf dem Boden einer Mobilisierung breiter Bevölkerungsteile, ideologischer Klarheit und demokratischer Legitimität – das Terrain der sozialen Gerechtigkeit auch unter den strukturellen Zwängen einer kapitalistischen Demokratie verändern kann. Die außerordentlichen Errungenschaften der Region bei der Armutsbekämpfung und der Förderung menschenwürdiger Entwicklung wurden vor diesem Hintergrund erst möglich – und werden dadurch auch gesichert. Zwar setzte die Zentralregierung das kommunistische Kabinett Keralas ab (man warf ihm politische Intoleranz vor), doch der Linken gelang es regelmäßig, wieder Regierungsverantwortung zu übernehmen und die angestoßenen Reformen zu vertiefen.

Obwohl die Zentralregierung das kommunistische Ministerium wegen politischer Intoleranz auflöste, kehrten linke Regierungen in regelmäßigen Abständen an die Macht zurück und verstärkten jedes Mal die von ihnen eingeleiteten Reformen.

Wirkungsvolle Interventionen und mehr Demokratie

Das wichtigste Merkmal der linken Regionalregierungen in Kerala ist ihr kontinuierliches Bestreben, ihre bisherigen politischen Interventionen zu konsolidieren und zu erneuern. Zugleich suchen und nutzen sie aktiv jede Gelegenheit für staatliche Interventionen und für eine partizipative Mobilisierung der Massen. Jede Amtszeit ist daher eine Chance, neue Entwicklungsfragen mittels partizipativer Prozesse in die politischen Ansätze zu integrieren.

Ein bemerkenswertes Beispiel dafür ist das Alphabetisierungsprojekt „Total Literacy Programme“, das sich Mitte der 1980er Jahre zu einem innovativen Experiment kollektiven Handelns entwickelte und das transformative Potenzial einer zielgerichteten Partizipation unter Beweis stellte. 

Besondere Bedeutung maß die Linke auch einer starken demokratischen Dezentralisierung bei. Nach der indischen Verfassungsreform von 1991, die reguläre Wahlen auf lokaler Ebene etablierte und der Kommunalpolitik wesentliche Entwicklungsbereiche zuwies, ergriff die regierende Linke von Kerala die Gelegenheit für einen ambitionierteren Ansatz dezentraler Planung. Möglich wurde damit eine weitgehende Delegation von Befugnissen, Funktionen und Verwaltungspersonal an lokale Körperschaften. Mit diesem Prozess positionierte sich Kerala als Vorreiter bei der Ausweitung von Basisdemokratie und dem Aufbau eines Entwicklungsmodells, das auf lokaler Autonomie und gesellschaftlicher Mobilisierung fußt. 

Die kommunale Selbstverwaltung erwies sich seither als zentrale Stütze des Regierungsmodells von Kerala. Das neue System hat sie mit erheblichen Befugnissen, berechenbaren Finanzmitteln und eigenem Verwaltungspersonal ausgestattet, womit die Gebietskörperschaften in die Lage versetzt werden, Entwicklungsprojekte zu konzipieren, die auf die lokalen Bedürfnisse zugeschnitten sind – und diese Projekte mit einem hohen Grad an Autonomie umzusetzen. So wurde die Dezentralisierung nicht nur zur Verwaltungsreform, sondern zu einem politischen Projekt, mit dem die Basisdemokratie vertieft und die gesellschaftliche Kontrolle über die Entwicklungsprozesse ausgeweitet wurde. Die demokratische Dezentralisierung in Kerala hat sich zu einem dezidiert politischen Projekt entwickelt, das darauf abzielt, Befugnisse nach unten zu delegieren, kollektive Handlungsfähigkeit zu stärken und eine Entwicklungsplanung zu ermöglichen, bei der die Menschen im Mittelpunkt stehen. 

All diese Bemühungen machten sich bezahlt: Für die Bevölkerung dieses kleinen Bundesstaats haben sich die Lebensbedingungen so weit verbessert, dass sie beinahe mit der entwickelten Welt vergleichbar sind. So bemerkte der renommierte Ökonom Amartya Sen, „Keralas Entwicklungsmuster belegt durchaus, dass eine umfassende soziale Entwicklung und die Ausweitung der ‹Grundfreiheiten› wie die Freiheit, gesund und gebildet zu sein, kein besonders hohes Wirtschaftswachstum erfordern“; und dieser Erfolg lasse sich auf eine Reihe öffentlicher Prozesse zurückführen, darunter das Wirken von Arbeiterbewegungen, Sozialreformen und einer Politik, die ihren Schwerpunkt auf das Bildungs- und Gesundheitswesen legte. Die Dezentralisierung stärkte die entwicklungspolitische Umverteilung und sie verringerte die Armut und gesellschaftliche Diskriminierung erheblich. Die Regionalregierung initiierte zudem spezifische Programme zur Armutsbekämpfung, wie das größte Selbsthilfenetzwerk für Frauen in Indien, „Kudumbashree“, sowie Programme für die Lokalisierung und Unterstützung mittelloser Familien. 

Zuletzt starteten die 2016 und 2021 gewählten linken Koalitionen verschiedene Kampagnen, um Industrie und Wohnungsbau sowie Gesundheits- und Bildungswesen zu stärken; entsprechend große Investitionen fließen in Infrastruktur und Servicequalität. Diese Initiativen haben den Lebensstandard erheblich verbessert und Kerala in landesweiten Rankings nach oben katapultiert, etwa auf Platz 1 bei der Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung.

Keralas Anstrengungen zur Beseitigung extremer Armut 

Die langjährige Politik Keralas zugunsten der Armen hat bemerkenswerte Früchte getragen. Die absolute Armut ist in dem Bundesstaat auf Werte gefallen, die viele andere indische Regionen noch lange nicht erreicht haben. Seit Jahrzehnten geht die Armut stetig zurück: Von beinahe 60 Prozent in den frühen 1970er Jahren auf gut 25 Prozent in den frühen 1990ern und schließlich auf gut 11 Prozent zu Beginn der 2010er Jahre (während der Landesdurchschnitt bei 29,5 Prozent lag). Kerala schneidet auch bei den Indikatoren für multidimensionale Armut außergewöhnlich gut ab: Die Denkfabrik NITI Aayog, seit 2015 Nachfolgeinstitution der 1950 gegründeten Plankommission, ermittelte 2021, dass die multidimensionale Armut in Kerala auf dem niedrigsten Stand in ganz Indien ist. Berücksichtigt man Faktoren wie Gesundheit, Bildung und Lebensstandard, gelten nur 0,7 Prozent der Bevölkerung als arm. 

Trotz dieses tragfähigen institutionellen Rahmens und trotz der beharrlichen Armutsbekämpfung kam es in einigen Gegenden der Region noch immer zu Fällen äußerster Armut. Angesichts des Engagements der Regierung zur Beseitigung extremer Armut lösten selbst derartige vereinzelte Fälle absoluter Mittellosigkeit Besorgnis aus. Vor diesem Hintergrund entschied sich die linke Koalition in ihrem 14. Fünfjahresplan zu einem mutigen Schritt: Sie verpflichtete sich, die extreme Armut in Kerala ganz und gar zu beseitigen. 

Methodisch war diese Kampagne gegen die extreme Armut wirklich einzigartig: Mit einer detaillierten Umfrage lokalisierte man die armen Haushalte auf der Grundlage eindeutiger Parameter, ermittelte die genauen Armutsursachen durch systematische Überprüfung der einzelnen Haushalte und formulierte Maßnahmen, die den Armutsursachen abhelfen sollten. 

Definiert wurde extreme Armut anhand von Kernparametern: akute gesundheitliche Einschränkung, Behinderung, Alter, unzureichende Ansprüche und materielle Güter (wie Land und Unterkunft), nicht ausreichender Lebensunterhalt, etc. Zudem wurde die historische Benachteiligung gesellschaftlicher Randgruppen – die offiziell anerkannten Kasten, die Stammesbevölkerung und die Fischer – auf der Grundlage weiterer Kriterien mit erfasst, etwa periphere Wohnsituation, geringer Bildungsstand und Unterernährung. Berücksichtigt wurden auch gesellschaftlich ausgeschlossene Gruppen wie HIV-Infizierte, Waisen, Obdachlose und LGBTQ+-Personen. 

Jeder Faktor, der zu extremer Armut beiträgt, wurde als „schwerwiegend“ oder „äußerst schwerwiegend“ klassifiziert. Die Haushalte wurden dann auf Grundlage der Anzahl und Klassifizierung der zutreffenden Faktoren kategorisiert. Beispielsweise stufte man Haushalte, denen aufgrund körperlicher oder geistiger Einschränkungen die Essenszubereitung nicht möglich war, als „extrem stark belastet“ ein. Haushalte mit Kleinkindern, die an schwerer akuter Mangelernährung (SAM) leiden, fielen in die Kategorie „von schwerem Mangel betroffen“. 

Die von schwerer Armut betroffenen Haushalte zu lokalisieren, war kein einfacher Prozess, denn die Auswahl sollte präzise und inklusiv zugleich sein. Hierfür stützte man sich auf eine groß angelegte Umfrage, die unter der Leitung der Kommunalbehörden von Kudumbashree-Freiwilligen, gewählten Abgeordneten, Beamt*innen und Nachbar*innen durchgeführt wurde. Verschiedene Bevölkerungsdatenbanken wurden abgeglichen, und lokale Strukturen beteiligten sich an der Verifizierung der Ergebnisse. Um Dopplungen zu vermeiden, blieben Begünstigte bereits bestehender Programme zur Armutsbekämpfung unberücksichtigt. 

Mit diesem partizipativen Prozess wurden zunächst 118.309 Haushalte identifiziert. Von diesen empfahlen die Kommunalbehörden 87.158 zur weiter gehenden Betrachtung; diese wurden vor Ort überprüft, woraus sich eine Prioritätsliste von 73.747 Haushalten ergab. Die eigens berufenen Dorfräte prüften diese Liste erneut und strichen unberechtigte Fälle, sodass schließlich eine Liste mit 64.006 Haushalten vorlag, die in extremer Armut lebten. 

Von diesen befanden sich 52.000 in ländlichen Gegenden, 3.021 gehörten zur Stammesbevölkerung und 12.763 zu anerkannten Kasten. Die Daten zeigten, dass 35 Prozent nicht über ein ausreichendes Einkommen verfügten, 24 Prozent litten unter gesundheitlichen Problemen, 21 Prozent hatten mit Nahrungsmangel zu kämpfen und 15 Prozent waren obdachlos. Die meisten dieser Haushalte litten gleichzeitig unter mehreren dieser Mangelerscheinungen. Aufgrund der eingehenden Überprüfung einzelner Haushalte konnten die Kommunalbehörden passgenaue Abhilfe auf Haushalts- und persönlicher Ebene organisieren.

Individuelle Entwicklungspläne für äußerst arme Haushalte

Jede örtliche Stelle entwickelte einen themenspezifischen Unterplan mit individuellen Maßnahmen für jeden identifizierten Haushalt. Die entsprechenden Maßnahmen wurden als sofortig, mittel- und als langfristig eingestuft. Diejenigen Dienstleistungen, die den äußerst armen Haushalten besonders dringend zur Verfügung gestellt werden mussten, waren im Sofortplan zusammengefasst. In diese Kategorie fielen Ansprüche auf einen Personalausweis, auf Lebensmittelkarten, Krankenversicherung und Gesundheitsversorgung. 

Mittelfristpläne sollten binnen zwei Jahren umgesetzt werden. Sie umfassten die Bereitstellung grundlegender Strukturen, bildungsrelevante Unterstützung, Reintegrationsmaßnahmen für Obdachlose sowie kontinuierliche medizinische Versorgung. Vorgesehen war zudem, die identifizierten Haushalte mit verschiedenen Sozialhilfeprogrammen in Kontakt zu bringen. Umfassende Langfristpläne kamen in solchen Situationen zum Einsatz, in denen sofortige oder mittelfristige Maßnahmen nicht realisierbar waren und die Interventionen eine sehr viel längere Implementierungsfrist erforderlich machten.

Die in diesen Plänen umrissenen Interventionen wurden auf lokaler Ebene von den betreffenden Entwicklungsabteilungen zwecks fristgerechter Umsetzung zusammengestellt. Als einer der ersten Schritte wurde etwa eine Kampagne gestartet, um die extrem armen Haushalte über die Fristen der verschiedenen Anspruchs- und Beihilfeformen zu informieren. Haushalte ohne eigene Kochgelegenheit erhielten von der Gebietskörperschaft regelmäßig Nahrungsmittel, den Obdachlosen wurde Wohnraum zur Verfügung gestellt, und wer eine medizinische Operation oder Behandlung benötigte, erhielt diese unverzüglich. Diejenigen, die Möglichkeiten zum Lebenserwerb benötigten, bekamen welche. Die Umsetzung wurde auf mehreren Verwaltungsebenen kontinuierlich begleitet und überwacht. 

Medien und Öffentlichkeit hatten einen sehr kritischen Blick auf das Programm, und die Abschlusserklärung warf mehrere wichtige Fragen insbesondere dazu auf, wie diese Unterstützung fortgesetzt werden könne und wie man verhindere, dass die Haushalte wieder in die Armut zurückfallen. Daher kündigte die Regierung an, mithilfe von Dorfräten und Zivilgesellschaft ein dauerhaftes Monitoring für extreme Armut in den Gemeinschaften einzurichten, das von den Kommunalbehörden sorgfältig umgesetzt werden soll.

Erkenntnisse aus dem Experiment in Kerala 

Die Errungenschaften in Kerala werfen ein Licht darauf, dass die politischen Entscheidungen der linken Koalitionsregierungen eine Entwicklung vorangebracht haben, die sich von den meisten anderen Bundesstaaten Indiens deutlich unterscheidet. Jahrzehntelang verließen sich die linken Regierungen in Kerala nicht allein auf Wirtschaftswachstum oder von oben verordnete Sozialprogramme, sondern setzten vorrangig auf Umverteilung, allgemeine gesellschaftliche Entwicklung und starke öffentliche Institutionen. Ihr Engagement für partizipative Massenmobilisierung und dezentrale Planung schuf ein System, in dem die Menschen die Entwicklungsziele selbst festlegen können – ein Ansatz, den in Indien fast niemand sonst verfolgt. 

Die Beseitigung extremer Armut in Kerala zeigt, dass ein langfristiges Engagement für Gleichheit, soziale Rechte und Basisdemokratie zu Ergebnissen führen kann, die auf anderem Wege nur schwer zu erreichen sind. Die Erfahrung im Südwesten Indiens belegt auch, dass hartnäckige Ungleichheiten überwunden werden können, wenn öffentliches Handeln und politischer Wille übereinstimmen. Damit bietet Kerala ein alternatives Entwicklungsmodell für den Rest der Welt. 

Übersetzung von Andreas G. Förster und Sebastian Landsberger für Gegensatz Translation Collective.

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