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Die Unabhängigkeit, die wir heute feiern, ist noch nicht das Ende des Kampfes, sondern der Beginn einer neuen Etappe. Wir müssen eine neue Gesellschaft aufbauen, die frei ist von Ausbeutung, frei von Unwissenheit, Hunger und Leiden. Unabhängigkeit allein ist bedeutungslos, solange sie nicht auch Brot, Gesundheit, Bildung und Frieden bringt. Der Staat muss so organisiert sein, dass er voll und ganz den Interessen des Volkes dient. (Samora Machel, 25. Juni 1975)
Seit 50 Jahren ist Mosambik unabhängig – ein halbes Jahrhundert, das von großem Ehrgeiz, aber auch von anhaltenden Restriktionen geprägt war. Entstanden 1975 aus dem Triumph eines zehn Jahre währenden bewaffneten Freiheitskampfs unter Führung der Mosambikanischen Befreiungsfront (FRELIMO) gegen die portugiesische Kolonialmacht, übernahm die neue Republik die moralische Verantwortung für die kollektive Emanzipation und musste gleichzeitig das Versprechen einer materiellen Umverteilung im Interesse der großen Mehrheit einlösen.
Fredson Guilengue ist Projektmanager im Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung für das südliche Afrika in Johannesburg.
Doch während dieser fünf Jahrzehnte wurde die staatliche Entwicklung wiederholt von Krieg, Strukturanpassungen, Extraktivismus, von tiefgreifender Elitenkorruption, weitverbreiteter Armut, terroristischen Aufständen und der Mehrfachkrise des Klimawandels beeinträchtigt. Jede Phase ließ die Schere zwischen den Unabhängigkeitsidealen und der Lebensrealität der Bürger*innen ein Stück weiter aufgehen. Gleichzeitig erwuchsen aus dieser Spaltung Praktiken und Diskurse, die Mosambiks Streben nach Stabilität, Gleichheit und Souveränität bis heute bestimmen.
Gründungsversprechen und institutionelle Instabilität
Die Unabhängigkeit brachte eine starke Ethik des Gemeineigentums mit sich, und die neue Regierung war bestrebt, die Befreiung rasch durch Umverteilung von Land, Alphabetisierungskampagnen und ein verbessertes Gesundheitswesen greifbar zu machen. Angesichts des kolonialen Erbes in Form eines grassierenden Analphabetismus und dysfunktionaler Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen galten diese Initiativen als große Errungenschaften. Sie verkörperten das Ethos der Unabhängigkeit, durch Umverteilung Würde und Chancengleichheit für alle zu schaffen.
Doch diese hochgesteckten Ziele überforderten die institutionellen Kapazitäten. Zentralisierte Entscheidungsprozesse innerhalb eines Einparteienstaats – verkompliziert durch die Blockkonfrontation des Kalten Krieges, die sich in der aggressiven Rolle des südafrikanischen Apartheidregimes widerspiegelte – führten so zu einer brüchigen Regierungsstruktur, die ihre visionären Ziele nur stockend umsetzte.
Die Regierung, die sich nach der Unabhängigkeit formierte, war zwar nicht frei gewählt worden, bezog jedoch aus dem Befreiungskampf eine unbestreitbare Legitimität. Das für den Umverteilungsprozess nötige administrative Gerüst war allerdings instabil, was dazu führte, dass Erschütterungen in Form wirtschaftlicher Abschwünge, äußeren Drucks und innerer Streitigkeiten den Fortschritt bremsten. Das Befreiungsversprechen blieb somit eher symbolischer statt systemischer Natur, und viele Gemeinschaften hatten mit Marginalisierung und unerfüllten Erwartungen zu kämpfen.
Während der Neoliberalismus die Eliten noch gewissenloser gemacht hat, verstärkte der Extraktivismus ihren Drang nach vollständiger Kontrolle über die staatlichen Institutionen.
Diese Instabilität sollte später die Auswirkungen von Krieg und Strukturanpassungen noch verschärfen und zeigen, dass Souveränität ohne robuste Institutionen zwar von großen Ambitionen getragen sein kann, aber auch das Risiko mangelnder Funktionsfähigkeit birgt.
Ein verstümmelter Gesellschaftsvertrag
Fast unmittelbar nach der erkämpften Unabhängigkeit erschütterte ein brutaler Bürgerkrieg das Land. Im Zuge des von 1977 bis 1992 währenden Konflikts zwischen FRELIMO und RENAMO (Nationaler Widerstand Mosambiks) wurde Infrastruktur zerstört und das Vertrauen der Gesellschaft untergraben, Millionen Menschen wurden vertrieben. Das Friedensabkommen von 1992 beendete die Kämpfe, sanierte jedoch nicht die Staatwirtschaft, die für den Gewaltausbruch verantwortlich war. Stattdessen begann in Mosambik unter der Aufsicht des Internationalen Währungsfonds (IWF) eine Phase von Privatisierungen, Sparpolitik und Wirtschaftsliberalismus. Diese „Strukturanpassungen“ versprachen Effizienz, erschwerten aber den Zugang zu öffentlichen Gütern, indem Risiken auf die Privathaushalte sowie auf einkommensschwache und vulnerable Bevölkerungsgruppen abgewälzt wurden.
Das Ergebnis war ein verstümmelter Gesellschaftsvertrag: Politische Stabilität wurde gegen technokratische Reformen eingetauscht, die nur mühsam eine weitreichende Umverteilung bewirken konnten. Ein fragiler Frieden hielt stand, aber es war ein Frieden ohne jede soziale Gerechtigkeit. Unter der Oberfläche brodelten die Spannungen weiter, denn anstelle sozioökonomischer Ermächtigung erfuhren viele Gemeinschaften Austerität. Das Umverteilungsversprechen wurde weiter verwässert und durch ein neoliberales, kapitalistisches Modell ersetzt, das makroökonomische Stabilität und die Bildung einer bürgerlichen Klassengesellschaft über gesellschaftlichen Wandel stellte. Diese Ära verdeutlicht die katastrophale Wirkung von Reformen, die von außen auferlegt werden und deswegen lediglich eine Pseudostabilität garantieren, statt eine inklusive Entwicklung zu ermöglichen.
Die seit 2017 anhaltende terroristische Gewalt in der nördlichen Provinz Cabo Delgado und die Gewalt nach den Wahlen von 2024, die fast 500 Menschenleben forderte, lassen nichts Gutes für die zukünftige mosambikanische Politik ahnen. Während der Neoliberalismus die Eliten noch gewissenloser gemacht hat, verstärkte der Extraktivismus ihren Drang nach vollständiger Kontrolle über die staatlichen Institutionen. Es ging ihnen darum, Zugang zu mineralreichen Gebieten zu erhalten, was Armut und Ungleichheit verschärfte und die Unzufriedenheit der Bevölkerung schürte. Als Folge erstarkte der Populismus. Immer mehr Mosambikaner*innen setzten ihre Hoffnungen auf charismatische Populist*innen und Prediger*innen des Wohlstandsevangeliums, die zunehmend die politische und religiöse Sphäre beherrschen.
Das Paradox des Wohlstands
Großprojekte der Aluminium-, Kohle- und später auch der Kohlenwasserstoffbranche führten dazu, dass in Mosambik ab den späten 1990er Jahren eine Ära des Wohlstands einzusetzen schien. Der IWF, die Weltbank und zahlreiche internationale Investoren erklärten das Land zu einem der aufsteigenden Frontier-Märkte. Das Wachstum war aber nur ein punktuelles, konzentrierte sich auf einige wenige Enklaven und wirkte sich kaum auf die Lebensgrundlagen der breiten Bevölkerung vor Ort aus.
Die Einnahmeerwartungen überstiegen die institutionellen Kapazitäten, und die Intransparenz bei den öffentlichen Finanzen untergrub das Vertrauen der Bevölkerung. Die Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze blieb deutlich hinter den Ankündigungen zurück, Umsiedlungen waren – und sind bis heute – hoch umstritten, und die sogenannten Rahmenpläne zur Förderung lokaler Wertschöpfung, die sicherstellen sollten, dass die Rohstoffgewinnung der lokalen Wirtschaft zugutekommt, blieben hinter den Erwartungen zurück. Das „Wohlstandsparadox“, also partieller Wohlstand inmitten allgemeiner Missstände, zementierte territoriale Ungleichheiten und ermöglichte den Eliten den Zugriff auf das Staatsvermögen.
Unter dem Deckmantel der Modernisierung wurden in dieser Phase die kolonialen Extraktionsmuster reproduziert. In der Nähe von Großprojekten ansässige Gemeinschaften trugen oft die Hauptlast – Landverlust, Umweltzerstörung, gesellschaftliche Spaltung und Gewalt –, ohne angemessen dafür entschädigt zu werden. Die extraktivistischen Enklaven führten zur Priorisierung von Finanzflüssen und stellten kapitalistische Akkumulation über die Menschenrechte, was dazu führte, dass das Umverteilungsversprechen der Unabhängigkeit ein weiteres Mal aufgeschoben, wenn nicht gar gänzlich aufgegeben wurde. Der Schuldenskandal von 2016 versinnbildlicht das Paradox: Versteckte Kredite an staatseigene Firmen brachten die finanzielle Stabilität des Staates ins Wanken und zeigten, wie Intransparenz und Ausbeutung durch Eliten nationales Vermögen abschöpfen und Armut und Ungleichheit weiter verschärfen. Bis heute ist Mosambik deswegen eines der ärmsten Länder der Welt.
Ein gescheitertes Entwicklungsmodell
Der Dschihadisten-Aufstand in Cabo Delgado legte die politischen Versäumnisse in ihrer Gesamtheit offen. Landraub, Vernachlässigung der Jugend und eine Politik der Rohstoffausbeutung waren der Nährboden des Aufruhrs. Statt als Träger unveräußerlicher Rechte wurden die betroffenen Gemeinschaften wie Außenstehende behandelt, was den bereits erheblichen gesellschaftlichen Unmut, der aus wirtschaftlicher Benachteiligung und chronischer Instabilität erwachsen war, noch verstärkte.
Die mosambikanische Unabhängigkeit ist warnendes Beispiel und Möglichkeitshorizont zugleich.
Beispiellose Klimaschocks – darunter die Wirbelstürme Idai und Kenneth 2019, wiederkehrende Überschwemmungen und Dürren – machten aus der Schwächung einen Dauerzustand. Klimaanpassung war nicht mehr nur eine technische Aufgabe, sondern eine Bewährungsprobe für die staatliche Führung. Diese Krisen waren keine Ausnahmefälle, sondern wirkten wie ein Urteilsspruch über ein Entwicklungsmodell, das Profite über Rechte, Projekte über Menschen und eine durch Sparmaßnahmen erreichte kurzfristige Stabilität über langfristigen sozialen Wandel stellte.
Der islamistische Aufstand und die Klima-Polykrise zeigen die Grenzen des Weges, den Mosambik nach der Unabhängigkeit einschlug. Sie unterstreichen die Notwendigkeit eines neuen Gesellschaftsvertrags, der auf Rechenschaftspflicht, Umverteilung und sozialer Gerechtigkeit beruht. Ohne tiefgreifende strukturelle Reformen läuft der Staat Gefahr, zwischen Krisenmanagement und Ausbeutung der Enklaven zu schwanken – und damit Instabilität zulasten echten Wandels zu verstetigen.
Das Versprechen einlösen
Mosambiks Entwicklung steht im Einklang mit breiteren regionalen Mustern. Wie in Angola folgten auf die Befreiung der Bürgerkrieg und anschließend rohstoffgetriebenes Wachstum in Form extraktivistischer Enklaven. Wie Simbabwe hatte es mit Landumverteilung und umstrittener Souveränität zu kämpfen. Doch die Situation Mosambiks unterscheidet sich in Bezug auf die Anfälligkeit für extreme Klimaereignisse und seine Abhängigkeit von Erdgas und Extraktivismus als Entwicklungsgrundlagen.
Dieser Vergleich macht sowohl gemeinsame Herausforderungen – schwache Institutionen, die Selbstbedienungsmentalität der Eliten, Außensteuerung – als auch individuelle Schwachstellen erkennbar. Zugleich verdeutlicht er das Potenzial regionaler Solidarität. Mosambiks Stabilität lässt sich nicht isoliert erreichen. Eine Abstimmung mit der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika (SADC) und der Afrikanischen Union ist unerlässlich, um sicherzustellen, dass gute Regierungsführung, Klimagerechtigkeit und Friedensförderung zum kollektiven Ziel werden.
Die mosambikanische Unabhängigkeit ist warnendes Beispiel und Möglichkeitshorizont zugleich. Die vergangenen 50 Jahre zeigen, wie schwache Institutionen, Krieg, Strukturanpassungen und Rohstoff-Enklaven die nach der Befreiung versprochene Umverteilung ausgebremst haben. Und doch weisen sie auch Wege zu einer Erneuerung: durch den Aufbau von Institutionen, die Priorisierung der Umverteilung, durch eine Regierungsführung, die Gemeinschaften in den Mittelpunkt rückt, und nicht zuletzt durch den Kampf für Klimagerechtigkeit als Zeichen für Zukunftsverantwortung.
Die kommende Republik muss das noch unvollendete Projekt der Unabhängigkeit vollenden, indem sie Souveränität in alltägliche soziale Gerechtigkeit übersetzt. Nur dann kann sich das Versprechen auf Befreiung für Mosambik erfüllen – und zwar nicht nur symbolisch, sondern als gelebte Realität für alle Bürger*innen.
Übersetzung von Sabine Voß und Charlotte Thießen für Gegensatz Translation Collective.


