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Hintergrund , : Sudan: Die Politik des Aushungerns

Wie Hunger zur Kriegswaffe wurde. Von Mohamed Ismail Ireg

Wichtige Fakten

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Vertriebene sudanesische Familien finden Zuflucht im neu errichteten Lager Al-Afadh in Al Dabbah, nachdem die RSF Al-Fashir und andere Konfliktgebieten in Nord-Darfur eingenommen hatten, 6.11.2025.
Vertriebene sudanesische Familien finden Zuflucht im neu errichteten Lager Al-Afadh in Al Dabbah, nachdem die RSF Al-Fashir und andere Konfliktgebiete in Nord-Darfur eingenommen hatten, 6.11.2025. Foto: IMAGO / Anadolu Agency

Als die Kämpfer der paramilitärischen RSF-Miliz (Rapid Support Forces) Ende Oktober 2025 Al-Fāschir eroberten und das Hauptquartier der sudanesischen Armee einnahmen, war die Stadt bereits seit über einem Jahr ausgehungert worden. Die Belagerung hatte die Märkte erstickt, Lebensmittelkonvois waren bombardiert worden und jede Straße war zu einer Schneise der Erpressung geworden, wo Zivilist*innen sich ihre Flucht mit Lösegeld erkaufen mussten. Suppenküchen und Krankenhäuser wurden getroffen, Tausende Menschen waren eingekesselt und mussten auf Unkraut und Tierfutter zurückgreifen, um nicht zu verhungern. Als die RSF-Miliz die Stadt schließlich einnahm, war es keine Befreiung, sondern der logische Ausgang einer Aushungerungskampagne. Die Stadt war bis zur Erschöpfung geschwächt und dann überrannt worden.

Mohamed Ismail Ireg ist ein unabhängiger sudanesischer Agrarwissenschaftler, der sich auf Landwirtschaft, Ernährungssysteme und politische Ökonomie im Globalen Süden spezialisiert hat.

Die Tragödie von Al-Fāschir ist keine vereinzelte Gräueltat, sondern das Ergebnis einer Taktik: der Einsatz von Hunger als Waffe, als Strategie, um zu erobern und zu kontrollieren. Zwei UN-Konvois wurden bombardiert. Die Überlebenden berichteten von Checkpoints, an denen bewaffnete Männer Millionen sudanesische Pfund für sicheres Geleit forderten, und von Kindern, die am Straßenrand starben, weil ihre Familien das Wegegeld nicht zahlen konnten. Die Belagerung hungerte die Bevölkerung bis zur Unterwerfung aus, noch bevor der erste Panzer in die Stadt rollte.

Aber Hunger ist im Sudan niemals rein hausgemacht. Die neue Stellung der RSF-Miliz in Al-Fāschir festigt deren Versorgungswege nach Westen in Richtung Libyen – Wege, die seit Langem für den Schmuggel von Gold, Waffen und Treibstoff genutzt wurden. Hinter jedem Sack geplündertem Getreide verbirgt sich eine Kette globaler Interessen, die von den Schuldenmärkten in Khartum bis zu den Goldbörsen in Dubai reicht.

In Al-Fāschir ist die Politik des Hungers heute offen ersichtlich. Frauen stehen Schlange vor den – über Spenden finanzierten und von Freiwilligen kollektiv betriebenen – Gemeinschaftsküchen (takāya), die die wenige übrig gebliebene Sorghumhirse verteilen. Mitarbeiter*innen von Hilfsorganisationen berichten von Kleinkindern, die nur mit Zuckerwasser gefüttert werden, weil ihre Mütter zu unterernährt sind, um sie zu stillen. Die Stadt ist zum Sinnbild einer umfassenderen regionalen Ordnung geworden, in der die Ernährungsversorgung von Gewalt und der Macht des Geldes kontrolliert wird: einem Krieg, der über Preise, Checkpoints und Hunger geführt wird.

Aushungerung als Taktik: Wie Hunger zur Kriegswaffe wurde

Aushungerung im Sudan ist kein Nebeneffekt einer chaotischen Gesamtlage; sie ist ein bewusst eingesetztes Mittel zur Machtausübung. So war auch die Belagerung von Al-Fāschir keine kurzzeitige Einkesselung, sondern eine bewusst herbeigeführte Hungersnot, die mit jedem weiteren Schützengraben an Intensität gewann. Indem sie die Routen aus Mellit und Tawila abschnitt, kappte die RSF-Miliz die Versorgungswege, die die Märkte und Krankenhäuser bis dahin versorgt hatten.

Die Konvois, die versuchten, die Stadt zu erreichen, wurden zu beweglichen Zielen. Lastwagen mit humanitären Hilfslieferungen wurden auf Zufahrtstraßen bombardiert und anschließend geplündert. Die Botschaft war unmissverständlich: Das Überleben selbst war zur Verhandlungsmasse geworden. Jeder einzelne Checkpoint innerhalb der Stadt wurde zu einer Zollstation des Hungers, an der das Durchfahrtsrecht für Geld, Gold oder Treibstoff verkauft wurde. Händler*innen, die einst Tonnen von Getreide transportierten, mussten nun bewaffnete Männer bestechen, um nur einen einzelnen Sack Getreide zu überführen. Die Belagerung verwandelte Lebensmittel in Lösegeld.

Der Krieg, der den Sudan aushungert, geht nicht allein auf Kräfte innerhalb des Sudans zurück.

Die Plünderungen vertieften die Krise. Die Lager des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) und lokaler Hilfsorganisationen wurden komplett geplündert; ihre Bestände tauchten auf dem Schwarzmarkt wieder auf – zu Preisen, die sich keine Familie leisten konnte.

Der Hunger ist geschlechtsspezifisch. Frauen stehen stundenlang in den Gemeinschaftsküchen an, werden an den Checkpoints schikaniert oder sind gezwungen, Schmuck oder Arbeit gegen Lebensmittel einzutauschen. UN-Ermittler*innen warnen, dass neben Hunger auch sexuelle Gewalt zu einer Waffe geworden ist, die sich gegen Frauen richtet, die sich nach draußen wagen, um Lebensmittel zu besorgen.

Selbst die Energieversorgung wird als Waffe eingesetzt. Wenn die RSF-Miliz die Stromversorgung und Telekommunikation abschaltet, verstummt nicht nur die Stadt. So werden Menschen auch von mobilen Zahlungsmitteln, Rücküberweisungen und lebenswichtigen Informationen abgeschnitten. Denn in einem Land, in dem ganze Familien auf Geldtransfers aus der Diaspora angewiesen sind, um sich Lebensmittel kaufen zu können, ist das Abschalten des Netzes zu einer weiteren Form der Belagerung geworden.

Der Hunger in Al-Fāschir und im gesamten Sudan ist keine Naturkatastrophe, sondern kalkulierte Strategie. Eine Belagerung führt zu Hungersnot. Hungersnot führt zu Unterwerfung. Und Unterwerfung hält eine Kriegswirtschaft am Laufen, die von dem Elend lebt, das sie selbst erzeugt.

Imperialistische Verstrickungen: Wie externe Mächte die Kriegswirtschaft speisen

Der Krieg, der den Sudan aushungert, geht nicht allein auf Kräfte innerhalb des Sudans zurück. Hinter Checkpoints und geplünderten Lagern steht eine internationale Extraktionsmaschinerie: ein Netzwerk aus Geldgeber*innen, Waffenlieferant*innen und politischen Förderer*innen, die aus dem Zerfall des Landes ein profitables Projekt gemacht haben. Im Zentrum stehen die Vereinigten Arabischen Emirate, der größte externe Kriegssponsor. Über Landebahnen im Tschad und in Libyen liefern ihre Frachtflugzeuge Waffen und Treibstoff, die als humanitäre Hilfslieferungen getarnt die Durchhaltefähigkeit der RSF-Miliz stärken. Über die gleichen Routen wird sudanesisches Gold nach Dubai exportiert: Diese Vorgehensweise ist ein offenes Geheimnis, das die Gehälter der RSF-Miliz finanziert und die Loyalität der Truppen gewährleistet. Die Nähe der Vereinigten Arabischen Emirate zum RSF-Anführer Mohamed Hamdan Dagalo, genannt „Hemedti“, ist kein diplomatischer Zufall, sondern die Fortsetzung einer regionalen Politik zur Ressourcenkontrolle.

Auch die Rolle Israels ist, wenngleich diskreter, so doch nicht minder strategisch. Der Normalisierungsprozess zwischen Khartum und Tel Aviv stellte die sudanesischen Generäle eher als Sicherheitspartner denn als Kriegsverbrecher dar. In diesem Sinne legitimierte die Normalisierung ein Putschregime im westlichen Lager und vermittelte den Generälen die Gewissheit, dass ihre Politik des Aushungerns Besorgnis hervorrufen, aber keine tatsächliche Intervention nach sich ziehen würde.

Die westlichen Mächte wiederum halten die Illusion der Neutralität hoch. Sie verurteilen „beide Seiten“, setzen Hilfsleistungen aus und geben Erklärungen zum fehlenden humanitären Zugang ab, während sie die tiefer liegenden Abhängigkeitsstrukturen stabilisieren: Auflagen des Internationalen Währungsfonds (IWF), die zu Sparmaßnahmen verpflichten, daneben Sanktionen, die staatliche Importe einschränken, doch private Händler*innen verschonen, sowie Schlupflöcher im Waffenembargo, die Waffenlieferungen über Nachbarländer ermöglichen. In diesem ganzen Theater wird humanitäre Rhetorik zu einem moralischen Deckmantel für die Fortsetzung imperialistischer Politik.

Wenn die Machthabenden Hunger von oben als Waffe einsetzen, sichern die Menschen von unten ihr Überleben.

Diese Akteur*innen verbindet nicht etwa eine gemeinsame Ideologie, sondern eine Ökonomie der Kontrolle. Die Aushungerung im Sudan fungiert als Instrument der Marktregulierung – sie räumt Subsistenzproduzent*innen aus dem Weg, lässt lokale Märkte zusammenbrechen und öffnet das Land für privatisierte Agrarunternehmen, sobald die Waffen erst einmal schweigen. Die Investor*innen, die heute die Waffen finanzieren, werden morgen die Verpachtung der Böden finanzieren. Hunger wird damit zu einem Mittel der Transition, die den Boden für den Vormarsch des Kapitals vorbereitet. 

Die Einnahme von Al-Fāschir durch die RSF-Miliz ist mehr als ein Meilenstein in einem militärischen Konflikt. Sie konsolidiert eine von außen gespeiste Kriegswirtschaft, in der jeder Zugangsweg für Lebensmittel und Treibstoff an einen Hafen, eine Bank oder eine außenpolitische Agenda geknüpft ist und deren Ökonomie weit über die nationalen Grenzen des Sudan hinausreicht. Wer diesen Krieg verstehen will, muss seine Logistik verstehen und deren Wege vom geplünderten Lager in Darfur bis in die Goldraffinerie in Dubai nachvollziehen, von einem Checkpoint der Belagerer bis in einen Konferenzraum des IWF in Washington. Aushungerung ist, in diesem Sinne, Weltordnungspolitik mit anderen Mitteln. 

Der zerschlagene Kornspeicher: Der Niedergang von Dschazira und das Ende der Selbstversorgung

Um die Hungersnot zu verstehen, die den Sudan heute zerfrisst, sollte man zunächst einen Blick auf die Dschazira-Ebene werfen, die einst der Stolz der afrikanischen Bodenbewässerung und das Rückgrat der Subsistenzwirtschaft des Landes war. Das Dschazira-Projekt, eingebettet zwischen dem Blauen und dem Weißen Nil, ist mehr als nur ein landwirtschaftliches Projekt, sondern die lebendige Infrastruktur der sudanesischen Souveränität. Auf Millionen von Feddani (ein arabisches Flächenmaß von ungefähr 4.200 Quadratmetern) wurden hier Baumwolle, Sorghumhirse und Weizen angebaut, die das Land ernährten. Dieses Projekt bot die Grundlage für eine rurale Mittelklasse, die sowohl gegen Hunger als auch gegen Abhängigkeitsverhältnisse gefeit war.

Doch ebenjenes infrastrukturelle Zentrum wurde nun geplündert. Seit der Offensive der RSF-Miliz auf die Dschazira-Ebene im Dezember 2023 haben RSF und verbündete Milizen die Region durchkämmt, landwirtschaftliche Maschinen geraubt, Vorratssilos verbrannt und Landwirt*innen mit Waffengewalt bedroht. Was als militärisches Vorrücken begann, wurde schnell zu einem wirtschaftlichen Feldzug, denn wer die Macht über die Felder besitzt, hat auch Macht über die Menschen, die sich von ihren Erträgen ernähren. Die Zerschlagung des Dschazira-Projekts ist also kein Kollateralschaden des Krieges, sondern Teil seiner ökonomischen Logik. Sowohl die Sudanesischen Streitkräfte (das Militär des Sudan: Sudanese Armed Forces, SAF) als auch die RSF-Miliz haben die Hebelwirkung der Lebensmittelsysteme erkannt. Gemeinsam haben sie das kooperative Netzwerk zerstört, das dem Dschazira-Projekt einst zugrunde lag.

Doch der Kollaps des Projekts hat noch andere Ursachen, die über die aktuellen Gefechte hinausreichen. Jahrzehntelang wurden im Zuge der Liberalisierungsbestrebungen des IWF Fördermittel abgebaut und die Privatisierung von Ländereien vorangetrieben, was zur Verschuldung der Kleinbauern und -bäuerinnen geführt hat sowie dazu, dass angeschaffte Geräte nicht mehr den Bedürfnissen entsprachen und nicht mehr zu gebrauchen waren. Als der Krieg ausbrach, hatten sie damit keinen Puffer mehr, der den darauffolgenden Schock hätte abmildern können. Die Milizen vollendeten nur, was der Neoliberalismus bereits eingeläutet hatte.

Mit dem Stillstand des Bewässerungsnetzwerks breitet sich der Hunger über die Dschazira-Ebene hinaus aus. Städte, die einst nur Getreide aus Dschazira bezogen, sind nun auf Schmuggelrouten oder internationale Hilfe angewiesen, die jedoch nur selten ihr Ziel erreicht. Marktstudien Mitte 2025 verzeichneten einen Anstieg der Mehlpreise um 400 Prozent und die Rückkehr von Nahrungsmitteln aus Hungerzeiten (etwa Sorghumschalen, wilde Wurzeln oder Tierfutter) in der Ernährung der Stadtbewohner*innen. Infolge des Zusammenbruchs von Dschazira wird jede Belagerung zu einer nationalen Hungernot, wodurch Hunger verstärkt instrumentalisiert werden kann – nicht nur als lokale Taktik, sondern als landesweites System.

Gemeinschaftlicher Widerstand: Gegenseitige Hilfe und die Politik des Überlebens 

Doch inmitten der Ruinen bestehen kleine Akte des Widerstandes fort. Geflüchtete Landwirt*innen haben angefangen, sich Mikroparzellen entlang der Flussläufe zu sichern und bestellen diese mit Handwerkzeug und geretteten Saatgütern. Beim inoffiziellen Saatguttausch wechseln traditionelle Sorghum- und Okrasamen die Hände, die vor den Plünderungen bewahrt wurden. Es sind fragile, doch radikale Handlungen: Versuche, die Ernährungssouveränität zurück in die Hände der Enteigneten zu legen. Der Krieg bestimmt, wer das Recht hat zu essen. So wird jeder gerettete Samen zu einem Akt politischen Widerstands.

Wenn die Machthabenden Hunger von oben als Waffe einsetzen, sichern die Menschen von unten ihr Überleben. Während im ganzen Sudan die bisherigen Institutionen zusammenbrechen und die humanitären Hilfslieferungen versiegen, haben gewöhnliche Bürger*innen ein paralleles System zur Sicherung ihres Überlebens aufgebaut, mit Notfallzentren (Emergency Response Rooms, ERRs), Gemeinschaftsküchen und Solidaritätsnetzwerken (takāya), die Millionen Menschen unterstützen. Was im April 2023 als spontanes Nachbarschaftsprojekt begann, um Verwundete zu retten, hat sich zur wichtigsten sozialen Infrastruktur des Landes entwickelt. 

In Khartum, Wad Madani und Al-Fāschir sind die ERRs und takāya zur unsichtbaren Alltagsregierung geworden: Sie koordinieren Evakuierungen, verteilen Lebensmittel, organisieren Unterkünfte und Informationen. Ihre Aktivitäten sind horizontal organisiert, werden von Freiwilligen getragen und sind dezidiert unabhängig von politischen Parteien. Im Unterschied zu Nichtregierungsorganisationen, die an die Vorgaben ihrer Geldgeber*innen gebunden sind, arbeiten ERRs auf Vertrauensbasis, mit lokalem Wissen und geteiltem Risiko. Sie sammeln Geld über WhatsApp-Gruppen, beziehen Lebensmittel von lokalen Händlern und betreiben ihre Küchen in Moscheen, Schulen und verlassenen Büros. In einem Land, das unter Belagerung und Bürokratie zugleich leidet, verkörpern diese Netzwerke das, was der Theoretiker Frantz Fanon einst als „die Gegeninstitutionen des Volkes“ bezeichnete.

Die Gemeinschaftsküchen bilden das moralische Zentrum dieses Widerstandes. In Al-Fāschir betrieben Frauen vor dem Fall der Stadt improvisierte Suppenküchen in Hinterhöfen, in denen sie jeden Tag mit gespendeter Sorghumhirse und Feuerholz Hunderte Menschen versorgten. Das gemeinsame Kochen wurde zugleich zu einer Überlebensstrategie und einem politischen Statement: einer Erklärung, dass Hunger nicht monopolisiert werden kann. Diese Gemeinschaftsküchen sind das Gegenteil von Almosen: Sie sind gelebte Gleichheit inmitten eines auferlegten Mangels.

Die Menschen im Sudan, die einander mithilfe von Gemeinschaftsküchen und Saatgutbanken am Leben halten, sind die einzigen, die das Völkerrecht in die Praxis umsetzen.

ERRs und andere lokale Praktiken der Solidarität fungieren zugleich als Informationsnetzwerke und bieten der Kriegsführung der RSF-Miliz mittels Blackouts die Stirn. Via Radioempfänger und Community-Boten informieren sie über Lebensmittelpreise oder sichere Routen und warnen vor Angriffen. So bauen sie die Informationsallmende wieder auf, die imperialistische und lokale Mächte bewusst zerstört haben.

Im Herzen dieses Netzwerks stehen Frauen. Sie organisieren die Warteschlangen bei den Lebensmittelverteilungen, die Versorgung mit Lebensmittels und vermitteln bei Konflikten im öffentlichen Raum. Unter ihrer Führung wird Überleben zu einer feministischen Politik der Fürsorge, die in starkem Kontrast zur männlich konnotierten Gewalt der Milizen steht. Kochen, pflegen, teilen: Diese Tätigkeiten sind zu revolutionären Handlungen in einem Krieg geworden, der darauf ausgerichtet zu sein scheint, das Leben selbst zu privatisieren.

Die ERRs und die Gemeinschaftsküchen sind keine bloßen Entlastungsmechanismen, sondern Vorboten einer künftigen politischen Ordnung. Sie stellen unter Beweis, dass gemeinschaftliche Selbstorganisation den Sudan am Leben hält – und nicht etwa Wohltätigkeit oder Entwicklungshilfe. In diesem Land, das bewusst bis zur Unterwerfung ausgehungert wird, ist Solidarität die einzige Quelle der Stärkung, die nicht geplündert werden kann.

Aushungern als Kriegsverbrechen und das Schweigen der Welt

Das Völkerrecht besagt eindeutig: Das Aushungern der Zivilbevölkerung ist ein Kriegsverbrechen. Artikel 54 des Zusatzprotokolls I von 1977 zu den Genfer Abkommen vom 12. August 1949 verbietet den Einsatz von Hunger als Waffe und die Zerstörung von Objekten, die für das Überleben der Zivilbevölkerung unerlässlich sind. Die Belagerungen im Sudan erfüllen jedes einzelne Kriterium dieses Verbrechens: Transportwege für Lebensmittellieferungen werden unterbrochen, Märkte beschossen, Konvois geplündert, und die Zivilbevölkerung wird gezwungen, Lebensmittelrationen einzutauschen, um zu überleben.

Doch die Welt schweigt. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen erlässt Resolutionen ohne Konsequenzen, und der Internationale Gerichtshof setzt sich nur schleppend in Bewegung. Die westlichen Mächte und Golfstaaten verurteilen die Gräueltaten, während sie zugleich jene mit Geld und Waffen versorgen, die sie begehen. Die Afrikanische Union versteckt sich hinter dem Prinzip der „Nichteinmischung“. Das Ergebnis ist eine bittere Hierarchisierung der Empörung: Während manche Hungersnöte als globale Tragödie gelten, werden andere wie bürokratische Fußnoten gehandhabt.

Schweigen ist keine Neutralität, sondern Mittäterschaft. Die Menschen im Sudan, die einander mithilfe von Gemeinschaftsküchen und Saatgutbanken am Leben halten, sind die einzigen, die das Völkerrecht in die Praxis umsetzen. Ihr Widerstand ist der letzte Gradmesser für Gerechtigkeit in dieser Welt.

Vorabveröffentlichung aus dem neuen Buch der Rosa-Luxemburg-Stiftung: Aushungerung als Kriegswaffe. Historische Kontinuitäten und Geschichten des Widerstands in Westasien und Nordafrika [i.E.]. Übersetzung von Claire Schmartz & Sebastian Landsberger für Gegensatz Translation Collective.

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