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Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im zweiten Kriegsjahr schuf die sowjetische Führung eine Reihe von Komitees, um im Ausland Unterstützung zu organisieren. Deren allgemein-antifaschistisch bestimmten Programme traten an die Stelle eines direkten revolutionären Appells, wie noch im ersten Weltkrieg.
So entstanden die antifaschistischen Komitees der Frauen, der Jugend und ein Gesamtslawisches Komitee. Doch am bekanntesten wurde das Jüdische Antifaschistische Komitee. Faktisch nahm es dabei die Funktion einer Vertretung der „jüdischen Nationalität“ ein, angesichts des Fehlens einer jüdischen sowjetischen Teilrepublik vergleichbar mit den anderen Nationalitäten.1 Vor allem aber ist es in die Geschichte eingegangen aufgrund seines tragischen Schicksals in der ab 1948 von Stalin angeschobenen antisemitischen Welle.
Im Großen und Ganzen ist dies nicht unbekannt. Eine vergleichsweise breite Historiographie existiert dazu, sei es als Teil von umfassenden Überblicken über die jüdische Geschichte der UdSSR, sei es fokussiert auf einen direkten Abriss des Komitees.2 Ausführlich ist dort herausgearbeitet, dass dessen ursprüngliche Konzeption die eines weltweiten (und politisch plural zusammengesetzten) jüdischen Zusammenschlusses war. Das hatten die beiden nach der Besetzung Ostpolens durch die sowjetischen Truppen verhafteten Führer des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes Viktor Alter und Henryk Erlich der sowjetischen Führung nach ihrer Freilassung nach dem 22. Juni 1941 vorgeschlagen. Doch diese bog es zu einem Instrument zuvörderst sowjetischer Staatspolitik um.
Stürmanns Blick ist dagegen auf eine bisher nur am Rande untersuchte Episode aus seiner Geschichte gerichtet: die weltweite Propagandatournee zweier ihrer wichtigsten Repräsentanten, des Schauspielers Solomon Mikhoels und des Dichter Itsik Feffer im Jahre 1943 mit dem Schwerpunkt in den USA, aber auch mit Abstechern nach Mexiko, Kanada und Großbritannien. Damit sollte insbesondere auf das Schicksal der Juden angesichts der deutschen Vernichtungspolitik aufmerksam gemacht und für die Unterstützung der Sowjetunion geworben, aber auch die äußerst negative Wirkung konterkariert werden, die das Bekanntwerden der Nachricht über das Schicksal von Alter und Erlich nach ihrer erneuten Verhaftung Ende 1941 und der Verhängung des Todesurteils gegen sie nicht nur in den USA hervorgerufen hatte.
Nach einer ersten öffentlichen Großveranstaltung in New York nach ihrem Eintreffen in den USA Mitte Juni mit fast 50 000 Teilnehmern hatte die Tournee gleich einen Höhepunkt erlebt. Tatsächlich sollte keine der weiteren Veranstaltungen größer sein, aber die Stadt war nun mal das Zentrum des amerikanischen Judentums. Es folgten zahlreiche weitere Auftritte entlang des Industriegürtels von der Ostküste bis zum Mittleren Westen und dann in Kalifornien, mit Sprüngen über die Landesgrenzen im Norden wie im Süden, was Stürmann detailliert nachzeichnet. Neben Großkundgebungen waren das ebenso oft auch Zusammentreffen mit Vertretern jüdischen Organisationen und lokaler politischer Prominenz, immer begleitet von Medienauftritten. Ende Oktober konnte dann der Rückflug über Großbritannien angetreten werden. Der weitere Weg von dort in die UdSSR gestaltete sich kriegsbedingt kompliziert mit einem großen Bogen südlich des Mittelmeeres über den Nahen Osten. Im Dezember waren die Beiden schließlich in Moskau zurück.
Ihre Hauptansprechpartner waren verschiedene von der KPUSA organisierte Frontorganisationen unter Einschluss linksbürgerlicher jüdischer Vertreter gewesen, ganz im Sinne der klassenübergreifenden Volksfrontpolitik ab 1934. Dementsprechend hatte man auch soweit wie möglich traditionelle jüdische Organisationen einschließlich religiös orientierter einbezogen. Das galt auch für zionistische Kreise, trotz des offenkundigen Gegensatzes in der Vorstellung einer jüdischen Heimat. Die jiddische Sprache allerdings, wiewohl in den USA schon deutlich im Niedergang und vermutlich auch von vielen Teilnehmern an den Veranstaltungen nicht mehr richtig verstanden, die zudem bei den Zionisten eigentlich als Kennzeichen der Diaspora auf Ablehnung stieß, war dabei für Mikhoels und Feffer das Medium, mit dem sie eine gemeinsame Identität zwischen dem sowjetischen Judentum und ihrem amerikanischen Publikum herstellen wollten.
Dabei stand der Auftritt der beiden Delegierten ganz unter Staatskontrolle. Das hatte sich schon bei ihrer Auswahl gezeigt, die vom amerikanischen Organisationskomitee ursprünglich breiter gewünscht war, dessen Vorschläge jedoch ohne Begründung zusammengestrichen wurden. Bei den Zusammentreffen nahmen durchgehend Vertreter der sowjetischen Botschaft teil, die wohl auch den Geheimdienst repräsentierten. Ein deutlicher Aspekt des gesamten Auftritts war die scharfe Zurückweisung der von verschiedenen nicht-stalinistischen linken Organisationen immer wieder aufgeworfenen Frage nach dem Schicksal von Alter und Erlich. Formal war die Tournee zwar keine staatliche Aktivität der Sowjetunion, wurde jedoch als solche wahrgenommen.
Die Differenzen zwischen der sowjetischen Politik und dem zionistischen Projekt beschwieg man, in dem einer Auseinandersetzung darüber aus dem Weg gegangen wurde. Entsprechend war dies der Delegation, die ja auf ihrem komplizierten Hin- und Rückweg über den Nahen Osten problemlos auch einen Aufenthalt in Palästina hätte einlegen können, von Moskau nicht erlaubt worden. Andererseits ist es ebenso bezeichnend, dass anscheinend auch nicht die Idee aufkam, auf diesem Flug dann wenigstens die orientalischen Juden etwa in solchen Zentren wie Casablanca, Bagdad oder Teheran anzusprechen. Doch offensichtlich kamen sie, als nicht in der Tradition der aschkenasisch-jiddischen, sondern eben der arabisch oder persisch geprägten Kultur stehend, gar nicht in den Blick der Veranstalter.
Nachdem bereits ab Kriegsende die langsame Zurückdrängung der jiddischen Kultur in der UdSSR einsetzte, sicherlich zuerst vor dem Hintergrund des Massenmords durch die deutschen Besatzer, aber auch befördert durch die Staatspolitik, weist ein Schlusskapitel auf die weiteren Jahre des Komitees bis zur Auflösung und zur Verhaftungswelle Ende 1948 und zu dem schließlich 1952 erfolgten Geheimprozess, dem die wichtigsten Mitglieder zum Opfer fielen, hin. Diese Repression erfolgte zwar nicht nur aus innenpolitischen Gründen, sondern hatte auch einen außenpolitischen Aspekt in der hin und her schwankenden sowjetischen Politik gegenüber der Bildung des Staats Israel. Jedenfalls sollte sich die jüdische Bevölkerung in der UdSSR von diesem Schlag nie mehr erholen, trotz einiger weniger Zugeständnisse nach 1956.
Der Autor schildert die Geschichte dieser Tournee konzentriert und stellt sie in den historischen Kontext. Er wählte dabei eine essayistische Form, verzichtete entsprechend auf Einzelnachweise, was zweifellos den Lesefluss erleichtert. Allerdings sind in einem fast vierzigseitigen Anhang die verwendeten Quellen wie Literatur jeweils nach Kapiteln geordnet nachgewiesen. Stürmann ist damit eine verdienstvolle Ergänzung zur allgemeinen Historiographie der jüdischen Geschichte in der Sowjetunion gelungen, die, da sie sich in diesem Fall außerhalb der Sowjetunion abspielte, trotz der Rückwirkungen auf sie allein schon im unvermeidlichen Spionagevorwurf bei der Repression ab 1948 bisher nicht ausreichende Beachtung fand. Was von dem Jüdischen Antifaschistischen Komitee und speziell von der Tournee aber auch heute noch bleibt, ist, wie der Autor genau schildert, der Anstoß zur Erstellung des Schwarzbuchs über die Ermordung der sowjetischen Juden und damit zur ersten großen Darstellung des Holocaust, das allerdings durch die politischen Umstände bedingt erst Jahrzehnte später veröffentlicht werden konnte.3
Jakob Stürmann: Mission „Eynikayt“. Die Welttournee des Jüdischen Antifaschistischen Komitees 1943, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2024, 219 Seiten, 25 Euro (hier auch open access)
1 Das 1928 im Fernen Osten der UdSSR eingerichtete jüdische Gebiet Birobidschan, in dem ja nur ein winziger Bruchteil der sowjetischen Juden lebte, war in Wirklichkeit nichts anderes als ein Potemkinsches Dorf Stalins, das als Deckmantel für die Zerschlagung der 1925 eingerichteten realen autonomen jüdischen Gebiete im Südosten der Ukraine sowie auf der Krim diente.
2 Zu erwähnen wäre auf Deutsch z. B. das Buch von Arno Lustiger, Rotbuch Stalin und die Juden: Die tragische Geschichte des Jüdischen Antifaschistischen Komitees und der sowjetischen Juden, Berlin 1998.
3 Wassili Grossman und Ilja Ehrenburg, Das Schwarzbuch: Der Genozid an den sowjetischen Juden, hrsg. von Arno Lustiger, Reinbek bei Hamburg 1995, russisch 1980 in Jerusalem, englisch 1981 in New York, jiddisch 1984 in Jerusalem, hebräisch 1991 in Tel Aviv.





