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„Chile braucht Ordnung!“, ruft José Antonio Kast während seiner ersten Rede als gewählter Präsident Chiles, auf dem Bildschirm hinter ihm flimmert eine riesige chilenische Flagge in Rot-Weiß-Blau. Die Menschenmenge jubelt ihm zu. 58 Prozent der Wahlberechtigten haben für ihn gestimmt – mehr als sieben Millionen Menschen. Für die linke Kandidatin Jeannette Jara stimmten lediglich 42 Prozent, etwas mehr als fünf Millionen. Kast ist damit der Präsident mit den meisten Wählerstimmen in der Geschichte Chiles – was auch an der wiedereingeführten Wahlpflicht liegt.
Sophia Boddenberg berichtet als freie Journalistin für deutsch- und englischsprachige Medien aus Chile und anderen Ländern Lateinamerikas.
Für Chiles Mitte-Links-Parteien, die seit dem Ende der Militärdiktatur mit Ausnahme der zwei Regierungsperioden des rechten Unternehmers Sebastián Piñera durchgehend regierten, ist es eine bittere Niederlage. Zum ersten Mal seit der Rückkehr zur Demokratie 1990 wurde ein Rechtsextremer zum Präsidenten gewählt. Viele Menschen sind enttäuscht von der Regierung des ehemaligen Studierendenführers Gabriel Boric, einst Hoffnungsträger für viele Linke in Lateinamerika. Seine Koalition konnte im von rechten Parteien dominierten Parlament nur wenige ihrer angekündigten Sozialreformen durchsetzen. Die Ablehnung des progressiven Verfassungsentwurfs 2022 war eine schwere Niederlage für die Regierung, von der sie sich nie erholte.
Chile ist eines der sichersten Länder Lateinamerikas. Trotzdem war Sicherheit Umfragen zufolge die dringendste Sorge der Menschen und deshalb eines der wichtigsten Themen im Wahlkampf.
Gleichzeitig wuchs die Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Als Borics ehemalige Arbeitsministerin galt Jara bei dieser Präsidentschaftswahl als Kandidatin des „Weiter so“. Aber die Chilen*innen wünschen sich Veränderung – auch, wenn sie von rechts kommt.
„Chile will Veränderung“
Kast, Anwalt, 59 Jahre alt, trägt einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und eine blaue Krawatte. Seine weißen Haare hat er streng zur Seite gekämmt. In seiner Rede bedankt er sich bei Gott und bei seiner Familie. Er spricht von einem Land in der Krise, mit Menschen, die in Angst und Schrecken leben. Um Chiles Probleme zu lösen, sei eine „Notstandsregierung“ nötig. „Wir werden unermüdlich daran arbeiten, die Ruhe und die Ordnung wiederherzustellen“, sagt er. „Denn Chile hat uns einen klaren Auftrag erteilt: Chile will Veränderung.“
Chile ist eines der sichersten Länder Lateinamerikas, Gewaltdelikte und Mordraten liegen deutlich unter dem regionalen Durchschnitt. Trotzdem war Sicherheit Umfragen zufolge die dringendste Sorge der Menschen und deshalb eines der wichtigsten Themen im Präsidentschaftswahlkampf. In den vergangenen Jahren sind neue Formen der Gewalt aufgetreten, die man früher eher aus Mexiko und Kolumbien kannte: Auftragsmorde, Schutzgelderpressung, Entführungen. Sie stehen häufig in Verbindung mit organisiertem Verbrechen und Drogenkriminalität. Hinzu kommt, dass die größtenteils rechtskonservativ geprägten Fernsehsender in ihren Nachrichtensendungen täglich über Raubüberfälle berichten. Der Gallup Global Law and Order Report 2025 zeigt, dass Chile zu den sechs Ländern weltweit gehört, in denen das Gefühl von Unsicherheit besonders stark ausgeprägt ist. Laut der Umfrage fühlen sich 39 Prozent der Chilen*innen unsicher, wenn sie abends allein spazieren gehen – ein hoher Wert im internationalen Vergleich.
Wenn Pinochet noch lebte, würde er für mich stimmen.
„Die Rechte spricht seit Jahren von der Kriminalität und verspricht Sicherheit und Ordnung, während die Linke diesem Problem lange keine Bedeutung beigemessen hat“, sagt Octavio Avendaño, Politikwissenschaftler an der Universidad de Chile. Die chilenische Gesellschaft sei „sehr misstrauisch und ängstlich“. Das habe auch historische Gründe. Während der Militärdiktatur wurden gemeinschaftliche Strukturen wie Gewerkschaften, Nachbarschaftsvereine und soziale Organisationen zerschlagen. Das habe zu einem verstärkten Individualismus geführt. „Wenn die Menschen einander nicht vertrauen, dann hat das politische Konsequenzen“, so der Politikwissenschaftler.
Ein Gefolgsmann des Militärregimes
Bei den Feiern am Wahlabend schwenken die meisten Menschen chilenische Nationalflaggen. Doch zwischen ihnen tauchen auch Fahnen mit dem Gesicht des ehemaligen Diktators Augusto Pinochet auf. Kast hat Pinochet in der Vergangenheit mehrfach offen gelobt.
In einem Wahlwerbespot für das Referendum über den Verbleib von Pinochet trat Kast 1988 als junger Jurastudent auf und bekannte sich offen zum Militärregime. Er ist der kleine Bruder von Pinochets Minister Miguel Kast, einem der berüchtigten „Chicago Boys“, die den chilenischen Staat während der Diktatur nach den neoliberalen Lehren der Chicagoer Schule umkrempelten. Als Kast 2017 bei der Präsidentschaftswahl kandidierte, sagte er: „Wenn Pinochet noch lebte, würde er für mich stimmen.“ Außerdem hat er im Wahlkampf nicht ausgeschlossen, verurteilte Täter der Militärdiktatur zu begnadigen, einschließlich Figuren wie Miguel Krassnoff, der wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu über 650 Jahren Haft verurteilt wurde.
Kasts breite Unterstützung zeigt, dass ein rechtsextremer Kandidat in einer verunsicherten, unzufriedenen und fragmentierten Gesellschaft mehrheitsfähig werden kann.
Kasts politische Karriere begann in der ultrakonservativen Partei UDI, gegründet von Jaime Guzmán, einem der wichtigsten Ideologen der Diktatur und Architekten der bis heute gültigen Verfassung. In seinen ersten Jahren als Student an der Universidad Católica pflegte Kast eine enge Beziehung zu Jaime Guzmán, der sein politischer Mentor war und sein politisches Denken und seine Werte prägte. Kast führte bald den Flügel der Partei an, der an einer wertkonservativen Agenda festhielt – etwa im Widerstand gegen die Gesetzgebung zu Scheidung und zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Als die UDI sich als Teil der Regierungskoalition des rechten Präsidenten Sebastián Piñera moderater positionierte, wuchs bei Kast das Gefühl der Entfremdung. Für ihn spiegelte die Haltung der Partei nicht mehr das ursprüngliche Erbe Guzmáns wider. Kast kritisierte die UDI später explizit dafür, dass sie klare Identität und Führung verloren habe. 2016 trat er schließlich aus der Partei aus und gründete sein eigenes politisches Projekt: die Republikanische Partei.
Als Parlamentsabgeordneter setzte er sich gegen die Legalisierung der Scheidung, die Lockerung des Abtreibungsverbots und gegen Sexualaufklärung an Schulen ein. Der überzeugte Katholik ist Vater von neun Kindern und lehnt Verhütungsmittel ab. Er war bis 2024 Vorsitzender des Political Network of Values, eines christlich-konservativen internationalen Netzwerks, das sich unter anderem gegen Schwangerschaftsabbrüche, gleichgeschlechtliche Ehe und LGBTIQ-Rechte einsetzt und eng mit der Trump nahestehenden Heritage Foundation verknüpft ist.
Kasts Vater war ein deutscher Wehrmachtsoffizier und Mitglied der NSDAP, nach dem Zweiten Weltkrieg wanderte er nach Chile aus. In Paine, wo die Familie eine Wurstfabrik betrieb, soll sie mit dem Pinochet-Regime zusammengearbeitet haben, das Bauern verschleppen und ermorden ließ. Kast streitet die Vorwürfe ab.
Chile rückt nach rechts
Kast trat bereits bei der vergangenen Präsidentschaftswahl 2021 in der Stichwahl gegen Gabriel Boric an. Damals unterlag er dem jungen linken Kandidaten knapp. International steht er US-Präsident Donald Trump nahe und ist – wie Jair Bolsonaro in Brasilien und Javier Milei in Argentinien – Teil der sogenannten Neuen Rechten in Lateinamerika. Und auch darüber hinaus ist Kast gut vernetzt: Der deutsch-chilenische Unternehmer Sven von Storch, Ehemann der AfD-Politikerin Beatrix von Storch, ist Medienberichten zufolge sein Berater. Kast pflegt auch Kontakte zu Giorgia Meloni und Viktor Orbán, mit denen er nach dem Einzug in die Stichwahl über politische Zusammenarbeit sprach.
Die Republikanische Partei hat zwar keine Mehrheit im Parlament, aber Kast profitiert von einer geeinten Rechten, da er libertäre ebenso wie zentristische Kräfte hinter sich versammeln konnte. Streichen, entlassen, abschaffen – Kast orientiert sich an der „Kettensägenpolitik“ Javier Mileis, dessen Vizewirtschaftsminister im Wahlkampf 2021 Kasts Berater war. Er hat eine radikale Kürzung der Staatsausgaben angekündigt, Steuersenkungen für Unternehmen und die Abschaffung von Umweltregulierungen. Gleichzeitig verspricht er mehr Polizei, mehr Gefängnisse und die Abschiebung irregulär eingereister Migrant*innen.
Mit Kasts Wahlsieg rückt Lateinamerika ein Stück weiter nach rechts. Seine breite Unterstützung zeigt, dass ein rechtsextremer Kandidat in einer verunsicherten, unzufriedenen und fragmentierten Gesellschaft mehrheitsfähig werden kann – wenn die Linke es nicht schafft, die materiellen Lebensbedingungen der Menschen spürbar zu verbessern. Chile sendet damit ein Signal: Auch in einem Land mit relativ stabilen demokratischen Institutionen und vergleichsweise geringer Gewalt lässt sich mit Diskursen über Angst, Sicherheit und Ordnung eine Wahl gewinnen.

