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Der Erste Weltkrieg hatte Europa erschüttert. Der am 22. Februar 1896 geborene Paul van Ostaijen ist erst 22 Jahre alt, als er kurz vor dessen Ende im Oktober 1918 in Berlin ankommt. Er teilt den zentralen Gedanken der europäischen Avantgarde, dass radikal mit der Vergangenheit zu brechen und, auf den Trümmern des größten Schlachtfeldes der Geschichte, eine vollkommen neue Welt aufzubauen sei.
In seiner Heimatstadt Antwerpen in Belgien ist er die treibende Kraft des Durchbruchs des Modernismus gewesen, hat avantgardistische Zeitschriften aus halb Europa gelesen – und sich bei den Behörden unbeliebt gemacht, weil er für deutsche Kultur und Kunst eingetreten war, also die des Kriegsgegners. In Berlin, Ziel seiner Flucht, kennt er niemand und niemand kennt ihn. Er knüpft Kontakte zur Novembergruppe und zum Arbeitsrat für Kunst, freundet sich schnell mit dem älteren Fritz Stuckenberg (1881–1944) an. Die ganzen Irrungen und Wirrungen, die endlosen Diskussionen in den verschiedenen Zirkeln werden von de Ridder beschrieben: die Kontakte zu Lyonel Feininger sowie auch die engen und länger andauernden zu Heinrich Campendonk (1889–1957)1. Bereits Mitte Dezember treffen sich Stuckenberg, Feininger und van Ostaijen zum ersten Mal zu dritt. Feininger geht im Frühjahr 1919 nach Weimar und zieht die Festanstellung am Bauhaus dem weiteren Diskutieren in Berlin vor.
In Berlin entsteht der Band Die Feste von Angst und Pein und auch Besetzte Stadt2, das wichtigste Werk van Ostaijens, versehen mit einer eigenen, von ihm selbst entwickelten Typografie. Berlin ist in jener Zeit die Stadt des Expressionismus und es toben die Konflikte um die Galerie Der Sturm. Viele Künstler:innen suchen eine Alternative zu ihr, haben sich wie Campendonk mit Herwarth Walden zerstritten. Kataklump sollte die neue Künstlergruppe samt Manifest und Jahrbuch heißen, zu deren Gründung als eine Art ‚Der Blaue Reiter II‘ es aber gleichwohl nie kam.
De Ridder beschreibt zweierlei sehr ausführlich: zum einen van Ostaijens Wirken als Kunstkritiker und -händler, seine Beziehungen zu vielen Kunstschaffenden und Schreibenden, auf die er in Berlin stößt; zweitens die Entstehung der aufsehenerregenden Poesie des Dichters und ihre extrem komplizierte und aufwendige Umsetzung im Zeitalter des Setzrahmens. Schwerpunkt des Bandes ist die Zeit van Ostaijens in Berlin, die Vorgeschichte wird gestreift und der Zeitraum danach kommt nur auf wenigen Seiten vor.
Kataklump ist die Geschichte eines unsteten Avantgardisten, eines sichtlich Getriebenen. De Ridder hat eine Mischung aus (historischem) Roman und Sachbuch vorgelegt. Er und der Verlag haben den in den Niederlanden sehr bekannten und für die Literaturgeschichte wichtigen van Ostaijen auch hierzulande etwas bekannter gemacht.3 Vieles bleibt aber trotz reichhaltigem Quellenmaterial wenig greifbar, es ist unklar, ob das am Gegenstand oder dem Autor des besprochenen Werkes liegt. Leider enthält die Publikation auch kein Personenverzeichnis.
Van Ostaijen kehrt 1921 nach Belgien zurück, arbeitet mit Unterstützung seines Bruders als Kunsthändler und stirbt bereits im März 1928 an Tuberkulose. Er ist 32 Jahre alt.
Matthijs de Ridder: Kataklump. Paul van Ostaijen, Heinrich Campendonk, Fritz Stuckenberg und der Kampf um den Expressionismus; Wunderhorn Verlag. Heidelberg, März 2025, 320 S., einige Abb., Paperback, 28 Euro
1 Zu Campendonk jetzt neu: Ronja Friedrichs / Christiane Heiser für die Stadt Hamm (Hrsg.): Campendonk: In aller Freundschaft! Ein Blauer Reiter im Deutschen Werkbund. Bönen: Kettler 2025, vgl. die Rezension des Kataloges von Ina Ewers-Schultz auf arthist.net, 7.09.2025 (Zugriff am 8.12.2025).
2 Paul van Ostaijen: Besetzte Stadt, aus d. Niederländ. v. Anna Eble. Heidelberg: Wunderhorn 2024. Auf Deutsch zuerst 1991 bei Text + Kritik in der Übers. v. Hansjürgen Bulkowski veröffentlicht, das niederländische Original stammt von 1921.
3 2022 hatte es mit BOEM! Paul van Ostaijen in Berlin eine Ausstellung des Stadtmuseum Berlin gegeben. 2024 dann mit Kataklump eine im Haus Coburg in Delmenhorst, der Stadt, in der Stuckenberg als Jugendlicher und dann wieder ab 1921 gelebt hatte. Vgl. das online hier verfügbare Booklet zur Ausstellung in Delmenhorst (Zugriff am 8.12.2025).


