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Berhe hat es als Schwarze Frau aus der Arbeiterklasse geschafft und ist studierte Ökonomin. Ihre „Erfolgsgeschichte“ ermöglicht ihr andere Privilegien, als ihre migrantischen sie Eltern hatten. Doch ist sie deshalb ein Paradebeispiel für das Märchen der Aufstiegschancen in Deutschland? Wohl kaum, erklärt Berhe, und schreibt, sie habe lediglich Glück gehabt. Deshalb glaubt sie nicht an den Mythos des Aufstiegs. Erst recht nicht daran, dass ihn alle erreichen können, und schon gar nicht, dass man ihn sich „verdient“. Dies sei eine Illusion, die Arbeitende davon abhält, sich gesellschaftskritische Fragen über strukturelle Diskriminierung und Unterdrückung in einem kapitalistischen System zu stellen.
Im Fokus stehen dabei jene Erfahrungen, wie Berhe sie macht: Menschen aus der migrantischen Arbeiter*innenklasse, die studieren und andere Chancen bekommen, bei denen aber trotzdem permanente Unterschiede bestehen, die durch den sozialen Aufstieg nicht verschwinden.
In ihrem Buch schreibt sie über den Zusammenhang von Rassismus und Klassismus. So arbeiten etwa 40 Prozent der Migrant*innen über mehrere Generationen hinweg im Niedriglohnsektor. Sie thematisiert außerdem die Probleme in der Bildung, in der Migrant*innen benachteiligt werden und Lehrkräfte Rassismus reproduzieren. Auch kritisiert sie den liberalen Antirassismus, der Diversität nutzt um Klassenverhältnisse zu verschleiern. Um ihre Kritikpunkte zu erklären, greift sie nicht nur auf bekannte Denker wie Marx und Bourdieu, sondern ergänzt diese bewusst mit den Perspektiven Schwarzer Autor*innen.
Hinzu kommt, dass das Buch – wie einige andere Bücher über Klasse von Didier Eribon oder Marlene Hobrack – kein typisches Sachbuch darstellt. Berhe verbindet Wissen und Informationen mit ihrer eigenen Biografie und weiteren Lebenserfahrungen. Ihr Schreiben variiert sprachlich zwischen einem eher akademischen Stil und einer lockeren, einfach verständlichen Ausdrucksweise. Dabei ist sie sehr persönlich und gleichzeitig sehr provokant.
„Nie mehr leise“ ist übrigens keine pessimistische Streitschrift. Viel eher regt es zur Selbstreflexion an, fordert Solidarität, sowie eigenes und politisches Handeln. Ein Buch voller berechtigter Wut, das als eine Kampfansage zu verstehen ist. Obwohl es im Frühjahr 2023 veröffentlicht wurde, ist es immer noch sehr aktuell. Gerade jetzt wo die Gesellschaft sich in einer Phase der wachsenden Ungleichheit befindet und rassistischen Kontinuität befindet. Das Buch eignet sich vor allem für Lesende, die nur wenig Vorwissen zu dem Thema haben.
Angaben zum Buch:
Nie mehr leise - Die neue migrantische Mittelschicht
Betiel Berhe (2023)
Aufbau Verlag