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Hintergrund , : „Blockieren und Aufbauen“

Wie die US-Gewerkschaften Trumps Autoritarismus bekämpfen können

Wichtige Fakten

Details

 UTLA-Gewerkschafts-Mitglieder demonstrieren gemeinsam mit Schüler*innen, Lehrer*innen und Verbündeten gegen den ersten Amtsantritt von Donald Trump im Januar 2017.
 UTLA-Mitglieder demonstrieren gemeinsam mit Schüler*innen, Lehrer*innen und Verbündeten gegen den ersten Amtsantritt von Donald Trump im Januar 2017.  Foto: UTLA

Dieser Artikel diskutiert die Herausforderungen, mit denen die Gewerkschaften in den USA sich konfrontiert sehen. Er entwickelt – gestützt auf die Erfahrung erfolgreicher Kämpfe der Gewerkschaft „United Teachers Los Angeles“ (UTLA) in Trumps erster Amtszeit – strategische Vorschläge, wie eine sich erneuernde Gewerkschaftsbewegung auch unter schwierigen Bedingungen in die Offensive kommen kann. Der Autor, Alex Caputo-Pearl, vertritt die These, dass die Gewerkschaften in den kommenden Jahren entschlossen auf eine Block-and-Build-Strategie (Blockieren und Aufbauen) setzen und dabei ihre soziale Basis und Bewegungsinfrastruktur ausweiten sowie Kampagnen für eine multiethnische Demokratie aufbauen müssen. Er fordert, gegen den Autoritarismus breite Bündnisse von Arbeitnehmer*innen, Communitys und politischen Akteur*innen zu schmieden, die demokratischen Rechte zu verteidigen und für die besonders verletzlichen Mitglieder der Gesellschaft zu kämpfen. – Wir präsentieren den Text in deutscher Erstveröffentlichung.
 

Rückblick: Lehrkräftegewerkschaften in Trumps erster Amtszeit

Alex Caputo-Pearl arbeitete über zwei Jahrzehnte als Lehrer im Süden von Los Angeles, war von 2014 bis 2020 Vorsitzender der United Teachers Los Angeles (UTLA) und anschließend stellvertretender Vorsitzender der National Education Association, dem Dachverband von Bildungsgewerkschaften. Er lehrt u. a. am Labor Center der UC Berkeley.

Dieser Beitrag ist Teil des Dossiers:
USA: Das Imperium der Oligarchie

Am 19. Januar 2017 protestierten Zehntausende – Mitglieder der United Teachers Los Angeles (UTLA), Schüler*innen, Eltern und Unterstützer*innen – an hunderten Schulen der Region gegen die erste Amtseinführung von Donald Trump. Sie führten dabei Plakate in Form von Schutzschilden mit sich, die in ganz LA berühmt werden sollten. Auf diesen stand etwa „Schutzschild gegen Rassismus und Sexismus“, „Schutzschild gegen Homophobie und Transphobie“, „Schutzschild gegen Islamophobie und Antisemitismus“, „Schutzschild gegen die Inhaftierung und Abschiebung von Einwanderern“ oder „Schutzschild gegen Union Busting“. Die Aktion war Teil eines bundesweiten Protests der Alliance to Reclaim Our Schools, eines Zusammenschlusses aus Community- und Gewerkschaftsorganisationen wie der American Federation of Teachers (AFT), der National Education Association, der Service Employees International Union (SEIU), Journey for Justice, dem Center for Popular Democracy oder der Alliance for Educational Justice.

Die Gewerkschaften reagierten so entschlossen, um den Schüler*innen und Familien zu zeigen, dass die Lehrkräfte sich für die Rechte der Community einsetzen. Die UTLA nutzte diesen Protest dafür, das Bewusstsein ihrer Mitglieder für die eigene Bedeutung in der nationalen Politik zu stärken – einer Sphäre, die allzu oft nationalen Gewerkschaften und Versammlungen ohne nennenswerten Organizing-Bezug überlassen wird. Die Aktion war ein weiterer Schritt zum Aufbau gewerkschaftlicher Strukturen, die auf qualifizierten Mehrheiten (sogenannte Supermajority) beruhen: systematisch entwickelte Komitees für Haupt- und Ehrenamtliche, aktive Team-Strukturen und eine Infrastruktur, die allen 35.000 Gewerkschaftsmitgliedern die Teilnahme an Austausch und Aktionen ermöglicht. Die Protestbewegung gegen Trump war besonders produktiv, weil sie zu konstruktiven Auseinandersetzungen mit Mitgliedern führte, die Trump entweder selbst gewählt hatten, oder die befürchteten, Trump-Wähler*innen zu verprellen, bzw. davon ausgingen, dass die UTLA nur für regionale und nicht für bundesweite Fragen zuständig sei.

Mit Trumps Amtsantritt im Januar 2017 machte sich die UTLA daran, die Rechte der verletzlichsten Mitglieder der Gesellschaft im Rahmen weiterer Kampagnen zu schützen. Wir veranstalteten in der ganzen Region Foren zum Schutz migrantischer Rechte und zur Verhinderung von Razzien der Polizei- und Zollbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement). Mit einer großen Spende unterstützte die Gewerkschaft die rasche Erneuerung von Aufenthalts- und Arbeitserlaubnissen für Personen unter dem Schutz des DACA-Programms (Deferred Action for Childhood Arrival; deutsch: Ausgesetzte Maßnahmen bei Ankunft im Kindesalter). Die UTLA war 2017 stark auf den Demonstrationen zum 1. Mai vertreten, und viele ihrer Mitglieder verweigerten an diesem Tag die Arbeit.

Uns war bewusst, dass diese Abwehrkämpfe von offensiven Aktionen flankiert werden mussten. Der Auftakt unserer Tarifkampagne 2017 fiel zeitlich mit den notwendigen Abwehrkämpfen gegen Trumps Angriffe zusammen, weshalb wir beides verbanden. Wir skandalisierten öffentlich, dass die in Kalifornien tonangebenden Demokraten Schulen privatisierten und mit Trump politische Positionen und Verbündete teilten. Als Trump Kürzungen im Bildungswesen vorantrieb, beharrten wir umso stärker auf den Kernforderungen unserer Tarifkampagne hinsichtlich Lehrkräfteentgelt, Krankenversicherung und Arbeitsbedingungen.

In diesem Rahmen entwickelten wir gleichzeitig Forderungen im Sinne des Gemeinwohls, die der Schulbehörde zufolge erwartungsgemäß „außerhalb des Verhandlungsbereichs“ lagen. Im Sommer 2017 richteten wir mit Eltern, Schüler*innen und Community-Organisationen Foren zur Konkretisierung dieser Forderungen aus, die sich gegen Trumps Angriffe richteten und gleichzeitig offensiv für eine neue Vision warben: für eine Initiative zum Schutz von Migrant*innen im Schuldistrikt, für die Abschaffung der rassistischen Durchsuchungen von Schwarzen und muslimischen Schüler*innen sowie der rassistischen, verdachtsunabhängigen Polizeikontrollen Schwarzer Passagiere im öffentlichen Nahverkehr, für Obergrenzen und ein Moratorium für die Ansiedelung von Charter-Schulen (Charter-Schulen sind staatlich anerkannte Schulen in privater bzw. „unabhängiger“ Trägerschaft), für bezahlbares Wohnen, öffentliche Grünflächen, kostenlose Tickets für den öffentlichen Nahverkehr, Studienangebote im Bereich der Ethnic Studies, Karriereoptionen für Angestellte im Schuldistrikt und demokratische Community-Schulen, die sich an antirassistischer Gerechtigkeit orientieren.

Anfang 2018, als die gewerkschaftsfeindliche Janus-Entscheidung des Obersten Gerichtshofes bereits ins Haus stand, haben wir die Supermajority der UTLA unter den Lehrenden abermals gestärkt, indem wir alle 35.000 organisierten Lehrkräfte zu erneuerten Mitgliedschaftserklärungen anhielten, die den gewerkschaftsfeindlichen Angriffen der Rechten im Nachgang des Urteils standhalten würden. Im Januar 2019 haben wir einen Streik mit einer Beteiligung von 99,9 Prozent durchgeführt und konnten Verbesserungen hinsichtlich Entgelt, Krankenversicherung und Arbeitsbedingungen sowie Forderungen im Sinne des Gemeinwohls durchsetzen.

Sehr prägend für die Arbeit der UTLA war die nationale Lehrkräftebewegung Red for Ed, die die Chicago Teachers Union (CTU) mit ihrer Mitgliederabstimmung 2010 und ihrem historischen Streik 2012 angestoßen hatte. Ihren Höhepunkt hatte sie während Trumps erster Amtszeit – und zwar sowohl in blauen (demokratischen) als auch in roten (republikanischen) und lila (zwischen beiden Lagern umkämpften) Bundesstaaten. Bemerkenswert ist dies vor allem angesichts der extrem unvorteilhaften Kampfbedingungen in vielen republikanisch dominierten Staaten, in denen das Tarifverhandlungsrecht abgeschafft oder eingeschränkt worden und kaum rechtliche Infrastruktur vorhanden war, um den gewerkschaftsfeindlichen Aktionen der Arbeitgeber*innen etwas entgegenzusetzen.

Im Jahr 2018 legten Lehrkräfte in vielen roten Bundesstaaten die Arbeit nieder, mit nachhaltigen Konsequenzen. Der Aktionsausschuss in North Carolina und die gewählten Vertreter*innen an der Spitze der Mobilisierung in Arizona sind in den Gewerkschaften ihrer jeweiligen Bundesstaaten inzwischen tonangebend und haben aus ihren Verbänden zwei der am schnellsten wachsenden Lehrergewerkschaften der USA gemacht. 2019 führten neben der UTLA auch Lehrergewerkschaften in den öffentlichen Schuldistrikten Denver, Oakland, Sacramento und Chicago erfolgreich Streiks durch, der Schuldistrikt St. Paul folgte Anfang 2020.

Zur selben Zeit führten CTU- und UTLA-Mitglieder erstmals in der US-Geschichte erfolgreich Streiks in Charter-Schulen durch. Bündnisse aus Gewerkschaften und Community-Organisationen entwarfen eine neue Vision öffentlicher Bildung und stellten sich damit nicht nur gegen Trump und die MAGA-Bewegung („Make America Great Again“), sondern auch gegen die von Republikanern wie auch Demokraten getragene Privatisierungspolitik im Bildungswesen.

Die UTLA und verschiedene andere lokale Lehrkräftegewerkschaften unterstützen 2019 bei den Vorwahlen der Demokratischen Partei die Nominierung von Bernie Sanders als Kandidaten für die US-Präsidentschaftswahl 2020. Das bildungspolitische Programm der Partei verschob sich dadurch deutlich nach links, und die multiethnische, klassenbasierte Bewegung hinter der Sanders-Kampagne ging daraus gestärkt hervor.

Um die Angriffe von Trump und der MAGA-Bewegung in den kommenden Jahren abzuwehren, die in dieser Amtszeit deutlich heftiger ausfallen, müssen wir die Lehren aus diesen zurückliegenden Kämpfen mit strategischen Überlegungen auf der Höhe der Zeit verbinden.

Gewerkschaften aus der Deckung holen

Der Ausgang der US-Präsidentschaftswahl im November 2024 bestätigt, dass die autoritäre Rechte eine ernst zu nehmende soziale Basis aufgebaut hat. Sie haben ihre Kernsegmente konsolidiert, zu denen neben wichtigen Kapitalfraktionen unter anderen weiße Nationalist*innen, evangelikale Christ*innen sowie Anhänger*innen von „Law and Order“ und „America first“ gehören. Momentan testen sie erfolgreich aus, wie sie Schichten an sich ziehen können, die eigentlich tragend für gewerkschaftliche und progressive Bewegungen sein sollten, darunter einige Segmente der multiethnischen Arbeiterklasse. Die Rechte schmiedet eine breite Front für ihre Wahlsiege. Auch wenn ihre Koalition kein fester Monolith ist, werden gewerkschaftliche und progressive Kräfte gewaltige strategische Anstrengungen unternehmen müssen, um ihre Widersprüche offenzulegen und zu nutzen.

Die Demokratische Partei und die erweiterte liberale Mitte in den USA haben eindeutig keine Antworten auf die multiplen Krisen des Landes und der Welt. Die Wahlen im November 2024 veranschaulichten das immer schlechtere Abschneiden der Demokraten bei der multiethnischen Arbeiterklasse und ihre Unfähigkeit, dutzende Millionen Lohnabhängige zu erreichen, die nicht zur Wahl gingen. Durch ihre Verteidigung einer Wirtschaftsordnung, in der die arbeitende Bevölkerung das Nachsehen hat, und ihre Unterstützung für den Genozid in Palästina verliert die Partei zunehmend den Bezug zur Realität. Auf diese Weise haben die Demokraten die Bedingungen geschaffen, in denen viele Wähler*innen die MAGA-Bewegung als Kraft der Veränderung sehen konnten.

Der Kampf gegen den MAGA-Autoritarismus muss in den kommenden Jahren oberste Priorität für die US-Gewerkschaften haben. Er muss in eine langfristige Strategie zur Erringung einer multiethnischen Demokratie und einer Wirtschaftsordnung eingebettet sein, die den Lohnabhängigen ein gutes Leben ermöglicht. Die Gewerkschaften sollten daher einen entschiedenen Block-and-Build-Ansatz verfolgen: Blockieren und Aufbauen.

„Blockieren“ heißt in diesem Zusammenhang, breite Allianzen zwischen gewerkschaftlichen, zivilgesellschaftlichen und politischen Kräften gegen den Autoritarismus zu schmieden, Angriffe auf demokratische Rechte energisch abzuwehren und insbesondere die verletzlichsten Mitglieder der Gesellschaft ohne Wenn und Aber zu verteidigen.

„Aufbauen“ bedeutet, unsere soziale Basis und Infrastruktur massiv zu erweitern, um die Grundlage für eine langfristige Bekämpfung des Autoritarismus sowie die Durchführung von Kampagnen für eine multiethnische Demokratie und eine Wirtschaftsordnung zu schaffen, die radikal mit dem ungleichen Modell bricht, das sich seit den 1970er Jahren an den Interessen der Konzerne orientiert.

Diese Aufgaben stellen sich angesichts der Bemühungen Trumps und der MAGA-Bewegung, einige Gewerkschaften enger in das rechte Bündnis einzubinden, womit sie an eine längere Geschichte ähnlicher Versuche autoritärer und rassistischer Kräfte anknüpfen. Trump hat sich mit einigen Gewerkschaftsfunktionär*innen getroffen, bedient eine rechtspopulistische Rhetorik und bringt einzelne sozialdemokratische – oftmals allerdings auf die Diskriminierung von Immigrant*innen zugeschnittene – Reformmaßnahmen ins Gespräch, die bei einigen Arbeiter*innen verfangen werden.

Zentral für eine gewerkschaftliche Block-and-Build-Strategie ist die Arbeit an der neuen Vision einer US-Arbeiterbewegung, die kompromisslos für die gesamte Arbeiterklasse kämpft – nicht nur für ihre momentan gewerkschaftlich organisierten Teile. Auch wenn Trump die Bedeutung der US-Behörde zur Regulierung der Arbeitsbeziehungen, der National Labor Relations Board (NLRB), empfindlich schwächt und mehr Arbeitgeber*innen an gewerkschaftsfeindlichen Kampagnen teilnehmen, ist jetzt nicht die Zeit für gewerkschaftliches Duckmäusertum: Wir können den aufziehenden Sturm nicht meistern, indem wir auf bessere Tage warten.

Vielmehr ist jetzt der Moment für einen Strategiewechsel in den Gewerkschaften gekommen, und zwar nicht nur aufgrund der Eintrübung der Wirtschaftslage und der Krisen, die Trump und MAGA verkörpern, sondern auch aufgrund sich bietender Gelegenheiten: Eine Mehrheit unter den nicht gewerkschaftlich organisierten Arbeiter*innen gibt an, einer Gewerkschaft beitreten zu wollen, wenn sich die Möglichkeit bietet; in mehreren Sektoren haben Vertreter*innen einer erneuerten Gewerkschaftsbewegung und des Organizing-Ansatzes die Gewerkschaftsführung übernommen, etwa bei den United Auto Workers (UAW) und in vielen Lehrergewerkschaften; die Vorstände weiterer Gewerkschaften zeigen sich für diesen Ansatz zumindest offen. Auch wenn hier und da Prioritäten gesetzt und schwierige taktische Entscheidungen getroffen werden müssen, sollten wir insgesamt einen unerschrockenen, aggressiven und kompromisslosen Kurs einschlagen, um die Welt zu verändern.

Auf der taktischen Ebene bedeutet ein entschiedenes „Blockieren“, dass Gewerkschaften mehr in den Beziehungsaufbau mit zivilgesellschaftlichen und politischen Akteur*innen investieren müssen, um die breite Front gegen den Autoritarismus zu schaffen, die demokratische Rechte und die verletzlichsten Mitglieder der Gesellschaft verteidigen kann. „Blockieren“ bedeutet vermehrten internationalen gewerkschaftlichen Erfahrungsaustausch über den Kampf gegen Autoritarismus; die Arbeit mit Notfallnetzwerken für schnelle Handlungsfähigkeit; Schutzmechanismen für Frauengesundheitszentren und Abtreibungskliniken auf lokaler, regionaler und bundesstaatlicher Ebene zu fordern und entsprechende Lücken selbst zu schließen; gegen rassistische Aktionen, die Abschiebung von Migrant*innen und Angriffe auf die LGBTQ-Community einzutreten. Wir müssen der ganzen Gesellschaft zeigen, dass wir es ernst meinen: Gewerkschaftlich organisierte Arbeiter*innen müssen vor Frauengesundheitszentren, bei der Verteidigung von Wohnvierteln, an den Treffpunkten von LGBTQ-Personen und Migrant*innen und bei Aktionen gegen Polizeigewalt präsent sein und bei der Verteidigung von Rechten an vorderster Stelle stehen.

Im Hinblick auf offensive Taktiken erfordert entschiedenes „Aufbauen“ die organisatorische Stärkung unserer Gewerkschaften und eine neue gesellschaftliche Vision. Beides muss auf einem messbaren Aufbau von Macht beruhen. Daher gilt es, viel mehr Leute einzubeziehen (ein gewerkschaftlicher Organisationsgrad von elf Prozent der US-amerikanischen Arbeiter*innen verleiht uns nicht ansatzweise die Macht, die wir brauchen), Bündnisse zu festigen und unsere Vision sichtbarer und anschlussfähiger zu machen.

Die Zusammenarbeit mit Community-Gruppen ist seit Langem ein Schwachpunkt der US-Gewerkschaften. Das muss sich ändern. Beispielsweise hätte die UTLA die Kräfteverhältnisse in den Schulen von Los Angeles nicht verschieben können, wenn dem nicht eine zweieinhalbjährige Zusammenarbeit mit drei lokal stark verankerten zivilgesellschaftlichen Partnerorganisationen vorangegangen wäre, aus der das Bündnis Reclaim Our Schools LA hervorging. Seit dessen Gründung im Dezember 2016 hat die UTLA jeder dieser lokalen Ankerinstitutionen jährlich 75.000 US-Dollar überwiesen, damit sie ihre Bildungsarbeit im Rahmen des Reclaim-Bündnisses stemmen und einen unabhängigen Organisationsaufbau vorantreiben können.

Die Arbeit des Reclaim-Bündnisses hat im ganzen Land einen Aufschwung von kooperativer strategischer Planung, Verhandlungen im Sinne des Gemeinwohls, Streiks, erfolgreicher Interessenvertretung gegenüber der Schulbehörde und Bündnisse aus Gewerkschaften und Communitys befördert. Nur wenn sie gezielt mit Communitys zusammenarbeiten, können Gewerkschaften eine Arbeiterbewegung aufbauen, die sich durch unterschiedlichste Facetten auszeichnet.

Gewerkschaften müssen ihre Erzählung gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Organisationen entwickeln und die zurückliegenden Wahlen analytisch berücksichtigen – die destruktiven Auswirkungen von Rassismus, Misogynie, Transphobie und Fremdenfeindlichkeit; die wirtschaftlich desolate Lage der multiethnischen Arbeiterklasse; sowie die tiefgehende Entfremdung von Millionen proletarischer Wähler*innen. Wir müssen erklären, warum ökonomische Ungleichheit existiert, Konzerne und Milliardär*innen klar als Gegner*innen markieren und den Blick auf bestimmte Kämpfe fokussieren. Wir müssen unmittelbare materielle Bedürfnisse, Gerechtigkeit, den Kampf gegen Unterdrückung, wirtschaftliche Umverteilung, demokratische Rechte, Klimagerechtigkeit, einen Waffenstillstand in Gaza und eine globale Friedensordnung ansprechen.

Das ist jedoch nicht die Vision der Demokratischen Partei. Die Spenden von Konzernen und Milliardär*innen sowie die Verteidigung von wirtschaftlicher Ungleichheit und Militarismus, darunter auch des genozidalen Kriegs in Gaza, hindern die Partei grundlegend daran, eine solche Vision zu entfalten. Daher brauchen wir unabhängige Wahlplattformen. Doch während wir diese aufbauen, müssen wir im Kampf gegen den MAGA-Autoritarismus gelegentlich taktisch mit der Demokratischen Partei kooperieren und gemeinsam auf konkrete Ziele hinarbeiten, die von den spezifischen Bedingungen des Augenblicks und des jeweiligen Ortes abhängen.

Viele von uns haben in diesem Sinne den Wahlkampf von Kamala Harris unterstützt. Während wir in diesen taktischen Bündnissen arbeiten, müssen wir jedoch sicherstellen, dass unsere Organisationen eigenständig bleiben und dies durch regelmäßige Kritik an der Demokratischen Partei öffentlich unter Beweis stellen. Gleichzeitig gilt es, die Widersprüche zwischen den Avancen der Rechten gegenüber den Arbeiter*innen einerseits und ihrem Programm für Milliardär*innen andererseits aufzeigen. Um den richtigen Ansatz für die taktische Bündnisarbeit mit der Demokratischen Partei zu finden, während wir gleichzeitig unabhängige Wahlplattformen aufbauen und politisch über die Strategien beider großer Parteien aufklären, benötigt unsere Bewegung Debatten und eine behutsame, kollektive Entscheidungsfindung, innerhalb unserer Organisationen und in der Zusammenarbeit mit anderen.

Die besondere Bedeutung der Gewerkschaften

Das Gros der US-Gewerkschaften hat in den letzten Jahrzehnten keinen solchen unabhängigen Ansatz verfolgt. Gewerkschaften sahen sich Angriffen aus beiden Parteien ausgesetzt, waren in der Regel der Demokratischen Partei zugetan und setzten in ihren Strategien selten auf Methoden, die zum eigenen Machtaufbau beitrugen. Stattdessen pflegten sie enge Beziehungen mit Abgeordneten, Mainstream-Organisationen und Arbeitgeber*innen. Doch für den gegenwärtig notwendigen Aufbau einer unabhängigen, dynamischen, multiethnischen und milieuübergreifenden Arbeiterbewegung spielen die Gewerkschaften weiterhin eine einzigartige Rolle.

Gewerkschaften sind Massenorganisationen, die Unterschiede zwischen Menschen überbrücken: Der gemeinsame Nenner der Mitglieder sind die jeweiligen Arbeitgeber*innen. Gewerkschaften verfügen über eigene Ressourcen, sind häufig multiethnisch zusammengesetzt und eine der wenigen Organisationen, in denen Menschen Demokratie direkt erfahren können. Viele Gewerkschaften besitzen die Möglichkeit, Konflikte über Regionen, Bundesstaaten oder das ganze Land hinweg zu führen, und stellen juristische und politische Strukturen für kollektive Verhandlungen und die Durchsetzung von Forderungen im Sinne des Gemeinwohls bereit.

Gewerkschaften verfügen über das Potenzial – und oft auch über das Recht –, wirtschaftliche Abläufe zum Stillstand zu bringen. Außerdem blicken sie auf eine lange Tradition des Kampfes gegen Autoritarismus, Faschismus und Repression zurück – zu den vielen Beispielen aus aller Welt zählen etwa der südafrikanische Kampf gegen die Apartheid, die Kämpfe gegen US-gestützte autoritäre Regimes in Mittelamerika, der Einsatz für die Bürgerrechtsbewegung und gegen die Unterdrückung von Arbeiter*innen in den USA.

Da Gewerkschaften die US-Organisationen mit dem höchsten Grad an Diversität sind, eignen sie sich hervorragend als Plattformen für den Kampf gegen Rassismus, Sexismus, Queer- und Fremdenfeindlichkeit sowie gegen soziale Isolation und Entfremdung, dem Nährboden jener Einstellungen. Dies ist umso wichtiger, da Trump mit einem rassistischen, migrations-, frauen- und queerfeindlichen Law-and-Order-Programm stärkeren Rückhalt in der Arbeiterklasse gewinnen will. Wenn sie zusammen gegen ihren Chef kämpfen oder sich an einer Kampagne zu einem bestimmten Thema beteiligen, erfahren Menschen ihre Gemeinsamkeiten auf konkrete Art und Weise. Dadurch lernen sie auch, wie sie Unterschiede akzeptieren und trotz dieser miteinander kooperieren können. Gewerkschaftliche Auseinandersetzungen sind Schulen der Solidarität, und die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft trägt unter anderem zu progressiven Einstellungen über Wirtschaft, Ethnizität und Geschlecht bei.

Es ist entscheidend zu verstehen, dass dutzende Millionen Arbeiter*innen, die für Trump gestimmt haben oder gar nicht erst zur Wahl gegangen sind, sich im Wirkungsfeld der Gewerkschaften befinden. Sie können eine wichtige Rolle in einer multiethnischen Arbeiterbewegung spielen und sollten von uns angesprochen werden. Die gezielte und deutliche Erhöhung des Organisierungsgrades ist grundlegend für den Kampf – nicht nur für ökonomische Gerechtigkeit, sondern auch für eine multiethnische Demokratie.

Die Hauptaufgaben eines entschiedenen Block-and-Build-Ansatzes können je nach Kontext unterschiedlich ausfallen. In blauen Regionen wird es darum gehen, Widerstandszonen zu errichten, in Bündnissen mit den Communitys um die Regierungsmacht zu kämpfen und strukturelle Forderungen für ökonomische Umverteilung und demokratische Rechte durchzusetzen. Gewerkschaften in blauen Regionen sollten sich systematisch mit den Aktivitäten in roten und lila Regionen solidarisieren und Organisationen vor Ort Ressourcen überlassen.

In lila Regionen wird es darum gehen, die besonders verletzlichen Mitglieder der Gesellschaft zu schützen, Kampagnen für ökonomische Umverteilung und demokratische Rechte zu starten und auf eine MAGA-Niederlage bei den Zwischenwahlen 2026 hinzuarbeiten. Auch in roten Regionen wird es darum gehen, die verletzlichsten Mitglieder der Gesellschaft durch den Aufbau von Netzwerken gegenseitiger Hilfe und alternativer Institutionen zu schützen. Darüber hinaus müssen die Gewerkschaften dort im Bündnis mit Community-Organisationen Kampagnen zu Themen lancieren, die Keile in das rechte Bündnis treiben können. Überall sollten Ressourcen für Organizing-Bemühungen und Kampagnen verwendet werden, in denen Arbeiter*innen und Communitys strategischen Druck auf große, politisch relevante Arbeitgeber*innen aufbauen können.

Fünf Kernelemente einer gewerkschaftlichen Block-and-Build-Strategie

Damit der Ansatz erfolgreich ist, müssen die Gewerkschaften ihre Anstrengungen auf fünf Kernelemente konzentrieren; sich lediglich auf einzelne Aspekte zu fokussieren, wird nicht ans Ziel führen.

Auch wenn in der konkreten Situation die Priorität einzelner Elemente gemeinsam diskutiert und festgelegt werden muss, sind sie allesamt notwendig für ein umfassendes Programm, mit dem der Autoritarismus besiegt und die Grundlage einer gerechten Gesellschaft geschaffen werden kann.

1. Steckt Ressourcen ins Organizing: Greift dafür auf das milliardenschwere Vermögen der Gewerkschaften zurück, widmet bestehende Mittel um und startet gegebenenfalls demokratische Kampagnen für die Erhöhung der Mitgliedsbeiträge.

Organizing beruht auf der methodischen Gewinnung von (qualifizierten) Mehrheiten und umfasst eine Reihe klassischer Techniken, etwa Einzelgespräche mit Beschäftigten, eine Einordnung der jeweiligen Person, die Erstellung von Listen, die Identifizierung und Ausbildung organischer Führungspersonen sowie Strukturtests. Wir müssen den Fokus auf strukturbasiertes Organizing legen, also von Strukturen wie Betrieben, Wohnanlagen, Nachbarschaften und Schulen ausgehen, die Menschen zusammenbringen und sich als abgeschlossene Einheiten methodisch organisieren lassen. Es geht dabei um die Rekrutierung und Ausbildung talentierter Gewerkschaftskader und um die Schulung hunderttausender Arbeiter*innen durch Formate wie Jane McAleveys Programm Skills to Win am Labor Center der UC Berkeley oder das internationale Programm Organizing for Power.

Organizing muss sich darauf konzentrieren, bestehende Gewerkschaftsmitglieder für Kampagnen zu gewinnen, um Millionen weitere Arbeiter*innen zu erreichen, die bislang keine Beziehung zum Thema Gewerkschaften haben. Je nach Kontext sollten die Gewerkschaften darauf hinarbeiten, im Betrieb Wahlen zur Anerkennung der Gewerkschaft als betrieblicher Vertretung durchzusetzen, erste Tarifabschlüsse zu erkämpfen und den gewerkschaftlichen Organisationsgrad auf ein Supermajority-Niveau anzuheben. Entsprechende Mittel für die gewerkschaftliche Erschließung neuer Sektoren und strukturbasiertes Community-Organizing sollten dafür bereitgestellt werden. Besonders unter einem feindlich gesonnenen NLRB sowie in roten und lila Bundesstaaten ist es außerdem wichtig, Worker Centers (Arbeiterzentren) zu unterstützen und alternative Organizing-Ansätze zu fördern. Diese Arbeit muss die Solidarität unter Arbeiter*innen – über ethnische Spaltungslinien hinweg – befördern und nicht-weiße mit weißen Arbeiter*innen zusammenbringen, die die größte Gruppe unter den Armen in den USA ausmachen.

Angesichts von Trumps Angriffen, einem geschwächten NLRB und Arbeitgeber*innen, die Morgenluft wittern, wird all dies großen Erfindungsgeist erfordern. Es kann notwendig werden, neue Strukturen aufbauen, durch die Gewerkschaften über verschiedene Sektoren hinweg gemeinsam Initiativen wie das experimentelle Los Angeles Manufacturing Action Project der 1990er Jahre unterstützen. Es bedarf neuer Formen der Zusammenarbeit. Beispielsweise können gewerkschaftlich organisierte Lehrkräfte einen Beitrag zur Anwerbung nicht-organisierter Arbeiter*innen aus Familien im öffentlichen Schulwesen und deren Umfeld leisten.

Zudem gilt es zu bedenken, dass Arbeiter*innen stets verschiedenen Communitys angehören und vielfältige Identitäten ausprägen – als Kirchgänger*innen, Mitglieder eines Buchklubs, Eltern von Kindern an öffentlichen Schulen, Wähler*innen einer bestimmten politischen Richtung, Angehörige einer bestimmten Kultur oder Bezugsgruppe – und dass sie dabei unterstützt werden müssen, in den entsprechenden Communitys eine Führungsrolle zu übernehmen. Darüber hinaus muss Organizing mit einer umfassenden Bildung zu Fragen der Wirtschaft, der Gesellschaft und des Wahlsystems einhergehen. Politische Bildung funktioniert am besten, wenn sie klug in konkrete Kämpfe und Kampagnen eingebettet ist.

Die Gewerkschaften müssen sich mit Nachdruck im Community-Organizing engagieren. Es gilt, Bündnisse zwischen Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen zu schmieden und das strukturbasierte Organizing von Community-Organisationen beispielsweise in Wohnanlagen, Nachbarschaften, Schulen und Betrieben zu unterstützen. Darüber hinaus nehmen Community-Organisationen und ihre nationalen Netzwerke häufig eine wichtige Führungsrolle in anlassbezogenen Kampagnen ein, etwa während der Occupy-Bewegung 2011/2012 oder der Bewegung gegen Polizeigewalt in den 2010er Jahren. Diese Kampagnen gehen häufig nicht auf bereits etablierte Strukturen zurück, sondern reagieren spontan mit breiten, schnell wachsenden Mobilisierungen auf Krisen. Sie können wesentlich dazu beitragen, Angriffe zu stoppen, die öffentliche Meinung zu prägen und Menschen an Politik heranzuführen.

Kampagnen auf Grundlage qualifizierter Mehrheiten und strukturbasiertes Organizing können von anlassbezogenem Aktivismus profitieren, der Narrative formt und Menschen massenhaft ins Handeln bringt. Umgekehrt kann es für anlassbezogene Kampagnen vorteilhaft sein, sich in Strukturen zu integrieren, um dauerhaft Macht aufzubauen. Um kraftvolle Synergien zu finden, bedarf es weiterer Experimente in diesem Bereich.

2. Betont bei Kampagnen und Verhandlungen Gemeinwohl-Forderungen, die (noch) nicht gewerkschaftlich angebundene Arbeiter*innen interessieren.

Landesweite und lokale Kampagnen für Gemeinwohl-Forderungen müssen die verletzlichsten Mitglieder der Gesellschaft verteidigen und gleichzeitig in die Offensive gehen. Um breite (qualifizierte) Mehrheiten hinter Kampagnen zu versammeln, sollten Gemeinwohl-Forderungen wann immer möglich mit Forderungen zu Entgelt, Krankenversicherung und Arbeitsbedingungen verschränkt werden. Forderungen und Kampagnen sollten gemeinsam mit Community-Organisationen entwickelt werden, und zwar im Sinne des Aufbaus langfristiger Beziehungen.

Universelle Forderungen wie die nach Krankenversicherung, Kinderbetreuung und einem Mindestlohn sollten mit Forderungen gekoppelt werden, die sich explizit gegen Rassismus, Sexismus, Fremdenfeindlichkeit, Angriffe auf die LGBTQ-Community und andere Unterdrückungsformen richten. Die Umsetzung von Gemeinwohl-Ansätzen auf nationaler Ebene erfordert wiederum Bündnisse für einen strukturellen Wandel, die Forderungen nach einem öffentlichen Gesundheitssystem, der Umwidmung von Militärausgaben in Community-Unterstützung, einem Green New Deal, kostenloser Hochschulbildung und sozialer Sicherheit vertreten.

3. Streikt und legt die Arbeit nieder.

Streiks und Arbeitsniederlegungen eignen sich hervorragend dazu, Arbeitgeber*innen, Behörden und der Unternehmerklasse insgesamt Kosten zu verursachen, womit ihnen eine zentrale strategische Rolle zukommt. Sie sind entscheidend, um defensive und offensive Kämpfe zu gewinnen, sie helfen Gewerkschaften, qualifizierte Mehrheiten in Strukturen aufzubauen, und beeinflussen das öffentliche Bewusstsein über die Lebens- und Arbeitsbedingungen der multiethnischen Arbeiterklasse. Streiks und Arbeitsniederlegungen boten häufig einzigartige Gelegenheiten, um solidarische Brücken zu schlagen: zwischen einzelnen Gewerkschaften und Sektoren, zwischen organisierten und unorganisierten Arbeiter*innen, zwischen Arbeiter*innen und zivilgesellschaftlichen und unabhängigen politischen Organisationen sowie zwischen Gewerkschaften und Worker Centers. Streiks verbinden Arbeiter*innen über die Unterschiede bezüglich Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung und Aufenthaltsstatus hinweg.

Tiefgreifende, sorgfältig gepflegte Partnerschaften mit Community-Organisationen benötigt es zwar überall für erfolgreiche Streiks und Arbeitsniederlegungen, doch insbesondere in Regionen, in denen Gewerkschaften und Arbeiter*innen mit Vergeltungsmaßnahmen wie Repression im Betrieb oder Klagen rechnen müssen, kann ihre Bedeutung nicht überschätzt werden. In Regionen, in denen wir noch nicht streiken und die Arbeit niederlegen, sollten wir bewusst und gezielt entsprechende Kapazitäten aufbauen.

4. Verwendet bewährte, auf qualifizierte Mehrheiten in Strukturen abzielende Organizing-Methoden, um unabhängige politische Macht aufzubauen.

Wählen ist in der Arbeiterklasse die verbreitetste Form, um sich politisch zu engagieren. Die Rechte und die Unternehmer*innen nutzen Wahlen, um ihre Agenda voranzutreiben – umgekehrt können Erfolge auf politischem Terrain die Lage der gesamten multiethnischen Arbeiterklasse verbessern. Die Gewerkschaften müssen sich als unabhängige politische Organisationen begreifen, die der Entwicklung einer neuen gesellschaftlichen Vision verpflichtet sind und danach handeln.

Dazu gehört, Wahlen und Politik nicht länger als Angelegenheiten zu betrachten, bei denen es primär um politische Transaktionen, Geldflüsse und Lobbying geht, oder wo Vereinbarungen ausschließlich in Hinterzimmern oder auf höchster Ebene geschlossen werden. Stattdessen müssen die Gewerkschaften sich nachdrücklich um Bündnisse mit zivilgesellschaftlichen Gruppen und unabhängigen politischen Organisationen wie der Working Families Party oder der Carolina Federation bemühen. Gewerkschaften müssen Wahlkampf und politische Arbeit als mitgliederbasierte Praktiken begreifen, genau wie ihre Kampagnen für Tarifabschlüsse, Neumitgliedergewinnung oder einen höheren Organisationsgrad. Die Methoden der qualifizierten Mehrheit sind somit auf Wahlkämpfe und politische Kampagnen zu übertragen: dafür sorgen, dass sich eine klare Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder an Prozessen beteiligt, flächendeckende Gespräche mit den anvisierten Wählerschaften führen sowie bei Haustürgesprächen auf eine individuelle Einschätzung der Beteiligten, die Identifikation organischer Führungspersonen und ein gezieltes Nachfassen achten.

Damit dieser Ansatz fruchtet, muss auf betrieblicher, sektoraler und politischer Ebene dafür gesorgt werden, dass der Aufbau neuer Führungskräfte aus den Reihen der Mitglieder unterstützt wird. Lokale Gewerkschaften müssen sich landesspezifischer und nationaler Thematiken annehmen, umgekehrt müssen sich nationale Gewerkschaftsgliederungen auch lokal engagieren. Lokale Kampagnen müssen die jeweiligen Kräfteverhältnisse analysieren, um direkte und indirekte Hebelpunkte auf allen Ebenen von Unternehmens- und Regierungsstrukturen ausfindig zu machen. Es gilt zu begreifen, dass Wahlkampf und politische Arbeit unauflöslich mit der Aktivität der eigenen Mitglieder und dem Aufbau kollektiver Macht verbunden sind.

5. Koordiniert euch auf möglichst vielen Ebenen und plant einen Generalstreik für Frühjahr 2028.

Nationale Gewerkschaften aller Branchen müssen sich bei der Bereitstellung von Ressourcen für Regionen, Sektoren und Kampagnen koordinieren, die nach strategischen Gesichtspunkten ausgewählt werden. Gewerkschaften auf der lokalen Ebene sowie auf Ebene der Bundesstaaten sollten es ihnen gleichtun – notfalls auf eigene Faust, sollten die nationalen Gewerkschaftsgliederungen sich sträuben.

Besser aufgestellte Gewerkschaften sollten in demokratischen Verfahren Ressourcen an Gewerkschaften in schlechter aufgestellten Regionen und Sektoren jenseits der eigenen Zuständigkeit umverteilen – etwa an solche in roten und lila Gegenden –, wenn diese für eine nationale Strategie entscheidend sind. Wo immer möglich, sollten die Gewerkschaften die Laufzeit-Enden verschiedener Tarifverträge und andere Anlässe zum Druckaufbau so aufeinander abzustimmen, dass eine enge Terminkette entsteht. Beispiele dieser Praxis sehen wir heute in verschiedenen Gewerkschaften und Branchen in Kalifornien,Connecticut und Minnesota.

Unsere Bewegung muss sich auf Massenaktionen im Frühjahr 2028 rund um das Ende des Tarifvertrags mit den UAW am 1. Mai 2028 vorbereiten, aus dessen Anlass der UAW-Vorsitzende, Shawn Fain, zu einem nationalen Generalstreik aufgerufen hat. Darin müssen lokale, regionale, bundesstaatliche und nationale Forderungen eingehen, die die Gewerkschaften und Communitys in den kommenden Jahren entwickeln werden.

Gewerkschaften in Bundesstaaten mit ordentlichem Tarifverhandlungsrecht müssen das Ende der Laufzeiten ihrer Tarifverträge branchenübergreifend auf das Jahr 2028 legen. Gewerkschaften in Bundesstaaten mit eingeschränkten Rechten müssen Termine zur Beratschlagung und Verhandlung von Grundsatzvereinbarungen entsprechend abstimmen. Für Gewerkschaften ohne Tarifverhandlungsrecht sowie für Community-Organisationen, Arbeiterzentren und unabhängige politische Organisationen heißt es, themenbasierte oder auf den Wahlkampf bezogene Kampagnen auszuarbeiten, die im Frühjahr 2028 ihren Höhepunkt erreichen.

Eine solche Gelegenheit gab es seit Jahrzehnten nicht mehr: Wir können in Tarif-, Themen- und Wahlkampagnen für lokale, bundesstaatliche und nationale Forderungen gleichzeitig streiten. Im Vorlauf zu 2028 haben wir außerdem die einzigartige Chance, gemeinsam Strukturen mit qualifizierter Mehrheit, Bündnisse und Bewegungsinfrastrukturen zu stärken.

Angesichts der anstehenden heftigeren, zerstörerischen Angriffe der zweiten Trump-Administration, der international fortdauernden Kriege, des Klimawandels sowie von Leid und Ungleichheit aufgrund der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse sehen wir einer tiefen Krise entgegen. Doch die aktuelle Beliebtheit von Gewerkschaften, die zunehmende Zahl fortschrittlicher Gewerkschaftsfunktionär*innen und der Wunsch der multiethnischen Arbeiterklasse nach Veränderung stellen auch Chancen dar – Chancen, die wir ergreifen müssen. Es war in der der jüngeren Geschichte der US-Gewerkschaften noch nie so wichtig wie jetzt, ausgetretene Pfade im Denken und Handeln zu verlassen und einen entschiedenen Block-and-Build-Ansatz voranzutreiben.
 

Dieser Text erschien zuerst auf Englisch bei Convergence in Kooperation mit Jacobin.

Übersetzung von Maximilian Hauer und Sebastian Landsberger für Gegensatz Translation Collective.

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