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Drei Jahre nach dem Pretoria-Abkommen, das das formelle Ende des Krieges in der äthiopischen Provinz Tigray markierte, spitzen sich die Spannungen erneut zu. Asmara und Addis Abeba verstärken ihre militärische Präsenz, ehemalige Akteure der Volksbefreiungsfront Tigrays (TPLF) suchen neue Verbündete, und dem Streit über einen äthiopischen Meerzugang droht die Eskalation. Was als Friedensprozess begann, wirkt zunehmend wie ein fragiler Waffenstillstand in einer Grenzregion, deren Konflikte nie wirklich aufgearbeitet wurden.
Krieg um Tigray
Jenny Ouédraogo ist Projektmanagerin im Westafrika-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Dakar, Senegal.
Der von 2020 bis 2022 dauernde Krieg in Tigray gilt als der blutigste des 21. Jahrhunderts. Schätzungen zufolge fielen bis zu 800.000 Menschen den Kämpfen zum Opfer, über zwei Millionen wurden vertrieben. Städte wie Mekelle und Shire liegen in Trümmern, ganze Landstriche sind verwüstet. Landwirtschaftliche Flächen wurden gezielt unbrauchbar gemacht, Versorgungssysteme brachen zusammen, öffentliche Einrichtungen zerstört. Viele Menschen leben noch immer in provisorischen Unterkünften oder in Gebieten, die durch Landminen und Blindgänger lebensgefährlich bleiben. Menschenrechtsorganisationen sprechen von Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ethnischen Säuberungen, zudem fand eine Studie des New Lines Institute Hinweise auf einen Genozid.
Doch nicht nur die Nordprovinz steht unter Druck: In der Amhara-Region spielen die Fano-Milizen eine zentrale Rolle in den Konflikten. Während des Tigray-Krieges agierten sie als informelle Verbündete der Bundesregierung, doch nach dem Pretoria-Abkommen kam es zum offenen Bruch; Auslöser waren Entwaffnungspläne im Zuge föderaler Sicherheitsreformen und ungelöste territoriale Fragen in West-Tigray. In Oromia führt die Oromo-Befreiungsarmee, angetrieben von historischer Marginalisierung, Landkonflikten und politischer Repression, einen Guerillakrieg gegen staatliche Kräfte. Militärische Gegenmaßnahmen verschärfen die Gewaltspirale und treiben weitere Vertreibungen voran.
Durch diese Konflikte gerät das föderale System Äthiopiens, das ethnische Selbstverwaltung garantieren soll, unter wachsenden Druck. Schon vor dem Amtsantritt von Ministerpräsident Abiy Ahmed war der Konflikt mit Eritrea eng mit inneräthiopischen Machtkämpfen verknüpft, insbesondere mit der dominanten Rolle der TPLF innerhalb der damaligen Regierungskoalition. Abiy versteht regionale Autonomie vorrangig als Sicherheitsproblem und nutzt die Spannungen als Instrumente zur Stabilisierung der Zentralregierung auf Kosten des Föderalismus.
Der Krieg hat Tigray nicht nur physisch zerstört, sondern auch die politische Ordnung der Region tief erschüttert. Die TPLF, jahrzehntelang dominanter Machtfaktor innerhalb Äthiopiens, ist nach dem Pretoria-Abkommen institutionell geschwächt, gespalten und von demokratischer Erneuerung weit entfernt. Während das Abkommen formal das Ende der Kampfhandlungen markierte, blieb offen, wie politische Autorität, Sicherheit und Ressourcen künftig organisiert werden sollen.
Diese Unklarheit hat zu sichtbaren Bruchlinien innerhalb der tigrayischen Elite geführt. Teile der früheren TPLF-Führung akzeptierten das Abkommen als notwendige Deeskalation, andere lehnten es als erzwungenen Rückzug ab. Besonders deutlich zeigt sich dieser Konflikt in den Auseinandersetzungen zwischen der von Addis Abeba eingesetzten Übergangsverwaltung unter Getachew Reda und Hardlinern innerhalb der TPLF, die dem Friedensprozess misstrauen und stärkere militärische Absicherung fordern.
Profiteur dieser Lage ist vor allem die äthiopische Zentralregierung. Diese nutzt die Fragmentierung Tigrays, um die föderale Gegenmacht zu schwächen und den politischen Spielraum der Region eng zu halten. Die Verzögerung bei der Wiedereinsetzung gewählter regionaler Institutionen, die schleppende Umsetzung wichtiger Punkte des Pretoria-Abkommens und der anhaltende Einfluss föderaler Sicherheitskräfte zeigen, dass Addis Abeba auf Kontrolle statt politische Reintegration setzt.
Aber auch das eritreische Regime unter Isaias Afewerki zieht Nutzen – nicht durch formelle Bündnisse, sondern durch strategische Distanz. Eritrea bleibt militärisch weiterhin in Tigray präsent und positioniert sich als unverzichtbarer Sicherheitsfaktor, ohne sich politisch festzulegen. Diese Haltung stärkt Asmaras regionalen Einfluss. Zudem dient der ungelöste Grenzkonflikt als Rechtfertigung für den dauerhaften Ausnahmezustand, die unbefristete Wehrpflicht (auch für Frauen) und die weitgehende Abschottung des Landes. Außenpolitische Konfrontation ersetzt innenpolitische Legitimation – mit tiefgreifenden sozialen Folgen, insbesondere für eine ganze Generation junger Eritreer*innen, die dem Militärdienst kaum entkommen können.
Äthiopien unter Druck
Die aktuellen Eskalationen sind daher weniger Ausdruck neuer Konflikte als die Fortsetzung alter Auseinandersetzungen, die nie politisch gelöst wurden. Um die tieferen Ursachen der aktuellen Spannungen zu verstehen, muss man den Blick in die Vergangenheit richten. Denn bereits der Grenzkrieg zwischen Äthiopien und Eritrea von 1998 bis 2000 hatte bis zu 100.000 Todesopfer gefordert. Er endete vor 25 Jahren mit dem Algier-Abkommen, doch wichtige Streitpunkte blieben damals offen.
In der Folge wurde das Grenzgebiet um Badme zum Kern des Konflikts – nicht wegen seines ökonomischen Werts, sondern wegen seiner symbolischen Bedeutung. Der Grenzort steht exemplarisch für den Charakter des Grenzkriegs: monatelange Stellungskämpfe, massive Artillerieeinsätze und Minenfelder entlang einer formal kaum markierten Kolonialgrenze. Die Entscheidung der Eritrea-Äthiopien-Grenzkommission, Badme Eritrea zuzuschlagen, sollte seinerzeit den Konflikt juristisch beenden – politisch wirkte sie jedoch gegenteilig, da Addis Abeba den Schiedsspruch jahrzehntelang nicht akzeptierte und die Grenze faktisch geschlossen und hochgradig militarisiert blieb.
Die politischen Machtverschiebungen nach dem Krieg fallen in eine Phase wachsender ökonomischer Verwundbarkeit Äthiopiens. Als größtes Binnenland Afrikas ist das Land strukturell vom Zugang zum Meer abhängig. Historisch hatte Äthiopien bis zur Unabhängigkeit Eritreas 1993 Zugang zu Häfen wie Assab – ein herber Verlust, der bis heute das politische Denken prägt. Heute werden rund 95 Prozent des Außenhandels über den Hafen von Dschibuti abgewickelt.
Unter den aktuellen wirtschaftlichen Bedingungen wird diese Abhängigkeit zunehmend zum Problem. Hohe Staatsverschuldung, akuter Devisenmangel, Inflation und sinkende Wachstumsraten erhöhen den Druck auf Addis Abeba, alternative Seezugänge zu sichern. Ministerpräsident Abiy Ahmed betonte mehrfach öffentlich, Äthiopien habe ein existenzielles Interesse an einem eigenen oder zumindest gesicherten Zugang zum Meer – eine Wortwahl, die in der Region aufmerksam registriert wurde. Denn die Rhetorik markiert eine politische Verschiebung: Während frühere Regierungen die Binnenlage als gegebene strukturelle Einschränkung akzeptierten, wird sie nun offen infrage gestellt. Der Hafenzugang entwickelt sich von einer ökonomischen Infrastrukturfrage zu einem strategischen Machtfaktor. Aber potenzielle Alternativen zu Dschibuti – neben Eritrea auch Somaliland oder der Sudan – bringen sicherheitspolitische Risiken mit sich.
Eritrea spielt in diesem Szenario die zentrale Rolle. Mit den Häfen Assab und Massawa verfügt das Land über strategisch wichtige Küstenpunkte am Roten Meer. Ihre Bedeutung reicht weit über wirtschaftliche Einnahmen hinaus: Sie sind Hebel regionaler Machtprojektion. Für Asmara ist die Kontrolle über diese Häfen ein sicherheitspolitisches Pfand und ein Mittel, politischen Einfluss gegenüber Addis Abeba geltend zu machen. Entsprechend zurückhaltend reagiert das eritreische Regime auf jede Debatte über äthiopische Interessen am Meerzugang.
Die Hafenfrage ist damit kein bloßes Infrastrukturthema, sondern Teil eines umfassenderen Machtkonflikts. Sie verknüpft wirtschaftliche Zwänge mit territorialen Sensibilitäten und militärischen Kalkülen. Damit rückt Tigray erneut ins Zentrum – geografisch als Grenzregion zwischen Äthiopien und Eritrea, politisch als Raum ungelöster Sicherheitsfragen, strategisch als potenzieller Korridor oder Puffer in künftigen Eskalationen.
Die Lage bleibt prekär
Fest steht: Das Horn von Afrika bleibt ein Raum fragiler Gleichgewichte. Alte Konflikte, ungelöste Grenzfragen, neue Allianzen und geopolitische Interessen überlagern sich. Die Vereinigten Arabischen Emirate bauen ihre Präsenz am Roten Meer aus und investieren in Häfen, Logistik und Militärstandorte. Eritrea nutzt die regionalen Konflikte – von Tigray über den Sudan bis zur Grenzfrage – gezielt, um innenpolitische Kontrolle zu sichern. Formelle Allianzen mit Äthiopien gibt es nicht; stattdessen setzt Asmara auf taktische Bündnisse und bilaterale Arrangements. Mit dem jüngst erfolgten Austritt aus der ostafrikanischen Staatengemeinschaft IGAD signalisiert Eritrea nun offen seine Abkehr von multilateraler Kooperation.
Globale Interessen verschärfen die Unsicherheit weiter: Die USA verfolgen Sicherheits- und Migrationsziele und beobachten Diaspora-Gemeinschaften aus Äthiopien, Eritrea und Somalia, deren mögliche Rückkehr in eine Region voller Repression und Instabilität neue Spannungen erzeugen wird. Auch Ägypten und Sudan sind durch den Grand-Ethiopian-Renaissance-Staudamm indirekt involviert; Wasserrechte und Sicherheitsfragen verbinden lokale Konflikte mit geopolitischer Machtprojektion.
Für die Menschen in Tigray bleibt die Lage prekär. Jede Provokation kann die ohnehin fragile Stabilität in offene Gewalt umschlagen lassen. Das Horn von Afrika ist damit nicht nur ein historischer Krisenraum, sondern eine hochgradig explosive Region, in der alte Konflikte, neue Rivalitäten und globale Interessen jederzeit eskalieren können.
Dieser Text erschien zuerst in „nd.aktuell“ im Rahmen einer Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.




