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Kommentar , : Iran: Die politische Ökonomie des Überlebens

Sanaz Azimipour über die aktuelle Protestbewegung

Wichtige Fakten

Autorin
Sanaz Azimipour,

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Demonstranten marschieren in die Innenstadt von Teheran (29.12.2025), Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Wenn man den Blick auf die Protestbewegung im Iran richtet, kann der Ausgangspunkt nicht abstrakt sein. Denn er liegt nicht im Diskurs, nicht in politischen Programmen oder nachträglichen Deutungen, sondern in der Frage, wie Leben unter den gegebenen Bedingungen überhaupt noch möglich ist.

Auslöser des jüngsten Aufstands im Iran war der schockierend hohe Kurs des US-Dollars, der quasi über Nacht auf 140.000 Toman anstieg. Dieser drastische Zuwachs ist kein ökonomisches Detail, sondern ein wichtiger Hinweis auf die bedrohte Existenzgrundlage der Menschen. In den letzten Tagen können vielerorts selbst grundlegende Lebensmittel wie Joghurt nur noch auf Raten gekauft werden. Was sagt das über das Leben aus?

Sanaz Azimipour ist Autorin, Aktivistin und Referentin. Sie arbeitet akademisch wie aktivistisch zu sozialen Bewegungen, Transnationalismus und feministischer Philosophie.

Der viel zitierte Satz, dass es „nichts mehr zu verlieren“ gebe, ist hier kein leeres Schlagwort: Der Zeitpunkt, an dem Joghurt auf Raten gekauft werden muss, ist der Moment, an dem das Leben selbst so billig geworden ist, dass es nichts mehr zu verlieren gibt. Es geht nicht länger bloß um Einschränkung, sondern um die existenzielle Frage, ob und wie das Leben überhaupt fortgesetzt werden kann. Leben ist hier keine metaphorische Kategorie – es ist materiell, körperlich, zeitlich begrenzt und zunehmend bedroht.

Ein Krieg gegen das Leben selbst

Diese Form der existenziellen Bedrohung steht in direktem Zusammenhang mit einer politischen Ordnung, die Leben systematisch entwertet. Was sich hier zeigt, ist kein Kollateralschaden politischer Entscheidungen, sondern ein Krieg gegen das Leben selbst. Die Ratenzahlung für Joghurt steht exemplarisch für die konkrete, lebensweltliche Seite dieser Politik, deren Kehrseite offen repressiv ist: Hinrichtungen, Folter und Inhaftierung sind weiterhin an der Tagesordnung. Im iranischen Regime sind beide Ebenen nicht voneinander zu trennen. Sie gehören zu einer Logik, in der Leben nicht geschützt, sondern streng reguliert und letztlich als entbehrlich behandelt wird.

Zu diesem Krieg gegen das Leben gehören auch ein kollabierendes Gesundheitssystem, eine extrem gesundheitsgefährdende Luftverschmutzung, die jedes Jahr tausende Tote fordert, sowie die systematische Zerstörung der Umwelt und der natürlichen Lebensgrundlagen. Die Vernichtung des Urmiasees, des Zayandeh-Flusses und der hyrkanischen Wälder sind keine getrennten Probleme, sondern Teil derselben Ordnung, die menschliches Leben auf kurzfristige Verwertbarkeit reduziert.

In diesem Prozess werden aber nicht nur materielle Ressourcen zerstört, sondern auch elementare Voraussetzungen des Weiterlebens. Verloren geht für viele dabei die Hoffnung. Ein Blick auf die Suizidepidemie der letzten Jahre im Iran reicht aus, um zu verstehen, in welchem Zustand sich diese Gesellschaft befindet. Wenn alles zerstört wird, was das Leben lebenswert macht, verliert Leben seine Selbstverständlichkeit – und manchmal sogar den Grund, weiterzubestehen.

Seit der Revolution von 1979 lautet das klassische Argument: erst die Wirtschaft, dann die Freiheit. Erst der Sturz des Klassensystems, dann die Befreiung der Frauen. Die Hidschāb-Frage ist dafür ein prägnantes Beispiel.

In diesem Kontext findet der Aufstand heute statt: Protest entsteht hier nicht aus Hoffnung, sondern aus dem Zusammenbruch von Alternativen. Nicht aus dem Versprechen einer besseren Zukunft, sondern aus der Unmöglichkeit, die Gegenwart fortzuschreiben.

Blickt man auf die Proteste der letzten Jahre, mag es zunächst so scheinen, als hätten sie unterschiedliche Ursprünge – etwa, dass „Frau, Leben, Freiheit“ individuelle Freiheiten forderte, während es diesmal um Existenzsicherung geht. Genau diese Trennung halte ich für den größten analytischen Fehler. Und dieser hat eine Geschichte: Die Spaltung von Freiheit und Existenz, von Selbstbestimmung und ökonomischem Überleben, war stets eine Methode des Regimes, Protest zu delegitimieren.

Seit der Revolution von 1979 lautet das klassische Argument: erst die Wirtschaft, dann die Freiheit. Erst der Sturz des Klassensystems, dann die Befreiung der Frauen. Die Hidschāb-Frage ist dafür ein prägnantes Beispiel. Obwohl Frauen jahrzehntelang gegen das Kopftuch kämpften, wurde das Recht auf Selbstbestimmung immer wieder als „Nebenwiderspruch“ abgetan. Ebendeshalb war der 1979 angesichts der linken Reaktionen auf die staatliche Kopftuchpflicht, die „der Arbeiterklasse“ Vorrang einräumten, entstandene Slogan „Frauen sind Arbeiter – die Arbeiter sind zu befreien“ der Versuch, die Untrennbarkeit dieser Sphären zu postulieren.

Bilder der Revolte

Hier können die Bilder, die in diesen Tagen kursieren, helfen – nicht als Illustration, sondern als Material der Analyse selbst. So etwa ein Bild aus Abdanan: Menschen gehen in großer Zahl auf die Straße; staatliche Einrichtungen werden besetzt. Für einige Stunden scheint die Stadt unter der Kontrolle der Bevölkerung zu stehen.

Entscheidend ist jedoch nicht nur, dass Kontrolle übernommen wird, sondern wie sich diese Aneignung materialisiert. In einem der Bilder stürmen Menschen einen Supermarkt, der den Revolutionsgarden zugerechnet wird. Reissäcke werden aufgerissen, Reiskörner in die Luft geworfen. „Es regnet Reis“, sagt jemand im Instagram-Video. Im Kontext absoluter Armut ist dieses Bild nicht ambivalent; vielmehr wird Reis der Logik des Mangels entrissen und für einen Augenblick dem Markt und der Kontrolle entzogen. Andere Bilder folgen derselben Logik, etwa abmontierte Überwachungskameras oder ein Bürostuhl aus einer staatlichen Behörde.

Die Ereignisse seit dem Genozid in Gaza haben deutlich gemacht, dass massive imperialistische Gewalt selbst dann politisch folgenlos bleiben kann, wenn sie in aller Offenheit stattfindet.

Was sich hier zeigt, ist kein kohärentes Programm; es ist eine Praxis. Wenn das Leben selbst prekär wird, verschieben sich auch die Formen politischen Handelns.

Die Bilder stehen in Beziehung zu früheren Aufständen, zu Erfahrungen von Repression und Scheitern. Die Eindrücke aus Abdanan evozieren Erinnerungen an Oshnavieh 2022. Parolen wiederholen sich: „Nieder mit dem Diktator!“ Die Bilder der Getöteten tauchen wieder auf und fragen: Erinnert ihr euch noch? Doch die Erinnerung ist umkämpft. Welche Bilder bleiben sichtbar, welche verschwinden? Erinnerung ist kein gemeinsamer Bezugspunkt, sondern ein Konfliktfeld.

Und aus diesem umkämpften Feld heraus formieren sich politische Fronten. Sie entstehen nicht außerhalb der Bewegung, sondern in ihr und aus ihr heraus.

Die antiimperialistische Rhetorik des Regimes

Diese Fronten wurden zuletzt vor allem durch die neuen Erinnerungen des Zwölftagekriegs zwischen Israel und Iran geformt. Mit dem israelischen Angriff sowie der Zerstörung und dem Tod, den dieser hinterließ, trat einmal mehr eine bekannte Konstellation in Kraft: Die Präsenz eines äußeren Feindes verdrängte den Fokus auf den inneren. In diesem Kontext konnte sich die Islamische Republik diskursiv neu positionieren – nicht als Quelle von Gewalt, sondern als vermeintliche Schutzmacht gegen äußere Aggression, sichtbar vor den Augen der gesamten Weltöffentlichkeit.

Diese Verschiebung entfaltet ihre Wirkung nicht isoliert, sondern im globalen Kontext. Die Ereignisse seit dem Genozid in Gaza haben deutlich gemacht, dass massive imperialistische Gewalt selbst dann politisch folgenlos bleiben kann, wenn sie in aller Offenheit stattfindet. In diesem Krieg wurde spürbar, dass Leben per se keine Priorität besitzt.

Diese Gewalt vor den Augen der Weltgemeinschaft hat den antiimperialistischen Diskurs der „Achse des Widerstands“ deutlich zugunsten des iranischen Regimes gestärkt. Es greift auf eine Rhetorik zurück, die innere Gewaltverhältnisse nach außen verschiebt. Diese Lesart ignoriert indes sowohl die Abhängigkeit der Islamischen Republik von anderen imperialen Mächten als auch ihre eigene imperiale Praxis, beispielsweise in Syrien und im Libanon. Antiimperialismus fungiert hier nicht als Analyse, sondern als Legitimation. Autoritäre Herrschaft, existenzielle Not, Repression und soziale Zerstörung erscheinen als notwendige Kosten eines größeren antiimperialistischen Kampfes.

Die Schein-Alternative

Gleichzeitig öffnete dieser Krieg eine weitere diskursive Front, die bereits in den vergangenen Jahren sichtbar war und sich nun verdichtet. Sie liest die Geschichte gesellschaftlicher Bewegungen im Iran als Geschichte des Scheiterns, des Todes, der Repression und leitet daraus die Notwendigkeit einer externen Intervention ab. Ein militärischer Eingriff von außen erscheint hier nicht als Eskalation, sondern als Lösung. Politische Handlungsmacht wird aus der Gesellschaft herausgelöst und an Akteure delegiert, die als anschlussfähig an internationale Machtzentren gelten. Reza Pahlavi, der Sohn des einstigen Diktators, erscheint in diesem Zusammenhang als eine solche Figur. Entgegen der Annahme vieler ist dies kein reines Diaspora-Phänomen; Pahlavi verfügt tatsächlich über eine soziale Basis im Iran, weil eine solche Figur in einem Kontext allgemeiner Hoffnungslosigkeit als Projektionsfläche funktioniert.

Beide Deutungen – die mobilisierende Erzählung des äußeren Feindes ebenso wie die interventionistische Lesart – folgen einer ähnlichen Logik. Sie präsentieren scheinbar klare Alternativen: Loyalität gegenüber dem Regime im Namen des Antiimperialismus oder Unterordnung unter externe imperiale Kräfte. Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass bei den jetzigen Protesten so viele Pahlavi-Slogans gerufen werden oder auch, dass ein Teil der Linken die Proteste vollständig boykottiert.

Die beiden Positionen unterscheiden sich in ihrer Ausrichtung, nicht jedoch in ihrer Funktion. Sie reagieren auf eine existenzielle Krise, indem sie Bedeutung stiften: Hoffnungslosigkeit wird entweder durch die Figur Pahlavis oder durch die Legitimation imperialer Gewalt im Namen des Regimes aufgelöst. Beide entziehen der Bewegung ihre Eigenständigkeit und verfehlen damit den Kern dessen, was hier geschieht: eine Praxis, die aus der materiellen Entwertung des Lebens entsteht und sich nicht in vorgegebene Alternativen auflösen lässt.

Hier schließt sich der Kreis zu meiner Ausgangsannahme: Die Bewegung lässt sich nur über die Bedingungen verstehen, aus denen heraus sie entsteht. Was sichtbar wird, ist keine geschlossene politische Formation, sondern eine Praxis, die aus existenzieller Not hervorgeht. Sie bleibt offen und damit angreifbar.

Die dominanten Deutungen reagieren auf die Offenheit der Bewegung, indem sie diese schließen. Eine Analyse kann hier jedoch nur produktiv sein, wenn sie der Bewegung folgt. Was bleibt, ist eine Spannung: zwischen Leben und seiner systematischen Entwertung, zwischen Praxis und ihrer Übersetzung, zwischen Erinnerung und ihrer Instrumentalisierung. Diese Spannung ist kein Defizit. Sie ist der Ort, an dem Bewegung entsteht.

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