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Foto: IMAGO / ANP
Nach Donald Trumps völkerrechtswidrigem Angriff auf Venezuela ist deutlich geworden, dass Grönland das nächste Land sein könnte, das der US-Präsident annektieren und „beherrschen“ will.
Trine Pertou Mach ist Abgeordnete im dänischen Folketing und außenpolitische Sprecherin der Enhedslisten – De rød-grønne.
Pelle Dragsted ist Abgeordneter im Folketing und Sprecher der dänischen Linkspartei Enhedslisten.
Dieser Beitrag ist Teil des Dossiers:
USA: Das Imperium der Oligarchie
Als Abgeordnete der linken dänischen Partei Enhedslisten – De rød-grønne gilt unsere Sorge keineswegs einer fortgesetzten dänischen Herrschaft in Grönland. Das grönländische Volk hat das Recht auf Selbstbestimmung, und wir unterstützen sein Recht, die eigene Zukunft selbst zu gestalten und das Königreich Dänemark zu verlassen, wann immer es dies wünscht. Als ehemalige Kolonialmacht trägt Dänemark eine schwere historische Schuld und die Verantwortung, die Grönländer*innen beim Aufbau ihrer eigenen Demokratie und ihrer Vision eines eigenen Staates zu unterstützen. Das bedeutet zugleich, dass Dänemark gegen äußere Aggression und Fremdherrschaft an der Seite Grönlands stehen muss.
Trumps Intervention in Venezuela belegt seine vollständige Missachtung des Völkerrechts und staatlicher Souveränität. Die zurückhaltenden Reaktionen der führenden Politiker*innen Europas und das Ausbleiben einer klaren und eindeutigen Verurteilung von Trumps illegaler Militäraktion gegen Caracas ist Anlass zu großer Sorge – denn schließlich wurde die regelbasierte Weltordnung, auf die unsere Länder schwören, dazu geschaffen, jeden Nationalstaat vor einer ausländischen Übernahme und der Entführung seiner politischen Führung zu schützen.
Schweigen und Beschwichtigung bzw. Appeasement ebnen der nächsten illegalen Aktion, die von der Eroberungslust Trumps oder anderer Autokraten getrieben wird, den Weg. Dieser Schritt muss zutiefst beunruhigen und verheißt nichts Gutes für andere Staaten, die sich in der selbsternannten Interessensphäre einer Supermacht befinden. Inzwischen ist es offensichtlich, dass Trump sowohl Venezuela als auch Grönland als Teil seines „Hinterhofs“ betrachtet, den er beherrschen, regieren und „führen“ wird – weil er es kann.
Man könnte argumentieren, dass es den Venezolaner*innen ohne Nicolás Maduro besser gehe. Das ist aber kein Problem, das die USA durch eine militärische Intervention lösen können. Darüber hinaus hat Trump bislang keinen Regimewechsel vorgenommen, da er offenbar davon ausgeht, ehemalige Maduro-Verbündete bei seinem Diebstahl der natürlichen Ressourcen des venezolanischen Volkes als Marionetten nutzen zu können. Die Vereinigten Staaten haben keine Legitimation und kein Recht, andere Länder einfach zu übernehmen. Der Umstand, dass Nicolás Maduros Regime eine schwere Wirtschaftskrise und weit verbreitete Armut, Unterdrückung und die Zentralisierung der Macht zu verantworten hat, ganz zu schweigen vom Wahlbetrug, legitimiert Trumps Handeln in keiner Weise. Wer Maduros Entführung begrüßt oder bejubelt, trägt zur Aushöhlung der regelbasierten internationalen Ordnung bei und lädt Trump und andere zynische Machthaber dazu ein, es ihm gleichzutun – auch in Grönland.
Trostlose neue Welt
Die regelbasierte Weltordnung, die wir kannten, basierte auf der Begrenzung der Macht durch das Recht. Auf diese Weise sollte die Souveränität der Staaten gewährleistet und deren Bevölkerung vor staatlichem Missbrauch und Unterdrückung geschützt werden. Werden die etablierten Regeln für ein friedliches internationales Zusammenleben nicht beachtet, verlieren sie ihre Bedeutung – mit unabsehbaren Folgen für Frieden und Stabilität.
Donald Trumps neue Nationale Sicherheitsstrategie wurde im Dezember letzten Jahres veröffentlicht. Darin wird klar und deutlich beschreiben, dass er Lateinamerika als integralen Teil der US-amerikanischen Interessensphäre betrachtet und dass die Vereinigten Staaten das Recht beanspruchen, ihre überwältigende politische, wirtschaftliche und militärische Macht in der Welt im Allgemeinen und in der westlichen Hemisphäre im Besonderen geltend zu machen. Auf seiner Pressekonferenz in Mar-a-Lago am 3. Januar sprach Trump stolz von der „Donroe-Doktrin“ und skizzierte einen außenpolitischen Ansatz, der die US-Vorherrschaft vor jeder denkbaren Herausforderung schützen soll. Jetzt wissen wir, was das bedeutet.
Es ist von größter Wichtigkeit, dass die europäischen und nordischen Länder standhaft bleiben, das Völkerrecht konsequent verteidigen und Verstöße verurteilen, unabhängig davon, welcher Staat dafür verantwortlich zeichnet.
Trump will Grönland. China will Taiwan. Putin will die Ukraine – und später Moldawien und Georgien. Israel will Palästina vollständig annektieren. Von der Art der Weltordnung, die derzeit vor unseren Augen entsteht, werden lediglich dominante und autokratische Mächte mit imperialen Ambitionen, die gierig auf andere Länder und deren Ressourcen schielen, profitieren. Diese Mächte wollen mehr Land, um ihre Größe und Macht zu demonstrieren. Sie initiieren illegale Regimewechsel in anderen Ländern und missachten die Rechtsstaatlichkeit. Sie nehmen sich andere Länder und deren Bodenschätze mit Gewalt, weil sie es können – und weil wir es zulassen. Der Preis hierfür ist Gesetzlosigkeit und eine Welt, die vom Gesetz des Dschungels regiert wird, getreu dem Motto des „Rechts des Stärkeren“. Durch den Zusammenbruch der regelbasierten Weltordnung leben alle Völker in demokratischen, kleinen und mittelgroßen Ländern unter zunehmend unsicheren Bedingungen.
Grönland ist selbstverständlich ein demokratisches Land mit einer vollkommen legitimen politischen Führung in Form der grönländischen Regierung, Naalakkersuisut, und des grönländischen Parlaments, Inatsisartut.
Diese gut etablierten demokratischen Institutionen und das geordnete grönländische Wohlfahrtssystem stehen in krassem Gegensatz zu den Verhältnissen in Venezuela. Doch das wird Trump nicht davon abhalten, Grönland durch eine Kombination aus militärischen, politischen und wirtschaftlichen Drohungen und brutalem Zwang zu „erobern“.
Trump zeigt eine bemerkenswerte Unwissenheit (oder schlichtweg eine Missachtung der Tatsachen), wenn er über Grönland spricht. Ein Beispiel hierfür ist seine Behauptung, dass die Mehrheit der Grönländer*innen US-Staatsbürger*innen werden wolle. Aber das tun sie nicht, insbesondere angesichts der Behandlung der mit ihnen verwandten Inuit in Alaska – und auch wenn Trump ihnen Geld anbietet, werden sie nicht einlenken. Die politische Führung des Landes hat wiederholt erklärt, Grönland stehe „nicht zum Verkauf“. Darüber hinaus ist Trumps Beschreibung der aktuellen Territorialverteidigung Grönlands, die auf „einem Hundeschlitten“ basiere, nicht im Entferntesten in den Tatsachen begründet (und obendrein noch ziemlich herablassend).
Zeit, sich zu wehren
Dasselbe Völkerrecht, das die Souveränität Venezuelas hätte schützen sollen (was es aber nicht tat), sollte theoretisch auch Grönland schützen; es wird aber zunehmend außer Kraft gesetzt. Es ist daher von größter Wichtigkeit, dass die europäischen und nordischen Länder standhaft bleiben, das Völkerrecht konsequent verteidigen und Verstöße verurteilen, unabhängig davon, welcher Staat dafür verantwortlich zeichnet.
Die Sicherheitslage in Europa und Grönland ist längst so angespannt, dass es keinen Sinn mehr ergibt, auf Eierschalen zu laufen oder gar Trump mit Anreden wie „Daddy“ zu schmeicheln, wie es NATO-Generalsekretär Mark Rutte in einem der peinlichsten politischen Momente des Jahres 2025 tat. Zögern und Herumlavieren sind kein Weg, einem Tyrannen entgegenzutreten. Trump hatte sichtlich Spaß an seiner einstündigen Pressekonferenz am 3. Januar und genießt seitdem jede Interaktion mit der Presse. Mit jedem neuen illegalen militärischen Erfolg wächst sein Appetit, Grönland „auf die eine oder andere Weise“ zu „erobern“.
Zu Beginn des Jahres 2026 steht die Welt vor einem tiefen, schwarzen Abgrund. Wir müssen uns fragen, wie wir es vermeiden, in ihn hineingezogen zu werden – und wie wir uns gegen autoritäre und imperialistische Mächte zur Wehr setzen können. Eine einfache Antwort gibt es nicht; doch zu glauben, dass es uns oder die Grönländer*innen retten wird, Trumps Stiefel zu lecken, ist eine Illusion.
Enhedslisten, Dänemarks Rot-Grüne Allianz, ruft die Linke in Europa und weltweit auf zur Einigkeit und Mobilisierung im gemeinsamen Kampf für das Selbstbestimmungsrecht und gegen die imperialen und neokolonialen Ambitionen der USA und anderer Großmächte. Wir begrüßen die Solidarität, die Bürgerinnen und Bürger in vielen Teilen Europas mit Grönland und seinen Menschen zum Ausdruck bringen. Wir brauchen massiven Druck auf die europäischen Politiker*innen, damit sie von ihrer Beschwichtigung und ihrem Nachgeben gegenüber den USA abrücken und konsequent auf Völkerrecht, UN-Charta und Selbstbestimmungsrecht bestehen – in Venezuela, Kolumbien, Grönland, der Ukraine, Palästina und überall.


