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Hintergrund , : Die Grenzen der russischen Kriegswirtschaft

Ilya Matveev über Stärken und Fallstricke der staatlichen Mobilisierung

Wichtige Fakten

Autor
Ilya Matveev,

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Wladimir Putin besucht mit Mitgliedern seines Kabinetts die Kasaner Flugzeugfabrik in Tatarstan, Russland, 21.02.2024. Foto: IMAGO / SNA

Als Russland am 24. Februar 2022 seine umfassende Invasion der Ukraine begann, war die russische Wirtschaft fest in globale Wertschöpfungsketten eingebunden und stellte einen eigenen Teil der transnationalen kapitalistischen Klasse. Dadurch schien die russische Wirtschaft besonders anfällig für westliche Sanktionen und eine wirtschaftliche Entkopplung vom globalen Westen. Im Jahr 2021 lag der Importanteil Russlands am Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei 20,6 Prozent – niedriger als in Indien und Südafrika, aber höher als in China oder Brasilien. Westliche Staaten setzten darauf, dass Wirtschaftssanktionen eine wirksame Waffe gegen Russlands Kriegsmaschinerie darstellen würden. Und tatsächlich prognostizierte die russische Zentralbank zu Kriegsbeginn einen Rückgang des BIP um zehn Prozent für das Jahr 2022.

Der Politikwissenschaftler Ilya Matveev schreibt vor allem zur russischen und zur internationalen politischen Ökonomie.

Die düsteren Prognosen bewahrheiteten sich jedoch nicht. Stattdessen schrumpfte das russische BIP 2022 lediglich um 1,4 Prozent. 2023 wuchs das BIP um 4,1 Prozent, 2024 um weitere 4,3 Prozent. Dies wirft die Frage auf, woher diese wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit rührt und ob sie eine tragfähige Grundlage für langfristige Stabilität bildet.

Entkopplung vom Westen

Im Jahr 2021 entfielen 13 Prozent der weltweiten Ölexporte auf Russland. Diese Menge kurzfristig zu ersetzen, ohne erhebliche Verwerfungen auf den globalen Märkten auszulösen, wäre faktisch unmöglich gewesen. Es überrascht daher kaum, dass der Westen letztlich nur begrenzte Sanktionen gegen russisches Öl verhängte, etwa in Form einer Preisobergrenze von 60 US-Dollar. Damit wurde der Sicherung einer stabilen Versorgung klar Vorrang vor geopolitischen Zielsetzungen eingeräumt. Auch russische Getreide- und Düngemittelexporte blieben aufgrund ihrer großen Bedeutung für die globale Ernährungssicherheit von Sanktionen ausgenommen. Dadurch brachen die russischen Exporte insgesamt nicht wie erwartet ein, sodass kontinuierlich Devisen für eigene Importe sowie Steuereinnahmen zur Finanzierung der Kriegsanstrengungen zur Verfügung standen.

Abbildung 1: Russlands ExporteExporte in 38 Länder, auf die 80 Prozent (2019) der russischen Im- und Exporte entfielen: die 27 EU-Länder, Vereinigtes Königreich, USA, China, Südkorea, Japan, Indien, Türkei, Schweiz, Norwegen, Brasilien, Kasachstan.  Quelle: Russian foreign trade tracker

Einige russische Exportgüter erwiesen sich dennoch als ersetzbar. Besonders die Erdgasexporte in die Europäische Union wurden weitgehend durch Flüssigerdgas aus den USA und Lieferungen aus anderen Ländern ersetzt. Dies führte zu erheblichen Problemen für den staatlich kontrollierten Energiekonzern Gazprom. Doch trotz dieser Verluste blieben die Gesamtexporteinnahmen Russlands auf einem insgesamt akzeptablen Niveau.

Darüber hinaus profitierte Russland in den vergangenen Jahrzehnten stark von der zunehmenden Diversifizierung der Weltwirtschaft und dem Aufstieg neuer, einflussreicher Handelspartner. Im Jahr 2000 entfielen 65 Prozent des globalen BIP auf die G7-Staaten, auf die BRICS-Länder lediglich 8 Prozent. Bis 2021 sank der Anteil der G7 auf 45 Prozent, während jener der BRICS auf 26 Prozent stieg. Nach Kaufkraftparität übertraf der Anteil der BRICS-Staaten am globalen BIP mit 31,4 Prozent sogar leicht den der G7-Staaten mit 30,8 Prozent.

Die wirtschaftlichen Umwälzungen des Krieges führten dazu, dass sich neue Gewinner und Verlierer formierten – sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch unter den Eliten.

Dabei ist nicht nur die Größe der nicht-westlichen Volkswirtschaften von Bedeutung, sondern auch ihre zunehmende wirtschaftliche Komplexität. Der Economic Complexity Index, der die Komplexität des Exportkorbs eines Landes misst, zeigt etwa, dass China zwischen 2003 und 2021 vom 46. auf den 19. Platz aufstieg. China ist heute eine industrielle Großmacht, die nicht nur äußerst kostengünstig produziert, sondern auch eine Vielzahl der fortschrittlichsten Güter und Technologien produzieren kann.

Wäre die Invasion der Ukraine bereits im Jahr 2000 erfolgt, hätten westliche Sanktionen die russische Wirtschaft deutlich härter getroffen. In den 2020er Jahren hingegen waren nicht-westliche Länder in der Lage, einen Großteil der russischen Exporte aufzunehmen und die meisten benötigten Importe bereitzustellen. Aus verschiedenen Gründen, darunter geopolitische wie auch kommerzielle Erwägungen, zeigten viele von ihnen zudem Zurückhaltung, sich den westlichen Sanktionen gegen Russland anzuschließen. Dadurch wurde die wirtschaftliche Abkopplung Russlands vom globalen Westen realisierbar. Dies führte zu einer besonders vorteilhaften Entwicklung der Beziehungen zwischen Russland und China, das in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Handelspartner Russlands aufgestiegen ist.

Die Rolle des Staates

Seit Beginn des Krieges spielt zudem der russische Staat eine zunehmend dominante Rolle in der Wirtschaft. Die Verteidigungsausgaben machten 2025 rund 7,5 Prozent des BIP aus, das entspricht knapp 40 Prozent des russischen Staatshaushalts. Auch wenn dies keine Kriegswirtschaft im historischen Sinne darstellt – im Ersten und Zweiten Weltkrieg investierten die beteiligten Staaten nahezu die Hälfte ihres BIP in ihre Streitkräfte –, ist Russland damit sowohl absolut als auch relativ eine der Volkswirtschaften mit den höchsten Militärausgaben weltweit.

Die staatlich gelenkte militärische Mobilisierung trug erheblich zur wirtschaftlichen Stabilisierung bei, indem sie die Arbeitslosigkeit abfederte und die Binnennachfrage ankurbelte. Ein erheblicher Teil des Wirtschaftswachstums in den Jahren 2023 und 2024 lässt sich unmittelbar auf Militärausgaben zurückzuführen. 

Seit seinem Amtsantritt 1999 hat Wladimir Putin zudem gezielt staatliche Kapazitäten in ausgewählten Regierungsinstitutionen ausgebaut; insbesondere in denen, die für die Wirtschaftspolitik zuständig sind (die Zentralbank sowie das Finanzministerium und das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung). Parallel dazu bildeten sich in der russischen Wirtschaft flexible und widerstandsfähige Unternehmensstrukturen heraus, deren professionelles Management – sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor – zur Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft beitrug.

Hinzu kommt, dass Russland bereits seit 2014 Erfahrungen mit einer zumindest teilweisen Entkopplung vom Westen und der damit verbundenen Wirtschaftskrise (2014–2021) gesammelt hatte. In dieser Phase entwickelte Anpassungsmechanismen wie Importsubstitution oder neue Formen der Kooperation zwischen Staat und Wirtschaft erleichterten es Russland, auf die einschneidenden Sanktionen ab 2022 zu reagieren.

Gewinner und Verlierer

Die wirtschaftlichen Umwälzungen des Krieges führten dazu, dass sich neue Gewinner und Verlierer formierten – sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch unter den Eliten. Diese Verschiebungen resultierten aus mehreren ineinandergreifenden Prozessen: den Sanktionen und dem Rückzug westlicher Unternehmen, der Neuordnung des internationalen Handels, der Ausweitung des russischen militärisch-industriellen Komplexes, dem Wiederaufbau in besetzten Gebieten sowie Zahlungen an Soldat*innen, die in der Ukraine kämpfen.

Diese Prozesse stehen in komplexer Wechselwirkung zueinander und haben oft indirekte Folgen. So erzeugte etwa die massive Einstellungswelle im militärisch-industriellen Komplex einen allgemeinen Aufwärtsdruck auf die Löhne, der wiederum eine Lohn-Preis-Spirale und steigende Inflation begünstigte. Die Zentralbank reagierte mit einer Anhebung des Leitzinses. In Kombination mit Steuererhöhungen führten diese hohen Zinsen zu einem Rückgang der Investitionen in zivile Branchen. Während einige Branchen und Bevölkerungsgruppen erheblich profitierten, waren andere deutlich benachteiligt.

Auch die Expansion des militärisch-industriellen Komplexes veränderte die Wirtschaftsgeografie Russlands weiter.

Insgesamt kennzeichnen die russische Kriegswirtschaft eine sehr niedrige Arbeitslosigkeit – 2,2 Prozent im September 2025 gegenüber 4,3 Prozent im Jahr 2021 – und ein starkes Wachstum der Reallöhne. Diese stiegen 2023 um 8,2 Prozent und 2024 um 9,1 Prozent, verglichen mit 3,3 Prozent im Jahr 2021. Allerdings ist dieses Lohnwachstum regional und sektoral stark ungleich verteilt. 

Zu den „Gewinnern“ – im Hinblick auf steigende Bankeinlagen und Einkommen sowie die Verringerung von Armut – zählen Regionen mit besonders hohen Rekrutierungszahlen für die Armee, darunter Tuwa, Burjatien und die Republik Altai. Tuwa, das Ende 2023 mit 140 gefallenen Soldat*innen pro 100.000 Einwohner*innen die höchsten militärischen Verluste verzeichnete, wies 2023 im Vergleich zu 2021 den stärksten Rückgang der Armut (fünf Prozentpunkte) und das stärkste Wachstum der Bankeinlagen (plus 107,3 Prozent) auf. Die Zahlungen an die Familien gefallener Soldaten fielen so hoch aus, dass sie sich in den regionalen Einkommens- und Armutsstatistiken niederschlugen. 

Auch die Expansion des militärisch-industriellen Komplexes veränderte die Wirtschaftsgeografie Russlands weiter. Im September 2024 meldeten die Behörden, dass seit Februar 2022 rund 600.000 Menschen in der Militärindustrie beschäftigt worden seien. Dieses Wachstum konzentrierte sich auf Regionen mit bestehenden militärischen Produktionsstätten, etwa Nischni Nowgorod und Swerdlowsk, die folglich stärkere Lohnzuwächse verzeichneten als andere Regionen. Wie aus der nachstehenden Tabelle hervorgeht, korrelierte die Zahl der Militärfabriken pro 100.000 Einwohner*innen 2023 mit einem stärkeren Lohnwachstum als noch 2021. Auch branchenspezifische Daten bestätigen, dass militärnahe Branchen die höchsten Lohnzuwächse verzeichneten.

Demgegenüber zählen große Städte wie Moskau und Sankt Petersburg zu den Verlierern dieser Entwicklung. Ihre fortschrittlichen, postindustriellen städtischen Ökonomien sind zwar groß und flexibel, litten jedoch am stärksten unter der Deglobalisierung und dem Zusammenbruch internationaler Wirtschaftsbeziehungen. Beim Lohnwachstum belegte Moskau Platz 77 von 85 Regionen (die russischen Statistiken umfassen auch die besetzte Krim und Sewastopol), Sankt Petersburg Platz 66. Beide Städte zeigten im Vergleich zu 2021 schwache Entwicklungen bei Realeinkommen, Wachstum von Bankeinlagen und Armutsbekämpfung. 

Auch branchenspezifisch gibt es klare Verlierer, darunter die Öl- und Gasförderung sowie öffentliche Dienstleistungen wie das Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen. Der Öl- und Gassektor war bereits vor dem Krieg von hohen Löhnen geprägt, sah sich jedoch nach Beginn der Invasion erheblichen Turbulenzen und Umstrukturierungen ausgesetzt. Das schwache Lohnwachstum im öffentlichen Dienst zeugt von chronischen Unterinvestitionen, da staatliche Mittel zunehmend in den militärischen Bereich umgeleitet statt in Sozialausgaben investiert werden.

Insgesamt führten die Militarisierung der russischen Wirtschaft und die erzwungene Importsubstitution zu einer partiellen Korrektur jener wirtschaftlichen Tendenzen, die sich seit dem Zerfall der Sowjetunion herausgebildet hatten. Die industrielle Arbeiterklasse und traditionelle Industrieregionen (einschließlich des militärisch-industriellen Komplexes) gehörten seit den 1990er Jahren zu den Verlierern des wirtschaftlichen Wandels, was zu weit verbreitetem Elend und Armut führte. Ihre Lage hat sich seit 2022 zumindest teilweise verbessert. 

Viele Russ*innen begrüßten diese Entwicklung als Korrektur tiefgreifender sozialer und wirtschaftlicher Ungleichgewichte. Gleichwohl sollte dieser Effekt nicht überschätzt werden, da die strukturellen Schwächen der Kriegswirtschaft weiterhin gravierend sind.

Rückschlag für die Elite

Der Krieg setzte umfassende Prozesse in Gang, die zu einer Neuordnung der russischen Wirtschaftselite führten. Ein Teil der stark internationalisierten Elite brach die Verbindungen zu Russland ab, während andere ihre Unterstützung für das bestehende politische System verstärkten und gezielt von der neuen Situation profitierten. 

Mindestens neun russische Milliardäre, die auf der Forbes-Liste stehen, entschieden sich sogar dafür, ihre Staatsbürgerschaft abzugeben. Andere zogen ihr Vermögen aus Russland ab und gingen ins Ausland, blieben aber formell russische Staatsbürger*innen. Wieder andere entschieden sich bewusst dafür zu bleiben und kauften gezielt Vermögenswerte westlicher Unternehmen auf, die sich aus dem russischen Markt zurückgezogen hatten. Laut The Bell beliefen sich die Einnahmen der auf diese Weise übertragenen Unternehmen im Jahr 2021 auf rund drei Billionen Rubel (knapp 33 Milliarden Euro), was etwa 2,2 Prozent des russischen BIP entspricht. Parallel dazu leitete der Staat eine beispiellose Welle von Verstaatlichungen ein. Der Zeitung Novaya Gazeta zufolge wurden bis März 2025 Vermögenswerte im Wert von mindestens 2,56 Billionen Rubel (gut 27 Milliarden Euro) – fast zwei Prozent des BIP – verstaatlicht.

Insgesamt zeigt sich, dass die russische Wirtschaft nach anfänglicher Widerstandsfähigkeit und einer überraschenden Erholung erneut in eine langfristige Phase der Stagnation eingetreten ist.

Vor dem Krieg verfügten russische Unternehmen über eine Art „Ausstiegsoption“, da sie sowohl in die Strukturen des inländischen Staatskapitalismus als auch – im Falle der transnationalen kapitalistischen Klasse – in globale Netzwerke eingebunden waren. Diese doppelte Einbindung ermöglichte es ihnen, nationale und transnationale Kapitalinteressen gegeneinander auszutarieren. Der Kriegsbeginn zwang sie jedoch zu einer Entscheidung: bleiben oder gehen. Die Mehrheit blieb, da sie nicht bereit war, ihre wichtigsten Einnahmequellen aufzugeben. Dadurch wuchs ihre Abhängigkeit vom Kreml, dessen enormer Einfluss auf die russische Wirtschaft seit 2022 weiter zugenommen hat.

Gleichzeitig könnte der Verlust dieser „Ausstiegsoption“ – in Verbindung mit der Angst vor Vermögensverlusten (beispielsweise aufgrund von Verstaatlichungen) – die Elite langfristig dazu zwingen, Strategien zu entwickeln, um ihren politischen Einfluss geltend zu machen. Vor dem Krieg war die russische kapitalistische Klasse gerade deshalb politisch so neutral, weil sie auf eine Ausstiegsoption zurückgreifen konnte. Anstatt sich politisch zu organisieren, konnten Unternehmer*innen ihr Kapital teilweise oder vollständig aus Russland abziehen. Mit dem Wegfall dieser Möglichkeit könnten die verbliebenen Milliardäre nun erkennen, dass sie dauerhaft an das Regime gebunden und ihre Vermögen kontinuierlich gefährdet sind, was neue Schutz- und Anpassungsstrategien erfordert. Für den Kreml wird es damit zunehmend wichtig, die Interessen der Wirtschaftselite zu berücksichtigen und profitable Geschäftsmöglichkeiten offenzuhalten, um wachsende Unzufriedenheit im Unternehmenssektor zu vermeiden.

Das Kriegsmodell stößt an seine Grenzen

Die russische Wirtschaft hat sich zwar angesichts starker Schocks als widerstandsfähig erwiesen, doch zeigen sich allmählich die Grenzen des russischen Kriegsmodells. Nach zwei Jahren mit Wachstumsraten von über vier Prozent rechnet die Zentralbank für 2025 nur noch mit einem Wachstum von 0,5 bis 1 Prozent. Die zivilen Branchen befinden sich im anhaltenden Niedergang. Hohe Zinsen belasten Unternehmen, während die Investitionen und insbesondere die Kapitalinvestitionen zurückgehen.

Zur Finanzierung der enormen Militärausgaben erhöhte die Regierung kontinuierlich die Steuern. Der Körperschaftsteuersatz stieg von 20 auf 25 Prozent, die Mehrwertsteuer wurde zum 1. Januar dieses Jahres von 20 auf 22 Prozent erhöht, und die Einkommensteuer folgt nun einem progressiven Modell mit einem Spitzensteuersatz von 22 Prozent gegenüber 15 Prozent vor dem Krieg.

Zudem wanderten Hunderttausende qualifizierte Fachkräfte aus, während sich der Rückstand bei Bildungsinvestitionen gegenüber führenden Volkswirtschaften, insbesondere China, vergrößerte. Der daraus resultierende Arbeitskräftemangel belastet vor allem den zivilen Sektor. Neue US-Sanktionen gegen die großen russischen Ölproduzenten Rosneft und Lukoil hinterließen ebenfalls Spuren, sodass Lukoil gezwungen war, Vermögenswerte in zahlreichen Ländern zu veräußern. Der Technologietransfer ist inzwischen weitgehend auf nicht-westliche Staaten beschränkt; allerdings ist insbesondere China aufgrund seiner wirtschaftsnationalistischen Ausrichtung grundsätzlich kaum bereit, Technologien zu teilen – weder mit Russland noch mit anderen Ländern. 

Darüber hinaus ist das Wachstum der Realeinkommen in den unteren Einkommensschichten teilweise statistisch verzerrt. Die Preise für Grundbedürfnisse wie Lebensmittel, Wohnen und Versorgungsleistungen steigen schneller als jene für andere Güter. Die faktische Teuerung für einkommensschwache Haushalte liegt daher deutlich über den offiziellen Inflationszahlen. Dadurch werden Einkommenszuwächse der niedrig entlohnten Beschäftigten und Rentner*innen weitgehend aufgezehrt.

Insgesamt zeigt sich, dass die russische Wirtschaft nach anfänglicher Widerstandsfähigkeit und einer überraschenden Erholung erneut in eine langfristige Phase der Stagnation eingetreten ist, auch wenn sich deren Ausprägung von der Vorkriegszeit unterscheidet. Die internationalen Wirtschaftsbeziehungen beschränken sich weitgehend auf nicht-westliche Länder, während die Kriegsanstrengungen Ressourcen aus dem zivilen Sektor abziehen, ohne nennenswerte Multiplikatoreffekte zu erzeugen. Sinkendes Humankapital und begrenzte Möglichkeiten des Technologietransfers verschlechtern die langfristigen Perspektiven zusätzlich. 

Die „Festung Russland“ mag widerstandsfähig sein, doch der Entwicklungsabstand zum globalen Norden und zu erfolgreichen Schwellenländern – insbesondere China – wächst weiter. Unter den aktuellen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erscheint es äußerst unwahrscheinlich, dass Russland diesen Rückstand aufholen kann.

Übersetzung von Cornelia Gritzner & Claire Schmartz für Gegensatz Translation Collective.

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