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Hintergrund , : In Chicago wächst der Widerstand gegen ICE

Bürgerinitiativen, Kirchengemeinden und linke Gruppen wehren sich gemeinsam gegen Trumps Abschiebepolitik

Wichtige Fakten

Details

Demonstrant*innen marschieren durch die Innenstadt von Chicago, um gegen die drakonische Einwanderungspolitik der Trump-Regierung zu protestieren, 30.09.2025.
Demonstrant*innen marschieren durch die Innenstadt von Chicago, um gegen die drakonische Einwanderungspolitik der Trump-Regierung zu protestieren, 30.09.2025. Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire

An einem kalten Januarmorgen vergangenen Jahres versammeln sich Eltern und Lehrkräfte – ausgestattet mit Trillerpfeifen und orangen Armbinden – vor einer Schule im Stadtteil South Side in Chicago. Auf der anderen Straßenseite fährt ein unscheinbarer Transporter langsam durch die Gegend. In dem Fahrzeug bereiten sich Beamt*innen des „Immigration and Customs Enforcement“ (ICE) – der Einwanderungs- und Zollbehörde – darauf vor, Schüler*innen und Eltern, die mutmaßlich keine Papiere vorweisen können, festzunehmen. Innerhalb weniger Minuten hat sich die Community versammelt: Sie stellt die Beamt*innen und filmt das Geschehen, bis diese schließlich den Rückzug antreten. 

Sharmain Siddiqui studiert Medizin in Chicago und engagiert sich dort im Community- und Gewerkschafts-Organizing sowie für eine allgemeine Gesundheitsversorgung.

Annie Raccuglia ist Kulturschaffende, Organizerin, Studentin und angehende Krankenschwester in Chicago.

Dieser Beitrag ist Teil des Dossiers:
USA: Das Imperium der Oligarchie

Die Razzien in Chicago sind Teil einer landesweiten Kampagne, die 2025 unter der zweiten Trump-Regierung an Fahrt aufgenommen hat – Videos dieser Razzien gingen weltweit viral. Dabei handelt es sich nicht um vereinzelte Fälle eines rechtswidrigen Vorgehens der Strafverfolgungsbehörden, sondern um gezielte Operationen, die darauf abzielen, den Deportationsapparat auszuweiten, Gewalt gegen Migrant*innen zu normalisieren und Zustimmung für eine hybride imperialistische Kriegführung im In- und Ausland zu schaffen – wie die widerrechtliche Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro Anfang Januar verdeutlichte. Im ganzen Land arbeiten Bundes- und Lokalbehörden Hand in Hand und setzen ICE-Kräfte, weitere Bundesbehörden sowie militärische Taktiken ein.

Die Stadt Chicago steht mit ihrem einzigartigen demografischen und politischen Profil an der Spitze des Widerstands gegen Trumps Einwanderungsrazzien. Das Broadview ICE Detention Center fungierte über zwanzig Jahre lang als nächstgelegene „Einrichtung der Einwanderungsbehörde“, die von beiden Parteien getragen wurde. Die Gemeinde Broadview liegt unmittelbar vor der Stadt: Nur 16 Kilometer nördlich von Bridgeview, auch bekannt als „Little Palestine“, elf Kilometer nordwestlich der Chicago Portage National Historic Site, wo europäische Siedler*innen einst den Kanal an sich rissen, der für die indigenen Nationen Amerikas lange Zeit eine wichtige Handelsroute gewesen war; und schließlich 17 Kilometer westlich vom Fleischpackerviertel, wo der revolutionäre Kommunist und New Afrikan George Jackson zur Welt kam, der seinen Geburtsort einmal als „halb Ghetto, halb Fabrik“ beschrieb. 

In Chicago lebt die drittgrößte Latino-Bevölkerungsgruppe, die größte palästinensische Diaspora, die drittgrößte städtische Bevölkerung indigener Menschen und die zweitgrößte Schwarze Community der Vereinigten Staaten. Historische Schauplätze von Vertreibung, kapitalistischer Ausbeutung und staatlicher Gewalt haben in ihrer Verflechtung die politischen Bedingungen geschaffen, in denen die Geschichte des Widerstands von Chicago verwurzelt ist.

Der Widerstand hat Tradition

Seit ihrer Gründung führten die USA als siedlungskolonialer, kapitalistischer Staat Krieg gegen Bevölkerungsgruppen, die als „überflüssig“ eingestuft wurden, und reduzierten verschiedene Gruppen zur industriellen Reservearmee. In gleichem Maße leisteten diese Menschen Widerstand gegen diese Kriege. 

1969 gründete sich mit der Rainbow Coalition (Regenbogenkoalition) eine sozialistische, internationalistische, klassenbewusste Allianz. Der Zusammenschluss bestand zunächst aus der Regionalgruppe der Black Panther Party, den puertoricanisch dominierten Young Lords und der von weißen Armutsmigrant*innen aus Appalachia getragenen Young Patriots Organization. In einer Stadt, die von Segregation und Polizeibrutalität geprägt war, lehnte die Allianz alle rassistischen und geografischen Grenzziehungen ab und schuf stattdessen eine gemeinsame Basis für Probleme wie Armut, Polizeiwillkür, Wohnungsnot und Ungleichbehandlung im Gesundheitswesen. Später kamen weitere Gruppen zur Rainbow Coalition hinzu, darunter das American Indian Movement (AIM), die Brown Berets, die Red Guard Party, die Students for a Democratic Society (SDS) und Rising Up Angry. 

Die Koalition gründete „Überlebensprogramme“, darunter ein kostenloses Kinderfrühstück, Lebensmittelausgaben, Gesundheitszentren und Kindertagesstätten. Die Angebote adressierten die unmittelbaren Bedürfnisse in den Arbeiterbezirken und stellten das politische Prinzip der Klasseneinheit klar über rassistische oder ethnische Vereinzelung. Obwohl die ursprüngliche Rainbow Coalition durch die gezielte Tötung prominenter Führungspersönlichkeiten wie Fred Hampton durch das FBI zerschlagen wurde, lebt ihr Erbe fort und dient bis heute als Vorbild für ein Community Organizing auf Grundlage internationalistischer Klassensolidarität.

Soziale Bewegungen in Chicago schufen auch, gestärkt durch die Rainbow Coalition, die Voraussetzungen für die Wahl Harold Washingtons zum ersten Schwarzen Bürgermeister Chicagos im Jahr 1983. Gleichzeitig sorgte Präsident Ronald Reagan durch Deregulierung, die Schwächung der Gewerkschaften und Aushöhlung heimischer Industrieproduktion bereits für jenen Deportationsapparat, der später den „Krieg gegen den Drogenhandel“ und den „Krieg gegen den Terror“ prägen sollte. Bürgermeister Harold Washington erklärte Chicago darauf hin zur sanctuary city („Zufluchtsstadt“) und untersagte den kommunalen Beschäftigten 1985, die Einwanderungsgesetze der US-Administration durchzusetzen. Status und Praxis der Zufluchtsstadt erwiesen sich als effektiv, um Chicago vom breiteren Trend der Militarisierung des US-Grenzschutzes abzuschirmen, in dessen Rahmen allein im vergangenen Jahr bereits dreitausend Menschen aus ihren Häusern geholt wurden. 

Netzwerke zur Selbstverteidigung

In diesem Zusammenhang, in dem innerstaatliche Repression und Neokolonialismus zwei Seiten des gleichen imperialistischen Projekts darstellen, hat der Widerstand in Chicago vielfältige Formen angenommen, von Schulpatrouillen und Notruf-Netzwerken bis hin zu direkten Konfrontationen mit ICE-Kräften. Die Taktiken sind unterschiedlich erfolgreich, doch alle entfalten sich in einem politischen Umfeld, das durch einen jahrzehntelangen multiethnischen, internationalistischen Kampf der Arbeiterklasse geprägt ist. Das aktuelle Organisationsmuster in Chicago muss im Kontext dieser Aufstandsbekämpfung verstanden werden. Da die verbindenden Strukturen unseres Kampfes brüchig werden, ist eine fundierte Analyse erforderlich, um die potenzielle Einheitsfront gegen ICE in eine stabile und schlagkräftige Bewegung der Arbeiterklasse zu verwandeln. 

Die größte Massenmobilisierung mit kommunaler Unterstützung fand im Rahmen der landesweiten Anti-Trump-Mobilisierung unter der Losung „No Kings“ statt. Mehr als 250.000 Menschen gingen in Chicago auf die Straße. Zahlenmäßig war der Aktionstag ein großer Erfolg, dennoch zeigte er einmal mehr die Kluft zwischen Mobilisierung und Organisierung: Der Protest zog ein breites Spektrum von Institutionen, Organisationen und Einzelpersonen an, die über die Ablehnung von Trump hinaus allerdings keinen verbindenden ideologischen Rahmen teilten. Der Protest fungierte als Gradmesser und Vorbote, als ein Ventil für die allgemeine Empörung, aber er war weit entfernt von einer Einheitsfront mit einer gemeinsamen Analyse oder gar Strategie. Schlimmer noch: Es zeigte sich, dass sowohl die Demokratische Partei als auch verschiedene Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bereit sind, die systembedingte Dimension des Problems zu verschleiern, um die Energie der Massenproteste für sich zu nutzen.

In einer Stadt mit einer historisch starken Arbeiterbewegung verdeutlicht die unkoordinierte Reaktion der Gewerkschaften, wie schwierig es ist, jene Klassenmacht zu bündeln, die früher den universalistischen Arbeiteraktivismus und die Vision der Rainbow Coalition ausgezeichnet hatte.

Im Rahmen der breiten Mobilisierung gegen die Razzien erwies sich der gemeinnützige Sektor rasch als der leistungsfähigste Akteur. Zu nennen sind insbesondere die Illinois Coalition for Immigrant and Refugee Rights (ICIRR), Organized Communities Against Deportation (OCAD), und der Brighton Park Neighborhood Council (BPNC). Binnen Stunden nach den ersten Großrazzien wurden diese Organisationen aktiv, veröffentlichten Stellungnahmen, trommelten Freiwillige vor Ort zusammen und organisierten Notfalltrainings. Ihre jahrzehntelange Organisationserfahrung erlaubte ihnen eine rasche Ausweitung der Aktivitäten, denn sie verfügten bereits über zweisprachige Rechtshilfe-Netzwerke, über Mitarbeiter*innen, die Freiwillige über die verfassungsmäßigen Rechte aufklären konnten, sowie über vielfältige Kontakte zu Schulen, Kirchen und örtlichen Vereinen. Für viele Bürger*innen Chicagos bildeten diese gemeinnützigen Strukturen einen ersten Zugang zum organisierten Vorgehen gegen ICE. Leute erfuhren in Zoom-Meetings oder bei Workshops in Kirchenkellern, wie man ICE-Einsätze sicher filmt, Dienstnummern dokumentiert und welche Voraussetzungen für eine rechtmäßige Festnahme gegeben sein müssen. 

Zugleich haben gemeinnützige Organisationen strukturelle Grenzen. Sie sind auf Spenden angewiesen und rechtlich eingeschränkt, was die Unterstützung von Taktiken betrifft, die einer direkten Auseinandersetzung mit dem Staatsapparat nahekommen. Zwar haben sie die erste Welle der Gegenwehr ermöglicht, eine Eskalationsstrategie können sie jedoch nicht verfolgen. Daher formierte sich ein Großteil der weiteren Organisierung weniger in, als vielmehr ausgehend von Nonprofit-Organisation, in deren Umfeld oder ganz unabhängig von ihnen.

Parallel zur gemeinnützigen Mobilisierung schlossen sich auch örtliche Gewerkschaften den Aktivitäten zum Schutz von Migrant*innen an. Der Organisationsgrad in Chicago ist hoch, und historisch haben organisierte Arbeiter*innen eine zentrale Rolle beim Schutz der Rechte von Immigrant*innen gespielt, angefangen mit den Fleischpackerstreiks um 1900 bis hin zu multiethnischen Industriegewerkschaften Mitte des 20. Jahrhunderts. Im Zuge der aktuellen ICE-Repressionswelle sorgten einfache Mitglieder der Chicago Teachers Union dafür, dass sich Schulen als Zufluchtsorte begreifen, dass Notfallpläne für Schüler*innen mit Familienmitgliedern ohne Aufenthaltstitel aufeinander abgestimmt sind, und in vielen Fällen aktivierten sie auch das Notrufnetzwerk, sobald ICE in der Umgebung einer Schule auftauchte. Die örtlichen Gliederungen der beiden Dienstleistungsgewerkschaften SEIU und UNITE HERE verurteilten die Razzien öffentlich und schlossen sich den Demonstrationen an. 

Dennoch blieb das Engagement der Gewerkschaften im Kampf zum Schutz von Immigrant*innen uneinheitlich. Während einige Gliederungen stark mobilisierten, hielten sich andere zurück. Die fehlende einheitliche, aktive Gewerkschaftslinie beschränkte den Aktionsradius der Arbeiterorganisationen – zumal viele der von Razzien betroffenen Arbeitsplätze nicht organisiert sind. In einer Stadt mit einer historisch starken Arbeiterbewegung verdeutlicht die unkoordinierte Reaktion der Gewerkschaften, wie schwierig es ist, jene Klassenmacht zu bündeln, die früher den universalistischen Arbeiteraktivismus und die Vision der Rainbow Coalition ausgezeichnet hatte. 

Die Communitys kämpfen

Viele Kämpfe, die aus den Widersprüchen der siedlungskapitalistischen Grundbesitzverhältnisse hervorgehen, haben sich einander angenähert. Aktivist*innen, die sich für Selbsthilfenetzwerke für Obdachlosenlager engagieren, schlossen sich beispielsweise gegen die doppelte Bedrohung durch eisige Temperaturen und Razzien gegen die gefährdeten Bewohner*innen der Lager, darunter viele Migrant*innen aus Venezuela und Mexiko, zusammen. Im vergangenen Herbst stürmten ICE-Kräfte einen ganzen Wohnblock mit 130 Wohnungen in South Shore Chicago unter dem Vorwand, nach Mitgliedern einer venezolanischen Bande zu fahnden. Das Heimatschutzministerium, dem ICE untersteht, stellte die Aktion in der Manier rassistischer Propaganda zunächst als militärische Aktion zur Ergreifung von Drogendealer*innen und Gang-Mitgliedern dar. Für Empörung in der gesamten Stadt sorgten allerdings Berichte, wonach die Hausbewohner*innen (auch Kinder!) stundenlang mit Kabelbindern gefesselt worden seien. Das Gebäude war bereits extrem heruntergekommen, was die Mieter*innen auch wiederholt zur Anzeige gebracht hatten. Nachdem sie nun angewiesen wurden, innerhalb von nur zwei Wochen ihre Wohnungen zu räumen, schlossen sich die Betroffenen gewerkschaftlich zusammen und nahmen den Kampf auf. 

Seither befinden sich zwei Mietergewerkschaften der All-Chicago Tenant Alliance (ACTA), nämlich die Fuerzas Activas De La Damen (FAD) und die Fuerzas Inquilinos de Broadway y Cuyler (FIBC), im Mietstreik. Die ACTA forderte ein kommunales Räumungsmoratorium für die Dauer der offiziell als „Operation Midway Blitz“ bezeichneten und seit September 2025 andauernden ICE-Kampagne – die Stadt Chicago ging darauf bisher nicht ein. In jedem Fall ist die Bildung von Mietergewerkschaften eine positive Entwicklung. Sie schützt gefährdete Bevölkerungsgruppen und setzt an einem der Kernwidersprüche an, denen die Arbeiter*innen im imperialen Zentrum ausgeliefert sind. 

Weitere Proteste entfachte der Tod von Silverio Villega González. Der 38-jährige zweifache Vater wurde am 12. September von ICE-Beamt*innen erschossen, als diese im Zuge ihrer Deportationsmaßnahmen Fahrzeugkontrollen vornahmen. Die Feierlichkeiten zum mexikanischen Unabhängigkeitstag dienten auch als Proteste gegen seine Ermordung.

Derweil starteten lokale Solidaritätsorganisationen der philippinischen Community, darunter Anakbayan und Tanggol Migrante, die Kampagne „Free Tita Rebecca!“ für die Freilassung einer 71-jährigen Philippina. Die Green-Card-Inhaberin und Großmutter lebt seit 42 Jahren in den USA. Sie wurde in North Carolina festgenommen und durchlief bereits Haftanstalten in verschiedenen Bundesstaaten. Nach ihrer Verschleppung wurde sie Opfer medizinischer Vernachlässigung, sexueller Belästigung und menschenunwürdiger Behandlung. 

Lokale Kämpfe und Herausforderungen

Als die robusteste Form des Widerstands erwies sich das Notruf-System. Es besteht aus improvisierten und dezentralen Netzwerken mit verschlüsselten Signal-Chatgruppen, nachbarschaftlichen SMS- oder Telefonketten und WhatsApp-Gruppenchats. So lassen sich innerhalb weniger Minuten kleine Menschenmengen mobilisieren: Sobald jemand ICE-Kräfte vor einem Baumarkt oder Waschsalon beobachtet, postet er ein Foto oder die geografischen Koordinaten in einem Signal-Chat, und innerhalb einer Viertelstunde sind zwanzig Menschen vor Ort, die den Einsatz filmen, stören und gegebenenfalls genug Druck aufbauen, um ICE zum Rückzug zu bewegen. Diese „Community-Störaktionen“ sind inzwischen das Markenzeichen des taktischen Widerstands in Chicago. 

Einzelpersonen und Gruppen verfolgen die ICE-Fahrzeuge mit Fahrrädern oder Autos und bremsen so deren Fortkommen. Andere formieren sich zu mobilen Beobachtungsteams, agieren nach „Copwatch“-Prinzipien und filmen die ICE-Einsätze, um Sichtbarkeit und Transparenz zu gewährleisten. Wieder andere zeigen einfach Präsenz, was die Festnahmen praktisch erschwert. Doch eine derartig dezentrale Vorgehensweise hat natürlich ihre Schwachpunkte: Die Signal-Gruppen wuchsen rasant an, manchmal auf tausende Kontakte, wodurch die Vertrauensbasis schwand und das Chaos zunahm. Falschinformationen hatten dann leichtes Spiel. Warnmeldungen wurden doppelt versendet oder kamen zum falschen Zeitpunkt. Die überforderten Organisator*innen hatten Mühe, Sichtungen zu überprüfen. Die schiere Menge an Warnmeldungen trug ebenfalls zu Verwirrung und Überlastung bei.

Diese Art der Mobilisierung kann die Razzien selbst nicht verhindern. Es hat zwar Beispiele für erfolgreiche Gefangenenbefreiungen gegeben, dennoch erzeugt die Mobilisierung lediglich ein „widriges Umfeld“, so ein*e Organizer*in. Die ICE-Beamt*innen greifen sich Menschen, um vorgegebene Quoten zu erfüllen, und die Notrufreaktionen sorgen für Ineffizienz bei diesem Vorgehen. 

Der ‚Bumerang-Effekt des Imperialismus‘ – so bezeichnete Aimé Césaire die Tatsache, dass die Repression im Ausland früher oder später auch im Inland zuschlägt – war in den letzten Monaten in aller Deutlichkeit zu beobachten, als die Regierung ein Relikt der US-Außenpolitik aus dem 19. Jahrhundert wiederbelebte.

Eine der am besten verankerten und effektivsten Widerstandsformen entstand in den öffentlichen Schulen der Stadt: die selbstorganisierten Schulpatrouillen. In Anlehnung an die Selbstverteidigungsprogramme der Young Lords und Black Panthers organisierten Eltern, Lehrkräfte, Sozialarbeiter*innen und Freiwillige aus der Nachbarschaft informelle Patrouillen im Umfeld von Schulen mit hohem migrantischem Anteil. Deren Mitwirkende halten Ausschau nach zivilen Bundesfahrzeugen, sie begleiten die Kinder zur Schule und holen sie ab, unterstützen die Familien in der morgendlichen rush hour und bieten Telefonhotlines für Eltern, die sich um Razzien am Arbeitsplatz oder zu Hause sorgen. Es ist inzwischen normal, dass man vor und nach der Schule ganz normale Leute mit orangen Armbinden und einer Trillerpfeife an den Kreuzungen stehen sieht – sie halten Ausschau nach möglichen ICE-Kräften. 

Diese Patrouillen schließen eine Lücke, welche die kommunale Sanctuary-Politik selbst nicht abdecken kann. Die Stadt kann dem Schulpersonal zwar jede Zusammenarbeit mit ICE untersagen, sie kann die Vollzugskräfte jedoch nicht daran hindern, das öffentliche Umfeld der Schulen ins Visier zu nehmen. Die Patrouillen fungieren an dieser Schwachstelle als menschliche Schutzschilde. Sie sind zu Ankern politischer Bildung geworden, die Familien über ihre Rechte aufklären und Kindern beibringen, wie sie sich bei Razzien verhalten sollen. In diesem Zusammenhang treten Lehrkräfte nicht nur als Beschützer*innen auf, sondern auch als Organizer*innen. Die Schulpatrouillen bieten ein weiteres Beispiel dafür, was Chicago historisch auszeichnet: eine auf Vertrauen und engen Beziehungen beruhende Organisation auf Nachbarschaftsebene.

Während Nachbarschaftsstrukturen in der gesamten Stadt entstanden, ist die zentrale Haftanstalt in Broadview zum Schauplatz ständiger Konfrontation geworden. Jeden Morgen versammeln sich dort Aktivist*innen zu Mahnwachen, sie fungieren als Beobachter*innen, sie singen, beten, und stellen sich direkt gegen den gewaltsamen Abschiebeapparat. Die Lage in Broadview ist unvorhersehbar: Manchmal bleibt es bei friedlichen Mahnwachen, an anderen Tagen eskaliert die Situation, wenn die Polizei Absperrungen errichtet, während die Aktivist*innen versuchen, Abschiebebusse zu blockieren. Es kam zu Festnahmen und zum Einsatz von Gewalt. Immer wieder eskalierten Polizei- und Bundeskräfte kleinere Protestaktionen zu brutalen Auseinandersetzungen. 

Die Glaubensgemeinschaften in Chicago, zu der auch die First Presbyterian Church und die Sanctuary Working Group gehören, spielen seit langem eine zentrale Rolle beim Schutz von Migrant*innen und traten nun in Broadview erneut als moralische Stimme in Erscheinung. Eine kürzlich von Geistlichen geleitete Aktion zog dort enorme Aufmerksamkeit auf sich, als führende Vertreter*innen von Kirchen, Moscheen und Synagogen sich unterhakten, beteten, sangen und die Gewalt von ICE öffentlich verurteilten. Doch selbst diese Geistlichen blieben von Repressionen nicht verschont. Sie wurden geschubst, angegriffen und verhaftet.

Auch die Aktivist*innen aus Chicagos Gesundheitsnetzwerken wurden in Broadview aktiv. Während ICE vor Gesundheitszentren für Bedürftige und in Notaufnahmen massive Festnahmen durchführte, protestierten Ärzt*innen, Pflegekräfte, Therapeut*innen und weitere Beschäftigte des Gesundheitswesens gemeinsam gegen die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen in der Haftanstalt. Sie forderten ungehinderten Zugang zur Einrichtung, um unabhängige medizinische Untersuchungen durchzuführen, übergaben Arzneimittel und boten die medizinische Versorgung aller Gefangenen an. Redner*innen verwiesen insbesondere auf die gesundheitlichen Folgen der Operation Midway Blitz. Das gezielte Vorgehen von ICE vor Gesundheitseinrichtungen schuf ein Klima der Angst und führte dazu, dass immer mehr Menschen ihre Arzttermine nicht mehr wahrnahmen. Das medizinische Fachpersonal warnte vor einer Zunahme von Erkrankungen und auch vor Lebensgefahr für die Gefangenen, sollten die aktuellen Bedingungen fortbestehen. 

Über die Grenzen der Dezentralisierung

Der „Bumerang-Effekt des Imperialismus“ – so bezeichnete Aimé Césaire die Tatsache, dass die Repression im Ausland früher oder später auch im Inland zuschlägt – war in den letzten Monaten in aller Deutlichkeit zu beobachten, als die Regierung ein Relikt der US-Außenpolitik aus dem 19. Jahrhundert wiederbelebte. Diese sogenannte Monroe-Doktrin soll nationale Befreiungsbewegungen und internationale Allianzen in der gesamten westlichen Hemisphäre, dem amerikanischen Doppelkontinent, unterdrücken und zugleich die Kontrolle über die Produktivkräfte und Ressourcen Lateinamerikas behaupten. Die Razzien von ICE und die Einsätze der Nationalgarde, die Trump zu verantworten hat, sind nur eine Neuauflage des alten Vorhabens, die von Staats wegen als überflüssig geltenden Bevölkerungsgruppen zu kriminalisieren und zu disziplinieren. 

Der imperiale Apparat, der in Chicago Migrant*innen kriminalisiert, zeichnet auch für die Bedingungen verantwortlich, die diese Migration antreiben. Die USA haben – im Kampf gegen nationale Befreiungsbewegungen in Lateinamerika – lange Zeit Todesschwadronen ausgerüstet und ausgebildet, sie haben Instabilität gesät und Zwangsmigration befeuert. Die Menschen, die in die USA übersiedeln, werden anschließend kriminalisiert und dienen in einer künstlich erzeugten Konsensschleife als Vorwand für weitere US-Interventionen auf dem gesamten Kontinent. Venezuela beispielsweise verfügt über die weltweit größten Erdölreserven – Reserven, die die USA, seit Hugo Chávez 1999 erstmals an die Macht gelangte, begehren, lange vor Trumps Säbelrasseln. 

Der Widerspruch liegt nicht im Versagen einzelner Aktivist*innen, sondern in einer strukturellen Grenze von Mobilisierungen ohne langfristig angelegte politische Organisation.

In der aktuellen Mobilisierung gegen ICE in Chicago kreuzt sich die lange Geschichte staatlicher Gewalt mit dem, was der Historiker Alexander Aviña als wechselseitige Verstärkung des Kriegs gegen Drogen, des Kriegs gegen den Terror und des gegenwärtigen Kriegs gegen Einwandererinnen und Einwanderer beschreibt. In diesem Sinne stellen die aktuellen ICE-Razzien keinen Bruch in der US-Politik dar, sondern eine Kontinuität, die unlöslich verbunden ist mit dem imperialen Erbe der USA, mit Siedlungskolonialismus, Sklaverei, Kapitalismus und Imperialismus. Während die Klimakrise im globalen Süden die Verdrängung beschleunigt und ganze Volkswirtschaften destabilisiert, demonstrieren die herrschenden Klassen, wie sie mit denjenigen umzugehen gedenken, die sie als überflüssig erachten. Von Palästina bis Venezuela offenbart sich die unendliche Verkommenheit des Westens. 

Dieser Repressionsarchitektur stellt sich eine Graswurzelbewegung entgegen, die sich durch Mut, Kreativität und Herz auszeichnet. Wenn Anwohner*innen die ICE-Fahrzeuge mit ihren eigenen Körpern und die Straßen mit Mülltonnen blockieren, wenn Notrufnetzwerke bei Razzien in Echtzeit Alarm schlagen, wenn Glaubensgemeinschaften Zuflucht bieten, so lebt darin das revolutionäre Ethos der Rainbow Coalition fort. Doch im Unterschied zur Regenbogenkoalition ist das politische Umfeld heute geprägt von einer zersplitterten Linken, von finanziell eingeschränkten gemeinnützigen Organisationen, algorithmengesteuerter Kommunikation und Misstrauen gegenüber Hierarchien. Zusammengenommen bilden die einzelnen Widerstandsfelder eine sehr mutige Bewegung, der allerdings die organisatorische Infrastruktur fehlt, um dem schieren Ausmaß staatlicher Gewalt effektiv entgegenzutreten. Die Aufgabe besteht nun darin, die aktuelle Organisierung zu transformieren und zu verstetigen – als schlagkräftige Klassenorganisationen. 

Der Widerspruch liegt nicht im Versagen einzelner Aktivist*innen, sondern in einer strukturellen Grenze von Mobilisierungen ohne langfristig angelegte politische Organisation. Gemeinsamkeiten in Strategie, politischer Bildung und internationaler Klassenanalyse bildeten die Grundlage für die historische Rainbow Coalition. Wenn heute unterschiedlichste Kräfte darauf hinwirken, ICE aus Chicago zu vertreiben, braucht es dieselbe Einigkeit bei Strategie, politischer Bildung und Klassenanalyse, um die Mobilisierungen in eine stabile politische Kraft zu verwandeln. 

Am 16. Dezember 2025 wurden zweihundert Grenzschutzbeamt*innen in Chicago eingesetzt – eine groteske, wenn auch nicht beispiellose Entwicklung, denn oft intensivierte ICE unmittelbar vor Feiertagen Einsätze zur Verschleppung einfacher Menschen. Chicago hatte sich fast einen Monat vom Midway Blitz erholen können, inzwischen wappnet sich die Stadt für eine neue Runde massiver Eskalation. Die Aufgabe, die nun vor allen Beteiligten des Widerstands liegt, ist letztlich transformativ: verstreute Akte des Widerstands in eine dauerhafte Organisation der Arbeiterklasse zu verwandeln, die nicht nur in der Lage ist, die Macht herauszufordern, sondern auch eine systemkritische Bewegung aufzubauen.

Übersetzt von Franck Traps und Camilla Elle für Gegensatz Translation Collective.

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