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Nachricht , : «Aber nicht küssen ist auch kontraproduktiv»

Rosa Luxemburg auf der Bühne - Fragen an die Berliner Compagnie

Wichtige Fakten

Details

Ihr habt Euch als freie Theatergruppe 1981 gegründet und könnt unterdessen auf 37 eigene Produktionen mit über 2.500 Gastspielen zurückschauen. Auch mit Preisen wurdet Ihr bedacht. Anfang dieses Jahres nehmt Ihr erneut Euer Stück über Rosa Luxemburg ins Programm. Wie seid Ihr auf Rosa Luxemburg gekommen und warum geht Ihr mit Rosa Luxemburg ins Theater?

Die Berliner Compagnie ist ein Kind der westdeutschen Friedensbewegung. Damals war es die drohende Stationierung der Marschflugkörper und der Pershing II in Deutschland (bei den älteren von uns auch die Erinnerung an die Kubakrise 1962), die uns veranlasst hat, mit dem Theater einen Beitrag gegen die Kriegsgefahr zu leisten. Und heute droht uns erneut eine Stationierung von Mittelstreckenraketen, wir erleben eine Aufrüstung ohnegleichen. Vergessen ist Willy Brandts wie John F. Kennedys Erkenntnis, dass die eigene Sicherheit nur durch die Sicherheit des Anderen gewährleistet ist. Und da in mancher Beziehung die heutige Weltlage der vor dem Ersten Weltkrieg gleicht, bekam für uns Rosa Luxemburgs Kampf gegen Militarismus und Krieg größere Bedeutung. Darüber hinaus schreit die Welt weiterhin nach einer Aufhebung des Kapitalismus, und wir halten die Erinnerung an einen Sozialismus mit menschlichem Gesicht für absolut notwendig. Es war eben Rosa Luxemburg, die für eine Umgestaltung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, für eine Aufhebung des Kapitalismus auf demokratische Weise und ohne Terror steht.

«Aber nicht küssen ist auch kontraproduktiv» feierte 2021 Premiere. Es ist kein Abend in vier Akten, sondern vielmehr ein Stück verteilt auf vier Abende. Wovon handelt es? 

Auch wenn sich die meisten nur an ein paar Sätze von ihr erinnern – Rosa Luxemburg kennen alle. Daran lässt sich anknüpfen. Und tatsächlich haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer die mannigfachen Stationen des Lebens dieser großen Frau auf der Bühne mit Neugier und großer Aufmerksamkeit verfolgen. Wir hielten es für notwendig, so gründlich wie irgend möglich auf der Bühne ihren Gedanken und politischen Auseinandersetzungen nachzugehen: der Auseinandersetzung mit dem zaristischen Russland, mit dem Revisionismus Bernsteins, der Haltung Bebels und Kautskys, mit Lenin und der russischen Revolution, mit Imperialismus und Weltkrieg. Das alles passte nicht in einen Abend. Dafür braucht es mehrere… und dann sind da noch Rosas Briefe aus den Gefängnissen, ihre Naturbeschreibungen, ihre große Liebe zu Tieren, ihr Mitleid mit ihnen – ein Weckruf an uns wie der von Kafka angesichts der brutalen Massentierhaltung heute. Auch das durften wir nicht auslassen. Wir gehen so genau wie möglich den Wegen Rosa Luxemburgs nach. Rückschlüsse auf heute muss das Publikum allerdings selber ziehen. Das Denken wird ihm nicht abgenommen. 

Können denn auch nur einzelne Abende des vierteiligen Zyklus besucht werden?

Keine Sorge, jeder Abend funktioniert für sich und kann auch einzeln betrachtet werden. 

Und wie seid Ihr auf den Titel gekommen… oder würde das an dieser Stelle schon zu viel verraten? 

Das können wir ruhig ausplaudern: Den Titel haben wir einem Brief an ihren Freund Leo Jogiches entnommen. Er stammt aus der frühen Zeit, als Rosa immer wieder in Paris (weil das in der Schweiz verboten war) die Ausgaben der Untergrundzeitung «Sprawa Robot­nicza« («Arbeitersache») druckfertig machte und zugleich in Bibliotheken und Archiven Material für ihre Dissertation sammelte, während ihr Freund von Zürich aus ihre Partei in Polen, die «Socjaldemokracja Królestwa Polskiego i Litwy» («Sozialdemokratie des Königreiches Polen und Litauen»), zu steuern versuchte. Rosa war eben nicht nur ein politischer Mensch, sondern auch eine liebende Frau. 

Welche Erfahrungen habt Ihr bislang noch mit dem Stück gemacht? 

Bislang werden die Aufführungen sehr gut besucht. Und dem Leben Rosa Luxemburgs auf der Bühne folgt das Publikum mit großer Anteilnahme, fast atemlos. Das liegt zweifellos an der Darstellerin der Rosa Luxemburg. Ana Hauck Aleksishvili hat in zehn Jahren am Staatstheater Tiflis große Rollen gespielt (u.a. Carmen und Salome), ist 2014 zur besten Schauspielerin Georgiens gewählt worden. Es war die Liebe zu einem Deutschen, die sie nach Berlin entführt hat. In sieben Produktionen der Berliner Compagnie hat sie bereits mitgespielt. Unser Zyklus «Aber nicht küssen ist auch kontraproduktiv», dessen ausgezeichnete Inszenierung durch Elke Schuster unter anderem auf die Kraft der Sprache Luxemburgs setzt, war für Ana die bisher größte Herausforderung bei uns. Sie hat sie mit Bravour gemeistert.

Ihr betont, dem Publikum würde das Denken nicht abgenommen. Aber gibt es dennoch einen Gedanken, den Ihr noch mitgeben wolltet?

Nach zwei Weltkriegen (und einem womöglich heraufziehenden dritten), nach der materiellen und geistigen Verelendung des größten Teils der Menschheit, der Zerstörung der Biosphäre und der drohenden Auslöschung allen Lebens auf der Erde – es ist so gekommen, wie Rosa Luxemburg am Beginn des 20. Jahrhunderts es geahnt hat. Sie konnte nicht all diese Katastrophen voraussagen, aber sie hat die pure Barbarei erwartet für den Fall, dass die Profitlogik des Kapitals, dass Aufrüstung und Imperialismus weiterhin die Welt beherrschen. Der Sozialismus, für den sie lebte, umfasste nicht nur die Befreiung von Ausbeutung, sondern Frieden, wahrhaft demokratische Verhältnisse und «weitherzigste Menschlichkeit». Rosa Luxemburgs Vorstellungen sind heute so aktuell wie vor dem ersten Weltkrieg.

Wir wünschen viel Erfolg bei den bevorstehenden Aufführungen!

Die Fragen stellte Uwe Sonnenberg. Für die Berliner Compagnie antwortete Helma Fries.

Termine:

Fr 30.1. (19:30 Uhr); Sa 31.1. (19:30 Uhr); So 1.2. (18:00 Uhr)

1.Revolution! (1871 – 1905)
Von der Kindheit Rosa Luxemburgs in Polen über die Zeiten in der Schweiz und Deutschland, über ihren Kampf gegen den Revisionismus Bernsteins bis zu ihrer Teilnahme an der russischen Revolution 1905 in Warschau.

Fr 6.2. (19:30 Uhr); Sa 7.2. (19:30 Uhr); So 8.2. (18:00 Uhr)

2. Frieden! (1906 — 1914) 
Der zweite Teil beginnt mit Rosas Rückkehr aus der russischen Revolution 1906 nach Deutschland und endet im August 1914. Wir erleben ihr Werben für den Generalstreik als Mittel, den heraufziehenden Krieg zu verhindern; ihren Streit darüber mit den Führern der SPD, August Bebel und Karl Kautsky; die schmerzhafte Trennung von ihrem langjährigen Lebenspartner Leo Jogiches; ihre Freundschaft mit Clara Zetkin; Rosa, die als Lehrerin an der Parteischule ihren Schülern Friedrich Ebert und Wilhelm Pieck den Imperialismus erklärt; schließlich, wie sie mit unermüdlichem Einsatz auf den Straßen und auf internationalen Konferenzen für den Frieden kämpft - bis zu dem Augenblick, als sie den Ausbruch des Weltkriegs erleben muss.

Fr 13.2. (19:30 Uhr); Sa 14.2. (19:30 Uhr); So 15.2. (18:00 Uhr)

3. Freiheit (1914 — 1918) Ihr Entsetzen über den Weltkrieg und die Führung der Sozialdemokratie, die Zeit in den Gefängnissen, Rosas Liebe zu Menschen, Pflanzen und Tieren, ihre Auseinandersetzung mit Lenin und der Oktoberrevolution - ab 5. August 1914 bis zur Entlassung aus dem Gefängnis am 8. November 1918.

Fr 20.2. (19:30 Uhr); Sa 21.2. (19:30 Uhr); So 22.2. (18:00 Uhr)

4. Rosa Luxemburg in der Novemberrevolution (9. November 1918 – 15. Januar 1919) 
Der Weltkrieg ist beendet, der Kaiser verjagt, die parlamentarische Demokratie erkämpft — nun muss die Revolution weitergehen. Nachdem die aus dem Breslauer Gefängnis entlassene Rosa am 10. November in Berlin angekommen ist, wirft sie sich mit Verve in das Revolutionsgeschehen; setzt sich ein für die Macht der Arbeiter- und Soldatenräte, kritisiert als Chefredakteurin der Roten Fahne mit äußerster Schärfe die neue Regierung von SPD und USPD. Hellsichtig, wie sonst kaum jemand, sieht sie, wie die Revolution verraten wird. Die Massen bleiben für sie jedoch bis zuletzt die entscheidende Instanz für die Verwirklichung des Sozialismus, für eine Umwälzung der Gesellschaft ohne Terror. Der vierte Teil unseres Projektes zeigt so etwas wie die Bewährung lebenslanger Grundgedanken der großen Revolutionärin in der Praxis. Der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht aber bildet den Auftakt zu den tausendfachen Morden in den folgenden Monaten der Noske-Zeit, zu den millionenfachen Morden in den folgenden Jahrzehnten der Hitler-Zeit. Er war das Startzeichen für alle anderen. Er ist immer noch uneingestanden, immer noch ungesühnt und immer noch unbereut. Deswegen schreit er immer noch zum deutschen Himmel.

Werkraum der Berliner Compagnie, Muskauer Straße 20 A Fabrikgebäude,

10997 Berlin-Kreuzberg.

Ticketshttps://berliner-compagnie.ticket.io/ 

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