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Kommentar , : Fünf Jahre Atomwaffenverbotsvertrag

Zwischen völkerrechtlichem Durchbruch und politischer Blockade

Wichtige Fakten

Autorin
Julia Engels,

Details

Masako Wada, Überlebende des Atombombenabwurfs auf Nagasaki 1945 und stellvertretende Generalsekretärin der Friedensorganisation Nihon Hidankyō, spricht auf einer Konferenz der Vereinten Nationen während der Nuclear Ban Week 2025. Die Konferenz findet jährlich statt, um den Dialog über nukleare Abrüstung und den Kernwaffenverbotsvertrag TPNW voranzubringen (3. März 2025, New York, USA). Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire

Am 22. Januar 2021 trat der Atomwaffenverbotsvertrag (Treaty on the Prohibition of Nuclear Weapons, TPNW) in Kraft. Erstmals verbietet ein völkerrechtlich bindendes Abkommen Entwicklung, Besitz, Stationierung und Einsatz von Atomwaffen umfassend. Der Jahrestag bietet Anlass, Bilanz zu ziehen: Was hat der Vertrag bislang bewirkt? Wo liegen seine Grenzen? Und welche politischen Konfliktlinien prägen seine Zukunft?

Ein historischer Einschnitt: Der Weg zum Verbotsvertrag

Julia Engels (Jahrgang 1994) ist Politikwissenschaftlerin und Doktorandin zur nuklearen Abschreckung an der RWTH Aachen. Sie arbeitet zu Sicherheits- und Atomwaffenpolitik sowie zu Fragen internationaler Abrüstungsstrategien.

Die Verabschiedung des Atomwaffenverbotsvertrags im Juli 2017 war das Ergebnis jahrzehntelanger Frustration vieler Staaten über die langsame und selektive Abrüstungspolitik der Atommächte. Zwar verpflichtet der Atomwaffensperrvertrag (NVV) seine Mitgliedstaaten bereits seit 1970 zu nuklearer Abrüstung, doch in der Praxis blieb dieser Anspruch weitgehend unerfüllt. Stattdessen modernisieren die Atomwaffenstaaten ihre Arsenale bis heute und investieren Milliarden in neue Trägersysteme und Sprengköpfe.

Vor diesem Hintergrund entstand ab den 2010er Jahren eine neue Dynamik. Getragen von einer Allianz aus Nicht-Atomwaffenstaaten, internationalen Organisationen und zivilgesellschaftlichen Kampagnen wie ICAN rückten erstmals die humanitären Folgen eines Atomwaffeneinsatzes ins Zentrum der Debatte. Die Erkenntnis, dass kein Staat und keine internationale Organisation in der Lage wäre, die Folgen eines Nuklearkrieges zu bewältigen, wurde zum normativen Ausgangspunkt des Vertrags.

Mit dem Inkrafttreten des TPNW im Januar 2021 wurde diese Perspektive völkerrechtlich verankert – gegen den ausdrücklichen Widerstand aller Atomwaffenstaaten.

Politisch-ökonomische Realität: Warum der Vertrag blockiert wird

Fünf Jahre später zeigt sich ein ambivalentes Bild. Auf der einen Seite stellt der TPNW einen klaren normativen Fortschritt dar. Über 90 Staaten haben den Vertrag ratifiziert oder unterzeichnet. Der Besitz von Atomwaffen ist damit für die Mehrheit der Weltstaaten nicht nur politisch, sondern rechtlich delegitimiert.

Auf der anderen Seite bleibt die politische Blockade erheblich. Keine der neun Atomwaffenmächte ist dem Vertrag beigetreten. Auch alle NATO-Staaten – einschließlich Deutschlands – lehnen ihn bislang ab. Begründet wird dies mit sicherheitspolitischen Argumenten: Atomwaffen seien notwendig zur Abschreckung und damit zur Stabilität des internationalen Systems.

Diese Argumentation verweist auf die politisch-ökonomischen Grundlagen der nuklearen Ordnung. Atomwaffen sind nicht nur militärische Instrumente, sondern zentrale Machtressourcen. Sie sichern geopolitischen Einfluss, stabilisieren Bündnisse und stützen rüstungsindustrielle Interessen. Der Atomwaffenverbotsvertrag stellt diese Logik grundsätzlich infrage, indem er Atomwaffen nicht als legitimes Sicherheitsinstrument, sondern als grundsätzlich verbotene Waffen definiert. Genau darin liegt seine politische Sprengkraft – und der Grund für den anhaltenden Widerstand.

Normative Wirkung – und ihre Gegenbewegung

Auch ohne formelle Beitritte der Atomwaffenstaaten entfaltet der Verbotsvertrag Wirkung. Er verändert Diskurse, setzt neue Maßstäbe und beeinflusst politische Entscheidungen indirekt. Finanzinstitute und Pensionsfonds haben sich seit 2021 zunehmend aus der Finanzierung von Unternehmen zurückgezogen, die an der Herstellung von Atomwaffen beteiligt sind. Der TPNW erzeugt damit wirtschaftlichen und reputativen Druck.

Diese normativen Verschiebungen vollziehen sich jedoch nicht widerspruchsfrei. Parallel zur völkerrechtlichen Ächtung von Atomwaffen erlebt die sicherheitspolitische Debatte über ihre militärische Nutzung eine neue Konjunktur. Immer wieder wird über sogenannte taktische Atomwaffen oder „Mini-Nukes“ diskutiert, die als begrenzter und politisch kontrollierbarer gelten sollen. Diese Vorstellungen stehen in einem fundamentalen Widerspruch zur Logik des Atomwaffenverbotsvertrags, der gerade die Idee einer „einsetzbaren“ Atombombe grundsätzlich zurückweist.

Hinzu kommen sicherheitspolitische Vorstöße auf europäischer Ebene. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat erneut einen europäischen nuklearen Schutzschirm ins Gespräch gebracht. Auch wenn diese Vorschläge bislang vage bleiben, markieren sie eine Verschiebung des Diskurses: Atomwaffen erscheinen wieder als politisches Gestaltungsinstrument europäischer Sicherheit. Der TPNW steht dieser Entwicklung diametral entgegen, da er Atomwaffen nicht als verhandelbare Option, sondern als illegitime Waffen definiert.

Deutschland: Zwischen Referenzrahmen und Realpolitik

Auch in Deutschland ist die Wirkung des Atomwaffenverbotsvertrags ambivalent. Einerseits hat er die Debatte über die nukleare Teilhabe belebt und zivilgesellschaftliche wie parlamentarische Kritik gestärkt. Der Vertrag fungiert als Referenzrahmen, an dem bestehende Sicherheitsdoktrinen gemessen werden.

Andererseits gewinnen im Zuge wachsender geopolitischer Spannungen Stimmen an Gewicht, die eine größere sicherheitspolitische Unabhängigkeit von den USA fordern – einschließlich europäischer oder nationaler nuklearer Optionen. Diese Diskussionen zeigen, dass der TPNW zwar normative Orientierung bietet, seine politische Durchsetzung jedoch auf erhebliche strukturelle Widerstände stößt.

Fünf Jahre später: Zwischen Hoffnung und Eskalation

Die globale Sicherheitslage hat sich seit 2021 deutlich verschärft. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, nukleare Drohungen und neue Rüstungsprogramme haben die Bedeutung von Atomwaffen scheinbar wieder erhöht. Kritiker*innen des TPNW sehen darin eine Bestätigung der Abschreckungslogik.

Doch gerade diese Entwicklungen unterstreichen die Relevanz des Vertrags. Nukleare Drohungen zeigen, wie schnell Atomwaffen zur politischen Erpressung eingesetzt werden können. Sie verdeutlichen, dass Abschreckung keine Garantie für Sicherheit ist, sondern permanente Eskalationsrisiken erzeugt.

Der TPNW bietet hier keinen kurzfristigen Ausweg, aber eine langfristige Alternative: Er verschiebt den Fokus von militärischer Macht hin zu menschlicher Sicherheit und kollektiver Verantwortung. Sein Erfolg bemisst sich nicht allein an der Zahl der Beitritte, sondern an seiner Fähigkeit, Denk- und Handlungsräume zu verändern.

Ausblick: Der offene Konflikt um nukleare Ordnung

Fünf Jahre nach seinem Inkrafttreten steht der Atomwaffenverbotsvertrag weniger vor einem Umsetzungsproblem als vor einem offenen politischen Konflikt. Während der Vertrag Atomwaffen völkerrechtlich delegitimiert, erleben diese sicherheitspolitisch eine gefährliche Renaissance. Debatten über taktische Atomwaffen, europäische Abschreckungsoptionen und strategische Autonomie zeigen, dass sich die internationale Diskussion derzeit nicht linear in Richtung Abrüstung bewegt, sondern zwischen Ächtung und Aufwertung nuklearer Waffen oszilliert.

Gerade in dieser Spannung liegt jedoch die anhaltende Bedeutung des Vertrags. Der TPNW macht sichtbar, dass Atomwaffen kein naturgegebenes Element internationaler Politik sind, sondern das Ergebnis historischer Entscheidungen. Er erinnert daran, dass Sicherheit nicht durch die Drohung mit massenhafter Vernichtung entsteht, sondern durch politische Entscheidungen, die diese Logik bewusst durchbrechen.

Der Atomwaffenverbotsvertrag ist damit kein Endpunkt, sondern ein politischer Maßstab. Und gerade weil Atomwaffen wieder als sicherheitspolitische Option diskutiert werden, ist dieser Maßstab heute wichtiger denn je.

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