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Analyse , : Wem gehört die Partei?

Die turbulente Gründungsgeschichte der britischen Linkspartei „Your Party“ wirft grundlegende Fragen auf

Wichtige Fakten

Autorin
Shanice McBean,

Details

Jeremy Corbyn spricht auf dem Gründungsparteitag in Liverpool am 29. November 2025 zu den Delegierten von „Your Party“.
Jeremy Corbyn spricht auf dem Gründungsparteitag in Liverpool am 29. November 2025 zu den Delegierten von „Your Party“. Foto: picture alliance / empics | Stefan Rousseau

Nach der Wahlniederlage Jeremy Corbyns 2019 und seinem Ausschluss aus der Labour Party, nach dem Rückgang außerparlamentarischer Massenmobilisierungen wie der Studierendenbewegung von 2010 und nicht zuletzt seit dem globalen Aufstieg der extremen Rechten erscheint die britische Linke – die in mancher Hinsicht noch vor zehn Jahren von einem Erfolg zum nächsten eilte – als geschwächte, marginalisierte politische Kraft. Und doch regten sich 2025 unerwartete Lebenszeichen. Unter der Führung von Zack Polanski entwickelte sich die Green Party zu einem der wichtigsten politischen Akteure, während sich die sozialistische Linke um eine neue Partei sammelte und organisierte: Your Party. Nach fünf Jahren der Stagnation war also wieder so etwas wie Hoffnung spürbar.

Shanice McBean ist Aktivistin, Mitautorin des preisgekrönten Buches Abolition Revolution und Co-Moderatorin des Podcasts Life of the Party.

Doch selbst bei flüchtiger Betrachtung sind die unschönen Szenen rund um die Gründung von Your Party nicht zu übersehen. Unabgesprochene Vorstöße, innerparteiliche Konkurrenz und offene Grabenkämpfe lassen Zweifel daran aufkommen, ob die neue Partei den Erwartungen ihrer Unterstützer*innen gerecht werden kann – ganz zu schweigen von den Millionen Menschen, die während Corbyns politischer Hochphase die Labour-Partei gewählt hatten und sich unter der Regierung von Keir Starmer von der Partei entfremdeten. Darüber hinaus stellen manche die grundlegendere Frage, ob es in der britischen Politik überhaupt Platz für zwei linke Wahlprojekte gibt.

Ein Produkt der Krise

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wurde im Vereinigten Königreich keine größere sozialistische Partei gegründet, doch für die kurze Geschichte von Your Party gibt es bereits unterschiedliche Narrative. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ihr Aufstieg das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels alter und neuer politischer, wirtschaftlicher und sozialer Dynamiken ist.

Der vielleicht wichtigste Faktor dabei ist der Zusammenbruch des Zweiparteienwahlsystems. Soweit das Gedächtnis der heutigen Einwohner*innen des Vereinigten Königreichs zurückreicht, haben die Conservative Party und die Labour Party die politische Arena dominiert und als Verwalterinnen des britischen Kapitalismus fungiert. In Zeiten wirtschaftlicher Krise traten die Conservatives auf den Plan und boten eine harte, auf Austerität setzende Wirtschaftspolitik an. In Zeiten gesellschaftlicher und politischer Rebellion wiederum griff Labour diese Dynamiken auf und gab sich als Trägerin gesellschaftlichen Fortschritts. Mehr als hundert Jahre lang gingen die Wahlsiege verlässlich entweder an die eine oder an die andere Partei, und auch wenn sie zu recht unterschiedlichen Melodien tanzten, erfüllten beide gemeinsam die Funktionen des kapitalistischen Staates.

Diese Konstellation begann im Zuge der Finanzkrise von 2008 zu bröckeln, nicht unbedingt mit dem Immobilien-Crash, sondern im Zuge der weiteren Entwicklung bzw. der Eurokrise. Bei den Parlamentswahlen 2010 kündigte die Conservative Party unter David Cameron harte Zeiten an, versprach jedoch, die Sparmaßnahmen würden das Land erneuern und wirtschaftlich regenerieren. Allerdings haben Hunderte gebrochene Versprechen, sechs Premierminister*innen, vier Parlamentswahlen, Brexit und Covid-19-Pandemie in den folgenden 15 Jahren die Aussichten auf einen Ausweg aus der wirtschaftlichen Dauermalaise nur noch weiter getrübt. Die Lebensstandards sind stark gesunken, Millionen Kinder wachsen in Armut auf, und aufgrund von Inflation, stagnierenden Löhnen sowie explodierenden Mieten und Immobilienpreisen ist das Leben für viele Menschen heute härter als je zuvor. Die Pandemie setzte diesem ohnehin düsteren Bild noch die Krone auf und beschleunigte den beispiellosen Vermögenstransfer von der Arbeiterklasse zur herrschenden Klasse. Noch nie waren die Wohlhabendsten im Vereinigten Königreich so reich wie heute.

Eine altbewährte Strategie kapitalistischen Krisenmanagements besteht darin, von sich selbst abzulenken und Schuldzuweisungen zu machen: Nicht der Kapitalismus sei das Problem, sondern die Migration. Nicht die Reichen, sondern trans Personen. Nicht Westminster, sondern dein*e Nachbar*in. In Ermangelung eines Establishments, das ein ökonomisches und politisches Paradigma anbietet, mit dem grundlegende Bedürfnisse und Erwartungen erfüllt werden können, halten die Menschen sowohl nach radikalen Alternativen Ausschau als auch nach unmittelbaren Bedrohungen.

Ihren institutionellen Ausdruck fand diese Dynamik in Nigel Farages migrationsfeindlicher Partei Reform UK, die die alten etablierten Parteien bei den Parlamentswahlen 2029 abhängen dürfte. Diese Dynamik spiegelt sich auch in einer Zunahme nationalistischer und faschistischer Gewalt auf Großbritanniens Straßen; so setzten Randalierende im Sommer 2024 Unterkünfte von Migrant*innen in Brand und attackierten Menschen mit dunkler Hautfarbe.

Der Zusammenbruch der politischen Mitte hatte auch für die Linke weitreichende Konsequenzen. Die Marginalisierung des linken Flügels in der Labour Party und Jeremy Corbyns Ausschluss 2020 läuteten das endgültige Ende des „Corbynismus“ und folglich auch einer Phase ein, in der das natürliche, wenn auch unbequeme Zuhause der Linken unter dem „weiten Dach“ der Labour Party gelegen hatte. Doch Keir Starmers Rede von der „Insel der Fremden“ – die vielfach an Enoch Powells berüchtigte „Rivers of Blood“-Rede von 1968 erinnerte – sowie sein Festhalten an einer Farage-mäßigen Migrationspolitik sorgten an Labours Parteibasis für massive moralische Empörung und verstärkten das Gefühl, die Partei öffne Reform UK im Parlament Tür und Tor. 

All dies fiel zeitlich zusammen mit einer massenhaften Empörung über die Mitwirkung des britischen Establishments am israelischen Völkermord in Gaza, die Millionen Menschen sowohl wahlpolitisch heimatlos als auch politisch engagiert zurückließ. Zusammengenommen schufen diese Faktoren eine erhebliche politische Leerstelle links der Labour Party – einen Raum, den Your Party nun einnehmen will.

Umkämpfte Zukunftsvisionen 

Jenseits der politischen Hintergründe gibt es natürlich einen weniger glamourösen Grund für die komplizierte Geschichte von Your Party: Sie wird nicht nur von den historischen Bedingungen geprägt, sondern auch von den Subjektivitäten ihrer Protagonist*innen. Deren Persönlichkeiten, Ambitionen, Ängste, Hoffnungen, Manöver, Unzulänglichkeiten und Widersprüche spielen, wohl oder übel, eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Partei.

Im Juli 2025 kündigte die bisherige Labour-Abgeordnete Zarah Sultana im Alleingang an, sie werde gemeinsam mit Jeremy Corbyn eine neue sozialistische Partei gründen. Dieser Vorstoß war mit Corbyn nicht abgesprochen, und er war im Vorfeld darüber auch nicht in Kenntnis gesetzt worden. Doch die Reaktionen im ganzen Land waren euphorisch: 800.000 Menschen bekundeten ihr Interesse als Unterstützer*innen, und eine linke Partei, die noch gar nicht existierte, lag in Umfragen bei 15 Prozent. Ein kollektiver Seufzer der Erleichterung ging durch die progressiven Bewegungen: Es gab nun Hoffnung, dass eine ernst zu nehmende sozialistische Opposition der Faschisierung im Vereinigten Königreich die Stirn bieten würde. Was zu diesem Zeitpunkt niemand wusste: Sultanas überraschende Ankündigung war lediglich der erste öffentliche Ausdruck innerparteilicher Grabenkämpfe, die die Hoffnungen Tausender rasch zunichtemachen sollten.

Zwischen den verschiedenen Lagern der im Aufbau befindlichen Partei gab es bereits spürbare Spannungen. Sultana und ihre Unterstützer*innen wollten die Parteigründung von einer großen und diversen Gruppe angesehener Persönlichkeiten aus den sozialen Bewegungen getragen wissen und drängten damit Corbyn an den Rand. Das andere Lager zielte auf eine Gründung durch die kleinere Gruppe unabhängiger Abgeordneter aus Corbyns Umfeld und drängte damit Sultana an den Rand. Die eine Seite arbeitete offenkundig auf eine Krönung Corbyns zum Parteivorsitzenden hin, während die andere Seite eine Doppelspitze für die Partei favorisierte.

Zudem traten tiefe politische Bruchlinien zutage. Sultana wollte eine explizit sozialistische, antizionistische Partei, die auch für Transrechte mobilisieren sollte. Mehrere der 2024 neu gewählten Parlamentarier der Independent Alliance – eines parlamentarischen Zusammenschlusses um Jeremy Corbyn, aus dem Sultana im September 2025 austrat – äußerten hingegen in sozialen Medien Positionen, die im Widerspruch zu einer emanzipatorischen trans Bewegung standen. So argumentierten Adnan Hussain und Iqbal Mohamed, sie seien in der Annahme unter das Dach von Your Party getreten, dass es sich um eine breite politische Bewegung handle, die auch Menschen mit linkskonservativen Ansichten einen Platz biete. Und Corbyn? Er zeigte sich wie gewohnt unentschlossen und konfliktscheu und vermied sogar Gespräche mit Sultana, in denen der eskalierende Konflikt hätte geklärt werden sollen.

Im September spitzte sich die Situation zu, als Sultana – aus Sorge, durch die Einführung eines Mitgliederportals, zu dem sie keinen Zugang hatte, aus Your Party ausgeschlossen zu werden – kurzerhand ein eigenes Portal präsentierte. Innerhalb von nur zwei Stunden registrierten sich fast 20.000 Menschen – ein beeindruckender Beleg für die breite Unterstützung und Begeisterung, die der Partei entgegengebracht wurde. Corbyn dämpfte diese Euphorie jedoch umgehend mit einer Erklärung, in der er den Start als nicht autorisiert und im Kern als Betrug bezeichnete. Sultana entgegnete, sie werde von einem „sexistischen Jungenclub“ aus der Partei gedrängt und habe lediglich versucht, die innerparteiliche Demokratie vor nicht gewählten Bürokrat*innen zu schützen.

Während ihr erster Alleingang von einer Basis, die von Corbyns zögerlichem Verhalten frustriert war, noch mit Nachsicht aufgenommen wurde, erwies sich ihr zweiter Versuch, Corbyn zu umgehen, als gravierende Fehleinschätzung. Ihr Vorgehen stieß auf nahezu einhellige Ablehnung, da viele den Eindruck hatten, ihr Vertrauen und ihr Geld seien für innerparteiliche Machtkämpfe instrumentalisiert worden. Nachdem sich beide Seiten tagelang mit rechtlichen Schritten gedroht hatten, wurde Sultanas Mitgliederplattform geschlossen, und das Corbyn-Lager präsentierte eine neue, „offizielle“ Plattform. 

Doch der Schaden war angerichtet. Über Wochen hinweg war mittels der Mainstream-Presse recht wahllos und, offen gesagt, skrupellos gegen Sultana geschossen worden, online hatte es Zank zwischen Parlaments- und Parteimitgliedern gegeben, es gab unbedachte Alleingänge und das ursprüngliche Modell einer Doppelspitze war vom Tisch, stattdessen hatte sich die Parteibasis in zwei Lager gespalten – all das führte dazu, dass die Partei zwei Monate nach dem offiziellen Start lediglich 55.000 Mitglieder zählte, weitaus weniger als die ursprünglich erhofften Hunderttausende Mitglieder einer neuen Massenpartei.

Demokratie für wen?

Vor diesem chaotischen Hintergrund fand Ende November 2025 der lang erwartete Gründungsparteitag statt. In regionalen Versammlungen, an denen mitunter hunderte Mitglieder teilnahmen, wurde über die Ausrichtung der Partei, ihre politischen Positionen und darüber debattiert, wie sich der Parteitag zu einer wirklich demokratischen Veranstaltung machen ließe. Mit Online-Abstimmungssystemen konnten Änderungen an den Gründungsdokumenten vorgeschlagen, Anträge eingereicht und Einfluss auf die Tagesordnung des Parteitags genommen werden. Innerparteiliche Zusammenschlüsse wie die Democratic Socialists, Organising for Popular Power und die Trans Liberation Group setzten Anträge durch, die die orthodoxen Positionen der provisorischen Leitung von Your Party herausforderten.

Dass der Parteitag sich nicht einfach gestalten würde, war absehbar. Auf der einen Seite stand die alte Garde etablierter Persönlichkeiten mit jahrzehntelanger Erfahrung in den Schützengräben der Spitzenpolitik, die jedoch ein bürokratisches Politikverständnis pflegt und von Machtkämpfen hinter verschlossenen Türen und Ränkespielen geprägt ist. Auf der anderen Seite stand die breitere Mitgliedschaft, die – bei aller Wertschätzung für Corbyn und Sultana als populäre politische Persönlichkeiten – der internen Auseinandersetzungen überdrüssig war und sich etwas grundlegend anderes als eine Labour Party 2.0 wünschte.

Meiner Auffassung nach waren viele Debatten bereits lange entschieden, bevor die Reden auf dem Podium des Parteitags gehalten wurden. Charakteristisch für die politische Kultur von Your Party ist etwa die digitale Willensbildung, die vor allem in sozialen Medien stattfindet, zunehmend jedoch auch auf alternativen linken Medienplattformen wie den Podcasts Bold Politics oder Life of the Party, sowie in Rundbriefen, wie sie im Oktober auf der Konferenz „The World Transformed“ in Manchester zirkulierten. Polarisierende, mitunter toxische Online-Debatten dominierten letztlich die Art und Weise, wie Parteipolitik und -strategie verhandelt wurden, und beeinflussten sogar lokale Tagesordnungen. So setzten sich die meisten jener Positionen durch, die von dem jüngeren, in sozialen Medien versierten und zugleich stark online verankerten Teil der Partei vertreten und von Sultana unterstützt wurden, die deutlich online-affiner ist als Corbyn: kollektive Führung, Doppelmitgliedschaften sowie ein ausdrücklich sozialistisches und transfreundliches Programm.

Ich halte diese Entscheidungen zur politischen und strategischen Ausrichtung der Partei zum jetzigen Zeitpunkt für richtig, teile jedoch die Sorge über die Form der politischen Debattenführung und ihre langfristigen Auswirkungen auf die interne Kultur von Your Party. Diese Bedenken werden dadurch verstärkt, dass die Mitglieder sich außerdem für das Losverfahren zur Auswahl der Delegierten und für Online-Abstimmungen über Anträge nach dem Prinzip „ein Mitglied, eine Stimme“ ausgesprochen haben. Folglich sind die Ortsgruppen nicht mehr der einzige Weg zum Parteitag, und der Parteitag selbst ist nicht mehr der einzige Raum, in dem das Stimmverhalten der Mitglieder in die eine oder die andere Richtung beeinflusst werden können.

Das Losverfahren hat zweifellos dazu beigetragen, dass die Zusammensetzung des Gründungsparteitags deutlich diverser und repräsentativer war als viele regionale Versammlungen. Philosophisch unterstreicht es zudem das große sozialistische Ideal, das da lautet: „Jede Köchin kann regieren“. Zugleich schwächt es die Ortsgruppen, indem es zur Formierung von Wahlallianzen beiträgt, die lokalen Strukturen gegenüber nicht rechenschaftspflichtig sind. Online-Abstimmungen wiederum führen dazu, dass soziale Medien in der Meinungsbildung ebenso bedeutsam sein werden wie Ortsgruppen und Parteitage. Es mag sein, dass die Spaltung an der Spitze sich teilweise unterlaufen lässt, wenn alternative Einflusssphären jenseits zentral organisierter Bürokratien entstehen. Zugleich besteht indes die Gefahr, dass sich eine Führungskamarilla verfestigt, die in der Lage ist, tendenziell passive Parteimitglieder zu mobilisieren, die sich primär über Bildschirme beteiligen, statt gemeinsam mit anderen Mitgliedern in physischen Räumen politisch aktiv zu sein.

Schwere Entscheidungen

Diese weitgehend selbstverschuldeten Herausforderungen sind nicht das einzige Problem; Your Party muss sich zudem noch dem Elefanten im Raum stellen: dem Aufschwung der Green Party unter Zack Polanski. In Umfragen liegt Polanski mittlerweile regelmäßig an zweiter Stelle – zwar hinter Reform UK, jedoch vor den beiden großen Parteien. Der Raum links von Labour steht also augenscheinlich weit offen, doch stellt sich die Frage, ob dort auch genügend Platz für zwei Wahlprojekte ist. Es spricht einiges dafür, dass die Ästhetik der Green Party eine junge, urbane und diverse Wählerschaft anspricht, die nach einer Alternative zu Starmers strauchelnder Regierung sucht. Zack Polanski hat überdies offen erklärt, dass die Grünen erhebliche Ressourcen auf jene fast 40 Wahlkreise verwenden werde, in denen sie zuletzt hinter Labour den zweiten Platz belegten.

Möglicherweise kann sich Your Party in den Wahlkreisen durchsetzen, in denen die Stimmen für Labour eingebrochen sind, die Green Party jedoch nur geringe Ausstrahlungskraft besitzt. In einer politischen Landschaft, in der Narrative, Botschaften und wirkungsvolle Kommunikation sowohl links als auch rechts die Wahl entscheiden, ist allerdings schwer vorstellbar, dass Your Party über ein vergleichbares Maß an natürlichem Charisma und rhetorischem Geschick verfügt wie Zack Polanski und die Greens. Vielleicht bringen die anstehenden Wahlen zur kollektiven Parteiführung eine neue, dynamische und anschlussfähige Führungsriege hervor. Angesichts der Vorgeschichte erscheint dies allerdings eher unwahrscheinlich – und selbst wenn es gelingen sollte, werden die Grünen bereits einen erheblichen Vorsprung haben.

Gleichzeitig haben Umbrüche in den Führungsebenen der Gewerkschaften das Kräfteverhältnis im Exekutivorgan der Labour Party so verschoben, dass es nicht mehr völlig abwegig erscheint, Andy Burnham, der Bürgermeister von Manchester, könne Keir Starmer als Parteivorsitzenden ablösen. Und Polanski hat bereits eine gewisse Bereitschaft signalisiert, mit einer neuen Labour-Führung zusammenzuarbeiten, um einen Wahlerfolg von Reform UK zu verhindern. Somit ist auch ein Szenario denkbar, in dem Your Party politisch zwischen einem erstarkten Polanski und einem mitte-linken „König des Nordens“ zerrieben und in die wahlpolitische Bedeutungslosigkeit gedrängt wird.

Einige fordern, Your Party solle sich auf den Aufbau einer breiten Basis konzentrieren und die verstreuten und fragmentierten Kräfte der Arbeiterklasse – Mieter*innen- und Gewerkschaftsinitiativen, soziale Bewegungen, Nachbarschaftsgruppen, Produktionsgenossenschaften und andere – unter einem nationalen Dach zusammenführen. Dies könnte die Grundlage für eine koordinierte Arbeiterbewegung bilden, wie sie im Zentrum jeder Vision sozialistischer Transformation steht. Mit dieser Position sympathisiere ich zwar, doch sie entspricht nicht den Zukunftsvorstellungen und Erwartungen, die eine große Mehrheit der Your-Party-Mitglieder mit ihrer Partei verbindet. Selbst wenn dies also der richtige Weg wäre, bleibt unklar, wer bereit und in der Lage ist, eine derart umfassende, beispiellose Aufgabe zu schultern.

Politisch ließe sich womöglich ein Mittelweg zwischen Zack Polanskis sozialistischem Minimalismus und Zarah Sultanas sozialistischem Maximalismus finden: Ersterer spricht die finanziellen Nöte vieler Menschen an und tritt für populäre Maßnahmen wie etwa eine Vermögensteuer ein, eröffnet jedoch keinen weiter gehenden sozialistischen Horizont. Letztere befürwortet zwar die Nationalisierung der Gesamtwirtschaft, vermag jedoch kein überzeugendes Narrativ vorzulegen, das eine Brücke zwischen diesem Ziel und der gegenwärtigen Lebensrealität der Menschen schlägt. Doch auch hier gilt: Bevor Your Party sich mit den Grünen messen oder gar in eine Position gelangen kann, in der sie mit ihnen über Wahlstrategien verhandelt, muss sie zunächst klären, was sie ist, wofür sie steht und wer die Zügel in der Hand hält.

Noch im Sommer sah es so aus, als entstehe im Vereinigten Königreich die größte sozialistische Partei der britischen Geschichte. Dieser Traum ist heute in weite Ferne gerückt – doch an seiner Dringlichkeit hat er nichts verloren.
 

Übersetzung von Charlotte Thießen und Franck Traps für Gegensatz Translation Collective.

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