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Hintergrund , : Luftschloss Kernfusion

Der geplante Ausbau der Kernenergie ist unrealistisch und behindert die ökologische Energiewende

Wichtige Fakten

Details

Markus Söder steht am Rednerpult vor einer technisch aussehenden Kulisse.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder besucht „ASDEX Upgrade“, eine Versuchsanlage für die Magnetfusion beim Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching (11.4.2024). Söder einer der aktivsten Werber für die Fusionsforschung in Deutschland und hat dabei auch die Unterstützung der Bundesregierung. Foto: IMAGO / Sven Simon

Mit der Abschaltung der letzten drei Kernkraftwerke endete in Deutschland im April 2023 die über 60jährige Ära nuklearer Stromerzeugung – und des zivilen Widerstands dagegen. Für die Energiewende, also die Ersetzung fossiler Energieträger durch klimaneutrale Alternativen, würde die Nutzung von Kernenergie keine Rolle mehr spielen, so die bisherige Annahme.

Hauke Benner und Stephan Worseck sind Mitglieder des neu gegründeten Vereins „Zukunft ohne Kernenergie“ und seit Jahrzehnten in der Anti-AKW-Bewegung aktiv.

Mit dem Amtsantritt der schwarz-roten Bundesregierung hat sich die Debatte jedoch grundlegend geändert. Die Erforschung und Entwicklung von Kernenergie hat wieder Priorität, nur dass es nicht mehr um die alten Kernkraftwerke geht, sondern um die vermeintliche Zukunftstechnologie Kernfusion. So wirbt der Koalitionsvertrag mit den markigen Sätzen: „Wir wollen die Fusionsforschung stärker fördern. Unser Ziel ist: Der erste Fusionsreaktor der Welt soll in Deutschland stehen.“ Das Bundeskabinett hat dafür sogar einen Aktionsplan auf den Weg gebracht.

Neben der Bundesregierung setzen auch die Länderregierungen von Hessen und Bayern wieder auf die Kernenergie. Zwar sollen die Ökoenergien nicht abgewickelt werden. Aber irgendwie scheint es, als hielten Merz, Reiche und Söder Sonne und Wind langfristig nur für „Übergangstechnologien“, bis irgendwann Fusionsreaktoren Deutschlands Strom erzeugen sollen. 

Fachleute und Klimaaktivisten aus aller Welt verlangen stattdessen einen beschleunigten Ausstieg aus der fossilen Stromerzeugung zu Gunsten eines schnelleren Erneuerbares Ausbaus, wie zuletzt beim Klimagipfel in Belem. Denn das Zeitfenster für die Vermeidung eines Anstiegs der Erderwärmung auf mehr als zwei Grad schließt sich, 1,5 Grad sind schon nicht mehr zu schaffen. Während mit den Ökoenergien bereits jetzt ausgereifte und wirtschaftliche Alternativen zur Verfügung stehen, stehen der Kernfusion hohe technische und ökonomische Hürden entgegen. Ob sie jemals kommt, ist mehr als ungewiss. 

Neben der Kernfusion propagieren die Befürworter der Kernenergie weitere neuartige oder – bei genauerem Hinsehen – auch ziemlich angestaubte Technologien: Sogenannte Small Modular Reactors (SMR) werden wiederum von Bayerns Ministerpräsident Söder beworben. Der European Pressurized Reactor (EPR) sorgt inzwischen für jahrzehntelange Dauerbaustellen und immer neue Kostenexplosionen in Großbritannien und Finnland. Gemeinsam ist all diesen Projekten, dass sie enorme technische Herausforderungen darstellen, nicht wirtschaftlich sind und die ökologische Energiewende durch unrealistische Erwartungen und Ressourcenverschwendung behindern.

Kernfusion: Die rein hypothetische Lösung der Energiekrise

Technisch sollen in einem hypothetischen Kernfusionsreaktor die Wasserstoffisotope Deuterium und Tritium unter extrem hoher Hitze von über 100 Millionen Grad verschmelzen. Dabei werden hochenergetische Neutronen freigesetzt, deren Energie durch einen hochkomplizierten Prozess zur Stromproduktion genutzt werden sollen. Dieser Strom soll dann CO2 -neutral sein. Soweit die Theorie. In der praktischen Umsetzung stehen die Physiker und Ingenieure jedoch vor einer Reihe fundamentaler technischer und wirtschaftlicher Probleme. Hier sind die wichtigsten:

1. Die Versorgung mit Kernbrennstoff ist unsicher

Ein Bericht des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) von 2024 hat die Relevanz der Frage der “Tritium-Selbstversorgung” auf eine Stufe gehoben, an der auch verantwortungsvolle Politiker nicht mehr herumkommen sollten. Worum geht‘s?

Ein Fusionskraftwerk muss das im Prozess verbrauchte Tritium selbst in ausreichender Menge wieder erbrüten (die so genannte “Tritium-Selbstversorgung”). Das wäre auch der einzig mögliche Weg, denn Tritium steht weltweit nicht in ausreichender Menge zur Verfügung. Der Nachweis der angestrebten und unbedingt notwendigen Eigenversorgung mit dem in der Natur nur minimal vorhandenen „Rohstoff“ Tritium (nur zirka 25 Kilogramm weltweit!) steht bislang noch aus und kann erst in einem betriebsnahen Experimentierstadium beim europäischen Fusionsforschungsreaktor ITER untersucht werden. Bisher gibt es lediglich computersimulierte Modellrechnungen. Tritium kann man jedoch nur bedingt auf Vorrat produzieren. Es zerfällt mit einer Halbwertszeit von 12,3 Jahren.

Was folgt daraus? Nur wenn die Brut-Rate von Tritium alle Verluste im Prozess des Erbrütens übersteigt, würde ein hypothetischer Fusionsreaktor seinen Betrieb aufrecht erhalten können. Und es gibt viele mögliche Ursachen für die Verluste; siehe dazu ausführlich unseren FAQ-Katalog auf https://zukunft-ohne-kernenergie.de/.

In einem hypothetischen Kernfusionsreaktor in der Größe von 1 Gigawatt, was einem mittelgroßen Kernkraftwerk herkömmlicher Bauart entsprechen würde, müsste man insgesamt bis zu 250 kg Tritium im Jahr fusionieren und im Kreislauf auch wieder erbrüten. Das ist das Zehnfache der derzeitigen weltweiten Tritium-Ressourcen. Das völlig ungelöste Tritiumproblem ist damit der größte Sargnagel für die Träume einer kommerziellen Kernfusion!

2. Materialfragen sind nicht gelöst

Das TAB-Büro hat auch ungelöste Materialfragen problematisiert:

  • Diejenigen Komponenten eines Fusionskraftwerks, die dem Plasma zugewandt sind, müssen extremen Bedingungen widerstehen, vergleichbar denen auf der Sonnenoberfläche.
  • Der intensive Beschuss mit Fusionsneutronen kann Materialien schädigen und radioaktiv werden lassen.
  • In der Kombination stellen die zu erfüllenden Kriterien eine enorme Herausforderung für die Materialentwicklung dar.

Um widerstandsfähige Materialien zu entwickeln und zu testen, sind Bestrahlungstests unabdingbar. Die hierfür geplante Versuchsanlage IFMIF-DONES bei Granada ist aber erst in Planung. Wie beim ITER kann sich hier alles um Jahrzehnte verzögern. Dabei wird das Pferd vom Schwanz aufgezäumt: Der spätere „DEMO“-Reaktor kann nur laufen, wenn unter anderem die Materialprobleme gelöst sind. Vorher ist das alles nur eine extrem teure Luftnummer.

Die Relevanz der offenen Materialfragen gilt nicht nur für die europäischen Großprojekte, sondern auch für alle Start-Ups im Themenfeld, wie Marvel Fusion oder Proxima Fusion, die jetzt vom Bund und einigen Bundesländern mit dreistelligen Millionenbeträgen gefördert werden.

3. Kernfusion wird nie wirtschaftlich sein

Wegen des aggressiven Materialverschleißes müsste regelmäßig das Innenleben eines Reaktors komplett ausgetauscht werden. Das heißt, bei Kernfusionsreaktoren fallen nicht nur beim Rückbau, sondern in geplanten Abständen auch während des Betriebs massenhaft radioaktive Reststoffe an, die mindestens 100 Jahre oberirdisch gelagert werden müssten.

Schon mit dem normalen, geplanten Wartungsschema müsste in ein weiteres Stand-by-Kraftwerk investiert werden, das den Ausfall des stillstehenden Grundlastkraftwerkes über zwei bis zu zehn Monaten abfedert. Angesichts der unendlichen Kette von nicht gelösten technischen und physikalischen Problemen kann eine Rentabilitätsbetrachtung, wie teuer der Strom aus den Kernfusionsreaktoren letztendlich sein wird, nur eine grobe Schätzung sein. Sicher ist nur: Der Strom aus diesen Reaktoren wird ein Vielfaches des Stroms aus den Erneuerbaren kosten.

4. Auch die Laserfusion ist keine Option

In Deutschland sind gerade mehrere Start-Ups und wissenschaftliche Einrichtungen in Hessen und Bayern am Start, um von den versprochenen Fördermilliarden profitieren zu können. Die Ankündigungen, einen ersten kommerziellen Laserreaktor bis Mitte/Ende 2030 bauen zu können, halten wir jedoch für völlig utopisch.

Die weltweit bisher größte Anlage steht in dem militärischen Forschungszentrum zur Weiterentwicklung der Atombomben in Livermore, USA. Gerade die Laserfusion ist bisher aufs engste mit der Atombombenforschung verbandelt. Dies fällt in der bundesdeutschen Debatte völlig unter den Tisch.

Die Laserfusion steht im Vergleich zur magnetbasierten Fusion im ITER oder dem Stellator-Reaktor in Greifswald noch ganz am Anfang. Der schon zitierte TAB-Bericht listet zahlreiche ungelöste physikalisch-technische Herausforderungen auf (Seite 19 ff) und kommt zu dem Schluss:

„Insgesamt betrachtet liegt somit die lasergestützte Fusion auf ihrem Weg hin zu einem Kraftwerk deutlich hinter den Plänen der magnetbasierten zurück. Die bisher einzige bekannt gewordene Initiative zur Entwicklung eines Konzepts für ein kommerzielles Kraftwerk wurde ab 2008 am Lawrence Livermore National Laboratory unternommen. Das Projekt „LIFE“ (Laser Inertial Fusion Energy) hatte die Zielstellung, bis Mitte der 2020er Jahre ein Demonstrationskraftwerk mit 400 MW zu errichten. Allerdings wurde LIFE 2013 in aller Stille beendet.“

Abschließend noch einige Fakten zu neueren Reaktortypen jenseits der Fusionsreaktoren-Träume:

EPR: Das milliardenteure Versprechen

Die vom französischen Atomkonzern Areva entwickelte neueste Version von Druckwasseratomkraftwerken, die sogenannte EPR-Baureihe („European Pressurized Reactor“), ist ein ökonomisches Desaster: Die Bauzeiten haben sich verdoppelt und verdreifacht und die Baukosten sind dadurch und aufgrund großer technischer Probleme in absurde Höhen gestiegen. In Finnland sollte der Atommeiler Olkiluoto-3 ursprünglich 3 Milliarden Euro kosten, am Ende türmten sich 11 Milliarden für den Betreiber auf.

In Hinkley Point, Großbritannien, werden alle Maßstäbe durchbrochen. Für die beiden in Bau befindlichen Reaktorblöcke waren 2016 an Baukosten 21 Milliarden Euro kalkuliert worden, jetzt sind es über 55 Milliarden.

Warum SMR’s auch keine Lösung sind

In Deutschland werden als neuester Hit die so genannten „Small Modular Reactors“ (SMR) ins Spiel gebracht. Auch bei diesen 300-Megawatt-Reaktoren will Ministerpräsident Söder in Bayern den Vorreiter geben. Doch die SMR sind ein reines Vabanque-Spiel. Bisher laufen weltweit nur zwei kleinere Reaktoren in Russland und China. Söder redet von „Technologieoffenheit“, als wenn es sich hier um eine Zukunftstechnologie handeln würde. Tatsächlich sind die SMR-Konzepte uralt und wurden schon in 50er Jahren in Atom-U-Booten eingebaut. Es gibt aber weltweit keine technisch ausgereifte Produktionsindustrie für diese Atommeiler – und das ist das Entscheidende: Erst eine Serienproduktion von mindestens 3.000 SMR's würden diesen Reaktortyp in einem heutigen Stromsystem konkurrenzfähig machen. So jedenfalls das Öko-Institut in einer Studie für die Bundesregierung. Also eine Luftnummer mehr, Herr Söder?

Im Übrigen: Bei allen hier behandelten Kraftwerkstypen sind die Kosten des Rückbaus und Endlagerung noch völlig außen vor.

Fazit: Forschungsgelder fehlgeleitet 

Dass die Kernfusionsforschung in den kommenden vier Jahren allein im Bundeshaushalt mit mehr als zwei Milliarden Euro gefördert werden soll, halten wir für den komplett falschen Weg. Jeder weitere Euro in diese Forschung ist vergeudetes Geld und behindert die notwendige Beschleunigung des Ausbaus der Erneuerbaren Energien plus die notwendige Forschung in die Weiterentwicklung der Speichertechnologien. Nach unseren Expertisen wird die Kernfusion aus physikalisch-technischen Gründen bis 2050 in keinem kommerziellen Großreaktor realisiert werden. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht wird die Kernfusion nicht gegen die Erneuerbaren konkurrieren können. Vergleichbares gilt für die vermeintlichen Alternativen EPR und SMR. 

Darum kurz und knapp: Hände weg von der Kernenergie!

Neben den hier genannten Gründen gibt es noch mehr Argumente gegen die Kernfusion, die bei unserem Verein Zukunft ohne Kernenergie e.V. nachlesbar sind: FAQ - Zukunft ohne Kernenergie e.V.

Am 4.3.2026 findet zum Thema die Diskussionsveranstaltung „Fokus Klima & Energie: Illusion Kernfusion“ statt.

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