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In Frankreich steht der Rassemblement National in den Umfragen bei 35 Prozent. Der Aufstieg der Rechtsradikalen hat viele Gründe. Einer davon ist die seit Jahren grassierende Angst vor der Überfremdung, vor einer angeblichen Unterwerfung unter die Übermacht muslimischer Migrant*innen aus Nord- und Westafrika sowie dem Nahen Osten. Neue rechte Vordenker reden ohne Unterlass von der Gefahr des nationalen Niedergangs durch einen angeblich von Eliten orchestrierten Bevölkerungsaustausch infolge der Massenzuwanderung.
Armin Osmanovic leitet das Westafrikabüro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Dakar. Im März erscheint sein Buch „Vom Kolonialismus zum ‚Schwarzen Frankreich‘“ im Wallstein Verlag.
Schon einmal in der Geschichte Frankreichs hat die „Angst vor dem Schwarzen Mann“ die Entwicklung des Landes maßgeblich bestimmt. Als in den 1950er Jahren Franzosen und Westafrikaner*innen über eine gemeinsame Zukunft jenseits des Kolonialismus verhandelten, ging die Angst um, in einer politischen Gemeinschaft mit den Afrikaner*innen von diesen dominiert zu werden. Die Folge? Frankreichs Elite beendete 1960 – nach nur zwei Jahren – lieber die politische Gemeinschaft (Communauté française) und entließ die Kolonie Französisch-Westafrika in die Unabhängigkeit.
Gemeinschaft oder Unabhängigkeit?
In den 1950er Jahren ging es in der Kolonie Französisch-Westafrika zunächst nicht darum, die Kolonialherren loszuwerden. In Westafrika lehnten nur die Linke und große Teile der Jugend eine politische Gemeinschaft mit Frankreich strikt ab.
Die politische Elite in der Kolonie war sich über die Zukunft mit oder ohne Frankreich nicht einig. Schließlich war man über die Vertretung in der Französischen Nationalversammlung und in den Regierungen eng in die politischen Prozesse eingebunden und hatte über die Zeit auch Fortschritte erreicht. Selbst jene Politiker, die sich als erste für die staatliche Unabhängigkeit entschieden, hielten lange an einer engen Beziehung fest, weil sie um die Notwendigkeit der Finanzhilfen aus Frankreich für die weitere Entwicklung der wirtschaftlich abhängigen Kolonie wussten. Auch die Gewerkschaften waren in der Frage hin- und hergerissen. Schließlich hatten sie mit ihren Arbeitskämpfen für gleichen Lohn für die Arbeiter*innen messbare Fortschritte erzielt. Einige von ihnen blickten sogar mit Skepsis auf die Schwarzen Politiker*innen, deren Autoritarismus sie fürchteten.
Die alte Diskussion um eine gemeinsame politische Zukunft erscheint nach dem Rauswurf der Franzosen weiter weg denn je. Doch nach über sechzig Jahren Unabhängigkeit ist klar, dass die kleinen und abhängigen Volkswirtschaften Westafrikas ohne effektiven regionalen Zusammenschluss und starke internationale Partner den Weg aus der Dauerkrise nicht schaffen werden.
In der westafrikanischen Bevölkerung gab es lange keine klare Präferenz für die weitere politische Zukunft. Anders als im benachbarten Algerien, wo Siedler und Militär die Menschen systematisch terrorisierten, verlief die Kolonialherrschaft in Westafrika weniger brutal. Das hatte vor allem mit der geringeren Zahl weißer Siedler*innen zu tun. Auch leisteten die kolonialen Untertanen sogar nach der Unterwerfung weiter Widerstand, was ihnen gewisse Freiräume einbrachte. Dennoch blieb die Kolonialherrschaft verhasst. Für die Bevölkerung kam es darauf an, wie die politische Elite zur staatlichen Unabhängigkeit stand. Entschied sich diese – wie in Guinea 1958 – für die Unabhängigkeit, folgten die Menschen ihr. Wollten die Politiker bei Frankreich bleiben, akzeptierte die übergroße Mehrheit der Menschen auch diese Entscheidung.
Auf Seiten der Franzosen war man sich über die weitere Zukunft ebenfalls nicht im Klaren. Lange stand es außer Frage, dass man an der Kolonie Französisch-Westafrika festhalten wollte. Überseebesitzungen waren seit der Zeit der Monarchie in Frankreich üblich und unterstrichen die herausgehobene Stellung des Landes in der Welt. Dazu brachte die Unterwerfung eines Teils der Welt auch Reichtum. Handelsstationen und Kolonien waren wirtschaftlich von Vorteil. Gingen sie verloren, erlebte man das als große Niederlage und Schmach.
In Frankreichs Bevölkerung gab es zu keiner Zeit so etwas wie eine große Kolonialbegeisterung, auch nicht in der Zwischenkriegszeit, nachdem Tausende von Kolonialsoldaten das Vaterland gerettet hatten und die Republik 1931 in einer großen Ausstellung das eigene Kolonialreich feierte. Die Kolonialherrschaft war ein Elitenprojekt geblieben. Auch die Unabhängigkeitskriege in Indochina und Algerien warfen Fragen über die Zukunft der Kolonialherrschaft auf. Schließlich lief man angesichts der erfolgreichen Unabhängigkeitsbewegungen Gefahr, teure Investitionen in die Infrastruktur in den Kolonien zu verlieren.
Als der rasante wirtschaftliche Aufschwung in Frankreich begann und das nationale Selbstbewusstsein stärkte, gleichzeitig die Kosten in der Kolonie Französisch-Westafrika durch die erfolgreichen Arbeitskämpfe der Gewerkschaften für bessere Arbeitsbedingungen stiegen, verlor ein Teil der politischen Klasse die Lust (und das Interesse) am Kolonialismus. Mehr Stimmen wurden in Frankreich laut, die ein Ende des Kolonialismus und stattdessen mehr Geld für die in Frankreich wirtschaftlich zurückgebliebenen Regionen forderten.
Dass die staatliche Unabhängigkeit der Kolonie Französisch-Westafrika nach langen Jahren der Verhandlungen dann sehr plötzlich kam, lag vor allem am Scheitern der politischen Gemeinschaft durch die Angst der Politiker*innen in Paris vor der demographischen Entwicklung in den Kolonien. Die republikanischen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die in den quatre communes im Senegal die kolonialen Untertanen zu weitgehend gleichberechtigten „Schwarzen Bürger*innen“ machten, galten nur so lange, wie die Schwarzen in der Französischen Republik eine kleine Minderheit blieben.
Angst vor dem Zusammenleben
Heute ist das Zusammenleben zwischen Schwarzen und Weißen wieder Gegenstand der Diskussion. Seit Jahren tobt der Streit über die Zukunft des Einwanderungslandes Frankreich. Dieser entzündete sich erst am islamischen Kopftuch, später an Armut, Kriminalität und Gewalt in den Vororten sowie am Islamismus und Terrorismus. Die neuen Rechten versprechen, die Zeit zurückzudrehen, die Frankreich zu einem Einwanderungsland gemacht hat – als ob die Ergebnisse von Kapitalismus, Kolonialismus und neoliberaler Globalisierung einfach aus der Welt geschafft werden könnten.
Die erste größere Zahl Schwarzer Menschen in Frankreich waren Sklaven, die in den Häfen des Landes arbeiteten. Später kamen Soldaten aus den Kolonien hinzu, die die Metropole im Ersten Weltkrieg verteidigten. Ein Teil der Veteranen blieb nach Ende des Ersten Weltkrieges; nicht selten waren sie Beziehungen mit Französinnen eingegangen. Im Wirtschaftsboom der trente glorieuses kamen immer mehr Schwarze Menschen nach Frankreich. Auch danach wanderten weitere Afrikaner*innen ein, die ihre eigene Zukunft und die ihrer Familien mutig in die Hände nahmen in der Hoffnung, in Frankreich ein besseres Leben zu finden.
Heute leben zwischen drei und fünf Millionen Schwarze Menschen in Frankreich, das für die meisten von ihnen zu ihrer Heimat geworden ist, doch die Regierenden haben Angst, das „Schwarze Frankreich“ anzuerkennen. Die Politik der Feindschaft der neuen Rechten und Rechtsradikalen gegenüber den Migrant*innen – wie Achille Mbembe sie beschreibt – wirkt. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron spricht zwar von einer gemeinsamen französisch-afrikanischen Geschichte und von einer Vermischung Frankreichs mit Afrika, versteht darunter aber nicht eine neue gemeinsame Zukunft, sondern lediglich einen Beitrag Schwarzer Menschen zu Frankreichs Gesellschaft und Kultur.
Unterdessen verändert das „Schwarze Frankreich“ das Land, wie das Wahlergebnis 2024 zeigte. Es waren auch die vielen Schwarzen Wähler*innen, die mit ihrer Stimmabgabe für Parteien der Linken und der Mitte die Rechtsradikalen von der Macht fernhielten. Auch die Proteste Schwarzer Menschen gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt haben das Land aufgerüttelt. Das gilt ebenso für den Einsatz verschiedener Aktivist*innen für eine Geschichtsschreibung, die sich für eine klare Anerkennung von Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus in der französischen Geschichte einsetzt.
Bislang bleibt die Erinnerung an den Kolonialismus in Frankreich weitgehend symbolischer Natur. Die Überführung der Schwarzen Künstlerin und Widerstandskämpferin Joséphine Baker ins Panthéon kann weder ein nationales Museum zur Geschichte des Kolonialismus noch einen Schulunterricht zu den Kolonialverbrechen Frankreichs ersetzen. Erst wenn die Anerkennung der Geschichte der Schwarzen Menschen in Frankreich erfolgt, wird das „Schwarze Frankreich“ ganz Teil der Republik sein.
Neue Zusammenarbeit mit Afrika?
Nach dem Rauswurf der Franzosen aus vielen ehemaligen Kolonien und angesichts des Souveränitätsdiskurses der neuen Politikergeneration, die Frankreich ablehnend oder gleichgültig gegenübersteht, erscheint einerseits die alte Diskussion um eine gemeinsame politische Zukunft weiter weg denn je. Andererseits ist nach über sechzig Jahren Unabhängigkeit klar, dass die kleinen und abhängigen Volkswirtschaften Westafrikas ohne effektiven regionalen Zusammenschluss und starke internationale Partner den Weg aus der Dauerkrise nicht schaffen werden.
Seit der Demokratiebewegung in den 1990er Jahren gibt es kaum Anzeichen, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit endlich in Westafrika Wurzeln schlagen. Vielmehr sitzt auch in diesem Teil der Welt der Autoritarismus fest im Sattel. Die Frage der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung Westafrikas bleibt bislang ungelöst. Wie im Kolonialismus sind die Westafrikaner*innen weiter den Interessen der Mächtigen und ihrer Politik der Plünderung unterworfen. Dass diese nach der neoliberalen Privatisierungswelle mit den afrikanischen Oligarchen nun auch ein eigenes Gesicht hat, ist kein Trost.
Für einen Anlauf zu einer gemeinsamen politischen Zukunft spricht auf den ersten Blick auch in Frankreich wenig, das sich unter dem Eindruck der Probleme in anderen Teilen der Welt immer stärker auf sich zurückzieht. Die Angst vor den Migrant*innen hat eine Abschottungspolitik in Gang gesetzt, die eine Partnerschaft mit Afrika untergräbt. Angesichts des Vertrauensverlustes in eine humane europäische Außenpolitik verwundert es nicht, dass viele Menschen in Westafrika nur achselzuckend auf den Krieg Putins in Europa reagieren. Doch vielleicht ist es der Druck auf Frankreich und die Europäische Union, die durch die gewaltförmige Politik des US-Präsidenten Donald Trump und die brutale imperiale Logik Wladimir Putins selbst zum Spielball geworden sind, der zum Nachdenken über eine neue Partnerschaft mit den Menschen in den ehemaligen Kolonien führt.
Dieser Text erschien zuerst in „nd.aktuell“ im Rahmen einer Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

