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In Kriegszeiten verlieren Wörter ihre primären Bedeutungen, einfache Begriffe werden auf grausame und verstörende Weise neu geschaffen. Glück, dieses Gefühl, das wir normalerweise mit Zufriedenheit, Verfügbarkeit und angstfreiem Lachen verbinden, verwandelt sich in einer von Zerstörung belasteten Realität in eine zweifelhafte Idee, manchmal sogar in eine moralische Frage: Steht uns, angesichts all dieses Schmerzes, das Recht zu lachen zu?
Ali Abu Yassin, Theaterdirektor und Schauspiellehrer, lebt im Strand-Flüchtlingslager (al-Shati) in Gaza-Stadt, einem der größten Flüchtlingslager im Gazastreifen.
Dieser Text versucht weder, das Lachen zu rechtfertigen, noch die Tragödie schönzureden, sondern er bemüht sich um die Annäherung an den Menschen in Augenblicken seiner Schwäche, seiner Widersprüche und seiner nackten Wahrheit. Es ist ein Versuch zu dokumentieren, was normalerweise nicht dokumentiert wird: kleine Details, die die Menschen inmitten all dieser Zerstörung psychisch am Leben halten, und die flüchtigen Augenblicke, die dem Glück ähneln, ohne wirklich glücklich zu sein. Hier werden Geschichten erzählt, nicht, weil sie lustig, sondern weil sie Zeugen sind für die Fähigkeit des Menschen, sich ans Leben zu klammern, selbst wenn er von Verlust, Hunger, Angst und unerträglichen Erinnerungen umzingelt ist.
Als wir uns zum ersten Mal nach dem Ende des Krieges trafen, sagte ich zu meinen Freunden: „Wir sind der Trauer und des Weinens müde. Lasst uns lächeln.“ Da sagten sie: „Wie sollen wir lächeln, wo es doch im Krieg nichts als Schmerz und Trauer gibt?“ Ich antwortete: „Ganz bestimmt gibt es ein Lächeln oder einen Moment, in dem ich irgendwann, in irgendeinem Augenblick Glück verspürt habe.“ Die meisten sagten: „Wir erinnern uns nicht.“ Darauf erwiderte ich: „Grabt tief in euren Erinnerungen, in eurer Fantasie, dann werdet ihr dieses Lächeln sicher finden.“ Mohammed sagte: „Ich hätte da eine Geschichte, die mir am Anfang des Krieges passiert ist, aber sie ist peinlich. Also lacht mich bitte nicht aus!“ Wir antworteten: „Wie sollten wir? Wir spielen hier ein Spiel, um zu lachen. Wenn sie so beschämend ist, dann erzähl sie lieber nicht.“ Da sagte er herausfordernd: „Jetzt erzähle ich sie erst recht“, und wir entgegneten: „Dann aber auf eigene Verantwortung!“
Wie sollen wir lächeln, wo es doch im Krieg nichts als Schmerz und Trauer gibt?
Mohammed erzählte: „Liebe Leute, zu Beginn des Krieges war ich zu Hause und habe, angetan nur mit einer kurzen Hose und einem Unterhemd, tief geschlafen. Ich hatte die Zimmertür geschlossen und bekam nichts mit von der Welt. Plötzlich klopfte jemand an die Tür und rief: ‚Aufmachen! Militär!‘ Ich öffnete und stellte fest, dass die ganze Wohnung voll Besatzungssoldaten war. Unter Schlägen brachten sie mich runter und warfen mich auf einen Armeelaster. Kaum auf den Metallboden des Lasters aufgeknallt, stellte ich fest, wie kalt es war. In meinem warmen Zimmer schlafend, hatte ich das nicht bemerkt. Vor Kälte begann ich furchtbar zu zittern, als hätten sie mich in das Eisfach eines Kühlschranks geworfen. Die Soldaten sammelten derweil weitere junge Leute ein und warfen sie auf den Laster, bis sich kurze Zeit später dort etwa vierzig Personen zusammendrängten und sich der Laster mit uns in Bewegung setzte.
Zuerst schossen mir die unterschiedlichsten Gedanken durch den Kopf: Würden sie uns irgendwohin weit wegbringen und erschießen? Oder würden sie uns ins Gefängnis werfen? Ich hoffte so sehr, dass sie uns einsperren würden.
Je schneller der Laster fuhr, desto kälter wurde die Luft. Keine Plane schützte uns, die Kälte nagte an unseren Knochen, ich war wie erstarrt. Schon bald darauf war es mir egal, ob ich ins Gefängnis gehen oder ob sie mir eine Kugel in den Kopf jagen und mich hinrichten würden – alles, woran ich dachte, war diese Kälte, die mich wie ein scharfes Messer zerriss; sogar die Luft, die ich einatmete, schmerzte, so kalt war sie. Der Metallboden des Lasters war kalt wie Eisblöcke, die direkt aus Sibirien gekommen waren.
Plötzlich aber breitete sich Wärme von meinen Extremitäten bis über den ganzen Körper aus, und ich verspürte eine gewisse Wohligkeit. Anfangs wusste ich nicht, was das Geheimnis dieser Wärme war, aber der Geruch machte mich argwöhnisch. Ich fragte den Mann neben mir: ‚Hast du etwa in die Hose gemacht?‘ Mit vor Kälte klappernden Zähnen und zitternden Lippen bejahte er und flehte mich an, ihn nicht zu verraten. Er hätte vor Angst und Kälte nicht an sich halten können und mich gegen seinen Willen angepinkelt. Es war ihm furchtbar peinlich. Da habe ich zu ihm gesagt: ‚Mach dir nichts draus!‘, und wünschte mir insgeheim, er hätte länger gepinkelt, damit mir noch wärmer würde, denn die Kälte brachte mich schier um. Man kann sich vielleicht nicht vorstellen, dass so etwas Abscheuliches mit einem passiert, aber solche Augenblicke können dich womöglich retten, während andere Situationen, von denen du glaubst, du seiest glücklich, dich umbringen.
Der Laster fuhr weiter, bis wir zum Gefängnis kamen. Dort warfen sie mich rein, und ich kam nach anderthalb Jahren, mitten in einer herrschenden Hungersnot, wieder raus.“
Der Krieg ist vorbei, und wir haben das Lachen vergessen.
Es gibt viele Widersprüche in Gaza, und wir alle erleben sie, ohne zu wissen, warum. Vielleicht mag sich der Leser fragen, was denn an dieser Geschichte lustig sein soll. Aber die Menschen in Gaza haben sich einen bestimmten Humor zugelegt, nachdem die meisten von ihnen alles verloren haben. Denn wir sind während des Krieges die ganze Zeit vor einem kleinen Loch geflohen, nur um dann in ein größeres zu fallen. Seit über zwei Jahren wandern wir zwischen unserer Trauer umher, einmal besteigen wir ein Flüchtlingsboot, ein anderes Mal ein Todespferd, als sei der Jüngste Tag angebrochen und die Welt habe resigniert und werde nicht mehr zur Ruhe kommen. Die Blicke irren umher, die Schritte sind unsicher und die Gedanken verworren; alles wird angezweifelt.
Aber trotzdem suchen wir das Leben; das Leben, das dem Leben gleicht. Wir versuchen zu lachen. Der Krieg ist vorbei, und wir haben das Lachen vergessen. Während Mohammed seine Geschichte erzählte, lachten wir herzhaft; das Lachen war wie das brennende Sehnen einer Mutter, die darauf wartet, ihren Sohn nach Jahren der Abwesenheit zu sehen; oder eines Bauern, der darauf wartet, dass der Regen auf seinen trockenen Boden fällt. Viele Dinge außer dem Boden vertrocknen und reißen auf; beispielsweise die Lippen; und die Gefühle stumpfen ab. Und nachdem der tägliche Anblick des Todes normal geworden ist, wird auch alles andere normal.
Wir haben Mohammeds Geschichte aufgeschnappt wie ein Geschenk des Himmels, haben sogar versucht, unseren Seelen neues Leben einzuhauchen. Wir lachten aus ganzem Herzen, bis Freudentränen flossen, die wir seit Beginn des Krieges in unseren Augen zurückgehalten hatten. Wir bekamen Appetit auf Lachen wie während der Hungersnot auf einen Teller Knafeh aus Nablus. Jeder wollte von diesem Teller essen und seine lustige und ganz eigene Geschichte erzählen.
Da entschied sich Ihab zu reden und sagte: „Eines Tages bin ich losgezogen, um Feuerholz zum Kochen zu suchen. Ich ging in ein kleines Wäldchen bei uns in der Gegend, und während ich das Holz sammelte, fand ich plötzlich einen schweren Armreif aus Gold, der in einem Schlangenkopf endete und als Schlangenarmreif bekannt ist. Zuerst hatte ich Angst, dann habe ich mich umgeschaut und niemanden gesehen. Meine Gefühle schwankten zwischen Freude und Furcht. Ich weiß nicht, warum ich Angst hatte, denn ich hatte gehört, dass der Goldpreis sehr gestiegen war, und dieser große Armreif musste so viel Geld wert sein, wie ich in meinem ganzen Leben noch nie besessen hatte. Ich lud mir das Holz auf den Rücken und eilte nach Hause, den Armreif auf dem ganzen Weg immer wieder woanders verbergend. Mal schob ich ihn in die rechte Tasche, mal in die linke, bis ich ihn schließlich in den Schuhschaft steckte, aber dort hielt er nicht, weshalb ich ihn zurück in die Hosentasche schob.
Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie überfallen worden, aber auf diesem Rückweg hatte ich das Gefühl, die ganze Welt wolle über mich herfallen, um mir diesen kostbaren Schatz zu rauben. Ich weiß nicht, wie ich es nach Hause schaffte. Dort habe ich mir gesagt: ‚Ich muss den Armreif sofort verkaufen, um Essen für meine Kinder zu besorgen.‘ Der nächste Goldschmied-Markt befand sich jedoch in Dschabalya, und ich besaß das Geld für die Verkehrsmittel nicht.
Also ging ich zu meinem Bruder und bat ihn, mir das Geld für den Fahrpreis zu borgen, doch er lehnte energisch ab. Ich musste aber doch unbedingt zu dem Laden des Goldschmieds, um endlich das Geld in die Hände zu bekommen. Damit mein Bruder mir die Fahrtkosten doch gab – ich wusste, dass er ein bisschen Geld hatte, weil er als Friseur arbeitete, und ich, als ich zum Holzsammeln losgezogen war, gesehen hatte, dass einige Kunden darauf warteten, von ihm die Haare geschnitten zu bekommen –, holte ich den Armreif heraus und zeigte ihn ihm. Ihm fiel vor Erstaunen die Kinnlade runter, und er fragte: ‚Woher hast du den?‘ ‚Den habe ich beim Holzsammeln gefunden.‘ Er kniff die Augen zusammen und fragte warnend: ‚Du hast doch wohl nichts angestellt?!‘ Da schwor ich ihm, dass ich den Armreif zufällig zwischen den Baumblättern gefunden hätte. Vielleicht sei er aus einem Haus geflogen, das bombardiert, oder einer Braut vom Arm gefallen, die auf ihrem Rückweg nach Hause zerfetzt worden sei. ‚Ich weiß nicht, wie er in das Gebüsch gelangt ist, ich habe ihn einfach dort gefunden, und niemand war in der Nähe.‘ ‚In Ordnung‘, sagte er, ‚ich gebe dir für den Hin- und Rückweg zwanzig Schekel.‘
Ich nahm das Geld, und als ich den Friseursalon verließ, stieß ich auf meinen kleinen Bruder und nahm ihn mit. Ich sagte mir: Wir werden die zwanzig Schekel für zwei Personen für die Hinfahrt nehmen, und wenn wir zurückkommen, werden wir den Armreif verkauft haben und den Betrag für die Rückfahrt von diesem Geld bezahlen.
Wir kamen zum Goldschmiede-Basar, und ich sagte zu meinem Bruder: ‚Nimm den Armreif, geh in diesen Laden dort und hör dir nur an, welchen Preis er dir anbietet. Dann komm zurück, und wir werden überlegen, was das Beste ist.‘
Mein Bruder trat ein, ich blieb in der Nähe der Tür stehen, und kaum hatte mein Bruder ihm den Armreif gezeigt, da brüllte der Goldschmied: ‚Raus! Verschwinde von hier! Habt ihr noch immer nicht genug? Jeden Tag kommt ein anderer mit einem Armreif aus diesem Kupfer.‘ Mein Bruder kehrte verängstigt zurück und sagte, der Goldschmied habe ihm versichert, dass der Armreif aus Kupfer sei. ‚Das ist unmöglich. Der Typ hat keine Ahnung von Gold. Lass uns zu einem anderen gehen!‘, antwortete ich.
Also suchten wir einen anderen Goldschmied in der Nähe auf, zeigten ihm den Armreif und fragten nach dem Wert. Da sagte er: ‚Ich kauf kein Kupfer. Das ist gefälschtes chinesisches Gold. Alle ein oder zwei Tage bringen mir irgendwelche Leute diesen Armreif. Trollt euch!‘
Wie sollten wir jetzt wieder nach Hause kommen, wo wir doch das Geld für die Fahrt nicht besaßen? Ich fragte den Goldschmied, ob er uns wenigstens irgendetwas für den Armreif geben würde, aber er antwortete: ‚Der ist keinen Schekel wert.‘ Enttäuscht gingen wir zu Fuß zurück und kamen nach über einer Stunde an. Dort dachten wir an unsere kleinen Träume, die wir uns ausgemalt hatten, wenn wir diesen Armreif verkauft hätten.“
Ihab schwieg, niemand sagte ein Wort. Wir wussten nicht, ob wir lachen oder weinen sollten. Aber da wir uns ja zum Lachen getroffen hatten, fragte ich ihn: „Was hat der erste Goldschmied zu deinem Bruder gesagt?“ „Er hat ihn angeschrien: ‚Raus! Verschwinde von hier!‘“ Jetzt mussten alle lachen und gaben spöttische Kommentare ab. Einer sagte: „Der Armreif scheint berühmt zu sein! Jeder, der in die Büsche geht, findet ihn.“
Ein anderer fragte: „Und was hast du mit ihm gemacht, Ihab?“ Er lachte. „Als ich am nächsten Tag wieder Holz sammeln war, habe ich ihn wütend aus der Tasche gezogen und weit weg ins Gebüsch geworfen.“ Wieder lachten alle und sagten: „Dann wird ihn wieder ein anderer zum Goldschmied bringen.“
Das war der Moment, als ich in diesem Krieg einmal das Gefühl von Glück verspürte. Ich weiß nicht, warum.
Da meldete sich Mahmoud zu Wort: „Ich habe eine Geschichte, wie ich einmal glücklich war.“ „Seid still!“, forderte ich daraufhin die Runde auf. „Lasst uns hören, wie Mahmoud glücklich war! Auf Mahmoud passt der Vers:
Mein Glück ist wie Mehl, das man über Dornen streute
Da sagten sie zu den Barfüßigen im Wind: Sammelt es auf!
Es fiel ihnen schwer, da sagten sie:
Wie könnt ihr einen glücklich machen, den mein Gott unglücklich machte?“
Dann bat ich ihn scherzend: „Erzähl, du Unglücklicher!“, und alle lachten.
Mahmoud erzählte: „Diese Geschichte ist mir in den ersten Monaten des Krieges passiert. Alle hatten Coupons bekommen, es gab niemanden, der keinen erhalten hatte, außer mir – obwohl ich arbeitslos war und Kinder habe. Aber ich habe stets gesagt: ‚Vielleicht hat die Sache ja auch ihr Gutes. Hab ein bisschen Geduld, guter Mann!‘
Eines Tages, als ich eine Weile durch Facebook und TikTok scrollte, erzeugte mein Telefon plötzlich den Ton einer ankommenden Message, obwohl ich selten Nachrichten bekomme. Ich habe die Meldung eilig geöffnet und das erste Wort gelesen: ‚Geh‘. Und für alle, die es nicht wissen: Das Passwort in Gaza heißt ‚Geh‘, denn alle Hilfsorganisationen beginnen ihre Nachrichten an die Menschen mit diesem Wort: ‚Geh zum Haus des Bürgermeisters Soundso‘, oder ‚Geh zur Baracke soundso in der Region soundso‘.
Ich lief zur angegebenen Adresse und stellte mir den ganzen Weg über vor, welcher Art der Coupon wohl sein würde. Es gibt nämlich zwei Arten Coupons: jene über den Wert von 500 Dollar und andere, die nicht mehr als zehn Dollar wert sind.
Als ich schließlich ankam, fand ich eine lange Schlange vor mir und erfuhr, dass der Coupon den Wert von sieben Schachteln Nahrungsergänzungsmittel hatte. Der Wert einer Schachtel betrug damals zwei Dollar, das bedeutete, dass der Coupon vierzehn Dollar wert war. Da habe ich mir gesagt: Wäre ich hin und zurück mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren, hätte ich genauso viel bezahlt, wie der Coupon wert ist. Aber ich habe auch gesagt: Macht nichts, ich warte trotzdem.
Am Ende habe ich die Nahrungsergänzungsmittel in Empfang genommen und kam mit den sieben Dosen auf dem Arm zu Hause an. Und kaum war ich eingetreten, fragte meine Frau: ‚Warum hast du den Coupon nicht bekommen?‘ Ich streckte meine Hand aus und sagte: ‚Das ist der Coupon.‘ ‚Nahrungsergänzungsmittel für Kinder? So einen Coupon habe ich mein ganzes Leben noch nicht gesehen! Was für ein Pech!‘
Ich gab meinen beiden Söhnen jeweils eine Schachtel, und kaum hatte einer von ihnen die Schachtel geöffnet und begonnen, das Stück zu kauen, klingelte mein Telefon. Ich ging dran, und jemand teilte mir mit, dass unser Haus bombardiert und unsere Wohnung komplett zerstört worden sei.
Ich legte auf und betrachtete meinen Sohn, der das Stück Nahrungsergänzungsmittel kaute. Da fragte meine Frau, die die Veränderung an mir bemerkt hatte: ‚Was ist los? Wer war das?‘ ‚Nichts … Wir werden wohl noch etwas länger in Dair Al-Balah bleiben müssen.‘ ‚Um Gottes Willen! Hat er dir etwa gesagt, dass unser Haus bombardiert wurde?‘ Ich nickte, und sie setzte sich und weinte bitterlich.“
Mahmoud schaute uns an und sagte: „Das war der Moment, als ich in diesem Krieg einmal das Gefühl von Glück verspürte. Ich weiß nicht, warum, aber irgendwie hatte ich den Eindruck, dass ich diese Schachteln mit meiner Wohnung bezahlt hatte. Verflucht seien diese Ergänzungsmittel, und verflucht sei der Tag, an dem ich geboren wurde, und verflucht sei das Schicksal, das uns diesen endlosen Krieg bescherte. Denn wer seine Wohnung verloren hat, meine lieben Freunde, für den ist der Krieg nicht zu Ende, denn die Wohnung ist eine kleine Heimat. Wie soll ich in einer großen Heimat leben, wenn ich in ihr nicht mal einen Flecken finde, auf den ich meinen Fuß setzen kann? Und kein Dach, das meiner Familie und mir Sicherheit bietet? Seit jenem Tag bin ich dutzende Male von Zelt zu Zelt gezogen, in verschiedenen Gegenden von Gaza, im Norden wie im Süden. Wisst ihr was? Das ist heute das erste Mal seit über zwei Jahren, dass ich wie ein normaler Mensch mit normalen Freunden zusammensitze und wir miteinander reden und uns zuhören.“
Mahmoud schwieg, genau wie die anderen. In dem Versuch, die fröhliche Atmosphäre wieder aufleben zu lassen, brach ich das Schweigen, damit die Zusammenkunft nicht von Trauer überlagert würde, vor der wir doch geflüchtet waren. „Mensch, Mahmoud, seit du die Hand gehoben und gesagt hast, dass du glücklich warst, hatte ich Herzklopfen. Ich habe mich gewundert, weil ich doch weiß, was für ein Pechvogel du seit deiner Geburt bist.“ Alle lachten, auch Mahmoud, und das Lachen wurde wieder zu dem, was es einmal gewesen war.
In Gaza lachen wir nicht, weil es uns gut geht, sondern weil die Alternative der Zusammenbruch ist, und weil das Herz, wenn es kein Ventil findet, erstickt.
Da sage Lina: „Ich werde euch über einen Augenblick erzählen, in dem ich das größte Glück verspürte. Das war zu der Zeit, als die Besatzung die Belagerung gegen uns im Norden noch verschärfte und wir noch nicht einmal die Tür unserer Wohnung öffnen konnten. Wir hatten damals überhaupt nichts zu essen zu Hause. Wir sind vor Hunger auf dem Boden gekrochen und haben Baumblätter gegessen.
Eines Tages saß ich in der Wohnung auf dem Bett und las einen Roman. Als ich kurz eingenickt bin, ist mir das Buch aus der Hand hinter das Bett gefallen. Ich kroch unter das Bett, um es aufzuheben, und entdeckte die größte Überraschung überhaupt: eine Orange, die unter das Bett gerollt war. Ich habe mich umgeschaut, niemand war da, und habe die Orange aufgehoben, die auf der einen Seite von weißem Schimmel überzogen, auf der anderen Seite aber unversehrt war. Wahrscheinlich war sie vor Wochen oder Monaten unter das Bett gefallen; es war, als hätte sie auf mich gewartet, um mir ein neues Leben zu schenken.
Ich weiß nicht, wie, aber ich bin eilig ins Badezimmer, habe die Tür hinter mir geschlossen und mich hingesetzt, die Orange geschält und angefangen, sie genüsslich zu verschlingen. Der Geschmack überwältigte mich, es war das Beste, was ich je in meinem Leben gegessen hatte. Ich habe die Stücke ausgewählt, an denen kein Schimmel haftete, Stück für Stück, bis die ganze Orange weg war. Nur die Schale blieb übrig, aber auch davon habe ich noch das Innere gegessen und stellenweise sogar die Schale selbst.
Die verschimmelten Reste warf ich aus dem kleinen Badezimmerfenster auf die Straße, um die Spuren des Verbrechens zu verbergen, wusch mir die Hände und ging zurück, kroch unter das Bett, holte das Buch hervor und sinnierte ein bisschen über mich selbst und tadelte mich sehr für das, was ich getan hatte. Wie hatte ich die Orange ganz allein essen können, wo sich meine Geschwister und meine Eltern doch vor Hunger krümmten? Ich hätte sie auf alle verteilen müssen! Was für eine Schande! Wie sehr habe ich mich in jenem Augenblick verachtet; ich werde mir das mein ganzes Leben lang nicht verzeihen.
Gleichzeitig aber habe ich begriffen, wie wertvoll das Leben und das Überleben sind. Hätte mich früher jemand gefragt: ‚Was hättest du gemacht, wenn du in Zeiten einer Hungersnot eine Orange fändest? Würdest du sie allein essen oder zusammen mit der Familie?‘, dann hätte ich sofort und ohne zu zögern geantwortet: ‚Mit der Familie!‘ Aber die Realität sieht anders aus, da klafft ein riesiger Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Es ist das Gleiche, wie wenn eine Familie mitten auf dem Meer aus dem Boot fiele: Dann würde jeder versuchen, sich selbst zu retten.
Mir gingen viele Gedanken durch den Kopf: Bin ich ein schlechter Mensch oder ist der Lebenswille einfach stärker? Aber ich werde diesen Moment, als ich die Orange verschlang, mein ganzes Leben lang nicht vergessen. Es war der Augenblick, in dem ich mit meinem ganzen Körper das größte Glück verspürte. Es war wirklich der einzige Moment während dieses ganzen Krieges, in dem ich glücklich war.“
In jenem Moment haben wir verstanden, dass Glück nicht das Gegenteil von Schmerz ist, sondern sein zeitweiser Begleiter.
Am Ende unseres Treffens haben wir keine eindeutige Definition für Glück gefunden und sind zu keinem philosophischen Schluss gelangt. Aber etwas haben wir ganz deutlich und schmerzlich begriffen: Glück im Krieg ist nicht gleich Glück zu anderen Zeiten, es kommt nicht vollkommen daher, nicht rein und nicht erhobenen Hauptes. Es ist ein flüchtiger Augenblick, ein gestohlener, manchmal ein peinlicher und manchmal ein schmerzhafter, aber es ist real genug, um als Mensch aufrecht zu bleiben. Wir haben gelernt, dass das Lachen kein Beweis für Leichtfertigkeit ist, sondern manchmal die letzte Form von Widerstand. Und das Humor nicht das Leben verspottet, sondern ein blindes Klammern ans Leben ist. In Gaza lachen wir nicht, weil es uns gut geht, sondern weil die Alternative der Zusammenbruch ist, und weil das Herz, wenn es kein Ventil findet, erstickt.
Wir haben nach dieser Sitzung unsere Geschichten mit uns genommen, wie wir unsere Wunden bei uns tragen, ohne von ihnen geheilt zu werden. Aber zumindest waren wir nicht mehr allein. Wir verstanden, dass jeder von uns seine eigene Orange hat, seinen gefälschten Armreif oder seine kurzfristige Wärme auf einem kalten Laster. Und dass diese kleinen Details, so banal oder hart sie auch sein mögen, unser Weiterleben ausmachen.
Der Krieg ist noch nicht wirklich vorbei, auch wenn die Gewehre schweigen, denn er wohnt in den Erinnerungen, im Verlust und in der Angst vor morgen. Doch in jener Nacht haben wir ihm etwas von seiner Macht genommen. Wir haben wie ganz normale Menschen zusammengesessen, geplaudert, gelacht, geschwiegen und ohne Verlegenheit geweint. Vielleicht war dies das Glück in seiner einfachsten Definition: zu spüren, dass man immer noch ein Mensch ist, der imstande ist zu fühlen, sich zu erinnern und zu reden. Vielleicht haben wir keine Häuser mehr, keine Sicherheit und keine klare Zukunft, aber wir haben die Geschichten, und wenn die Geschichten erzählt werden, wird das Leben ein wenig leichter. In jenem Moment haben wir verstanden, dass Glück nicht das Gegenteil von Schmerz ist, sondern sein zeitweiser Begleiter. Und dass wir weiterhin nach ihm suchen werden, nicht weil es uns gänzlich rettet, sondern weil es uns einen weiteren Grund gibt, den nächsten Tag zu überstehen.
Aus dem Arabischen von Larissa Bender

