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Hintergrund , : Protest, Organisierung und Macht im Iran

Kurdische Traditionen des Widerstands könnten einer progressiven Opposition als Vorbild dienen

Wichtige Fakten

Details

Menschenansammlung vor dem iranischen Parlament. Teils tragen die Protestierenden Streikwesten oder Arbeitshelme.
Vertragsarbeiter aus dem iranischen Öl- und Energiesektor und Mitarbeiter von Wohlfahrtsorganisationen aus dem ganzen Land versammeln sich am 10. Dezember 2025 zu einer Protestkundgebung vor dem Parlament in Teheran. Menschenrechtsorganisationen berichten von Tausenden Arbeitsprotesten und Streiks im vergangenen Jahr. Foto: Iran International

Die jüngste Protestwelle im Iran entfaltete sich vor dem Hintergrund massiver sozialer und ökonomischer Verwerfungen. In kurzer Zeit verschärften sich Preissteigerungen bei Grundnahrungsmitteln, Energie und Mieten, während zugleich die anhaltende Instabilität der Landeswährung den Kaufkraftverlust breiter Bevölkerungsschichten weiter verstärkte. Seit 2018 hat der iranische Rial gegenüber dem US-Dollar kontinuierlich an Wert verloren, allein seit 2021 um mehr als 80 Prozent. Die daraus entstandenen Proteste wurden vom Staat mit umfassender Gewalt niedergeschlagen (Stand: 25.1.2026). Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen haben Sicherheitskräfte des Regimes mehrere Tausend Menschen (laut einigen Quellen wie TIME etwa 30.000) getötet.

Kaveh Ghoreishi ist ein in Berlin lebender iranisch-kurdischer Journalist und Forscher. Seine Arbeiten zu Politik, Menschenrechten und Konflikten im Nahen Osten erscheinen auf Kurdisch, Persisch, Englisch und Deutsch.

Pedram Zarei ist Journalist und lebt als politischer Geflüchteter in Deutschland. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die kurdische Frage, kritische Psychologie und Kultursoziologie.

Diese ökonomische Zuspitzung ist jedoch weniger als singulärer Auslöser zu begreifen, denn als Verdichtung einer seit Jahren bestehenden strukturellen Krise. Interne Korruption, die sozialen Folgen internationaler Sanktionen, Hyperinflation sowie der fortschreitende Abbau sozialstaatlicher Sicherungen haben große Teile der Bevölkerung in eine dauerhafte existenzielle Unsicherheit gestürzt. Dass es in einem Land mit enormen Erdöl- und Erdgasreserven bereits zum dritten Mal innerhalb weniger Jahre zu landesweiten Massenprotesten kommt, verweist auf die Tiefe dieser Krise.

Allerdings greift eine rein ökonomische Erklärung der aktuellen Mobilisierungen zu kurz. Die fortschreitende Erosion materieller Lebensgrundlagen traf auf eine Gesellschaft, in der zentrale Formen sozialer Ungleichheit strukturell und verfassungsrechtlich verankert sind. Die systematische Unterordnung von Frauen, die anhaltende ethnische Diskriminierung nicht-persischer Bevölkerungsgruppen, sich weiter verschärfende Klassenunterschiede sowie die zunehmende Privatisierung öffentlicher Daseinsvorsorge – insbesondere im Gesundheitssektor – bilden den Hintergrund der Proteste. Hinzu kommt die kontinuierliche Einschränkung demokratischer Grundrechte, die politische Meinungsäußerungen jenseits staatlich kontrollierter Kanäle faktisch unmöglich macht. In den Protesten spiegeln sich damit unterschiedliche soziale, politische und gesellschaftliche Konfliktlinien wider, die sich im Alltag der Bevölkerung längst überlagert haben.

Gerade die jüngste Protestbewegung macht sichtbar, wie verwundbar Mobilisierung bleibt, wenn sie nicht in organisatorische Strukturen übersetzt wird. Die Erfahrungen aus Kurdistan zeigen, dass Protest dort, wo er auf gewachsene kollektive Praxis trifft, staatliche Gewalt zumindest partiell kanalisieren kann.

Auffällig ist, dass sowohl die Proteststrategien als auch die staatlichen Reaktionen regional deutlich variierten. In den kurdisch geprägten Regionen, die seit Jahrzehnten in besonderer Weise mit Militarisierung und politischer Repression konfrontiert sind, reagierten politische Akteure früh mit einer organisierten Form der Mobilisierung. Anfang Januar 2026 riefen sieben kurdische Parteien zu einem Generalstreik auf, der in zahlreichen Städten befolgt wurde. Dieser Streik stellte keinen Rückzug aus der politischen Konfrontation dar, sondern eine strategische Verschiebung: eine Form kollektiver Sichtbarkeit, die politische Handlungsfähigkeit signalisierte und zugleich das Risiko unmittelbarer Eskalationsspiralen auf der Straße begrenzen sollte – gerade in einem Kontext, in dem staatliche Gewalt historisch häufig unverhältnismäßig zuschlägt.

Parallel dazu kursierten politische Stellungnahmen und Appelle aus dem Ausland – etwa von Donald Trump, der mit Intervention drohte, sowie aus monarchistischen Exilkreisen um Reza Pahlavi, die zu landesweiten Straßenprotesten aufriefen. Diese externen Signale wirkten jedoch weniger als Ursache der Gewalt denn als Teil einer Gemengelage, in der der iranische Sicherheitsapparat Repression auch als Antwort auf vermeintliche „ausländische Einmischung“ legitimieren konnte. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum sich gerade in Kurdistan eine organisierte Protestpraxis herausbilden konnte, die Konfrontation und Selbstschutz miteinander verbindet, während vergleichbare Strukturen im politischen Zentrum des Landes weitgehend fehlen.

Kurdistan: Arbeitskämpfe und Generalstreik als politische Praxis

Eine Besonderheit dieser peripheren Dynamiken sind umfangreiche Erfahrungen mit kollektiven Arbeits- und Mobilisierungspraxen, auf die die kurdische Bevölkerung seit Jahrzehnten bei Protesten zurückgreift. Unter Zugrundelegung der klassischen Definition des Streiks als kollektive Arbeitsverweigerung zur Durchsetzung ökonomischer oder politischer Ziele lässt sich in Rojhelat (Iranisch-Kurdistan) seit den 1960er-Jahren eine kontinuierliche Geschichte von Arbeitskämpfen nachzeichnen. Frühe Beispiele – etwa die Streiks der Bäckergewerkschaften in Kermanschah und Sanandadsch (1965/66), Arbeitsniederlegungen im Zusammenhang mit dem Staudammbau in Bukan (heute in der Provinz West-Aserbaidschan) oder der politische Bauernstreik von Darsiran (heute in Marivan in der Provinz Kurdistan) – verdeutlichen, dass Streiks in Kurdistan von Beginn an über rein berufsständische Forderungen hinausgingen und politische Dimensionen annahmen.

Einen entscheidenden Wendepunkt markierte der organisierte Massenauszug aus der Stadt Marvian im Jahr 1979. Als politischer Generalstreik organisiert, zielte diese Aktion unmittelbar auf die Abwehr staatlicher Gewalt und begründete eine nachhaltige politische Tradition. Ihre zentrale Errungenschaft lag weniger in kurzfristigen Zugeständnissen als in der Erfahrung kollektiver Handlungsfähigkeit und politischer Wirksamkeit. Zugleich blieb diese Praxis historisch weitgehend auf Kurdistan beschränkt und konnte trotz wiederholter Protestwellen nicht in vergleichbarer Form auf andere Landesteile übertragen werden.

Im Unterschied zu berufsständischen Streiks, die primär ökonomische Konflikte zwischen Arbeit und Kapital adressieren, richtet sich der Generalstreik gegen die politische Ordnung selbst, indem er den gesellschaftlichen Reproduktionsprozess sektorenübergreifend unterbricht. Obwohl der Generalstreik historisch mit der Industrialisierung verbunden ist, zeigt das kurdische Beispiel, dass er auch jenseits vollständig industrialisierter Kontexte als wirksames Instrument politischer Mobilisierung fungieren kann. Spätestens seit 2009, nach der Hinrichtung kurdischer politischer Gefangener, entwickelte sich der Generalstreik in Kurdistan von einer historischen Praxis zu einem dominanten politischen Paradigma. Er ermöglichte politische Artikulation unter Bedingungen strukturellen Ausschlusses und band breite Bevölkerungsschichten unmittelbar in kollektive Entscheidungsprozesse ein. Der Generalstreik als Protestform verknüpfte sich zu einem bestimmten Zeitpunkt auch mit der Umweltfrage – einem Bereich, in dem es in Kurdistan eine eigenständige progressive Bewegung gibt. Im September 2018 traten die Menschen in Kurdistan in einen eintägigen Generalstreik, um gegen den mysteriösen Tod von vier kurdischen Umweltaktivisten zu protestieren. Diese Mobilisierung verdeutlicht, dass der Generalstreik in der Region nicht nur ein politisches Instrument ist, sondern auch die Möglichkeit bietet, kollektiv auf ökologische und humanitäre Katastrophen zu reagieren.

Während der Bewegung „Jin, Jiyan, Azadî“ („Frau, Leben, Freiheit“) gewann diese Praxis eine neue Qualität. Der Generalstreik nahm hier eine vermittelnde Funktion zwischen Straßenprotesten und kollektiver Selbstorganisation ein und bot einen gewissen Schutz vor staatlicher Gewalt. Auch der präventive Generalstreik im Januar 2025 gegen drohende Hinrichtungen markiert eine Verschiebung von reaktiver zu proaktiver politischer Praxis. Während Protestaufrufe von außen – etwa aus monarchistischen Exilkreisen oder von westlichen Regierungen – in der Regel auf symbolische Eskalation setzten, erwies sich der Generalstreik in Kurdistan als lokal verankerte Mobilisierungsform, die politische Sichtbarkeit herstellen kann, ohne die Bevölkerung einer maximalen Repressionslogik auszuliefern. Die Streiks werden durch Geschäftsschließungen und Arbeitsniederlegungen getragen. Trotz der drohenden strafrechtlichen Verfolgung entziehen sich die Beteiligten in der Ausnahmesituation der Straßenproteste zumindest der unmittelbaren Gefahr physischer Gewalt und tödlicher Repression. Dass staatliche Gewalt in den kurdischen Städten während der jüngsten Protestbewegung zumindest teilweise begrenzt blieb, ist vor diesem Hintergrund weniger Zufall als Ausdruck einer spezifischen Proteststrategie und einer historisch gewachsenen Protesttradition.

Trotzdem zeigte sich auch hier eine Beschränkung: Organisatorische Stärke übersetzte sich bislang nur begrenzt in diskursive Hegemonie. Sichtbar wurde das besonders im Umgang mit dem Slogan „Frau, Leben, Freiheit“.

„Frau, Leben, Freiheit“: Was geschah mit der Bewegung?

Mit der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ erlebte der Iran eine der progressivsten Protestmobilisierungen seiner postrevolutionären Geschichte. Der aus der kurdischen feministischen Freiheitsbewegung stammende Slogan vermochte es zeitweise, unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen unter einem gemeinsamen Banner zu versammeln und eine lange marginalisierte Geschlechterfrage ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung zu rücken. Seine rasche Verbreitung speiste sich nicht zuletzt aus seiner Offenheit: Er artikulierte eine radikale Ablehnung der bestehenden Ordnung, ohne diese unmittelbar programmatisch zu fixieren, und wurde so für sehr unterschiedliche soziale Erfahrungen anschlussfähig.

Gerade diese Breitenwirkung ging jedoch mit einer grundlegenden „Elaborationskrise“ einher. Damit ist eine Situation gemeint, in der ein politischer Slogan zwar mobilisiert und verbindet, es aber den politischen Akteur*innen nicht gelingt, die unterschiedlichen Erfahrungen, Erwartungen und politischen Bedeutungen, die sich in ihm bündeln, in einen gemeinsamen politischen Gehalt, eine geteilte Strategie oder einen verbindlichen Freiheitsbegriff zu übersetzen. „Frau, Leben, Freiheit“ wirkte als verbindende Parole, ohne dass sich daraus ein kollektiv getragenes politisches Projekt jenseits der Ablehnung des Regimes herausbildete.

In den kurdischen Regionen verfügte „Frau, Leben, Freiheit“ bereits vor seiner landesweiten Popularisierung über eine politische Entwicklungsgeschichte. Dort ist Frauenemanzipation seit Jahrzehnten integraler Bestandteil politischer Organisierung.

Unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen, Klassen und Regionen verbanden sehr Verschiedenes mit dem Slogan. Während er im politischen Zentrum des Landes häufig als Ausdruck individueller Selbstbestimmung und symbolischer Normüberschreitung verstanden wurde, bezeichnete er in anderen Kontexten eine umfassendere politische Perspektive, die soziale, ökonomische und kollektive Dimensionen von Befreiung einschloss. Die Mobilisierungskraft der Bewegung speiste sich aus dieser Mehrdeutigkeit – zugleich blieb unklar, welche politischen Inhalte und Ziele tatsächlich gemeinsam getragen werden sollen.

Diese Krise war jedoch kein Ausdruck der inhaltlichen Leere des Slogans, sondern Ergebnis seiner Entkontextualisierung. In den kurdischen Regionen verfügte „Frau, Leben, Freiheit“ bereits vor seiner landesweiten Popularisierung über eine politische Entwicklungsgeschichte. Dort ist Frauenemanzipation seit Jahrzehnten integraler Bestandteil politischer Organisierung. Linke kurdische Organisationen wie Komala integrierten Frauen frühzeitig nicht nur in politische Arbeit, sondern auch in organisatorische und – in bestimmten historischen Phasen – auch in bewaffnete Strukturen des Widerstands. Auch Parteien und Organisationen wie die Demokratische Partei Kurdistan Irans (KDPI), die Kurdistan Free Life Party (PJAK) oder die Kurdistan Freedom Party (PAK) verstehen Frauen nicht lediglich als symbolische Trägerinnen von Protest, sondern als aktive politische Subjekte innerhalb kollektiver Befreiungsprojekte. Freiheit wird hier historisch als etwas begriffen, das organisiert, verteidigt und gesellschaftlich verankert werden muss – nicht als individuelle Haltung oder persönliche Lebensentscheidung.

Vor diesem Hintergrund erhielt der Slogan in Kurdistan eine spezifische inhaltliche Dichte. „Frau, Leben, Freiheit“ bezog sich dort nicht nur auf individuelle Selbstbestimmung, sondern auf die Verbindung von Geschlechterbefreiung mit sozialer Gerechtigkeit, ethnischer Gleichberechtigung und der Zurückdrängung religiöser sowie patriarchaler Herrschaftsverhältnisse. Diese Bedeutungsaufladung war nicht Ergebnis diskursiver Zuschreibung, sondern Ausdruck konkreter historischer Erfahrungen: In Kurdistan sind nationale Unterdrückung, ökonomische Marginalisierung und patriarchale Gewalt strukturell miteinander verschränkt. Gerade diese Verschränkung machte dort den Slogan anschlussfähig und steht für ein kollektives, intersektionales Projekt.

Im politischen und medialen Zentrum des Landes wurde dieser historisch gewachsene Freiheitsbegriff jedoch nur fragmentarisch rezipiert. Die dominante Deutung orientierte sich am bürgerlichen Subjekt der urbanen Mittelschichten und reduzierte den Kampf um Geschlechtergerechtigkeit häufig auf individuelle Normüberschreitungen oder symbolische Akte des Widerstands, etwa gegen Einschränkungen der Kleidungsfreiheit. Die materiellen Lebensbedingungen von Frauen aus der sozialen und ethnischen Peripherie – von Arbeiterinnen, alleinstehenden Frauen oder Frauen in ökonomisch und familiär erzwungenen Abhängigkeitsverhältnissen – blieben dabei weitgehend unsichtbar. Klassenverhältnisse, soziale Reproduktionsarbeit und kollektive Organisierung gerieten zunehmend aus dem Blick.

Die Elaborationskrise des Slogans war damit weniger eine semantische Unschärfe als Ausdruck ungleicher politischer Erfahrung und ungleicher Diskursmacht. Akteurinnen, die die Forderung „Frau, Leben, Freiheit“ in ihrem intersektionalen, historisch gewachsenen Sinn artikulierten, verfügten aufgrund ihrer minoritären Position kaum über Zugang zu den zentralen medialen und politischen Arenen. Zugleich wurden diese Bedeutungen nicht nur marginalisiert, sondern aktiv entpolitisiert, indem ihre kollektiven, anti-autoritären und anti-patriarchalen Dimensionen zugunsten individualisierter Lesarten verdrängt wurden. So blieb die Bewegung trotz ihrer enormen Mobilisierungskraft politisch fragmentiert: Die Geschlechterfrage wurde individualisiert, während Klassenverhältnisse, kollektive Befreiungsperspektiven und organisierte feministische Traditionen zunehmend aus dem öffentlichen Diskurs verschwanden.

Gleichzeitig erklärt diese Offenheit auch, warum der Slogan in einer Phase tiefgreifender politischer Desorganisation eine so große Wirksamkeit entfalten konnte. Nach dem Scheitern des reformistischen Projekts und dem Zusammenbruch formaler oppositioneller Strukturen füllte „Frau, Leben, Freiheit“ ein politisches Vakuum. Er ermöglichte Mobilisierung dort, wo keine tragfähigen organisatorischen Strukturen mehr existierten. Doch gerade darin lag auch seine Grenze: Dort, wo der Slogan nicht auf gewachsene politische Organisationsformen traf, blieb er diskursiv. In Kurdistan hingegen konnte er an bestehende Traditionen kollektiven Handelns anknüpfen – ein Unterschied, der für das Verständnis der unterschiedlichen Protestdynamiken zentral ist.

Linke, Opposition und strategische Leerstelle

Die iranische Linke ist keine homogene, sondern eine stark zersplitterte politische Kraft, die bis heute unter den Folgen der Revolution von 1979 und der anschließenden Repression leidet. Große Teile der Linken kollaborierten in der frühen Phase der Revolution mit islamistischen Kräften und beteiligten sich an der Denunziation anderer linker Akteur*innen – ein Prozess, der zur Inhaftierung und Hinrichtung zahlreicher Genoss*innen führte. Der verbliebene Teil der linken Opposition zog sich in den folgenden Jahren vielfach nach Kurdistan zurück, ohne jedoch die dortigen politischen Forderungen – insbesondere das Recht auf Selbstbestimmung der Kurd*innen– vollständig anzuerkennen. Teile der iranischen Linken diffamierten die kurdische Autonomiebewegung als „nationalistisch“, während sie koloniale Machtverhältnisse zwischen Zentrum und Peripherie kaum reflektierten.

Diese ungelösten Konflikte wirken bis in die Gegenwart fort. Heute ist die Linke im Iran durch ein ausgeprägtes Sektierertum, ideologische Abschottung und organisatorische Fragmentierung gekennzeichnet. Teile orientieren sich politisch an der sogenannten „Achse des Widerstands“. Gemeint ist ein von der Islamischen Republik orchestrierter Machtblock autoritärer Staaten und Milizen, der einen rhetorischen Antiimperialismus mit eigener regionaler Hegemonialpolitik verbindet. Diese Orientierung geht häufig mit einem campistischen Weltbild einher. Andere wiederum hegen bei gleichzeitiger nationaler Orientierung diffuse Hoffnungen auf westliche Intervention oder einen liberalen Systemwechsel. Diese widersprüchlichen Bezugspunkte verhindern eine eigenständige politische Strategie und führen zu einer Haltung, die zugleich illusionär ist und handlungsunfähig macht.

In der gesellschaftlichen Wahrnehmung erscheint die Linke daher kaum als koalitionsfähige Kraft. Sie ist mit innerlinken theoretischen Auseinandersetzungen beschäftigt, die jenseits kleiner Zirkel auf keinerlei politische Resonanz stoßen, und bleibt im öffentlichen Diskurs randständig. Besonders deutlich wurde diese strategische Leerstelle zuletzt im Umgang mit der Abschiebung von rund einer Million Afghan*innen aus dem Iran. Das weitgehende Ausbleiben klarer linker Positionierungen hierzu verdeutlicht, dass selbst grundlegende Fragen von Internationalismus, Antirassismus und Solidarität nicht mehr selbstverständlich thematisiert werden. Die Krise der iranischen Linken ist damit weniger eine Frage fehlender Analyse als das Resultat einer tiefgreifenden politischen und organisatorischen Entfremdung von den realen sozialen Konflikten im Land.

Politisches Vakuum, rechte Aneignung und autoritäre Traditionslinien

Das politische Vakuum im Zentrum des Iran – verstärkt durch das Fehlen einer handlungsfähigen republikanischen Front aus linken, liberalen und demokratischen Kräften – eröffnete den Raum für nationalistische und autoritäre Akteure, die einfache Antworten auf komplexe gesellschaftliche Krisen anbieten. So konnten in den zurückliegenden Jahren rechte und monarchistische Strömungen an Einfluss gewinnen, indem sie auf politische Unsicherheit mit Versprechen von Ordnung, Einheit und nationaler Größe reagierten.

Solche Mobilisierungen hatten ihre Vorläufer im 20. Jahrhundert. Bereits in den 1930er- und 1940er-Jahren bestanden im Iran enge ideologische, politische und ökonomische Verflechtungen mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Historische Studien zeigen, dass die Modernisierungs- und Nationalisierungspolitik unter Reza Shah Pahlavi von einer intensiven Rezeption deutscher Ideologien begleitet war – insbesondere des arischen Ursprungsnarrativs, autoritärer Staatsvorstellungen und antisemitischer Weltbilder. Nationalsozialistische Organisationen, Propagandastrukturen und Medien waren im Iran aktiv, getragen von deutschen Unternehmen, diplomatischen Netzwerken und Teilen der lokalen Elite. Zeitgleich legten einige nationalistische Intellektuelle in Berlin mit der Herausgabe der Zeitschrift Kāveh die theoretischen Grundlagen für den iranischen Nationalismus.

In diesem Umfeld entstand mit SUMKA (Hezb-e Sosiyalist-e Melli-ye Kargaran-e Iran) sogar eine explizit nationalsozialistisch orientierte Partei, die sich offen an die Symbolik, Organisationsform und Ideologie des deutschen Faschismus anlehnte. SUMKA propagierte einen ethnisch definierten Nationalismus, Antisemitismus sowie das Führerprinzip und stellte einen Versuch dar, nationalsozialistische Ideologie an iranische Kontexte anzupassen. Auch wenn solche politischen Organisationen marginal blieben, verschwanden ihre Denkfiguren nicht, sondern wirkten als ideologische Sedimente fort und erwiesen sich für spätere autoritäre und nationalistische Projekten als anschlussfähig.

Die politische Bewegung um den Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi, knüpft weniger an demokratische Traditionen als an ein autoritäres Modernisierungsversprechen an, das Ordnung, nationale Einheit und territoriale Integrität über politische Pluralität stellt.

Diese autoritären Traditionslinien haben jedoch nicht nur eine ideologische, sondern auch eine materielle Dimension. So ist belegt, dass in den Jahren vor 1979 erhebliche Vermögenswerte aus staatlichen Einnahmen und öffentlichen Ressourcen über komplexe Finanzstrukturen ins Ausland transferiert wurden, unter anderem auf Schweizer Bankkonten. Die auf mehrere Milliarden US-Dollar geschätzte Kapitalflucht war kein individueller Exzess, sondern Ausdruck eines Herrschaftssystems, in dem politische Macht und private Bereicherung strukturell miteinander verschränkt waren. Dass diese materielle Enteignung gesellschaftlichen Reichtums in gegenwärtigen monarchistischen Erzählungen systematisch ausgeblendet wird, ist kein Zufall: Sie würde das Bild eines vermeintlich stabilen, modernen und wohlstandsfördernden Schah-Regimes fundamental infrage stellen.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die gegenwärtige Attraktivität monarchistischer Narrative besser verstehen. Die politische Bewegung um Reza Pahlavi, den ältesten Sohn des letzten Schahs, der seit 1979 in den USA lebt, knüpft weniger an demokratische Traditionen als an ein autoritäres Modernisierungsversprechen an, das Ordnung, nationale Einheit und territoriale Integrität über politische Pluralität stellt. Die Glorifizierung des Schah-Regimes, die Delegitimierung linker Politik als historisch gescheitert sowie die Skandalisierung föderaler oder emanzipatorischer Bestrebungen als „separatistisch“ reproduzieren Argumentationsmuster, die bereits in früheren autoritären Phasen und Strömungen wirksam waren.

Begünstigt wird diese Entwicklung durch die gesellschaftlichen Verwerfungen und Zurichtungen, die 48 Jahre islamistischer Herrschaft hervorgebracht haben – darunter ein strukturell geschwächtes Bildungssystem, was sich insbesondere im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften zeigt, ökonomische Prekarisierung sowie alltägliche Gewalterfahrungen (z.B. im Zusammenhang mit dem Verschleierungszwang). All dies hat die autoritären Dispositionen in Teilen der Gesellschaft gestärkt. In einem solchen Klima gewinnen nicht demokratisch gewählte Führungsfiguren und vereinfachende Weltbilder an Popularität. Hinzu kommt, dass ein nicht unerheblicher Teil der heutigen Unterstützer*innen monarchistischer Strömungen zuvor selbst in staatlichen oder staatsnahen Strukturen eingebunden war. Durch finanzielle Ressourcen und internationale Netzwerke konnte diese soziale Basis reaktiviert und zusammengeführt werden. Die daraus resultierende mediale Sichtbarkeit steht dabei in keinem Verhältnis zur realen gesellschaftlichen Verankerung dieser Bewegung im Iran. Es gibt zudem Hinweise darauf, dass ausländische Akteure, darunter der israelische Staat, gezielt Online-Kampagnen unterstützt haben sollen, um Reza Pahlavi als möglichen Nachfolger der gegenwärtigen iranischen Führung aufzubauen.

Dessen politische Alleingang in den vergangenen Jahren verdeutlicht jedoch die Grenzen dieses Vorhabens. Anstatt auf kollektive Entscheidungsprozesse, Bündnisfähigkeit oder die Anerkennung gesellschaftlicher Vielfalt zu setzen, vertritt Pahlavi ein autoritäres Führungsverständnis. Damit erscheint er weniger als demokratisch anschlussfähige Figur eines pluralen Umbruchs, denn als Symptom eines politischen Vakuums, in dem autoritäre Antworten mangels glaubwürdiger Alternativen erneut erheblichen Anklang finden.

Ausblick

Unabhängig davon, in welchem Ausmaß externe Interventionen den weiteren Verlauf der Proteste beeinflussen werden, verweist die bislang nur eingeschränkte Übernahme und politische Übersetzung kurdischer Protestformen auf eine zentrale Leerstelle der demokratischen und republikanischen Kräfte im politischen Zentrum des Iran. Soll verhindert werden, dass eine Regierungsbildung nach einem möglichen Sturz des Systems wie bereits 1979 maßgeblich durch äußere Interventionen bestimmt wird, statt durch demokratische Aushandlungsprozesse im Inneren, bedarf es einer politischen Annäherung zwischen kurdischen Akteur*innen und oppositionellen Kräften außerhalb Kurdistans. Eine solche gegenseitige Öffnung könnte nicht nur die Wirksamkeit gegenwärtiger Mobilisierungen erhöhen, sondern auch die politische Handlungsfähigkeit in einer möglichen Post-Regime-Phase entscheidend beeinflussen.

Gerade die jüngste Protestbewegung macht jedoch sichtbar, wie verwundbar Mobilisierung bleibt, wenn sie nicht in organisatorische Strukturen übersetzt wird. Die Erfahrungen aus Kurdistan – insbesondere die Tradition des Generalstreiks – zeigen, dass Protest dort, wo er auf gewachsene kollektive Praxis trifft, staatliche Gewalt zumindest partiell kanalisieren kann. Zugleich wird deutlich, dass diese Erfahrung außerhalb Kurdistans kaum rezipiert wurde – nicht zuletzt aufgrund fortbestehender Hierarchien, eines Überlegenheitsgefühls gegenüber der politischen Peripherie und der mangelnden Anerkennung grundlegender kollektiver Rechte. Trotz ihrer unbestreitbaren gesellschaftlichen Bedeutung hat die Bewegung damit erneut offengelegt: Mobilisierung allein ersetzt keine kollektive politische Handlungsfähigkeit und ohne deren Vermittlung bleibt selbst der radikalste Protest politisch fragil.

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