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Katja Hermann: Wie sehen die Bewohner*innen des Gazastreifens Trumps Gaza-Plan nach all den Informationen, die auf dem Treffen in Davos bekannt wurden?
Hossam Al Madhoun: Die Menschen in Gaza werden vor allem von der Hoffnung getragen, dass das Töten und die Hungersnot endlich aufhören. Der internationalen Gemeinschaft ist oft nicht bewusst, dass beides weiterhin anhält – wenn auch in geringerem Ausmaß. Die Menschen in Gaza sind völlig am Ende. Ich spreche nicht von der Hamas oder anderen bewaffneten Gruppen, sondern von den Menschen: vom Vater, der seine Familie nicht ernähren kann, von der Mutter, die keine ordentliche Toilette und keine Damenbinden hat. Die Menschen sind am Ende ihrer Kräfte und fühlen sich machtlos.
Ja oder Nein zu sagen, ist für machtlose Menschen ein Luxus, den sie nicht haben. Sie verfolgen die Entwicklungen natürlich und wissen, dass der Gaza-Masterplan von Jared Kushner nicht auf ihre Bedürfnisse und Interessen zugeschnitten ist. Die Menschen in Gaza sind damit beschäftigt, eine angemessene Unterkunft zu finden, etwa ein hochwertiges Zelt. Und Nahrungsmittel. Zwar gibt es auf den Märkten viele Lebensmittel, doch die große Mehrheit kann sie sich nicht leisten, weil sie weder Arbeit noch Geld hat. Die Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen – die nicht in ausreichender Menge nach Gaza geliefert werden darf.
Seit dem Waffenstillstand wurden mehr als 400 Menschen getötet, 30 Prozent davon Kinder. Am 31. Januar bombardierte die israelische Armee eine Polizeistation und tötete 23 Menschen – darunter einen angehenden Bräutigam, der gerade eine Genehmigung für seine Hochzeitsfeier an einem öffentlichen Ort beantragen wollte. Die Bewohner*innen Gazas wissen sehr genau, dass der Waffenstillstand nicht bedeutet, dass ihre Qualen ein Ende haben. Sie wissen auch, dass Israel den Status quo noch über Jahre aufrechterhalten will – einschließlich der Blockade, gezielter Angriffe auf beliebige Personen und der Kontrolle des Grenzübergangs Rafah. Selbst wenn dieser geöffnet wird, wird Israel dafür sorgen, dass mehr Menschen Gaza verlassen als nach Gaza zurückkehren.
Wie ich den Waffenstillstand bewerte? Gaza ist nicht mehr so präsent in den Nachrichten wie früher und es sieht weiterhin nicht danach aus, als würden Kriegsverbrecher*innen zur Rechenschaft gezogen. Das sind schlechte Nachrichten, nicht nur für Gaza, sondern für die gesamte Menschheit. Trumps Friedensrat ist nur ein Versuch, die UNO zu ersetzen und alle Entscheidungen in die Hände der Mächtigen zu legen, damit diese ihre eigenen Interessen durchsetzen können. Der Anspruch auf Grönland und die Entführung des venezolanischen Präsidenten sind Anzeichen für eine „Weltdiktatur“.
Wie nehmen die Menschen die neuen Machtstrukturen wahr?
Hier in Gaza interessiert es die Menschen nicht wirklich, wer regiert. Was ihnen wichtig ist, ist ein Leben in Würde und Sicherheit. Die Menschen werden erst einmal jede Regierung akzeptieren, die ihnen Nahrung und Würde bietet. Ein neues Regierungssystem wird jedoch dauerhaft nur tragfähig sein, wenn es das Selbstbestimmungsrecht der Menschen berücksichtigt – also das Recht, zu wählen, wer sie vertreten und regieren soll. Alles, was von außen aufgezwungen wird, ohne dass die Bewohner*innen Gazas ein Mitspracherecht haben, ist für die Menschen schwer zu akzeptieren. Wieder handelt es sich um eine von außen aufgezwungene Ordnung, und die Palästinenser*innen wissen, was es bedeutet, unter einer Mandatsmacht zu leben. Das hat immer dazu geführt, dass sie ihr Land, ihr Zuhause, ihre Sicherheit, ihre Würde und vieles mehr verloren haben. Aber angesichts der Katastrophe, in der sie leben, werden sie vorerst alles akzeptieren, was ihnen Hoffnung gibt.
Der Grenzübergang Rafah zwischen Ägypten und dem Gazastreifen wurde kürzlich geöffnet. Werden die Menschen diese Gelegenheit nutzen, um Gaza zu verlassen oder zurückzukehren?
Viele Menschen werden wohl gehen. Nicht weil sie Gaza verlassen wollen, sondern weil sie müde, verletzt und hungrig sind. Weil sie medizinische Versorgung benötigen, ihre Kinder zur Schule schicken und ohne Angst schlafen möchten. Die meisten, die gehen, tun dies gezwungenermaßen, nicht freiwillig. Sie bleiben mit Gaza im Herzen verbunden. Es ist keine leichte Entscheidung. Gleichzeitig würden viele Menschen, die derzeit außerhalb Gazas leben, gerne zurückkehren – aber wohin? Sie wollen echte Sicherheit, wiederaufgebaute Häuser, Arbeit und eine Zukunft. Gaza ist ihre Heimat, und Menschen verlassen ihre Heimat nur, wenn das Leben dort unerträglich wird.
Hossam Al Madhoun ist Kinderschutzbeauftragter und Theaterkünstler aus Gaza.
Was möchten die Bewohner*innen Gazas der Welt mitteilen?
Der Völkermord geht weiter, nur mit anderen Mitteln und Methoden. Gaza ist nicht mehr in den Nachrichten, aber das Töten geht weiter. Die Menschen in Gaza haben das Recht auf ein menschenwürdiges Leben. Doch dieses Recht wird ihnen von Israel und vom Westen seit langem vorenthalten. Wie gesagt: Alle Pläne, die das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser*innen ignorieren, drehen nur weiter am historischen Rad der Gewalt. Die Menschen werden sich immer nach Freiheit sehnen. Heute sind sie am Ende ihrer Kräfte. Doch wer weiß, was morgen kommt? Das größte Problem ist, dass der Friedensrat ganz ohne palästinensische Beteiligung auskommen soll.
Übersetzung von Cornelia Gritzner und Franck Traps für Gegensatz Translation Collective.


