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Die Finanzierung von Schutzmaßnahmen – etwa für tropische Wälder – gilt als zentrales Element der Klimapolitik und als Beitrag zu einem gerechten Umgang mit der Klimakrise. Doch je nachdem, wie sie ausgestaltet ist, kann sie globale Ungleichheiten verstärken und lokale Konflikte verschärfen. In ihrem neuen Buch “Klimahilfe mit Nebenwirkungen” zeigt Claudia Horn, Wissenschaftlerin am King’s College London, welche Auswirkungen Finanzierung für den Schutz des Amazonas in Brasilien hatte. Mit Juliane Schumacher hat sie über die wichtigsten Ergebnisse gesprochen.
Claudia Horn ist Dozentin für politische Ökonomie am King’s College London. Sie hat fünf Jahre in Belém gelebt und als Delegierte an mehreren COPs teilgenommen. Ihr Buch “Klimahilfe mit Nebenwirkungen. Kooperation und Konflikt im Namen des Amazonas-Schutzes“ ist vor Kurzem bei Oekom erschienen. Ein Auszug des Buches steht hier auf der Seite zum Download zur Verfügung.
Im November letzten Jahres fand die UN-Klimakonferenz, die COP30, in der brasilianischen Stadt Belém statt. Du hast mehrere Jahre dort gelebt. Was ist Belém für eine Stadt?
Ich habe fünf Jahre in Belém gelebt und neben meiner Forschung auch für die linke PSOL-Stadtregierung gearbeitet. Belém ist unbeschreiblich vielseitig und dynamisch, sowohl kulturell als auch politisch. Belém ist vom Fluss Guamá geprägt und hat 42 Inseln. Die Musik, Küche, Tänze und die vielen Straßenfeste sind von indigener, afro-brasilianischer, und kolonialen Kulturen geprägt. Ich habe nirgendwo herzlichere und offenere Menschen getroffen, die so stark mit ihrer natürlichen Umwelt und mit ihrer Stadt verbunden sind. Gleichzeitig ist Belém ein Ort, an dem sich Klima-Vulnerabilität, soziale Ungleichheit und die Klimakrise unmittelbar zeigen. Das ganze Jahr über herrschen 32 Grad und tropisches Regenwaldklima, aber selbst in den wenigen Jahren zwischen meinem Hinzug 2018 und heute hat sich die Regenzeit spürbar verkürzt und abgeschwächt. Brasilien erlebte in den vergangenen Jahren historische Dürren, die inzwischen fast 60 Prozent des Landes betreffen. Nebenflüsse des Amazonas erreichten Rekordtiefstände, was für Fischer*innen und Kleinbäuer*innen dramatische Folgen hatte. Viele Nachbarschaften Beléms, auch die Inseln, haben schlechte sanitäre Bedingungen.
Was war der Grund, gerade diese Stadt als Austragungsort zu wählen?
Belém wurde als Austragungsort der COP30 gewählt, weil Brasilien den Amazonas bewusst ins Zentrum der globalen Klimapolitik rücken wollte. Zum einen ist die Region von enormer Bedeutung für den weltweiten Klimaschutz: Sie beherbergt den größten tropischen Regenwald der Erde und steht zugleich unter massivem Druck durch Entwaldung, Landkonflikte und extraktivistische Wirtschaftsmodelle. Die Wahl von Belém statt der üblichen Zentren wie Brasília oder Rio de Janeiro sollte außerdem die politische und wirtschaftliche Bedeutung Amazoniens aufwerten: Sie sollte Investitionen in Infrastruktur und Bioökonomie anziehen und den Bundesstaat Pará als Akteur der ökologischen Transformation sichtbar machen. Die Umweltpolitik Brasiliens und der Landesregierung sind allerdings hochumstritten und die Nähe zu den betroffenen Gruppen brachte diesen Widerspruch offen zu Tage. Beléms Bewohner und die sozialen Bewegungen haben ihren Widerstand gegen Infrastrukrurprojekte wie die Ferrogrão Zugstrecke und die Tocantins-Araguaia-Wasserstraße sowie die Ölbohrungen und die Privatisierung der Häfen zum Export von Waren lautstark zum Ausdruck gebracht und Teilhabe in Klimaverhandlungen gefordert.
In deiner Forschung und deinem neuen Buch beschäftigst du dich damit, wie der Amazonas zum Schauplatz von Versuchen der Aneignung für einen grünen Kapitalismus wird. Warum ist dafür gerade der Amazonas so bedeutsam?
Der grüne Kapitalismus lebt von der widersprüchlichen Verlagerung von Umweltschäden in globale Peripherien und von der Erschließung neuer Vermögenswerte für einen stetig dominanteren Finanzsektor. Dies gilt insbesondere für sogenannte Ökosystemdienstleistungen wie die Kohlenstoffspeicherung der Regenwälder. Ansätze dieser Modelle gibt es seit den frühen 1990ern, seit dem Weltumweltgipfel in Rio de Janeiro 1992. Eigentlich sogar schon länger, seit der Wirtschaftsliberalisierung im Zuge der Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank in vielen Entwicklungsländern in den 1980er Jahren. Insbesondere Amazonien mit seiner unvergleichlichen Größe und natürlichen Biodiversität wurde zum Testgebiet, um Institutionen und auch zivile Unterstützung für marktbasierte Mechanismen wie Offset-Projekte aufzubauen. Solche Projekte sollen Emissionen ausgleichen, die anderswo entstehen – wie etwa Projekte im Rahmen des Mechanismus Reducing Emissions from Deforestation und Forest Degradation, kurz REDD+. Sie sollten beweisen, dass nachhaltiges Wachstum möglich ist. Die Idee des nachhaltigen Wachstums ist gescheitert. Aber zugleich haben konstante Investitionen und politische Einflussnahme es geschafft – auch in immer stärkerer Zusammenarbeit mit dem Agrarsektor selbst – marktbasierte Mechanismen zu konsolidieren und den grundsätzlichen und langanhaltenden Widerstand indigener und traditioneller Bewegungen gegen solche Ansätze zu marginalisieren.
Welche Argumente werden von den Befürworter:innen für solche naturbasierten Lösungen, etwa im Klimaschutz, vorgebracht? Und wer sind die Befürworter:innen?
Die Befürworter*innen sind Politiker:innen und Wirtschaftsvertreter:innen des globalen Nordens, die meisten Vertreter:innen der Entwicklungszusammenarbeit, sowie internationale Waldschutz-NGOs, von denen viele seit Jahrzehnten mit dem Privatsektor zusammenarbeiten. Seit Jahrzehnten machen sie in Brasilien und international dieselben Versprechen. International wird vor allem behauptet, dass diese Lösungen schneller wirken als der klimafreundliche Umbau der Wirtschaft, weil er Unternehmen wie Volkswagen, Aldi und Shell und anderen Investor*innen, die in Emissionszertifikate investieren, sogenannte “Anreize” biete. Vor allem wird behauptet, dass dadurch Geld in den Waldschutz fließe und bei den Gemeinschaften im Wald ankomme. Die menschenrechtlichen, technischen und klimapolitischen Risiken werden dabei stets heruntergespielt. Es wird behauptet, dass robuste Überwachungs- und Kontrollsysteme die Integrität, Wirksamkeit und Gerechtigkeit solcher Instrumente gewährleisten könnten.
Wie ist die Realität vor Ort? Wie sehen das die indigenen und lokalen Gemeinschaften?
Vor Ort gibt es keine einheitliche Position. Die Gruppen sind gespalten. Das hat auch mit den großen finanziellen Versprechungen und der geringen Transparenz bei diesen Mechanismen zu tun, sowie mit der mangelnden politischen Teilhabe der wirtschaftlich sehr schwachen Gemeinden. Viele indigene und traditionelle Gemeinschaften lehnen die Projekte ab oder stehen ihnen äußerst skeptisch gegenüber, da dabei zentrale Rechte verletzt werden. Mehrere REDD+-ähnliche Projekte im Amazonas stehen unter Verdacht, illegale Landaneignung zu begünstigen oder bestehende Landkonflikte zu verschärfen. So gibt es beispielsweise einen Bericht aus dem Jahr 2023, der zeigt, dass Firmen wie Carbonext – Brasiliens größter Erzeuger von Emissionszertifikaten, der teilweise im Besitz von Shell ist – Verträge in indigenen Territorien ohne ordnungsgemäße Konsultation abgeschlossen haben sollen. In Gebieten wie Alto Rio Guamá im Bundesstaat Pará berichteten indigene Gruppen, sie seien gedrängt worden, leere Blätter zu unterschreiben. Die Bundesstaatsanwaltschaft ermittelt wegen möglicher Menschenrechtsverletzungen, Betrug und Missachtung der Nationalen Behörde für Indigene (FUNAI). Ähnliche Vorwürfe hat es in Portel, Pará, gegeben, wo Projekte mit mutmaßlicher illegaler Landaneignung und ungültigen Dokumenten arbeiten. Zudem überschneiden sich manche Kohlenstoffprojekte mit Siedlungen für traditionelle und kollektive Landnutzung, ohne dass deren Bewohnende ausreichend beteiligt wurden. Viele sehen darin einen Angriff auf kollektive Landrechte und Entscheidungsautonomie. Andere Gemeinschaften erhoffen sich zwar potenzielle Einnahmen, kritisieren aber mangelnde Transparenz und fehlende langfristige Garantien.
Welche Auswirkungen haben solche Projekten auf den Amazonas bisher?
Der REDD+-Mechanismus beruht auf der Idee, dass direkte finanzielle Anreize und Zahlungen die Abkehr von Entwaldung bewirken können. Damit setzten sich in Brasilien marktorientierte Instrumente durch – allerdings begleitet von massiver Kritik wegen Betrug, Landraub und fehlender Kontrolle. REDD+ geht aber nicht auf die eigentlichen Gründe der Entwaldung ein, wie die Expansion der Agrarindustrie oder Infrastrukturprojekte. Die bisherigen REDD+-Pilotprojekte im Amazonas haben widersprüchliche Ergebnisse geliefert. Da sie die strukturellen Treiber der Entwaldung nicht angreifen, aber große finanzielle Versprechungen machen, haben sie zu viel Betrug geführt, jedoch nicht zu einer allgemeinen Verbesserung der Situation der Gemeinschaften.
Sie haben also nicht geholfen, die Entwaldung zu reduzieren?
Ein zentrales Problem bei REDD+ ist die Nutzung von „Business-as-usual“-Baselines: Projekte kalkulieren mit hypothetischen Szenarien einer stark steigenden Entwaldung – selbst wenn diese Trends real gar nicht eintreten. Dadurch können Gutschriften für „vermiedene Entwaldung“ vergeben werden, obwohl in den betreffenden Gebieten weiterhin abgeholzt wird. Anstatt Entwaldung strukturell zu verringern – etwa durch Eindämmung der Agrarindustrie –, konzentrieren sich die Projekte auf Zertifikatehandel und schaffen neue Abhängigkeiten von externen NGOs und Firmen. Insgesamt haben die Pilotprojekte weder eine messbare Reduktion der Entwaldung erbracht noch Vertrauen in den Gemeinschaften geschaffen; sie haben vielmehr gezeigt, wie anfällig REDD+ für Fehlanreize, Überkompensation und soziale Konflikte ist.
Mit dem Art. 6 hat das Pariser Abkommen einen neuen Mechanismus für den Handel mit Emissionszertifikaten geschaffen. Welche Rolle sollen Wälder darin spielen? Bisher waren Wälder ja von vielen UN-Handelssystemen wie dem Clean Development Mechanism (CDM) ausgenommen.
Artikel 6.2 ermöglicht den Handel von Emissionsminderungen zwischen Staaten, während Artikel 6.4 einen neuen, von der UN koordinierten globalen Marktmechanismus schafft, der den bisherigen Mechanismus, den CDM, ablöst. Die wichtigsten Neuerungen sind neue Buchhaltungsregeln, verpflichtende „corresponding adjustments“ zur Vermeidung von Doppelzählungen sowie ein zentrales UN-Register, das allerdings noch im Aufbau ist. Damit können Waldprojekte – die im CDM wegen Problemen der Dauerhaftigkeit, der Baselines und der Überprüfbarkeit weitgehend ausgeschlossen waren – nun grundsätzlich handelbare Gutschriften erzeugen, unter angeblich strengeren Anforderungen. Baselines, mit denen es viel Betrug gegeben hat, sollen wissenschaftlich belastbar und transparent sein, Emissionsminderungen zusätzlich und dauerhaft, und langfristiges Monitoring sowie Risikopuffer für mögliche Rückgänge sind verpflichtend. Es ist unklar, wie dies gewährleistet werden soll – insbesondere wenn man an die Erfahrungen mit der Bolsonaro-Regierung denkt…
…die große Teile der Umweltpolitik kurzfristig abgeschafft oder ausgehebelt hat.
Genau. Gleichzeitig wirft Artikel 6 ähnliche Gerechtigkeits- und Regulierungs-Fragen wie andere marktbasierte Mechanismen auf. Wenn Entwicklungsländer Emissionsminderungen aus Wäldern verkaufen, müssen sie diese aus ihren eigenen Klimabilanzen herausrechnen, was nationale Ambitionen schwächen und Anreize für niedrige Zielsetzungen schaffen kann. Zudem besteht die Gefahr, dass Wälder genutzt werden, um fossile Emissionen im Globalen Norden zu kompensieren, statt diese tatsächlich zu reduzieren. In Anbetracht des scheiternden sozialökologischen Umbaus in vielen Industrieländern sowie der zunehmenden Finanzialisierung von Land im globalen Süden zeichnet sich ab, dass marktbasierte Waldprojekte künftig eine zentrale Rolle spielen werden. Das ist sehr gefährlich.
Du hast die Auswirkungen entwicklungspolitischer Programme auf den Amazonas seit den 1980er Jahren untersucht. Welche Verschiebungen lassen sich über die Zeit da beobachten? Was zeichnet sich aktuell ab?
Einerseits haben sich die Möglichkeiten, Entwaldung zu kontrollieren – nicht zuletzt auch durch Unterstützung der Entwicklungszusammenarbeit – insgesamt verbessert, z.B. durch die Nutzung von Satellitentechnik. Außerdem haben indigene und traditionelle Gruppen an nationaler und internationaler Sichtbarkeit gewonnen. Mit dem commodities boom der frühen 2000er, dem starken Anstieg der Weltmarktpreise für viele Waren, von dem Brasilien profitierte, schien es, als könne nachhaltiges Wachstum klappen: In Amazonien ging die Entwaldung dank der Umsetzung von Sanktionen und der Bildung von neuen Schutzgebieten zurück, trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs. Allerdings hat sich gerade in dieser Zeit der Agrarsektor im Zentrum Brasiliens ausgebreitet und politisch konsolidiert. Er ist heute stärkste Kraft im Kongress. Beim Waldschutz wird oft auf hochentwickelte technischen Systeme und Landregistrierung gesetzt, die in einem riesigen Gebiet wie Amazonien allein nicht viel gegen Landkonflikte ausrichten können. Deshalb bleibt die Gewalt auf dem Land dramatisch, insbesondere die Gewalt gegen indigene und Umweltaktivist*innen gehört weltweit zu den höchsten. Parallel dazu lässt sich ein Wandel in der Entwicklungszusammenarbeit beobachten, der zur Finanzialisierung und zur Annäherung an den Privatsektor führt. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit spiegelt diese Prozesse wieder: In den 1990ern unterstütze sie vor allem Capacity building, den Aufbau von Umweltagenturen und die Demarkierung von indigenen Gebieten sowie Projekte mit kleinen Organisationen. Der Ruf, den Privatsektor—sprich Banken, die Industrie und das Agribusiness–in den Waldschutz einzubeziehen wurde dann jedoch immer lauter. Seitdem gibt es vermehrt Public-Private Partnerships mit Unternehmen und Projekte mit NGOs, die große Summen verbuchen können, allerdings oft als Mittelsmänner und Gatekeeper wirken, wobei lokale Gemeinden nicht strukturell politisch gestärkt werden.
Die globale geopolitische Situation hat sich über die letzten Jahrzehnte stark verändert, heute treten die BRICS-Staaten und auch Brasilien sehr viel selbstbewusster auf. Wie hat das den Umgang mit dem Amazonas verändert? Welche Auswirkungen hat das?
Die veränderte globale Geopolitik–insbesondere der Aufstieg der BRICS-Länder (Brasilien, Russland, Indien, Chinas und Südafrika), und Brasiliens selbstbewusstere Außenpolitik–hat das Verhältnis zum Amazonas deutlich verschoben: Traditionelle Geberländern wie Deutschland, Norwegen oder die Weltbank haben heute deutlich weniger Einfluss, und Brasilien definiert stärker selbst, wie der Wald geschützt und genutzt wird. Seit dem Ende der Bolsonaro-Regierung hat Lula zwar die Entwaldung drastisch reduziert und indigene Rechte gestärkt, steht aber zugleich unter massivem Druck der Agrarlobby. In diesem Kontext setzt Brasilien zunehmend auf ein Entwicklungsmodell, das auf der Finanzialisierung der Natur beruht: die „Bioökonomie“. Sie wird international – etwa im Rahmen der G20, der Gruppe der 20 größten Industrieländer, und in neuen Finanzierungsinstrumenten wie der Brasilianischen Investitionsplattform für Klima und ökologische Transformation – als nachhaltige Zukunftsstrategie präsentiert. In der Praxis bleibt sie jedoch widersprüchlich, da zentrale bioökonomische Sektoren wie Viehzucht, Holz oder Biokraftstoffe weiter Entwaldung, Landkonflikte und Wasserprobleme vorantreiben. Die neue geopolitische Selbstsicherheit hat Brasilien also mehr Handlungsspielraum verschafft, doch der Umgang mit dem Amazonas bleibt zwischen globalen Klimaansprüchen, nationalen Entwicklungsprojekten und lokalen sozialen Konflikten umkämpft.
In deinem Buch sprichst du oft von "grünen" Staaten, womit du auch Deutschland bezeichnest. Kannst du erklären, was du damit meinst? Und lässt sich, insbesondere über das letzte halbe Jahr, nicht eher eine Abkehr von einer solchen (zumindest diskursiven) grünen Politik beobachten?
In der Mainstream-Forschung wird angenommen, dass “grüne” liberale Industriestaaten ökologische Normen und Regulierungen wie Umweltverträglichkeitsprüfungen integrieren könnten und diese vermeintlich überlegenen Standards über ihre Entwicklungszusammenarbeit in den globalen Süden exportieren. Meine Kritik an diesem Narrativ ist, dass es die Realität des ungleichen ökologischen Austauschs systematisch ausblendet: Reiche Länder externalisieren die sozialen und ökologischen Kosten ihres Ressourcenverbrauchs und ihrer Emissionen in ärmere Länder, auch wenn sie sich als Vorreiter des Klimaschutzes präsentieren. Dieses Narrativ und die Klimahilfen werden konstant durch wirtschaftliche Wachstums- und Wettbewerbsprioritäten untergraben. Deutschland ist einer der stärksten Befürworter des EU-Mercosur-Abkommens, das 2024 beschlossen wurde und das EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen noch in diesem Jahr finalisieren will. Das Abkommen sieht höhere EU-Importquoten für Rindfleisch, Soja und Ethanol vor, wodurch die Nachfrage nach Agrarexporten aus Ländern wie Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay wächst. Diese Exportorientierung verstärkt die Ausbreitung großflächiger Landwirtschaft, insbesondere Viehzucht und Sojaanbau – und damit Entwaldung und Landraub in den südamerikanischen Biomen. Studien schätzen, dass allein die gesteigerte Rindfleischproduktion aufgrund des Abkommens die Entwaldung im Mercosur-Raum in den kommenden sechs Jahren um mindestens 25 Prozent pro Jahr erhöhen könnte.
Gerade in den vergangenen Jahren – und besonders deutlich im letzten halben Jahr–lässt sich zusätzlich eine Abkehr von einer solchen „grünen“ Politik beobachten. Deutschland verfehlt zentrale eigene Klimaverpflichtungen im Verkehrssektor und im Bereich der energieintensiven Industrien wie Chemie und Stahl, die weiterhin auf fossile Pfade setzen. Gleichzeitig wird durch Offsetting-Mechanismen der Druck erhöht, Emissionsminderungen im globalen Süden zu generieren. Das verschiebt ökologische Lasten und Konflikte – etwa über umstrittene Wald- und Kohlenstoffprojekte – in Regionen wie Amazonien.
Welche alternativen, gerechteren Vorschläge gäbe es, um den Wald zu schützen?
Es gibt in Brasilien bewährte Alternativen, die soziale Gerechtigkeit und effektiven Waldschutz miteinander verbinden. Zentral ist die Demarkierung der indigenen Gebiete, die Erfüllung ihrer territorialen Rechte, die in Brasiliens Verfassung von 1988 festgeschrieben sind. Es gibt aktuell über 160 Gebiete, die sich in der Prüfung befinden und die schnell demarkiert werden sollten – in hunderten anderen Gebieten hat der Staat bislang keinerlei Maßnahmen ergriffen. Ebenso wichtig ist eine umfassende Landreform. Marktbasierte Mechanismen setzen auf privaten Landbesitz – in Brasilien besitzt jedoch 1 Prozent der Bevölkerung fast die Hälfte des Landes, während traditionelle und indigene Gemeinschaften kollektive Nutzungsformen haben und systematisch marginalisiert werden. Kleinbetriebe machen über 50 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe aus, verfügen aber nur über 2,28 Prozent der Fläche. Klimapolitiken, die diese strukturellen Ungleichheiten ignorieren, reproduzieren sie. Vor allem aber gilt es, die strukturellen Treiber der Entwaldung anzugehen: die Expansion der Agrarindustrie sowie der Ausbau von Großinfrastruktur wie Straßen, Staudämmen, der Ferrogrão-Bahn oder Wasserstraßenprojekten wie am Tocantins. Die gewaltigen Subventionen, die heute in fossile Energien und nicht nachhaltige Agrarmodelle fließen, könnten in öffentliche Programme fließen, die den Schutz öffentlicher Wälder und die Agrarökologie fördern. Dadurch könnten lokale traditionelle Anbauformen politisch und wirtschaftlich gestärkt werden, was der stetigen Verarmung und Vertreibung der Gemeinden entgegenwirkt und zur Ernährungssicherheit und Bewahrung ihrer Kultur beiträgt. Solche Maßnahmen sind viel verlässlicher, da sie nicht von Marktzyklen und Börsenschwankungen abhängen, und sie ermöglichen echte Mitbestimmung: Entscheidungsgremien müssen indigene Völker und lokale Gemeinschaftsorganisationen mit realer Entscheidungsbefugnis einbeziehen. Klimagerechtigkeit erfordert also Politiken, die primär auf jene Bevölkerungsgruppen ausgerichtet sind, die die Wälder tatsächlich schützen – und nicht auf Finanzmärkte.




