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Hintergrund , : Russlands Klima-Nihilismus ist kein Sonderfall

Ob in Washington oder in Moskau – die herrschenden Klassen haben keinen Plan zur Bewältigung der planetaren Krise

Wichtige Fakten

Autorin
Vita Lacis,

Details

Ruslan Edelgeriyev, Sonderbeauftragter des Präsidenten für Klimafragen, trifft sich am 1. November 2025 im Kreml mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin.
Ruslan Edelgeriyev, Sonderbeauftragter des Präsidenten für Klimafragen, trifft sich am 1. November 2025 im Kreml mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin Foto: IMAGO / ITAR-TASS

„Wir sollten in Russland einen internationalen Offshore-Standort für Kohlenstoff schaffen, an dem wir eine klimabezogene ‚Neue Ökonomische Politik‘ für ausländische Unternehmen und Investitionen einführen. In dieser Zone werden dann kohlenstoffintensive Waren für den weltweiten Export produziert“


— IIwan Schidkich, Exekutivsekretär des Ausschusses für Klimapolitik und Kohlenstoffregulierung des Russischen Verbands der Industriellen und Unternehmer

Dieser augenzwinkernde Vorschlag eines Vertreters der einflussreichsten Lobbyorganisation Russlands, die als zentrale Schnittstelle zwischen den größten russischen Unternehmen und der nationalen Regierung fungiert, gewährt einen aufschlussreichen Einblick in die Denkweise der russischen herrschenden Klasse und ihre Vorstellungen von Klimapolitik in einer Welt, die sich inzwischen schnurstracks auf eine Überschreitung des Zwei-Grad-Ziels zubewegt.

Vita Lacis ist Wissenschaftlerin und Journalistin im Bereich Umwelt und Wirtschaft.

Trotz Russlands hervorgehobener Position auf dem Weltmarkt als einer der Hauptanbieter von Energieträgern – darunter fossile und atomare Brennstoffe, aber auch Düngemittel und Getreide – sind die Klimakrise und die Rolle, die Russland in ihr spielt, in der russischen Gesellschaft kaum sichtbar. Abgesehen von den indigenen Bevölkerungen der Arktis, deren Existenzgrundlagen unmittelbar von lokalen Ökosystemen abhängen, nimmt kaum jemand in Russland den Klimawandel als konkretes Problem wahr, das das eigene Leben bereits heute betrifft und nicht erst in einer fernen Zukunft. Im Laufe der 2010er Jahre, als es, wie in anderen Teilen der Welt auch, in Russland zu größeren Protestwellen kam, ging es dabei nicht um Klimafragen.

Dabei darf nicht übersehen werden, dass steigende Temperaturen auch in Russland eine bedeutende Rolle bei folgenschweren Ereignissen gespielt haben – etwa bei der wochenlangen Hitzewelle und den Waldbränden in Zentralrussland im Jahr 2010. Damals waren17 Millionen Menschen betroffen; die Katastrophe führte zu rund 55.000 zusätzlichen Todesfällen. Ein weiteres Beispiel ist die Sturzflut im Jahr 2012 in Krymsk, einer Kleinstadt am Schwarzen Meer, die innerhalb nur einer Nacht 170 Menschenleben forderte. Der Klimawandel zeigt sich zudem in Konflikten um grundlegende Lebensbedingungen: Längere und extremere Hitzewellen im Süden des Landes führen infolge des steigenden Energiebedarfs regelmäßig zu Stromausfällen und überlasten das ohnehin marode Stromnetz. Immer wieder treibt dies Menschen auf die Straße, die von lokalen und regionalen Behörden Rechenschaft einfordern.

Doch selbst wenn Klimawandel und mögliche Gegenmaßnahmen in den Medien thematisiert werden, schlagen sie sich kaum in politischen Forderungen nieder. Viele Russ*innen sehen den Klimawandel sogar als möglichen Vorteil für Russland, etwa in Form steigender Temperaturen mit milderen Wintern, des Zugewinns landwirtschaftlich nutzbarer Flächen oder der perspektivisch ganzjährigen Öffnung des Nördlichen Seewegs in der Arktis für die Schifffahrt.

Manche politische Kommentator*innen sind nur allzu schnell bereit, darin den Beweis für eine angeblich immanente Eigenschaft der russischen Gesellschaft zu sehen: Wenn Russ*innen schon nicht in der Lage gewesen seien, Widerstand gegen die Invasion der Ukraine zu leisten, so könne es kaum überraschen, dass sie auch ihre Regierung und die herrschenden Klassen nicht davon abhalten, die Zukunft des Planeten für kurzfristige Gewinne zu verspielen. 

Eine solche Lesart ist jedoch eine schwerwiegende Fehleinschätzung des Problems. Denn die vielgescholtene Unfähigkeit und Trägheit der russischen Gesellschaft, sich gegen Ungerechtigkeit aufzulehnen, wirkt auf Außenstehende gerade deshalb so erschreckend, weil sich das Verhalten in anderen Teilen der Welt – insbesondere in Europa und den USA – kaum davon unterscheidet.

In diesem Sinne hält Russland der sogenannten westlichen Welt einen Spiegel vor, in dem deren dystopische Züge in überzeichneter Form hervortreten: militarisiert, von geradezu barbarischer Gewalt geprägt, Zerstörung und Tod bringend, autoritär, feindselig gegenüber Migrant*innen und Minderheiten, karzeral und die Bevölkerung auf Schritt und Tritt überwachend. Die Technologien und Praktiken der Unterdrückung und Zerstörung, die der russische Staat derzeit sowohl in der Ukraine als auch innerhalb seiner eigenen Grenzen einsetzt, sind nicht isoliert entstanden. Vielmehr sind sie in enger Verflechtung mit den internationalen herrschenden Klassen sowie dem wissenschaftlich-militärisch-industriellen Komplex hervorgebracht worden – und werden bis heute von diesen reproduziert.[1] Entgegen anfänglicher Hoffnungen, Russlands aggressive Expansion könne dem global festgefahrenen Ausstieg aus fossilen Energieträgern einen dringend benötigten Impuls verleihen, steigen Produktion und Verbrauch von Kohle, Öl und Gas derweil weltweit weiterhin deutlich an.

Diese Ausführungen sollen Russland keineswegs von seiner Verantwortung freisprechen – weder auf der Ebene von Individuen noch von Organisationen oder Regierungen – noch dazu dienen, sich mit dem Verweis, es sei ja „überall dasselbe“, aus der Affäre zu ziehen. Sie sollen vielmehr dazu dienen, das Ausmaß der Aufgabe, vor der wir stehen, nüchtern zu benennen. Die ineinandergreifenden planetaren Krisen von Wirtschaft, Gesellschaft und Klima verlangen nach einem ebenso ineinandergreifenden politischen Subjekt, das ihnen wirksam begegnen könnte. Ein solches Subjekt existiert bislang nicht. Stattdessen erleben wir ein globales Wettrennen der Nationen in den Abgrund – die einzige Zukunft, die die jeweiligen herrschenden Klassen sich derzeit vorstellen können.

Russland: Ein Fossilungetüm ohnegleichen?

Sie mag vielleicht gut gemeint sein, aber die Vorstellung, es gebe einen früheren Status quo, zu dem man zurückkehren könne, sobald „böse Akteure“ wie Putin, Netanjahu oder Trump durch eine breite Koalition an den Rand gedrängt würden, erweist sich letztlich als schädlich. Denn gerade dieser Status quo und seine fortschreitende Selbstzerstörung haben uns an den Punkt geführt, an dem wir heute stehen. Das politische Zentrum löst sich vor unseren Augen auf. Es verliert seine Legitimität – sei es durch die serienmäßige Rettung großer Unternehmen und Banken während der Weltfinanzkrise, die moralischen Abgründe der Epstein-Affäre, die Aushöhlung des Völkerrechts in Gaza oder die generelle Unfähigkeit, der Klimakrise wirksam zu begegnen – ebenso wie die wahlpolitische Basis, die es bisher stützte. Befinden wir uns also in einer „Zeit der Monster“, in Antonio Gramscis berühmtem Interregnum? Vielleicht. Dennoch neige ich eher dazu, dem zuzustimmen, was Mike Davis kurz vor seinem Tod vor gut drei Jahren schrieb:

„Das würde voraussetzen, dass etwas Neues geboren wird oder überhaupt geboren werden könnte. Daran habe ich meine Zweifel. Stattdessen müssen wir einen Gehirntumor der herrschenden Klasse diagnostizieren: eine wachsende Unfähigkeit, den globalen Wandel kohärent als Grundlage zu begreifen, um gemeinsame Interessen festzulegen und groß angelegte Strategien zu entwickeln.“

Vielmehr erliegen wir zunehmend einem „Reich des Chaos“, wie es Samir Amin einmal bezeichnete: eine Welt, in der sich statt eines klaren Hegemoniewechsels der Niedergang der Hegemonie vollzieht, ohne dass sich eine sozialistische Alternative herausgebildet hätte, während die neoliberale Weltwirtschaft zunehmend entlang geopolitischer und geoökonomischer Bruchlinien zerfällt. An der Oberfläche manifestiert sich diese neue Ordnung (beziehungsweise ihre Abwesenheit) in der Zunahme militärischer Konflikte in Regionen, die sich als Peripherien des globalen Zentrums bezeichnen lassen. Unterdessen vollzieht sich darunter eine komplexe wirtschaftliche Umstrukturierung, angetrieben vom allmählichen Rückgang von Kapitalinvestitionen und Profitabilität, dem Aufstieg wirtschaftsnationalistischer Strategien sowie zutiefst ungleichen „grünen“ Transitionen.

Dies ist der Kontext, in dem die russische Regierung und die herrschende Klasse des Landes agieren. Sie versuchen, Russlands Rolle als subimperialer Akteur zu festigen und zugleich zu jenen zu gehören, die die Regeln einer möglichen neuen Ordnung definieren. Eine derbe Metapher, die auf den zahlreichen Foren und Konferenzen russischer Geschäftsleute und Wirtschaftsexpert*innen kursiert, bringt dies auf den Punkt: Russland müsse sich in diesen turbulenten Zeiten einen Platz am Tisch sichern – und dafür sorgen, nicht selbst auf der Speisekarte zu landen. Wenn dies den Tod und die Verstümmelung hunderttausender Ukrainer*innen (und Russ*innen), die Zerstörung ganzer Städte und Dörfer, die Vertreibung von Millionen Menschen sowie die Verwüstung ganzer Ökosysteme erfordert, dann wird dies als notwendiger Preis verbucht.

Zu ihrem großen Leidwesen finden sich die Staaten, die nicht über ein Atomarsenal verfügen, das sie vor diesem Schicksal schützen würde, auf ebenjener Speisekarte wieder. Noch schwerer wiegt jedoch, dass diese Einschätzung der russischen herrschenden Klasse hinsichtlich der gegenwärtigen Gemengelage von nahezu allen anderen herrschenden Klassen geteilt wird und sich weltweit auf sämtliche wirtschaftliche und politische Bereiche überträgt. Angesichts des Mangels an gemeinsamen, als erstrebenswert erachteten Zielen und Lösungen erscheint das individuelle Rettungsboot somit als der einzig verbleibende Ausweg aus der Krise.

Das wurde zuletzt auf dem Klimagipfel in Belém deutlich, der von gegensätzlichen Ansätzen und Interessen geprägt war. Während Russland, Saudi-Arabien und Indien eine Gruppe von Petrostaaten anführten, die selbst der bloßen Erwähnung fossiler Energieträger in der Abschlusserklärung widersprachen, stießen die Versuche Europas und seiner Verbündeten, einen CO2-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) einzuführen, auf erheblichen Widerstand. Die Mehrheit der Delegationen erkannte darin eine wirtschaftsnationalistische Maßnahme, mit der die grüne Transformation auf Kosten jener Länder finanziert werden soll, denen die technologischen und ökonomischen Voraussetzungen zur Dekarbonisierung fehlen. Das Ergebnis war ein Kompromiss, der niemanden zufriedenstellte und vor allem dazu beitrug, den katastrophalen energiepolitischen Status quo der Weltwirtschaft weiter zu verfestigen.

Mit anderen Worten: Russland ist kein Sonderfall. Die gegenwärtige nationale wie globale Lähmung ist tief verankert. Mit der zunehmenden Regionalisierung des Weltmarkts entstehen neue subimperiale Mächte im Schatten der traditionellen „gemeinsamen Herrschaft der Kernstaaten“. Länder wie die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien oder Brasilien übernehmen zunehmend proaktive, oft offen gewaltsame Rollen in den Handelssektoren, auf die sie sich spezialisieren, sowie in den regionalen Einflusszonen, die sie dominieren. Insbesondere dort, wo die USA und andere Kernstaaten sich strategisch zurückziehen – etwa in Teilen Subsahara-Afrikas oder Südostasiens –, setzen sie Marktdisziplin durch und erweitern ihre Ressourcenportfolios und Zielmärkte.[2] Gleichzeitig geht dieser partielle hegemoniale Rückzug mit einer direkteren Intervention in ausgewählten Schlüsselregionen und Branchen einher, wie etwa die Aggression der Trump-Regierung gegenüber Venezuela, die Drohungen gegenüber Grönland oder staatliche Beteiligungen der USA an Unternehmen wie Intel und an Firmen im Bereich kritischer Mineralien zeigen.

Das zynische Kalkül der herrschenden Klasse

Im Verlauf der postsowjetischen Entwicklung gelangte die russische herrschende Klasse zu drei Einsichten. Erstens wurde deutlich, dass ihr nach dem Niedergang der Sowjetunion ein geopolitischer „Platz am Tisch“ keineswegs garantiert war. Zweitens führte der rasche Einbruch der industriellen Produktionskapazitäten infolge der extremen neoliberalen Reformen der 1990er Jahre dazu, dass die nationale Wirtschaft hochgradig von wenigen, vergleichsweise technologiearmen Sektoren abhängig wurde – insbesondere von fossilen Brennstoffen und Petrochemie, Stahl sowie der Düngemittelproduktion. Damit fehlten zugleich die Anreize für eine Automatisierung oder technologische Modernisierung der Produktion. Russland war somit prädestiniert, im technologischen Wettbewerb zurückzufallen, und wurde zunehmend abhängig von importierten Technologien, etwa in den Bereichen Maschinenbau, Industrieanlagen und Halbleiter. Drittens erwiesen sich Strategien der Importsubstitution weitgehend als wirkungslos: Die meisten russischen Ersatzprodukte waren international nicht konkurrenzfähig, während der heimische Markt zu klein blieb, um sie in einem Umfang zu absorbieren, der ihre Profitabilität gesichert hätte. Der fortschreitende Verlust postsowjetischer Absatzmärkte verschärfte diese Dynamik zusätzlich.

Dieses Verhängnis eines vermeintlich unabwendbaren wirtschaftlichen Niedergangs wird nun auf perverse Weise in und auf Kosten der Ukraine „gelöst“, indem Russland sich auf seine einzige verbliebene international konkurrenzfähige Hightech-Industrie stützt: den Verteidigungssektor. Neben der demonstrativen Konfrontation mit der EU und den USA besteht die Hoffnung, dass der Krieg russische Produktionskapazitäten stimuliert und russische Unternehmen zumindest in ausgewählten wichtigen Wertschöpfungsketten an die technologische Spitze führt. Dies gilt insbesondere für Dual-Use-Technologien wie Drohnen, autonome Fahrzeuge oder Batterien. Finanziert werden können diese Branchen – ebenso wie der Krieg selbst – allerdings ausschließlich durch Superprofite aus fossilen Energieträgern.

In diesem Sinne unterscheidet sich das Ziel der russischen herrschenden Klasse kaum von dem großer Energiekonzerne und ihrer Aktionär*innen weltweit: Auch sie wollen die eigene Rolle als Anbieter von Energieträgern so lange wie möglich sichern. Um seine Position in der globalen Arbeitsteilung aufrechtzuerhalten, bemüht Russland sich, die Energiepreise im Land niedrig zu halten und die Dominanz über Versorgungswege und damit auch einen profitablen Exportverkehr zu sichern. Vor diesem Hintergrund erklären sich auch der russische Fokus auf die Arktis, insbesondere den Nördlichen Seeweg, und der Ausbau der atomaren Kapazitäten.

In einem solchen Szenario können „grüne“ Wertschöpfungsketten und Dekarbonisierungsvorhaben allenfalls als unterstützende Infrastruktur für die fortgesetzte Extraktion fossiler Rohstoffe und/oder für den militärisch-industriellen Komplex fungieren (und auf diese Weise als Schmiermittel einer Kapitalakkumulationsmaschine dienen): Sie setzen zusätzliches Öl und Gas für den Export frei, stellen Energie für die Förderung in entlegenen Regionen der „planetaren Mine“ bereit, diversifizieren Wertschöpfungsketten entlang von Dual-Use-Technologien und geben Öl- und Gaskonzernen ebenso wie dem Staat selbst mittels naturbasierter CO₂-Kompensationen und groß angelegter wissenschaftlicher Klimamonitoring-Projekte ein grünes Image.

Mit anderen Worten: Grüne Wertschöpfungsketten können sich lediglich innerhalb eines „Sicherheits-Nachhaltigkeits-Nexus“ entwickeln, in dem „Sicherheit“ sowohl ökonomische als auch militärische Dimensionen umfasst, während „Nachhaltigkeit“ primär das Fortbestehen und die Resilienz eines auf fossilen Brennstoffen beruhenden Wirtschaftsmodells bezeichnet. Daraus ergeben sich auch die Prioritäten einer vermeintlich „kosteneffizienten“ nationalen Klimapolitik: ein starker Fokus auf Monitoring und Anpassung statt auf tatsächliche Emissionsminderung sowie der Aufbau finanzieller Infrastruktur für Kohlenstoffmärkte, die es extraktiven Branchen erlauben, ihre Emissionen zu „kompensieren“. In diesem „realistischen Klimaansatz“ bleibt Dekarbonisierung eine bloße Abstraktion. Klimapolitik wird auf die Einführung der „richtigen“ Maßstäbe reduziert und stützt sich auf die Annahme angeblich unbegrenzter Absorptionskapazitäten von Ökosystemen – mit dem Ergebnis, dass Förderung und Verbrennung fossiler Energieträger ungehindert fortgesetzt werden können. Die einzigen realen Hindernisse erscheinen in dieser Logik ökonomischer Natur – etwa Zölle oder Marktregeln – und sollen durch taktische Regelkonformität oder wechselseitige Gegenmaßnahmen auf nationalstaatlicher Ebene überwunden werden.

Auch in dieser Hinsicht ist Russland kein Sonderfall, sondern vielmehr ein paradigmatisches Beispiel für einen „realistischen Klimaansatz“, dessen Grundzüge sich hier besonders deutlich nachvollziehen lassen. Die politökonomische Logik der russischen herrschenden Klasse durchdringt das gesamte gesellschaftliche Gefüge. Sie prägt ideologische und theoretische Rahmen wie das viel beschworene Projekt der „Souveränisierung“, das Russland als technologisch, wirtschaftlich und militärisch autonomen Staat mit regionalem wie globalem Machtanspruch entwirft. Diese Narrative verfestigen bereits bestehende Tendenzen der russischen politischen Ökonomie, indem sie deren Logik und Interessen als „natürlich“ oder „traditionsgebunden“ darstellen, während sie zugleich über offizielle Pläne und Programme weit in die Zukunft reichen und die politische Vorstellungskraft der herrschenden Klasse auf Jahrzehnte hinaus besetzen.

Für eine planetare Solidarität

Wie könnte also eine zukünftige ökosozialistische Politik in Russland und darüber hinaus aussehen? Innerhalb der Linken hat sich eine Einschätzung weitgehend durchgesetzt: Der Kapitalismus verzehrt unsere Zukunft in einem solchen Maße, dass sie kaum noch vorstellbar erscheint, jedenfalls jenseits des individuellen Erfolgs. Dieser wiederum bleibt auf die nationale Ebene beschränkt – im endlosen Wettlauf um Wachstum die Führung zu übernehmen. Die Neue Linke – oder das, was von ihr geblieben ist – hat in den vergangenen fünfzig Jahren im Wesentlichen zwei Antworten auf dieses Problem formuliert. Entweder passte man sich den gegebenen Voraussetzungen an, etwa durch breit angelegte linkspopulistische Projekte, die zumindest Teile des Sozialstaats wiederherzustellen suchten. Oder man zog sich in alternative Formen gemeinschaftlichen Lebens zurück, die an sozialistische und utopische Experimente des 19. Jahrhunderts anknüpften. Beide Strategien wurden weit über die sogenannte westliche Welt hinaus erprobt und beeinflussten auch linke Mobilisierungsansätze in Russland, wo die Linke nach dem Scheitern des sowjetischen Projekts nach Vorlagen für eine Neuerfindung suchen musste.

Heute jedoch existieren kaum noch Orte, an denen man sich in eine romantische Idylle der Autonomie zurückziehen könnte, während der politische Status quo, an den wir uns vielleicht anzupassen bemühten, in Trümmern liegt und sich der politische Mainstream zunehmend den genozidalen Tiefen nationalistischer Inbrunst hingibt. Die Schatten von Mariupol, Gaza und El Fasher liegen schwer über den Überresten des 21. Jahrhunderts. Gleichzeitig verstärken sich Klima-, Nahrungs- und Wasserkrisen gegenseitig und treiben die Ausbreitung des „Reichs des Chaos“ weiter voran. Das einstige Versprechen von Wachstum und Entwicklung mutiert zunehmend zu einem Versprechen, selbst von der Speisekarte gestrichen zu werden.

Ein Ausweg aus diesen albtraumhaften, zersplitterten Zukunftsszenarien, die das bestehende System hervorbringt, kann nur auf planetarer Ebene und durch eine radikale Neustrukturierung der bestehenden globalen Abhängigkeiten entstehen. Allerdings existiert ein planetarisches politisches Subjekt bislang nur als Leerstelle. Für russische Sozialist*innen – die meisten von ihnen im Exil – eröffnet sich die Möglichkeit, aktiv an seiner Herausbildung mitzuwirken: indem sie ihre Erfahrungen der Organisierung unter repressiven Bedingungen teilen, sich auf theoretischer und strategischer Ebene beteiligen, sich in lokale Kämpfe einbringen und ihre Analysen des russischen Staats und der russischen Gesellschaft in einen internationalen politischen Kampf einfließen lassen.

Weder Nationalstaaten noch Imperialmächte und ihre Bündnisse sind in Stein gemeißelt. Im Gegenteil: Wir können davon ausgehen, dass sie sich im Laufe unseres Lebens auflösen, neu anordnen und transformieren werden. Daraus folgt, dass der gegenwärtige historische Moment ein kollektives Neudenken der globalen Krise ebenso verlangt wie eine grundlegende Neuausrichtung solidarischer Politik. Dabei dürfen weder der Staat noch seine Interessen als alleinige Hauptbühnen des (politischen) Wandels gesetzt werden. Ausgangspunkt muss vielmehr die Einsicht sein, dass das notwendige politische Subjekt fehlt und daher erst begründet werden muss.

Dies allein wird keinen neuen Möglichkeitsraum garantieren. Das Vorhaben könnte jedoch genau das richtige sein, um den Staub vom Banner der „kommunistischen Hypothese“ zu entfernen, wie Alain Badiou sie einmal nannte, und der bestehenden Weltordnung die Notwendigkeit abzusprechen. Auch dies bleibt, wie jedes leitende Prinzip, zunächst eine Abstraktion. Unsere Aufgabe ist es, sie zu konkretisieren.
 

Übersetzung aus dem Englischen von Charlotte Thießen und Conny Gritzner für Gegensatz Translation Collective.
 


[1] Die Bezeichnung der Ukraine als „Testfeld“ für hochmoderne Militärtechnologien ist inzwischen so geläufig geworden, dass die ukrainische Regierung diese Praxis 2025 sogar formalisierte, indem sie das Programm „Test in der Ukraine“ ins Leben rief. Der russische militärisch-industrielle Komplex betrachtet das Schlachtfeld selbstverständlich in ganz ähnlicher Weise.

[2] Russlands eigene geopolitische Ausweitung kann anhand der Kartierung internationaler Projekte nachvollzogen werden, die das staatseigene Unternehmen Rosatom betreibt.

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