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Hintergrund , : Nordischer Sozialismus: Der Weg zu einer demokratischen Wirtschaft

Um der extremen Rechten zu begegnen, braucht die Linke eine überzeugende und realistische Alternative. Von Pelle Dragsted

Wichtige Fakten

Details

Streikende Arbeiter versammeln sich auf einem Platz in Kopenhagen
Dänische Gewerkschafter protestieren gegen die von der Regierung verabschiedeten Gesetze zur obligatorischen „Rückkehr an den Arbeitsplatz“ nach einem monatelangen Konflikt zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, Kopenhagen, 1. April 1985. Foto: IMAGO / Dean Pictures

Das Konzept des „nordischen Sozialismus“ begegnete mir erstmals im Herbst 2018. Damals saß ich in meinem Büro in Christiansborg, dem Sitz des dänischen Parlaments, als ich auf einen Bericht stieß, den die US-Regierung während der ersten Amtszeit von Donald Trump veröffentlicht hatte.

Pelle Dragsted ist Abgeordneter im Folketing und Sprecher der dänischen Linkspartei Enhedslisten – De rød-grønne.

Der Bericht war als Warnung an die US-amerikanische Bevölkerung gedacht – vor den offen auftretenden demokratischen Sozialist*innen innerhalb der Demokratischen Partei, wie etwa Bernie Sanders, Alexandria Ocasio-Cortez (AOC) und andere, sowie allgemein vor einer neuen Generation von Aktivist*innen, die Dänemark und andere nordische Länder als Inspiration für ihre Vorstellung eines demokratischem Sozialismus heranzogen. Ein Abschnitt des Berichts trug den Titel „Nordischer Sozialismus“ und sollte belegen, dass die nordischen Volkswirtschaften ineffizient und freiheitsfeindlich und die Menschen dort weniger wohlhabend seien, weil sie höhere Steuern und Preise ertragen müssten.

Schon einige Monate zuvor hatte auch Trish Regan, Moderatorin beim Fox Business Network, Dänemark in einem Beitrag über die „Ansteckungsgefahr“ des Sozialismus scharf kritisiert. Ihrer Ansicht nach hielten hohe Steuern sowie staatliche Leistungen für Arbeitslose und Studierende die Menschen davon ab, zu arbeiten oder ihr Studium abzuschließen, weil sie stattdessen lieber schicke Cafés eröffnen würden. „So sieht der Sozialismus aus“, sagte sie und verdrehte dabei die Augen.

Sowohl der Bericht des Weißen Hauses als auch Regans Beitrag bei Fox Business waren voller sachlicher Fehler in Bezug auf die dänische Wirtschaft, und sämtliche Parteien Dänemarks wiesen die Behauptungen zurück. Besonders empört reagierten die Menschen dort auf die Unterstellung, die nordische Wohlfahrtsgesellschaft habe überhaupt etwas mit Sozialismus zu tun. Als „völlig absurd“, bezeichnete der damalige Außenminister, Anders Samuelsen von der Partei Liberale Allianz, die Vorhaltung, und auch Finanzminister Kristian Jensen von der Partei Venstre nannte solche Aussagen „idiotisch“. Nicht zuletzt betonten auch die Sozialdemokrat*innen und ihre linken Verbündeten, dass Dänemark eine kapitalistische, freie Marktwirtschaft sei. Man habe zwar ein Sozialsystem – aber Sozialismus? Keineswegs.

Trump hatte in einem Punkt recht

Ich vertrete die These, dass Trump, Reagan und die politische Rechte in den USA tatsächlich recht haben, wenn sie die nordischen Länder als sozialistisch bezeichnen, oder dass ihre Einschätzung in diesem Punkt zumindest zutreffender ist, als man ihnen gemeinhin zugesteht. Unsere Unfähigkeit, die sozialistischen Elemente in unseren Wirtschaftssystemen zu erkennen, erklärt teilweise auch, warum es uns so schwerfällt, uns eine überzeugende und realistische Alternative zum Kapitalismus vorzustellen, sie auszuformulieren und überzeugend zu verteidigen. 

Natürlich sind die Volkswirtschaften Dänemarks und der anderen nordischen Länder nicht vollständig sozialistisch – davon sind sie weit entfernt. Aber ist die gegenteilige Behauptung, sie seien vollständig kapitalistisch, nicht ebenso absurd und idiotisch?

Die dänische Enzyklopädie definiert Kapitalismus als ein auf Lohnarbeit basierendes Wirtschaftssystem, in dem „die Produktion von Gütern und Dienstleistungen so organisiert ist, dass die Produktionsmittel, also Kapital – wie etwa Land, Rohstoffe und Maschinen – sowie die hergestellten Produkte selbst im Besitz von Kapitalisten sind, die für einen Markt produzieren, auf dem sie mit anderen Kapitalist*innen konkurrieren“. Nach dieser Definition lässt sich ein Großteil der dänischen Wirtschaft kaum als rein kapitalistisch bezeichnen: Der öffentliche Sektor macht rund ein Viertel unserer Gesamtwirtschaft aus. In diesem Bereich gehören die Produktionsmittel – Krankenhäuser, Schulen, Straßen, Eisenbahnen, Kindergärten, Pflegeheime, Bibliotheken – demokratisch gewählten Organen auf nationaler, regionaler oder kommunaler Ebene und werden von ihnen verwaltet. Sie sind also indirekt im Besitz der gesamten Bevölkerung.

Fast ein Drittel von uns ist in diesen demokratisch verwalteten Sektoren beschäftigt, die nicht für den Markt produzieren. Wir brauchen nichts bezahlen, wenn wir ins Krankenhaus, in die Vorschule oder ins Pflegeheim gehen. Finanziert werden diese Leistungen über ein solidarisches Steuersystem: Jede und jeder von uns zahlt einen Teil des Einkommens in einen gemeinsamen Topf ein, aus dem die Gehälter der Beschäftigten im öffentlichen Dienst und andere Ausgaben bezahlt werden. So erhalten alle einen gleichberechtigten Zugang zu den Leistungen einer Wohlfahrtsgesellschaft – etwa zu kostenloser Gesundheitsversorgung, Bildung und anderen Dienstleistungen. Diese Struktur des dänischen Systems steht in deutlichem Gegensatz zur klassischen Definition einer kapitalistischen Marktwirtschaft, wie sie in der dänischen Enzyklopädie beschrieben wird.

Unzufriedenheit mit dem Status quo allein reicht nicht aus, um Veränderung hervorzubringen – es braucht auch eine Perspektive, die als möglich und realistisch wahrgenommen wird. Doch den Sozialist*innen ist es offenkundig nicht gelungen, eine Mehrheit davon zu überzeugen, dass der Aufbau einer neuen, gerechteren Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung tatsächlich machbar ist.

Darüber hinaus ist dieses demokratische Eigentumsmodell, bei dem die Produktionsmittel nicht einer kleinen Gruppe von Kapitalist*innen, sondern der Allgemeinheit gehören, in Dänemark keineswegs auf den öffentlichen Sektor beschränkt. Auch im privaten Sektor gibt es große Bereiche demokratischen Eigentums, in denen Bürger*innen gemeinsam Unternehmen besitzen und verwalten. So ist unsere zweitgrößte Lebensmittelkette, Coop, eine Genossenschaft mit rund 1,8 Millionen Mitgliedern. Diese Mitglieder wählen etwa 3.000 lokale Vorstandsmitglieder und die Unternehmensführung. Von unserem Konsum profitieren hier keine externen Kapitalist*innen, denn wir sind selbst die Eigentümer*innen.

In unserem Versorgungssektor ist demokratisches Eigentum eher die Regel als die Ausnahme. Strom, Wasser und Wärme werden überwiegend von Genossenschaften produziert und bereitgestellt, die uns selbst gehören. Überschüsse aus diesen Unternehmen fließen nicht an Kapitaleigner*innen, sondern werden entweder an die Kund*innen zurückgegeben oder zu deren Gunsten reinvestiert. Auch hier wählen letztere selbst die Führung und nehmen über lokale Wohnungsbaugesellschaften direkten Einfluss.

Selbst unser häufig kritisierter Finanzsektor weist eine stark demokratische und nichtkapitalistische Komponente auf. Es gibt Genossenschaftsbanken, die ihren Kund*innen gehören und von ihnen kontrolliert werden. Unsere größte Hypothekenbank, Nykredit, gehört der Gesamtheit aller Kreditnehmer*innen von Nykredit und der Bank Totalkredit. Hinzu kommen zahlreiche Gegenseitigkeitsgesellschaften, die den Versicherungsnehmer*innen gehören. Und unsere demokratischen Rentenfonds verwalten Milliardenbeträge und sichern den Lohn- und Gehaltsempfänger*innen Renditen.

Natürlich stehen diese demokratisch geführten Unternehmen vor vielen Herausforderungen. Im öffentlichen Sektor besitzen die Bürger*innen nur begrenzten Einfluss. Und im privaten Sektor führte die Zentralisierung dazu, dass die Mitbestimmung deutlich an Gewicht verlor. Dennoch unterscheiden sich die Unternehmen in diesen Bereichen immer noch grundlegend von kapitalistischen Unternehmen, da ihr Ziel nicht darin besteht, Gewinne für abwesende Aktionär*innen zu erwirtschaften.

In den übrigen nordischen Ländern zeigt sich ein ähnliches Bild. In Norwegen, Schweden und Finnland befinden sich essenzielle Unternehmen in staatlicher Hand, und der Staat verfügt über die Kontrolle über einen großen Teil des Investitionskapitals. Wie in Dänemark gibt es auch dort eine lange Tradition demokratisch organisierter Genossenschaften. Doch sind diese öffentlichen und privatwirtschaftlichen, demokratisch geführten Betriebe tatsächlich nur ein weiterer Teil des Kapitalismus, obwohl sie diesem Prinzip definitionsgemäß widersprechen? Oder sind sie nicht vielmehr von sozialistischen Vorstellungen kollektiven Eigentums und demokratischer Verwaltung geprägt?

Nicht, wenn es nach der zeitgenössischen Sozialdemokratie, die Sozialismus mit Staatseigentum und zentraler Planwirtschaft nach sowjetischem Vorbild gleichsetzt, oder der revolutionären Linken geht, die einwendet, dass selbst demokratischere Unternehmensformen der kapitalistischen Ökonomie untergeordnet blieben und daher nichts mit Sozialismus zu tun hätten. Ihrer Auffassung nach könne erst der Sturz der bestehenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung den Sozialismus möglich machen. Sowohl Sozialdemokrat*innen als auch die revolutionäre Linke begreifen den Kapitalismus deshalb als ein totalitäres und allumfassendes System, das die gesamte Wirtschaft durchdringt. Es gibt nichts außerhalb davon – alles ist Kapitalismus.

Ich bin der Ansicht, dass gerade diese binäre Vorstellung – hier der Kapitalismus als allumfassendes System, dort der Sozialismus als utopisches Zukunftsprojekt – die Anstrengungen der Linken für eine solidarischere und wirtschaftlich gerechtere Gesellschaft über lange Zeit gelähmt hat. Die Art und Weise, wie wir unsere Aufgabe definierten, hat letztlich ihre Umsetzung verhindert.

Wie könnte eine Welt jenseits des Kapitalismus aussehen?

„Es ist leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus“, stellte der Philosoph Slavoj Žižek einmal frustriert fest. Er meinte damit, dass es der Linken trotz der wachsenden Unzufriedenheit mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise und ihren Auswirkungen auf Mensch und Umwelt bislang nicht gelungen ist, eine überzeugende Strategie für den Übergang zu einer nichtkapitalistischen Gesellschaft zu entwickeln.

Und er hat recht: Wir erleben derzeit einen historischen Wendepunkt, an dem immer mehr Menschen die Folgen des Kapitalismus kritisch hinterfragen. Dazu zählen die drastisch wachsende Ungleichheit zwischen den Eliten und den breiten Bevölkerungsschichten, wiederkehrende Wirtschaftskrisen, die Millionen von Menschen in die Arbeitslosigkeit stürzen lassen, die schrittweise Demontage des Wohlfahrtsstaates und der von früheren Generationen erkämpften ökonomischen Sicherheit, die Erosion stabiler Arbeitsverhältnisse und nicht zuletzt die Klimakrise, die unsere weitere Existenz auf diesem Planeten bedroht.

Nach der Finanzkrise von 2008 formierten sich neue, kraftvolle Protestbewegungen: angefangen bei der 15M-Bewegung, als junge Aktivist*innen in Spanien öffentliche Plätze besetzten, über Occupy Wall Street und Black Lives Matter bis hin zur Klimabewegung, die unter dem Motto „Systemwandel statt Klimawandel“ von Sydney bis Berlin auf die Straße ging. Ein tiefes Bedürfnis nach Veränderung ist spürbar, ebenso wie die Hoffnung, eine Welt schaffen zu können, in der die Menschen tatsächlich gleichberechtigt sowie freier und sicherer leben – in Einklang mit der Natur und miteinander.

Meinungsumfragen belegen eine wachsende Ablehnung des Kapitalismus. So ergab eine Umfrage aus dem Jahr 2015, dass 65 Prozent der Brit*innen den Kapitalismus für ungerecht halten. In Deutschland begegnen ihm sogar 77 Prozent mit Skepsis. In den USA ist unter jungen Menschen zwischen 18 und 29 Jahren die Einstellung zum Sozialismus inzwischen positiver als jene zum Kapitalismus. 

Doch trotz dieser wachsenden Unzufriedenheit und der zunehmenden Zweifel an unserem vorherrschenden Wirtschaftsmodell, trotz des Wunsches nach Veränderung ist es der Linken bislang nicht gelungen, eine Mehrheit für eine echte Alternative zum Kapitalismus zu gewinnen. Zwar gab es lokale Erfolge und wachsende Unterstützung für Gegenentwürfe, doch nirgends wurde der neoliberale Status quo ernsthaft infrage gestellt.

Immerhin ist es Menschen im Lauf seiner Geschichte immer wieder gelungen, sich zusammenzuschließen und Alternativen zu entwickeln, die seiner Logik widersprechen, Macht und Eigentum bei wenigen zu bündeln. Tatsächlich haben wir bereits Schritte hin zu einer demokratischeren Wirtschaftsweise gemacht – und sind dem Sozialismus womöglich näher, als wir selbst glauben.

Die entscheidende Frage ist: Warum? Ich denke, der Hauptgrund liegt darin, dass es den meisten Menschen schwerfällt, an eine bessere Alternative zu glauben. Unzufriedenheit mit dem Status quo allein reicht nicht aus, um Veränderung hervorzubringen – es braucht auch eine Perspektive, die als möglich und realistisch wahrgenommen wird. Doch den Sozialist*innen ist es offenkundig nicht gelungen, eine Mehrheit davon zu überzeugen, dass der Aufbau einer neuen, gerechteren Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung tatsächlich machbar ist. Dass Sozialdemokrat*innen heute vielfach eine Politik betreiben, die sich kaum noch von jener der Rechten unterscheidet, hat den Eindruck verstärkt, es gebe in der Tat keine Alternative zum bestehenden kapitalistischen System.

Hinzu kommt, dass von linksaußen kommende Forderungen nach dem Sturz des Kapitalismus oder nach einer sozialistischen Machtübernahme von der Mehrheit als undurchführbar, unrealistisch oder sogar beängstigend wahrgenommen werden – nicht zuletzt, weil viele Menschen sozialistische Ideen mit den Planwirtschaften Osteuropas aus der Vergangenheit verbinden. In seinem Buch Capitalist Realism beschreibt der britische Aktivist und Autor Mark Fisher genau diesen Zustand: die weit verbreitete Akzeptanz der Vorstellung, dass „der Kapitalismus nicht nur das einzig praktikable politische und wirtschaftliche System ist, sondern dass es inzwischen sogar unmöglich erscheint, sich eine kohärente Alternative dazu vorzustellen“.

Ich kann die vielen Male kaum zählen, bei denen ich – bei politischen Treffen, in Debatten in den sozialen Medien, in Gesprächen im Zug, im Bus oder im Supermarkt – auf Skepsis gegenüber der Idee gestoßen bin, dass es überhaupt eine Alternative zum Kapitalismus geben könnte. Ich habe unzählige Menschen getroffen, Jung und Alt, aus allen gesellschaftlichen Schichten, die eine tiefe Unzufriedenheit darüber empfinden, was aus der Welt geworden ist, und dennoch Mühe haben, sich vorzustellen, dass es möglich sein soll, Wirtschaft und Gesellschaft gerechter und demokratischer zu organisieren. 

Meiner Ansicht nach lässt sich diese Unfähigkeit, uns Alternativen zum Kapitalismus vorzustellen und konkrete Ideen zu entwickeln, die als realistisch und zugleich attraktiv gelten, im Wesentlichen auf zwei Faktoren zurückführen: erstens auf unsere bereits erwähnte Blindheit gegenüber den sozialistischen Elementen, die schon heute in unserer Gesellschaft existieren, und zweitens auf die Vorstellung vom Kapitalismus als einem allumfassenden System, das das Ende der Geschichte markiert. Vor allem der zweite Punkt hat, so meine ich, einerseits dazu geführt, dass sich die Sozialdemokrat*innen dem kapitalistischen Realismus ergeben haben, und andererseits dazu, dass die Linke in der utopischen Vision des Sozialismus als Revolution gefangen bleibt. 

Der Sozialismus ist bereits da

Was aber, wenn der Kapitalismus gar nicht so mächtig und allgegenwärtig ist, wie wir oft annehmen? Immerhin ist es Menschen im Lauf seiner Geschichte immer wieder gelungen, sich zusammenzuschließen und Alternativen zu entwickeln, die seiner Logik widersprechen, Macht und Eigentum bei wenigen zu bündeln. Tatsächlich haben wir bereits Schritte hin zu einer demokratischeren Wirtschaftsweise gemacht – und sind dem Sozialismus womöglich näher, als wir selbst glauben.

Was wäre, wenn wir – statt sehr unterschiedliche soziale und ökonomische Phänomene pauschal in eine Schublade mit der Aufschrift „Kapitalismus“ zu stecken – anerkennen würden, dass der Kapitalismus nicht unsere gesamte Wirtschaft ausmacht und sich von Anfang an den Raum mit demokratischeren und sozialistischeren Formen von Eigentum und Verteilung geteilt hat? Und dass Trump tatsächlich recht hat, wenn er sagt, die nordischen Volkswirtschaften seien von starken sozialistischen Tendenzen geprägt?

Diese Einsicht ist gerade deshalb bedeutsam, weil das Verständnis unserer Wirtschaft als Geflecht unterschiedlicher Produktionsweisen neue und bessere Möglichkeiten eröffnet, über sozialen Wandel nachzudenken und diesen argumentativ zu propagieren.

Erstens verankert ein solches Verständnis den Sozialismus konkret in der uns vertrauten Realität und in den gesellschaftlichen Fortschritten, die bereits erreicht wurden. Indem wir jene Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche benennen und anerkennen, die schon heute nicht kapitalistisch organisiert sind, wird deutlich: Sozialismus ist keine utopische Zukunftsvision, sondern in Teilen bereits Wirklichkeit.

Zweitens befreit uns dieses Verständnis von der Wahl zwischen lediglich zwei Alternativen: einem mehr oder weniger regulierten Kapitalismus auf der einen Seite und einem vollständigen, allumfassenden Umsturz des bestehenden Wirtschaftssystems auf der anderen – einer Strategie, die in der gesamten Menschheitsgeschichte noch nie erfolgreich war. Statt Volkswirtschaften und Gesellschaften nur als entweder kapitalistisch oder sozialistisch zu begreifen, können wir sie als mehr oder weniger kapitalistisch und mehr oder weniger sozialistisch denken. Das eröffnet die Möglichkeit, unsere Gesellschaft schrittweise sozialistischer und weniger kapitalistisch zu gestalten, indem wir die Bereiche der Wirtschaft ausweiten, die sich in demokratischem Eigentum befinden und demokratisch verwaltet werden, und zugleich Umfang und Einfluss der Marktwirtschaft zurückdrängen – nicht als plötzlicher Bruch, sondern als fortlaufende Transformation.

Die nordische Erfahrung

Die Feststellung, dass der Kapitalismus nicht allumfassend ist, trifft besonders auf Dänemark und die übrigen nordischen Länder zu. Aus diesem Grund schlage ich vor, Trumps Begriff des „nordischen Sozialismus“ aufzugreifen, ihn uns zu eigen zu machen und zu einem Symbol für einen neuen, modernen und demokratischen Sozialismus zu entwickeln – inspiriert von unseren eigenen Erfahrungen mit sozialistischen Ideen, die sich im Lauf unserer Geschichte bewährt haben.

So beweist unsere Wohlfahrtsgesellschaft Tag für Tag, dass wir wichtige Teile der Wirtschaft demokratisch organisieren können, ohne dass jemand daraus Profit schlägt. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, lebenswichtige Bereiche wie Gesundheitswesen, Bildung und Kinderbetreuung der kommunalen statt der marktwirtschaftlichen Logik zu unterstellen – wo, in guter sozialistischer Tradition, jeder nach den eigenen Fähigkeiten beiträgt und jedem nach den eigenen Bedürfnissen geholfen wird.

Ein weiterer Beleg sind die zahlreichen Erfolgsgeschichten unserer Genossenschaftsbewegung. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern gründeten eigene Molkereien und Schlachtbetriebe, um sicherzustellen, dass der Ertrag ihrer Arbeit ihnen selbst zugutekommt – und nicht dem Großgrundbesitz oder Zwischenhandel. Bürger*innen schlossen sich zusammen, um kommunale Wasserwerke, Konsumgenossenschaften und Sparkassen ins Leben zu rufen. Unser öffentlicher, genossenschaftlich organisierter Wohnungsbau sorgt dafür, dass nicht der Geldbeutel darüber entscheidet, ob man einen Blick aufs Meer hat.

Ebenso zeigt sich das in unserer starken Arbeiterbewegung: Arbeitnehmer*innen organisieren sich, weil sie wissen, dass sie das Fundament unseres Wohlstands bilden und deshalb deutlich mehr Mitbestimmung in ihrem Arbeitsalltag sowie einen wesentlich größeren Anteil an dem von ihnen geschaffenen Reichtum haben sollten. Das gilt genauso für unsere Volkshochschulen, freien Schulen, Bibliotheken und all die anderen Zusammenschlüsse der Zivilgesellschaft.

Es wird immer Rückschläge, Konflikte und Machtkämpfe geben – ebenso wie Fortschritte. Denn der Aufbau einer demokratischeren Wirtschaft wird zwangsläufig auf Widerstand der wirtschaftlichen Eliten stoßen, die von der ungleichen Verteilung von Reichtum und Macht im Kapitalismus profitieren.

Kurzum: Unsere Erfahrung mit sozialistischen Ideen tritt überall dort zutage, wo wir als Bürger*innen gemeinsam daran arbeiten, Werte zu schaffen – nicht, um wenigen zu Reichtum und Macht zu verhelfen, sondern um zusammen stärker und freier zu werden. In dieser Tradition finden wir die Gedanken und Anregungen für einen neuen demokratischen Sozialismus. Nicht in den Kolchosen der Sowjetunion (den nach der Russischen Revolution entstandenen Kollektivfarmen), sondern in den demokratischen Zusammenschlüssen der Genossenschaftsbewegung. Nicht in utopischen Entwürfen einer perfekten Zukunftsgesellschaft, sondern in den gelebten und bewährten Erfahrungen unserer eigenen Geschichte. Nicht bei Lenin und Mao, sondern vielmehr bei Borgbjerg und Branting.

Wenn die Rechte versucht, die Ungleichheit und die Unhaltbarkeit des kapitalistischen Systems zu rechtfertigen, stellt sie immer wieder die Frage: „Wo hat der Sozialismus jemals funktioniert?“ Unsere Antwort sollte lauten: „Genau hier, in den nordischen Ländern“, wo die Kräfte demokratischer Unternehmen und unseres Wohlfahrtsstaats – und nicht der Markt oder die eigennützigen Interessen des Kapitals – einen Großteil der politischen Agenda bestimmen. Das ist unser Ausgangspunkt, unser Fundament – und der Grund zu glauben, dass wir eine neue und demokratischere Wirtschaftsordnung schaffen können: einen nordischen Sozialismus. 

Von einem ausdrücklich „nordischen“ Sozialismus zu sprechen, heißt nicht, dass unsere Ideen und Erfahrungen nicht auch anderswo auf der Welt anwendbar wären. Es ist kein Zufall, dass viele neue progressive Bewegungen und demokratisch-sozialistische Organisationen weltweit die nordischen Länder als Vorbild für eine gerechtere Gesellschaft nennen. Gleichzeitig haben sich die nordischen Gesellschaften nie isoliert vom Rest der Welt entwickelt. Die Ideen, auf denen sowohl die Arbeiter*innen- und Genossenschaftsbewegung als auch der Wohlfahrtsstaat beruhen, wurden immer wieder von Einflüssen aus dem Ausland geprägt. Ich rede daher hier keinem nordischen Essenzialismus das Wort, sondern erkenne lediglich an, dass unsere Region einen wichtigen Beitrag zur Demokratisierung der Wirtschaft geleistet hat – einen Beitrag, von dem Sozialist*innen überall auf der Welt lernen und auf dem sie aufbauen können.

Der Aufbau einer pluralistischen sozialistischen Wirtschaft

Wenn wir anerkennen, dass Gesellschaften und Volkswirtschaften immer hybride Gebilde sind, wird klar, dass wir uns nicht zwischen dem Kapitalismus mit seinem freien Markt und einem Sozialismus mit staatlich gelenkter Planwirtschaft entscheiden müssen. Zwischen diesen beiden Polen existiert eine große Bandbreite alternativer Kombinationen. So wie heute der Kapitalismus zwar das vorherrschende Modell ist, aber nicht alles bestimmt, könnte dies in Zukunft auch für den Sozialismus gelten.

Meiner Ansicht nach ist diese Herangehensweise an den gesellschaftlichen Wandel emanzipatorisch. Denn sie erlaubt es uns, umfassende Entwürfe einer idealen Gesellschaftsordnung zurückzuweisen, die den Keim des Totalitären in sich tragen können, weil der Versuch, ein einziges Modell durchzusetzen, die gesamte Gesellschaft in ein starres wirtschaftliches Korsett zwingt. Stattdessen dient sie als Grundlage einer pluralistischen Vision einer sozialistischen Wirtschaft, die unterschiedliche Eigentumsformen respektiert und uns nicht zwingt, zwischen Marktwirtschaft und demokratischer Planung zu entscheiden.

Wie können wir die demokratischen Eigentumsformen, die wir bereits aus der Genossenschaftsbewegung und dem öffentlichen Sektor kennen, ausbauen und vertiefen? Wie lässt sich Eigentum weiter demokratisieren – etwa durch arbeitnehmergeführte Fonds, die Erwerbstätigen ein Miteigentum sichern, oder durch einen nationalen Vermögensfonds, der einen Teil der Kapitalerträge an die gesamte Bevölkerung weitergibt? Wie verändern wir das Machtgefüge in privaten Unternehmen so, dass auch die Beschäftigten mitbestimmen? Und wie schaffen wir eine Wirtschaftsordnung, in der wir Marktmechanismen dort nutzen, wo sie sinnvoll sind, und Effizienz sowie Nachhaltigkeit fördern, zugleich aber auf demokratische Entscheidungsprozesse zurückgreifen, um den Rahmen, die Regeln und die übergeordneten Ziele festzulegen?

Das von mir vorgeschlagene Konzept eines ausdrücklich nordischen Sozialismus hebt hervor, wie stark der Sozialismus in unseren eigenen Erfahrungen mit demokratisch organisierten Unternehmen verwurzelt ist, wie sehr er auf diesen Erfahrungen aufbaut und wie deutlich er sich von jenen Ländern unterscheidet, die sich historisch als sozialistisch verstanden haben. Er ist pluralistisch, weil er einfache Gegensätze zwischen Staat und Zivilgesellschaft oder zwischen Markt und Demokratie zurückweist und stattdessen anerkennt, dass die Komplexität der gesellschaftlichen Verhältnisse und menschlicher Lebensweisen auch vielfältige und differenzierte Antworten verlangt. Er ist zivilgesellschaftlich ausgerichtet, begegnet Zentralisierung, Bürokratisierung und wachsender Staatsmacht mit Skepsis und gründet auf der Überzeugung, dass das demokratische Engagement ganz gewöhnlicher Menschen auf allen Ebenen der Gesellschaft eine zentrale Voraussetzung für sozialistische Entwicklung ist. Vor allem aber handelt es sich um einen demokratischen Sozialismus, der in der nordischen Tradition demokratischer Regierungsführung verankert ist – mit stabilen Institutionen, einer starken Zivilgesellschaft und dem Schutz individueller Freiheitsrechte.

Es ist ein Sozialismus, der totalitäre Ambitionen jeder Art zurückweist, sei es in Gestalt eines gewaltsamen Umsturzes der Gesellschaft oder autoritärer Herrschaft. Zugleich ist es ein ambitionierter Sozialismus, der bewusst und Schritt für Schritt daran arbeitet, die bestehende kapitalistische Wirtschaftsordnung durch eine sozialistische Alternative zu ersetzen. Diese stellt demokratische Steuerung und kollektives Eigentum in den Mittelpunkt, lehnt es ab, Wirtschaft und Arbeitswelt geringere Freiheits- und Demokratieansprüche zuzugestehen als dem übrigen gesellschaftlichen Leben, und erkennt an, dass Wirtschaftseliten, wenn das Eigentum an Banken, Unternehmen, Land und Daten derart konzentriert bleibt wie heute, weiterhin das ausüben können, was ich an anderer Stelle als oligarchische Macht definiere – eine Macht, die demokratische Regierungsführung untergräbt und aushöhlt.

Die Idee der schrittweisen Entwicklung einer sozialistischeren Wirtschaft, die auf unseren bisherigen Erfahrungen mit demokratischer Planung und kollektivem Eigentum aufbaut, beruht nicht auf einem naiven Verständnis von gesellschaftlichem Wandel als einem harmonischen und reibungslosen Prozess. Gesellschaftliche Entwicklung verläuft niemals geradlinig. Es wird immer Rückschläge, Konflikte und Machtkämpfe geben – ebenso wie Fortschritte. Denn der Aufbau einer demokratischeren Wirtschaft wird zwangsläufig auf Widerstand der wirtschaftlichen Eliten stoßen, die von der ungleichen Verteilung von Reichtum und Macht im Kapitalismus profitieren. So wie die Generationen, die dafür kämpften, die monarchische Herrschaft durch eine parlamentarische Demokratie zu ersetzen, verspottet wurden und auf Ablehnung stießen und deren Ideen als utopisch, unrealistisch oder radikal gebrandmarkt wurden, so wird auch unsere Generation auf ähnlichen Widerstand treffen, wenn wir versuchen, das Prinzip der Selbstverwaltung auf den Bereich der Wirtschaft auszuweiten. Man wird uns sagen, das sei unmöglich, die bestehende Wirtschaftsordnung sei das Ende der Geschichte. Es gebe keine Alternative.

Warum wir eine echte Alternative brauchen 

Die Erzählung von der Unvergänglichkeit des Kapitalismus und der angeblichen Unmöglichkeit von Alternativen bildet die zentrale ideologische Grundlage der heutigen kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Sie ist der Grund, warum wir weiterhin ein System hinnehmen, das die Erträge unserer Arbeit extrem ungleich verteilt, wenigen Menschen enorme wirtschaftliche und politische Macht verleiht – ohne dass sie demokratisch legitimiert wären –, das den Bereich der Wirtschaft und das gesamte Arbeitsleben von den demokratischen Prinzipien abkoppelt, die sonst in unserer Gesellschaft gelten, und das sich gleichzeitig auf Kollisionskurs mit den ökologischen Grenzen unseres Planeten befindet. All das akzeptieren wir, weil wir der Erzählung gefolgt sind, die Geschichte sei zu Ende. 

Doch Geschichte ist niemals abgeschlossen. Kein System besteht für immer. Unsere eigene Geschichte zeigt, dass wir Gesellschaft und Lebensverhältnisse verändern können, wenn wir uns zusammenschließen. Durch solch kollektives Handeln haben wir nach der Krise der 1930er Jahre unsere politische Demokratie und unsere Wohlfahrtsgesellschaft aufgebaut.

Es ist entscheidend, eine sozialistische Alternative zu formulieren, die Begeisterung, Hoffnung und Visionen weckt und zugleich realistisch, glaubwürdig und konkret ist – weil sie auf den bereits vorhandenen sozialistischen Elementen unserer Gesellschaft aufbaut.

Die kapitalistische Wirtschaftsordnung steckt erneut in einer Krise. Das Wachstum hat sich verlangsamt, und das, was noch wächst, kommt fast ausschließlich einer kleinen Elite an der Spitze zugute, während die große Mehrheit immer weniger davon hat. Dieser wirtschaftliche Abschwung wirkt sozial regressiv, weil jede Konjunkturabschwächung neue Einschnitte in die Wohlfahrtsgesellschaft nach sich zieht – in jene Errungenschaften, die von früheren Generationen erkämpft wurden. Das verstärkt Unzufriedenheit, Ohnmachtsgefühle und Misstrauen gegenüber dem politischen System. Inzwischen gefährdet das sogar die Demokratie und die Freiheiten, die wir oft als selbstverständlich ansehen. Die Erfahrung eines Systems, das für die Mehrheit nicht funktioniert, erzeugt Apathie und Ernüchterung – und bietet autoritären Politiker*innen wie Donald Trump, Matteo Salvini und Viktor Orbán einen idealen Nährboden. 

Glücklicherweise ist Rechtspopulismus jedoch nicht die einzige Antwort auf dieses politische Misstrauen. In Südeuropa sind neue soziale Bewegungen und Parteien entstanden, die zunehmend an Einfluss gewinnen. Weltweit erleben wir Jugendbewegungen wie Fridays for Future und die Gen-Z-Proteste, die einen radikalen Wandel einfordern. Und ausgerechnet in New York wurde jüngst ein demokratischer Sozialist zum Bürgermeister gewählt. 

Keine dieser neueren Bewegungen hat es bislang geschafft, die Macht zu übernehmen. Dennoch ist klar, dass sozialistische Ideen eine enorme Anziehungskraft besitzen: Viele Menschen wollen mehr als einen Marktwettbewerb, der die Reichen immer reicher macht und alle anderen in immer unsicherere Lebensverhältnisse drängt. Zugleich wächst das Vertrauen, dass wir tatsächlich etwas verändern und eine Gesellschaft aufbauen können, in der Menschen gemeinsam die Richtung bestimmen und nicht die blinden Kräfte des Marktes.

Mit anderen Worten: Wir stehen an einem Wendepunkt. Der gegenwärtige politische Zerfall kann zu unterschiedlichen Szenarien führen. Entweder ebnet er antiliberalen und autoritären Kräften den Weg, die mit dem Versprechen einer starken Führung und Schuldzuweisungen an ethnische und sexuelle Minderheiten arbeiten. Oder er eröffnet die Möglichkeit für das Entstehen einer neuen Linken, die ihre Ohnmacht überwindet und beginnt, Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend zu verändern. Gerade deshalb ist es entscheidend, eine sozialistische Alternative zu formulieren, die Begeisterung, Hoffnung und Visionen weckt und zugleich realistisch, glaubwürdig und konkret ist – weil sie auf den bereits vorhandenen sozialistischen Elementen unserer Gesellschaft aufbaut. Wir dürfen keine bloßen Parolen liefern, sondern müssen tragfähige Antworten auf die schwierigen Fragen geben, die mit dem Aufbau einer demokratischeren und nachhaltigeren Wirtschaft verbunden sind. Der nordische Sozialismus leistet genau das.

Dieser Artikel basiert auf einem Auszug aus Pelle Dragsteds Buch „Nordic Socialism: The Path Toward a Democratic Economy“ (University of Wisconsin Press, 2025). Übersetzung von Cornelia Gritzner und Bettina Hoyer für Gegensatz Translation Collective

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