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Analyse , : Trumps Hinterhofpolitik

Wie der US-Präsident in Lateinamerika eingreift – und wie die Länder der Region darauf reagieren

Wichtige Fakten

Autor
Markus Plate,

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7. Januar 2026, Bogotá, Kolumbien: Demonstranten halten während einer Kundgebung zur Verteidigung der nationalen Souveränität in Bogotá Schilder hoch.
Viele sehen in dem Angriff auf Venezuela ein Signal an die gesamte Region. Zwischen wachsendem Widerstand von unten und restaurativen Kräften von oben entscheidet sich, ob Lateinamerika auf verstärkte Abhängigkeit oder auf eine neue Phase politischer Selbstbehauptung zusteuert. Demonstration in Bogotá/Kolumbien, 7. Januar 2026, Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Isabella Bobadilla

Die Monroe-Doktrin ist zurück – nicht als historische Referenz, sondern als operative Leitlinie. „Amerika den Amerikanern“ lautete 1823 die Formel, mit der die USA ihren Anspruch auf den amerikanischen Doppelkontinent als Einflusssphäre begründeten. Gut 200 Jahre später erlebt diese Logik unter Donald Trump eine auffallend offene Neuauflage. Mit einer neuen Sicherheitsstrategie für Lateinamerika und der Intervention in Venezuela ist die lange rhetorisch verbrämte Einflussnahme in demonstrative Machtausübung übergegangen. Wie können Lateinamerikas Linke und soziale Bewegungen reagieren?

Markus Plate berichtet als Radiojournalist seit zwanzig Jahren aus Lateinamerika, u. a. für ARD und Nachrichtenpool Lateinamerika e.V.

Intervention in Venezuela, die Verstärkung der Grenze zu Mexiko, eine massiv ausgeweitete Marinepräsenz in der Karibik, Drohungen gegen Kuba und die offene Einflussnahme auf Wahlprozesse – in diesen Maßnahmen tritt Donald Trumps Dominanzanspruch in der westlichen Hemisphäre offenkundig zutage. Kooperative Staaten werden belohnt, abweichende Staaten sehen sich Sanktionen, ökonomischem Druck oder expliziten Drohungen gegenüber. Was die aktuelle US-Regierung antreibt, ist weniger partnerschaftliche Kooperation als die Durchsetzung strategischer und nationaler Interessen.

Der Berliner Politikwissenschaftler Tobias Lambert sieht darin weniger einen Bruch als eine Enthemmung: Neu sei nicht die hegemoniale Haltung, sondern ihre unverblümte Offenheit. Interventionen würden kaum noch multilateraler Legitimation bedürfen, sondern offen als Durchsetzung nationaler Interessen begründet – eine Politik aus „Drohungen und Anreizen“, bei der internationale Institutionen an Gewicht verlieren.

Präzedenzfall Venezuela

Die militärische Intervention der USA in Venezuela gilt vielen Völkerrechtler*innen als klarer Bruch der UN-Charta und als „Verbrechen der Aggression“. Weder ein Selbstverteidigungsrecht noch der unbewiesene Vorwurf gegen Venezuelas verschleppten Präsidenten Nicolás Maduro rechtfertigen einen militärischen Angriff oder Regimewechsel. International wird der Einsatz als gefährlicher Präzedenzfall kritisiert, weil er ohne Menschenrechts-Bezug oder UN-Mandat durchgeführt wurde und die globale Rechtsordnung untergräbt.

Expert*innen deuten Trumps Vorgehen vor allem als strategisches Signal: Es solle Regierungen disziplinieren und eine enthemmte Hegemonie in der westlichen Hemisphäre festigen – im Sinne einer aktualisierten Monroe- bzw. „Donroe-Doktrin“. Washington wolle zeigen, was passiert, wenn Staaten US-Interessen nicht folgen, so die Analyse.

Für Kommentator*innen wie den US-Autor John Feffer erscheint Venezuela als „einfaches Ziel“: politisch geschwächt, militärisch unterlegen und strategisch relevant, verstärkt durch die derzeitige Fragmentierung der progressiven Linken in der Region.

Teil der Dynamik ist eine geopolitische Rivalität mit China. Zwar hat Beijing bislang keine militärischen Schritte in der Region unternommen, doch Washingtons Aktion sendet ein Signal, dass es seine Vorherrschaft im „Hinterhof“ nicht kampflos aufgibt. Zugleich reflektiert die Operation strukturelle Machtverhältnisse: In Zeiten verschärfter globaler Konkurrenz gewinnen strategische Ressourcen – wie venezolanisches Öl – erheblich an Bedeutung, und die Intervention ist Teil eines größeren geopolitischen Kalküls, in dem Einflusszonen und Ressourcenzugänge neu definiert werden.

Was unter Trump schrill und unverblümt erscheint, fußt auf einem über Jahrzehnte gewachsenen Geflecht aus militärischer Präsenz, ökonomischer Verflechtung und institutionellen Beziehungen, die frühere Hegemonialpolitik fortschreiben – nur ohne Rücksicht auf multilaterale Normen und diplomatische Legitimation.

Kuba und die Politik der Strangulation

Gerade gegenüber Kuba knüpft die US-Politik an jahrzehntelange Sanktionsregime an und verschärft sie erneut. Das faktische Öl-Embargo, der Druck auf Drittstaaten und die Einstufung als „terrorunterstützender Staat“ treffen die Bevölkerung und die für das Überleben wichtige Tourismusbranche hart. Insbesondere im Umfeld von Außenminister Marco Rubio, dessen politische Karriere eng mit der kubanischen Exilgemeinde verknüpft ist, gilt ein politischer Umbruch in Havanna seit Langem als strategisches Ziel. Die derzeitige Sanktionspolitik lässt sich daher auch als Versuch lesen, das Regime durch ökonomische Erschöpfung unter Druck zu setzen – und einen offenen militärischen Eingriff überflüssig zu machen.

Solidarisch, jedoch mit klaren Grenzen, positioniert sich vor allem Mexiko. Präsidentin Claudia Sheinbaum kritisierte, man könne „ein Volk nicht auf diese Weise ersticken“, und ließ über 800 Tonnen Hilfsgüter – darunter Lebensmittel, Medikamente und Hygieneartikel – nach Havanna liefern. Zugleich vermeidet Mexiko eine direkte wirtschaftliche Konfrontation mit Washington: Trotz des Bekenntnisses zu eigener energiepolitischer Souveränität wurden die Öllieferungen an Kuba bislang nicht wieder aufgenommen, nachdem Donald Trump mit Strafzöllen gegen „Blockadebrecher“ gedroht hatte. Mexiko betreibt damit einen Balanceakt: humanitäre Unterstützung für Kuba, ohne US-Sanktionen zu provozieren.

Wahlbeeinflussung und autoritäre Rückschläge

Besonders deutlich zeigt sich die neue Offenheit US-amerikanischer Einflussnahme in lateinamerikanischen Wahlen. Vier Tage vor der Wahl in Honduras im Dezember 2025 rief Donald Trump öffentlich zur Unterstützung des rechten Unternehmers und Präsidentschaftskandidaten Tito Asfura auf – ein Schritt, der laut der honduranischen Journalistin Iolany Pérez „Schock und Fassungslosigkeit“ auslöste. Rechte Leitmedien griffen die Einmischung gezielt auf, um Druck auf unentschlossene Wähler*innen auszuüben. Die spätere Begnadigung des wegen internationalen Drogenschmuggels in den USA verurteilten Ex-Präsidenten Juan Orlando Hernández sendete zudem das Signal, dass politische Nähe zu Washington Schutz bieten könne. Pérez warnt vor einer Rückkehr alter Eliten, Re-Militarisierung und wachsender Einschüchterung von Journalist*innen und sozialen Bewegungen.

Auch in Argentinien drohte Trump vor den Kongresswahlen 2025 mit dem Entzug von Finanzhilfen, sollte die Partei von Javier Milei verlieren. Doch auch hier geht es weniger um die Intervention eines impulsiven Präsidenten als um die Fortsetzung einer etablierten Praxis, bei der wirtschaftlicher Druck, diplomatische Signale und mediale Narrative systematisch auf innenpolitische Prozesse einwirken. 

Mit Wahlsiegen rechter Kandidat*innen in Costa Rica, Chile und zuvor Bolivien haben binnen eines Jahres mehrere konservative Kräfte die Präsidentschaften übernommen. Die mexikanische Soziologin Ana Esther Ceceña sieht darin eine koordinierte Strategie zur Schwächung linker Projekte – etwa in Kolumbien, wo der Menschenrechtsanwalt Iván Cepeda in Umfragen für die erste Runde der Präsidentschaftswahl im Mai führt. Rechte Medien verstärkten Trumps Signale, um eine „Alles-ist-besser-als-links“-Stimmung zu befördern und Ängste vor wirtschaftlicher Isolation zu schüren.

Gleichzeitig zeigen sich in Brasilien und Kolumbien auch gegenteilige Effekte. Offene Drohungen aus Washington wurden dort nicht nur von linken, sondern auch von moderaten und konservativen Kräften als Einmischung wahrgenommen. In Brasilien konnte Präsident Lula profitieren, indem er die Verteidigung staatlicher Selbstbestimmung betonte und sich als Garant politischer Eigenständigkeit präsentierte. Ähnlich nutzte Petro in Kolumbien die Situation, um Unterstützung für einen souveränen Kurs zu mobilisieren. US-Druck wirkt damit nicht einseitig: Er kann rechte Kräfte stärken – unter bestimmten Bedingungen aber auch linken Kandidat*innen Rückenwind verschaffen.

Von der Monroe- zur „Donroe“-Doktrin

Lateinamerikas progressive Regierungen versuchen, sich an Trumps Strategie anzupassen – gestützt auf historische Erfahrung. Die „Donroe“-Doktrin knüpft an die Monroe-Doktrin an, setzt sie jedoch rhetorisch enthemmter und konsequent unilateral durch. So radikal Trumps Auftreten wirkt, es greift auf einen vertrauten Werkzeugkasten zurück: Militärinterventionen, verdeckte Operationen, ökonomischer Druck und Wahlbeeinflussung prägten bereits das 20. Jahrhundert – von Guatemala 1954 über Chile 1973 bis Panama 1989. Auch die Unterstützung politischer und wirtschaftlicher Eliten zur Absicherung von US-Interessen ist eine Konstante. Trumps Politik erscheint daher weniger als Bruch denn als offenere Machtausübung mit geringerer Rücksicht auf multilaterale Regeln.

Viele in der Region fürchten eine Rückkehr in „dunkle Zeiten“ repressiver Dynamiken. Zwar rechnen Expert*innen nicht mit klassischen Militärdiktaturen, wohl aber mit autoritären Konstellationen: gewählte Regierungen, die unter Verweis auf Sicherheit oder Anti-Drogen-Politik Militär- und Sicherheitsapparate ausweiten und Proteste kriminalisieren. Besonders alarmierend ist die Normalisierung extraterritorialer Gewalt und offener Völkerrechtsbrüche, die lokale Repression begünstigen könnte. Gefährdet sind vor allem soziale Bewegungen, Umwelt- und Menschenrechtsaktivist*innen sowie indigene Gemeinschaften in rohstoffreichen Konfliktzonen.

Die mexikanische Soziologin Estefanía Ciro sieht darin nicht nur Trumps Agenda, sondern ein abgestimmtes Projekt rechter Kräfte in den USA und Lateinamerika, um progressive Regierungen weiter zu isolieren. Im Unterschied zur Zeit der ersten „Pink Tide“ in den 2010er Jahren ist das linke Lager heute deutlich fragmentierter; in mehreren Ländern sind konservative Kräfte zurück an der Macht. Der Ausgang der kommenden Präsidentschaftswahl in Brasilien gilt daher als Gradmesser dafür, ob sich progressive Zusammenarbeit erneuern kann – oder ob sich die Verschiebung nach rechts verfestigt.

Soziale und linke Perspektiven

Lateinamerikanische Analyst*innen betonen, dass Trumps Politik auch Gegenreaktionen hervorrufe. Anti-interventionistische Narrative gewinnen an Stärke – selbst in moderaten Regierungen. Proteste gegen Militarisierung, Bergbauprojekte, Privatisierungen und neoliberale Reformen nehmen zu. In Brasilien mobilisierten soziale Bewegungen wie die Landlosenbewegung (MST) gegen die US-Militäroperation in Venezuela; in mehreren Großstädten gingen Tausende auf die Straße. Auch in Kolumbien protestierten Menschen in Bogotá, Medellín und Cúcuta mit Parolen wie „Fuera los yanquis!“ (auf Deutsch: Yankees raus!), um ihre Empörung über die Intervention und die Gefährdung regionaler Souveränität auszudrücken. Ähnliche Demonstrationen fanden auch in Mexiko statt. Viele sehen in dem Angriff auf Venezuela ein Signal an die gesamte Region.

Auch die mexikanische Ökonomin Ana Esther Ceceña versteht die US-Intervention als zweischneidiges Schwert: Sie verschärfe Repression durch Sicherheitsgesetze und Antiterror-Rhetorik, eröffne zugleich aber Räume für neue Bündnisse. Je sichtbarer die Allianz zwischen konservativen Regierungen, wirtschaftlichen Interessen und externer Einflussnahme werde, desto deutlicher träten die sozialen Kosten hegemonialer Politik hervor. Indigene Organisationen, Gewerkschaften sowie feministische und ökologische Bewegungen mobilisieren bereits gegen Militarisierung und Extraktivismus. Die strategische Herausforderung bestehe darin, soziale Bewegungen, institutionelle Politik und internationale Allianzen neu zu verbinden, ohne in bloße Abwehr zu verfallen.

Zwischen wachsendem Widerstand von unten und restaurativen Kräften von oben entscheidet sich, ob Lateinamerika auf verstärkte Abhängigkeit oder auf eine neue Phase politischer Selbstbehauptung zusteuert.

Trotz des Drucks verweisen viele Analyst*innen auf bestehende Handlungsspielräume: Diversifizierung der Außenbeziehungen, stärkere Süd-Süd-Kooperation und regionale Zusammenschlüsse wie die Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC) oder ein autonomerer Mercosur könnten Abhängigkeiten verringern. Zugleich kehren mit offener Unterstützung aus Washington traditionelle Eliten zurück, die ihre Macht historisch in enger Anbindung an die USA sicherten. Zwischen wachsendem Widerstand von unten und restaurativen Kräften von oben entscheidet sich, ob Lateinamerika auf verstärkte Abhängigkeit oder auf eine neue Phase politischer Selbstbehauptung zusteuert.

Die Rückkehr der offenen US-amerikanischen Dominanzpolitik markiert eine Zäsur für Lateinamerika. Militärische Interventionen, wirtschaftliche Strangulation und politische Einmischung verschärfen soziale Konflikte, schwächen Menschenrechte und erhöhen das Risiko autoritärer Rückschläge. Zugleich beschleunigen sie jedoch Prozesse der Neuorientierung, regionalen Kooperation und politischen Selbstbehauptung. Ob daraus eine neue Phase regionaler Selbstbehauptung entsteht oder eine vertiefte Abhängigkeit, entscheidet sich nicht nur in Regierungspalästen, sondern auch in sozialen Bewegungen, zivilgesellschaftlichen Netzwerken und der Fähigkeit, internationale Allianzen jenseits alter Abhängigkeiten zu schmieden.

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