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Seit geraumer Zeit wachsen die Konflikte zwischen den USA und China. Der Hintergrund ist, dass Washingtons Außen- und Wirtschaftspolitik seit der Präsidentschaft Barack Obamas darauf abzielt, Chinas wachsende Macht einzuhegen.
Präsident Donald Trump hatte bereits während seiner ersten Amtszeit einen Handelskrieg gegen China vom Zaun gebrochen, den Joe Biden im Wesentlichen fortführte. Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit eskalierte Trump dann den Konflikt, indem er weitreichende Handelszölle verkündete.
Jan Turowski leitet das Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in der chinesischen Hauptstadt Beijing.
Es ist alles andere als Zufall, dass die Zölle insbesondere China ins Visier nahmen; zeitweilig drohte Trump Beijing mit Zöllen in Höhe von 145 Prozent. Doch anders als während des Zollkonflikts in Trumps erster Amtszeit gab die chinesische Führung diesmal nicht nach, sondern reagierte auf jede neue Zollankündigung mit der Verkündung von Gegenzöllen. Durchaus mit Erfolg, denn Washington hatte nicht nur die chinesische Abhängigkeit vom US-Markt über-, sondern auch die Abhängigkeit amerikanischer Dienstleister, Energie- und vor allem Agrarproduzenten vom chinesischen Markt unterschätzt.
Hinzu kam, dass China mit den seltenen Erden, deren Förderung und Verarbeitung das Land global dominiert, ein eigenes Druckmittel in der Hand hielt. Die von Präsident Xi Jinping angeordneten Exportbeschränkungen brachten die US-Regierung schließlich an den Verhandlungstisch. Bei ihrem Gipfeltreffen im südkoreanischen Busan vereinbarten Trump und Xi einen einjährigen „Waffenstillstand“: Die Zölle wurden weitgehend zurückgenommen, seltene Erden wieder geliefert.
Der Kampf um die Chips
Der Handelskrieg der US-Regierung scheint einstweilen gescheitert zu sein. Damit rückt der Technologiekrieg, in dessen Zentrum der Kampf um Halbleiter steht, in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Washingtons Strategie ist dabei darauf ausgerichtet, US-Konzernen langfristig ein Monopol auf künstliche Intelligenz zu sichern – und der US-Regierung damit ein geopolitisches Instrument globaler Dominanz.
Bereits die erste Trump- wie auch die Biden-Regierung verhängten erhebliche Exportbeschränkungen für die modernsten Chips ins Reich der Mitte. Man ging in Washington davon aus, dass China nicht zu den USA aufschließen könne, wenn es die modernsten Halbleiter nicht importieren dürfe. Gina Raimondo, US-Handelsministerin in der Biden-Regierung, erklärte, dass die US-Regierung alles tun werde, „um China den Zugang zu den modernsten Spitzentechnologien zu verwehren“.
Doch damit scheint Washington sich verschätzt zu haben, wie die jüngste Entwicklung des US-amerikanischen NVIDIA-Konzerns illustriert, der die fortschrittlichsten Chips entwickelt. Noch vor fünf Jahren liefen chinesische Rechenzentren, Forschungslabore und Tech-Giganten fast ausschließlich auf NVIDIA-Hardware, deren Marktanteil im Land bei 95 Prozent lag. Als die US-Regierung den Export der fortschrittlichsten Chips nach China untersagte, produzierte der Konzern abgespeckte Versionen seiner Chips, die die US-Exportvorschriften einhielten und dennoch für chinesische Käufer*innen nützlich waren.
Im April 2025 erklärte NVIDIA dann, die Trump-Regierung habe auch den Verkauf dieser weniger leistungsfähigen H200-Chips nach China blockiert. Der CEO des Konzerns, Jensen Huang, berichtete, der Marktanteil seines Unternehmens in China sei daraufhin vollständig implodiert: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Politiker das für eine gute Idee hält.“ Für Konzerne wie NVIDIA ist China nicht nur ein weiterer Markt, sondern als größter und profitabelster Einzelmarkt der wichtigste Wachstumsmotor, der die schwindelerregenden Börsenbewertungen der Tech-Branche stützt und rechtfertigt.
Als die Trump-Regierung im August wieder Exportlizenzen für bestimmte NVIDIA- und AMD-Chips erteilte, geschah jedoch etwas, womit sie nicht gerechnet hatte: Denn plötzlich kehrte sich die Gleichung um – nun war es Beijing, das die Einfuhr dieser Chips nach China untersagte. So wie es für die US-Regierung mit den Ausfuhrgenehmigungen darum ging, die führende Stellung des NVIDIA-Konzerns zu sichern, verfolgte die chinesische Regierung das Ziel, die Abhängigkeit von US-Technologie zu verringern. Chinesische Konzerne hatten bereits leistungsstarke Chips entwickelt, die nun, ohne die ausländische Konkurrenz, ihr Wachstumspotenzial voll ausschöpfen konnten.
Die entscheidende Frage bleibt jedoch, ob die chinesischen Chips qualitativ tatsächlich gut genug sind, die amerikanischen zu ersetzen. Im Westen dominiert die Vorstellung, dass chinesische Halbleiter billige Nachahmungen seien, die fünf bis zehn Jahre hinter der Spitzentechnologie aus den USA zurückliegen. Das traf in der Tat lange zu, doch zuletzt scheint der Abstand zu schrumpfen. So hat Huawei den Ascend 910 B-Chip entwickelt, der mit dem NVIDIA-A100 verglichen wird. Das ist immer noch nicht die neueste Chip-Generation, aber doch hinreichend gut für die meisten KI-Trainingsmodelle. Alibaba hat den Yitian710, einen Server-Chip für Cloud-Computing, entwickelt und skaliert ihn bereits auf seine gesamte Infrastruktur.
Der neue Sputnik-Schock
Obschon also chinesische KI-Entwickler*innen beim Design und vor allem bei der Produktion der Chips noch aufholen müssen, bedeutet dies für die Entwicklung von KI-Modellen nicht unbedingt einen Nachteil. Denn die chinesischen Unternehmen machen auf der Suche nach innovativen Lösungen aus der Not eine Tugend.
Als das chinesische Unternehmen DeepSeek im Januar 2025 sein KI-Modell veröffentlichte, sandte es aufgrund seiner außergewöhnlich niedrigen Entwicklungskosten von fünf bis sechs Millionen US-Dollar – eine verschwindend geringe Summe im Vergleich zu den Multi-Milliarden-Dollar-Investitionen amerikanischer Tech-Giganten wie OpenAI oder Meta – Schockwellen durch die Tech- und Finanzwelt. Mittels neuer Verfahren, die die digitale Signalverarbeitung und Datenkompression revolutionierten, konnte DeepSeek den Bedarf an hochleistungsfähigen Chips massiv reduzieren. Dass die DeepSeek-Modelle mit weit weniger Ressourcen die gleiche Leistung erbringen konnten wie die KI-Modelle aus dem Silicon Valley, erschütterte den Glauben an die technologische Überlegenheit der amerikanischen KI-Branche und verschaffte dem chinesischen Start-Up-Unternehmen viel Akzeptanz. Der Risikokapital-Investor Marc Andreessen sprach deshalb vom „Sputnik-Moment“ für die US-Tech-Industrie.
Nur ein Jahr später haben sich gleich mehrere chinesische KI-Modelle weltweit etabliert. Neben DeepSeek stehen etwa Qwen oder Kimi ganz oben auf den Ranglisten. Diese Modelle basieren auf heimischen Komponenten: auf chinesischer Hard- und Software, auf Chips von Huawei, Cambricon oder dem Newcomer Moore’s Threads, auf eigenen Programmebenen, einer komplexen Infrastruktur und einem vollständigen Stapelspeicher (Stack). Sie sind deshalb ein Kernstück der algorithmischen Souveränität Chinas.
Wettlauf oder Kontinentaldrift?
In manchen Bereichen kommt es zwischen den USA und China daher zu einem Wettlauf um die besten KI-Modelle und leistungsstärksten Chips. Dabei scheint sich die Lücke zwischen US-amerikanischen und chinesischen Firmen weit schneller zu schließen, als noch vor Kurzem angenommen wurde. Zudem gibt es einen Wettlauf um eine allgemeine künstliche Intelligenz (AGI), die darauf abzielt, die kognitiven Fähigkeiten des menschlichen Gehirns nachzuahmen und sich eigenständig weiterzuentwickeln. Doch davon ist die Branche, glaubt man den Expert*innen, einstweilen noch weit entfernt.
Obschon es diesen Wettlauf durchaus gibt, dürften die nächsten Jahre indes in erster Linie vom Auseinanderdriften der unterschiedlichen Entwicklungsansätze in den USA und China geprägt werden.
Erstens scheint das chinesische Technologiemodell sich primär auf eng gefasste praktische Anwendungen zu fokussieren. Künstliche Intelligenz ist im chinesischen Alltag allgegenwärtig: Wie können mit KI die öffentliche Verwaltung, das Bildungs- und Gesundheitswesen verbessert werden? Wie lässt sich KI mit Robotik verzahnen und wie kann sie helfen, die Effizienz der Landwirtschaft und die Industrieproduktion zu steigern?
Die US-Konzerne setzen darauf, die leistungsfähigsten Modelle zu entwickeln; wie diese Modelle in verschiedenen Anwendungsbereichen genutzt werden können, müssen dann andere Unternehmen selbst herausfinden. China hingegen konzentriert sich auf die Anwendung und verfolgt dabei eine nationale Strategie zur KI-Einführung in der gesamten Wirtschaft.
Zweitens zeichnet sich der chinesische Ansatz dadurch aus, dass fast alle KI-Modelle, schätzungsweise 85-90 Prozent, Open-Source-Modelle sind. Das liegt an den Vorgaben des chinesischen Staates, der die Markteilnehmer zwingt, Open-Source-Modelle zu nutzen. Bei der Förderung der Chip- und KI-Industrie folgt Beijing im Wesentlichen dem Drehbuch, das es bereits in anderen Industriebranchen wie Elektroautos, grüne Technologie, Batterie- oder 6G-Telekommunikation genutzt hat.
Um eine neue Technologie durchzusetzen, muss diese im Überfluss vorhanden und im Vergleich mit alten Technologien so billig sein, dass die Transaktionskosten eines Pfadwechsels möglichst gering sind. Insofern setzt der chinesische Staat weniger auf kurzfristige Profitmaximierung, sondern behält das strategische Gesamtziel, die rasche und tiefgreifende Verbreitung wirtschaftlicher Innovationen, im Blick. Die chinesischen Open-Source-Modelle erleichtern die Anpassung an spezielle Bedarfe und lokale Anforderungen, und zwar keineswegs nur in China selbst, sondern auch in anderen Weltregionen. Hinzu kommt, dass chinesische Hardware 30 bis 50 Prozent billiger ist als jene der US-Konkurrenz.
Insofern scheint der technologische dem politischen Trend zu folgen. Es dürfte also auf eine Trennung der Technologieentwicklung und die Herausbildung separater, teilweise inkompatibler Ökosysteme hinauslaufen: ein KI-System, in dem die größten Konzerne der Welt im globalen Norden, die über die finanziellen Ressourcen verfügen, sich für US-Modelle entscheiden – und ein anderes, in dem Unternehmen im globalen Süden, die nach einer günstigen Alternative zur US-Technologie suchen, auf chinesische Produkte setzen.
Als wirtschaftliche Arbeitsteilung könnte das durchaus funktionieren. Mit Blick auf die geopolitische Rivalität jedoch droht diese Entwicklung einen neuen Kalten Krieg zu befeuern.
Dieser Text erschien zuerst in „nd.aktuell“ im Rahmen einer Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

