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Analyse , : Die Rückkehr der autoritären Rechten in Chile

Wie ein Moment demokratischer Möglichkeiten in autoritäre Nostalgie umschlug

Wichtige Fakten

Details

Rom, Palazzo Chigi: Der designierte Präsident der Republik Chile, José Antonio Kast, trifft sich am Ende des Treffens mit Meloni mit chilenischen Bürgern und der Presse. Er macht ein Selfi mit seinem Smartphone in der Menge.
Der designierte chilenische Präsident José Antonio Kast ist kein Außenseiter, sondern das Produkt von rechten Elitenetzwerken mit starken biografischen und institutionellen Verbindungen zur Diktatur. José Antonio Kast nach einem Treffen mit Giorgia Meloni im Palazzo Chigi, Rom, 5.2.2026, Foto: IMAGO / Independent Photo Agency Int.

In nur sechs Jahren hat sich in Chile ein dramatischer politischer Umschwung vollzogen: vom Estallido – dem Aufstand 2019, in dem progressive Reformen und mehr Demokratie gefordert wurden, zum Aufstieg des rechtsextremen José Antonio Kast, der die Wiederherstellung einer idealisierten Ordnung verspricht, die sich aus dem ideologischen Erbe der Pinochet-Ära speist.

Sechs Jahre, nachdem massive soziale Proteste Chiles neoliberale Ordnung herausforderten, ist die extreme Rechte zurück an der Macht – nicht indem sie sich von ihrem autoritären Erbe distanziert, sondern indem sie es neu artikuliert.

Luciano Santander ist ein politischer Soziologe, dessen Forschung sich mit der Mobilisierung der extremen Rechten, autoritärem Neoliberalismus und Radikalisierung aus einer Global-South-Perspektive befasst.

Am 14. Dezember 2025 wurde José Antonio Kast für die Amtszeit von 2026 bis 2030 zum Nachfolger des links-progressiven Präsidenten Gabriel Boric gewählt. Dieser Wechsel kommt relativ schnell nach dem sogenannten Estallido Social, einer breiten, starken und anhaltenden sozialen Protestwelle, die Chile 2019 erschütterte. Der Estallido stellte das durch die Pinochet-Diktatur (1973–1990) durchgesetzte neoliberale Modell infrage und löste eine tiefe Hegemoniekrise aus. Doch in bemerkenswert kurzer Zeit folgte auf die systemkritischen Proteste und die Forderungen nach strukturellem Wandel der Aufstieg des von breiten Bevölkerungsschichten unterstützten Kasts, einer tief in den autoritären Traditionen der extremen Rechten verwurzelten politischen Figur.

Maßgeblich unter Kasts Führung hat die chilenische Rechte ihr Bekenntnis zum Konservatismus und zum autoritären Neoliberalismus erneuert. Im Unterschied zur moderaten Restauration unter Sebastián Piñera (2018–2022) und zu einer „reinen“ Radikalisierung, wie sie sich in Argentinien unter Javier Milei beobachten lässt, strebt Kast eine radikalisierte Restauration an: Indem er das ideologische Vermächtnis der Pinochet-Diktatur wiederbelebt, dank einer ausgrenzenden Rhetorik und indem er den institutionellen Pragmatismus früherer Rechtsparteien aufgegeben hat, will er die alte Hegemonie wiederherstellen. 

Kast als rechte Antwort auf die Hegemoniekrise 

An den Wahlergebnissen vom 14. Dezember 2025 wird die tiefgreifende Neuordnung der chilenischen Rechten seit der Rückkehr zur Demokratie 1990 sichtbar. Kasts Sieg zeigt, dass der Gewinner dieser Neuordnung weder der Kandidat war, der seine Positionen am besten mäßigen konnte, noch der, der die extremsten Standpunkte vertrat, sondern der Kandidat, der – als Antwort auf die vom Estallido ausgelöste Hegemoniekrise – am besten imstande war, das autoritäre Erbe der chilenischen Rechten neu zu artikulieren. Das heißt, die neue extreme Rechte in Chile hat im Estallido selbst den Kristallisationspunkt für ihre Radikalisierung gefunden. Diese Radikalisierung führte zu einer dramatischen Umbildung der chilenischen Rechten, verstärkt noch durch die politischen Folgen der Proteste von 2019 und des anschließenden Prozesses für eine Verfassungsreform.

Der autoritäre Neoliberalismus etablierte sich in den rechten politischen Eliten Chiles während der Diktatur, die auf den Sturz der sozialistischen Regierung unter Präsident Salvador Allende (1970–1973) folgte. Teil dieser Umstrukturierung waren eine immer größere Rolle der Privatwirtschaft im Sozialwesen, die Stärkung des Finanz- und Geschäftssektors, weniger Staatsausgaben sowie die Deregulierung und Liberalisierung der Wirtschaft.

Von der Utopie des Sozialismus zum Laboratorium des Neoliberalismus 

Diese Entwicklungen führten dazu, dass Chile vom Land mit der weltweit ersten demokratisch gewählten sozialistischen Regierung und der stärksten Arbeiter*innenbewegung Lateinamerikas zum ersten Land wurde, das – ohne Opposition – neoliberale Maßnahmen im großen Maßstab umsetzte, weshalb es auch als Laboratorium und Wiege des Neoliberalismus galt. Diese Transformation beinhaltete nicht nur eine Umstrukturierung des ökonomischen Systems, sondern auch eine echte politische Konterrevolution, die das Versprechen des „chilenischen Wegs zum Sozialismus“ umlenkte in eine Gesellschaft, in der Meritokratie und individueller Erfolg im Mittelpunkt standen. Obwohl für die Macht der Diktatur das Militär ausschlaggebend war, stützte sich die Transformation Chiles auf drei Säulen: die Ideen, auf denen die kulturelle Hegemonie des Neoliberalismus beruhte, den ökonomischen Interessen lokaler und externer Eliten sowie den Institutionen, mit denen mögliche Veränderungen am System begrenzt wurden.

Die „geschützte Demokratie“ Chiles institutionalisierte den Neoliberalismus mittels autoritärer Enklaven, die den Fortbestand des Modells sicherstellten und das Ordnungsnarrativ stützten. Die Verfassung von 1980, die noch heute in Kraft ist, bleibt das zentrale Symbol dieses Pakts. Indem sie staatliche Eingriffe begrenzt und den Markt gegen substanzielle Veränderungen abschirmt, sichert sie die Herrschaft der Elite und das doppelte Vermächtnis der Diktatur: den Autoritarismus und den Neoliberalismus 

Beides, der Autoritarismus und der Neoliberalismus, gehörte sogar während des Übergangs zur Demokratie in den 1990er Jahren noch zum soziopolitischen Konsens im Land. Deshalb wurde die Verteidigung eines hegemonialen Systems, das diesen Leitlinien folgte, zum vordringlichen Ziel der Unión Demócrata Independiente (UDI), der wichtigsten Partei der chilenischen Rechten und Verteidigerin des diktatorischen Erbes. Die von Jaime Guzmán, dem Ideologen der Verfassung von 1980, im Jahr 1983 gegründete Partei verband neoliberale und konservative Gruppen, die an der Diktatur beteiligt gewesen waren.

Kasts Agenda: Sicherheit, Wirtschaftswachstum und Anti-Establishment-Rhetorik 

Die UDI verkörpert die Hegemonie der chilenischen Rechten der vergangenen 40 Jahre: Sie führte die Diktatur politisch an, setzte den Neoliberalismus in Chile durch und war dessen wichtigste Verfechterin während des „Übergangs zur Demokratie“. Zwischen 2001 und 2016 war sie nach Wählerstimmen und Sitzen durchgängig die größte Partei in Chile.

Die Hegemonie der UDI bröckelte 2016, als José Antonio Kast, ein langjähriges Mitglied, der Partei Verrat an ihren ideologischen Grundsätzen vorwarf und ihr den Rücken kehrte. Im darauffolgenden Jahr trat er als unabhängiger Kandidat zur Präsidentschaftswahl an und erreichte mit 8 Prozent der Stimmen den vierten Platz. In seiner Agenda betonte er, wie wichtig es für die Rechte sei, unter neuen Bedingungen, unter denen progressive Kräfte ihre Ziele gegen konservative Werte durchsetzten, die eigenen Positionen zu radikalisieren. 2019 gründete er die rechtsextreme Partei Partido Republicano (PR), die für eine radikale Verteidigung der ideologischen Säulen der Diktatur eintritt und eine Rückkehr zu den Gründungsprinzipien der UDI fordert.

In kurzer Zeit haben der PR und Kast seit ihrem ersten Wahlauftritt eine dominante Position in der nationalen Politik angenommen und haben die UDI als stärkste Kraft verdrängt. Sie verfolgen eine konservative Agenda mit starker Anti-Establishment-Rhetorik, die sich vor allem um Sicherheit, Einwanderung und Wirtschaftswachstum dreht.

Gremialismo – ein ideologischer Bezugsrahmen in Chile 

Beide rechte Parteien, die historische UDI und die von Kast neu gegründete PR, sind von derselben politischen Doktrin inspiriert: dem Gremialismo von Jaime Guzmán, eine Lehre, die dieser in den 1960er Jahren entwickelte. Der Gremialismo basiert auf katholischem Konservatismus und Antikommunismus und hat zwei Hauptprinzipien: Entpolitisierung und Subsidiarität. Entpolitisierung bedeutet: „vermittelnde Körperschaften“ wie Universitäten, Gewerkschaften und diverse zivilgesellschaftliche Gruppen sollen sich auf die Verfolgung ihrer jeweiligen Interessen konzentrieren und deshalb frei von ideologischer Manipulation sein. Subsidiarität heißt, der Staat soll nur dann eingreifen, wenn die einzelnen Körperschaften nicht unabhängig handlungsfähig sind. Dieses Konzept liefert eine Begründung für einen schlanken Staat, der nur in Marktdynamiken eingreift, um Eigentumsrechte und Vertragserfüllung zu garantieren.

Familie und Religion als gemeinsame Werte 

Die doktrinäre Zusammenführung von politischem Autoritarismus, ökonomischem Neoliberalismus und sozialem Konservatismus ermöglicht beiden rechten Parteien – PR und UDI –, auf gemeinsamer ideologischer Grundlage zu agieren. Zum Beispiel treten beide für die Familie als grundliegende Einheit der Gesellschaft ein und schreiben ihr einen eigenständigen Wert für das Gemeinwohl zu. Der Religion weisen sie ausdrücklich eine zentrale Bedeutung im öffentlichen Leben zu und werben gleichzeitig für die Autonomie vermittelnder Körperschaften. Darüber hinaus sind sie sich über die Prinzipien einer „sozialen Marktwirtschaft“ einig, die von starken Institutionen gestützt wird. Folglich beziehen sich ihre Narrative auf dieselben ideologischen Grundlagen, Inspirationen, sozialen Beziehungen, religiösen Lehren und Hierarchien.

Obwohl die Verteidigung Guzmáns und seiner Verfassung für beide Parteien eine Priorität darstellt, nimmt der PR für sich in Anspruch, der wirkliche Bewahrer dieses Erbes zu sein. Die extreme Rechte in Chile ist bestrebt, sich noch nachdrücklicher zum Gremialismo zu verpflichten, statt sich von ihm zu entfernen. Aus diesem Blickwinkel wird die führende Rolle Kasts deutlich: Der UDI wirft er Kompromisse mit den Institutionen und programmatische Flexibilität vor, während er seine eigene Partei mit ideologischer Kompromisslosigkeit und antagonistischer Mobilisierung auf dasselbe politische Projekt einschwört.

José Antonio Kast ist kein Außenseiter, sondern das Produkt von rechten Elitenetzwerken mit starken biografischen und institutionellen Verbindungen zur Diktatur. Sein Bruder, Michael Kast, war ein bekannter „Chicago Boy“, der als Pinochets Arbeitsminister und Zentralbankchef die neoliberale Transformation anführte. José Antonio Kast selbst verkehrte im Epizentrum des Gremialismo an der Rechtsfakultät der Päpstlichen Katholischen Universität von Chile (PUC) und war Mitglied der Jugendorganisation der UDI, Movimiento Gremial. Als Mitglied der Schönstattbewegung (einer katholischen Laienorganisation mit Schwerpunkt auf moralischer Erneuerung und apostolischer Arbeit) profilierte er sich in den letzten Jahren des Regimes als eine von dessen wichtigsten Stützen unter der Jugend, bevor er zwei Jahrzehnte lang (2002–2018) als UDI-Abgeordneter diente.

Kast verkörpert die Einheit von religiösem Konservatismus und Marktorthodoxie und gibt so dem chilenischen Gremialismo ideologische Struktur. Darüber hinaus begünstigen sein Werdegang und seine Hingabe reibungslose Beziehungen sowohl zur Wirtschaftselite des Landes als auch zur Basis der UDI. In diesem Sinne demonstriert sein politischer Weg keinen Bruch mit dem Establishment, sondern eine Unzufriedenheit über dessen vermeintliche ideologische Verwässerung.

Kasts politischer Stil: Charismatische Autorität 

Während die beiden rechten Parteien UDI und PR um dieselbe Wählerschaft und dasselbe historische Erbe konkurrieren, überbrückt die Figur Kast den Graben zwischen ihnen. Ideologisch sind sich beide Parteien darüber einig, dass nach der Krise des Estallido die Ordnung durch Heraufbeschwören einer idealisierten Vorkrisen-Ära wiederhergestellt werden müsse. Doch im Unterschied zur UDI hat Kasts charismatischer Einfluss dem PR ermöglicht, dieselbe Agenda mit zerstörerischeren und antagonistischeren Mitteln zu verfolgen und gleichzeitig eine größere ideologische Reinheit zu behaupten.

Während des letzten Wahlkampfs trat Kast als in sich ruhend statt konfrontativ auf, womit er sich von seinem charakteristischen Auftreten vorangegangener Wahlen absetzte. Dennoch positionierte er sich als der Einzige, der imstande sei, in einem als chaotisch wahrgenommenen Chile wieder Ordnung und Stabilität herzustellen, während er gleichzeitig die Notwendigkeit bekräftigte, das ideologische und institutionelle Vermächtnis der Diktatur zu schützen.

Kasts politischer Stil spiegelt den erfolgreicher rechtsextremer Führungsfiguren auf der ganzen Welt wider: Wie sie bietet er ideologische Kohärenz, die in einem rechts-autoritären Erbe wurzelt. In Weberschen Begriffen ausgedrückt, funktioniert sein Image mittels charismatischer Autorität. So bietet er seinen Anhänger*innen den Archetypen der „Vaterfigur“, anhand derer sie sich radikalisieren.

Mit diesem Stil festigt Kast die ideologische Reinheit des Gremialismo und rechtfertigt den Radikalisierungsprozess des PR, während er interne Spannungen in der UDI fördert. Sein Werdegang – vom Mitglied der innersten UDI-Zirkel zu ihrem wirksamsten Konkurrenten – beweist, dass in einer Hegemoniekrise eine personalistische Führungsfigur, die von ideologischer Kompromisslosigkeit getragen ist, eine institutionalisierte Partei, die auf Wahlpragmatismus setzt, überflügeln kann. In diesem Sinne liefert Kast, indem er sechs Jahre nach dem Estallido den Weg für einen rechtsextremen Wahlsieg bahnte, eine Antwort auf die Frage, wie sich Hegemonie wiederherstellen lässt, nachdem Mäßigung sich als unzureichend erwiesen hat, um das Aufbäumen einer progressiven Politik einzuhegen.

Die Hegemoniekrise im Zuge des Estallido

Der Estallido entsprang nicht einem plötzlichen wirtschaftlichen Zusammenbruch, sondern den angestauten Widersprüchen aus vier Jahrzehnten neoliberalen Erfolgs. Die ohne nennenswerte Wirtschaftskrise entbrannten Proteste wandten sich vordringlich gegen das Versagen des politischen Systems und forderten ökonomische Gerechtigkeit. Ungeachtet der unterschiedlichen Deutungen der sozialen Motive für die Massenproteste stellten sie in jedem Fall einen tiefen und größer werdenden Riss im soziopolitischen Gefüge des Landes dar. In der sozialen Mobilisierung, die vor allem auf die soziale Ungleichheit und die trotz neoliberaler Versprechungen fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten abhob, zeigte sich die auf mikrosoziologischer Ebene eingetretene „Abkopplungsspirale“ (Araujo 2022), die auf der Entscheidung der Einzelnen gründet, sich vor den überzogenen Forderungen, systematischen Enttäuschungen und täglichen Ärgernissen des Lebens im Neoliberalismus zu schützen.

Die Proteste führten zum Referendum im Jahr 2020, in dem sich 78,28 Prozent der chilenischen Wähler und Wählerinnen für eine neue Verfassung aussprachen. Der Verfassungsprozess half, den Konflikt zu entschärfen, und stellte gleichzeitig durch Mechanismen wie Quoten für Unabhängige und Indigene eine diverse Zusammensetzung der Verfassunggebenden Versammlung sicher. Allerdings gelang es dadurch nicht, ein neues Hegemonieprojekt zu konsolidieren. Der Verfassungsentwurf, der von der demokratisch gewählten und von linken und unabhängigen Gruppierungen dominierten Versammlung vorgelegt wurde, stieß auf klare Ablehnung: bei der Abstimmung im Jahr 2022 entschieden 62 Prozent der Wählerschaft dagegen.

Die Ablehnung war auf vier Faktoren zurückzuführen:

  1. ein wahrgenommener Extremismus bezüglich Identitätspolitik und sozialen Rechten, was gemäßigte Wähler*innen entfremdete;
  2. eine koordinierte rechte Mobilisierung, die den Verfassungsvorschlag im Rahmen einer Desinformationskampagne als Gefahr für das Privateigentum brandmarkte;
  3. die Demobilisierung progressiver Bewegungen durch die Verlagerung ihrer Aktivität in institutionelle Prozesse;
  4. und eine schwindende Zustimmung zur Boric-Regierung, die mit einer Sicherheits- und Wirtschaftskrise zu kämpfen hatte und untrennbar mit dem Scheitern der Verfassung assoziiert wurde.

Im Verfassungsvotum drückte sich nicht eine allgemeine Zustimmung zum Status quo aus, sondern die Ablehnung eines spezifischen Verfassungsentwurfs inmitten politischer Polarisierung, Desinformation und der Entfremdung der Linken von ihrer gesellschaftlichen Basis. Entscheidend ist, dass die Missstände, die dem Estallido zugrunde lagen – Ungleichheit, privatisiertes Sozialwesen und prekäre Lebensbedingungen – nicht angegangen wurden und als Probleme der chilenischen Gesellschaft weiterhin relevant sind. Infolgedessen hinterließ die Ablehnung des Verfassungsentwurfs ein politisches Vakuum, in dem die alte Ordnung delegitimiert, die Konsolidierung einer neuen jedoch gescheitert war. Das eröffnete die Gelegenheit für eine Restauration der extremen Rechten.

Der Estallido als Kristallisationspunkt für rechte Radikalisierung

Die nächste Phase nach der Ablehnung des Verfassungsentwurfs war durch einen zweiten Verfassungsprozess bestimmt, den eine vom PR angeführte, überwiegend rechte Mehrheit dominierte. Der neue Vorschlag bekräftigte nicht nur die Grundprinzipien der Verfassung von 1980, sondern unterschied sich vom ersten Entwurf zum Beispiel darin, dass er den Zugang zu Abtreibungen beschränkte und die Rechte der Indigenen aushöhlte. Dieser Prozess konsolidierte einen rechtsextremen Rollback, der nicht nur darauf abzielte, die Ordnung wiederherzustellen und alte Positionen zu verteidigen, sondern auch eine dem Estallido diametral entgegengesetzte Agenda durchzusetzen.

In dieser Situation spiegelt sich die Komplexität der rechten Mobilisierung wider, die über die Verteidigung des Neoliberalismus und der Verfassung von 1980 hinausgeht: Sie stellt auch die Konfrontation mit einer Hegemoniekrise dar, die diese Gruppen zur ausdrücklichen Radikalisierung ihrer Positionen führte. Dennoch ist die Hegemoniekrise weiterhin ungelöst, da 2023 im letzten Verfassungsreferendum 55,78 Prozent der Wählerschaft auch den zweiten Verfassungsentwurf ablehnten, sodass die Verfassung von 1980 in Kraft bleibt, obwohl sie von breiten Bevölkerungsschichten als illegitim angesehen wird.

Diese Serie gescheiterter Verfassungsentwürfe verstärkte die Wahrnehmung, dass eine Veränderung der Institutionen nicht möglich sei. Dadurch verlagerte sich die politische Energie von Transformationsprojekten hin zu Forderungen nach Ordnung und Sicherheit, die nun die politische Landschaft der Nach-Estallido-Ära bestimmen.

Ordnung, Sicherheit und eine bewusste Radikalisierung rechter Positionen

Für ein Verständnis der Diskursstrategien, die zu dieser neuen Situation geführt haben, ist der Begriff des Octubrismo („Oktoberismus“) entscheidend. Geprägt und in einem abwertenden Sinn verbreitet haben ihn Politiker wie Kast, um damit den Estallido mit seinen radikalsten Ausdrucksformen gleichzusetzen. Die Rechte zeichnet so die Proteste nicht als legitime gesellschaftliche Mobilisierung, sondern als Quelle von Gewalt, Vandalismus und sozialen Unruhen, wodurch die Forderungen der Protestierenden und ihre Kritik am neoliberalen Modell delegitimiert werden.

Als rhetorischer und praktischer Akt des Silencing deutet der Begriff des Octubrismo den Estallido zu einem unnötigen und gefährlichen Versuch einer politischen Neugründung um (Jerade 2024). Im Kontext der allgemeineren politischen Spaltung der Gesellschaft stellt die Rechte mit dem Label des Octubrismo die Möglichkeit struktureller Veränderungen infrage und delegitimiert Anfechtungen der bestehenden Ordnung. Diese Diskursverschiebung zeigt sich empirisch daran, dass 2020 in Umfragen noch 61,7 Prozent der Befragten die Folgen der Proteste als positiv ansahen, während im Oktober 2022 diese Zahl auf 28,8 Prozent gesunken war, wohingegen die negative Wahrnehmung bei 54,4 Prozent lag (Activa Research 2022).

Die chilenische Krise lässt sich konzeptionell mit Gramscis Begriff des „Interregnums“ fassen – eine Zeit, in der das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann –, inmitten einer allgemeinen gesellschaftlichen Mobilisierung zweier streitender Lager. Wenn progressive soziale Bewegungen in eine Phase der Demobilisierung eintreten, bevor institutionelle Reformen gefestigt sind, können reaktionäre Kräfte eine Legitimitätskrise schnell in eine Gelegenheit verwandeln, um Autoritarismus und Neoliberalismus auszuweiten. Dies kennzeichnet eine neue extreme Rechte, die in ihrem Streben nach Restauration ihre Positionen auf einen anderen Zielhorizont hin radikalisiert hat, als ihn die sozialen Bewegungen haben.

Nach dem Estallido und den gescheiterten Versuchen des Verfassungsprozesses scheint die chilenische Rechte ihre Position als Stellvertreter für Wut und soziales Unbehagen gefestigt zu haben; indem sie einen Diskurs neubestimmt, der die Werte der freien Marktwirtschaft mit einer konservativen und autoritären Gesellschaftsordnung verknüpft. UDI und PR haben beide ihr Bekenntnis zu früheren Ideologien und zum autoritären Erbe noch verstärkt und vertreten Positionen, die härter und deutlicher ausgrenzend sind als vor dem Estallido.

Was steht nach Kasts Wahlsieg auf dem Spiel?

Sechs Jahre nach dem Estallido ist Chile mit einem Paradox konfrontiert: Trotz einer tiefen Hegemoniekrise, die die Legitimität des Neoliberalismus infrage stellte, gab es keinerlei strukturelle Veränderung. Die Verfassung von 1980 bleibt in Kraft, neoliberale Wirtschaftspolitik wirkt weitgehend unverändert fort und Renten, Gesundheitsversorgung und Bildung sind immer noch privatisiert. Während die Missstände, die die Proteste auslösten, weiterhin bestehen, hat sich die politische Landschaft dramatisch verändert: Die geschwächte Linke hat sich zunehmend von der Arbeiter*innenklasse entfernt, und die extreme Rechte ist auf dem Weg an die Macht.

Um zu erklären, welche Mechanismen die rechtsextreme Restauration möglich gemacht haben, werden aktuell unterschiedliche Hypothesen diskutiert, unter anderem: die Demobilisierung linker Kräfte; institutionelles Versagen, wodurch Narrative bekräftigt wurden, die Veränderung für Chaos verantwortlich machen; die Auswirkung von Desinformationsnetzwerken, die den Verfassungsprozess mit Unordnung und Radikalismus in Verbindung brachten; die Einführung der Wahlpflicht 2025, wodurch 5 Millionen Wähler*innen hinzukamen; die Instrumentalisierung von Einwanderung um fremdenfeindliche Ängste zu befeuern; ein besorgniserregender Anstieg der Kriminalitätsrate, verbunden mit dem Unvermögen der Boric-Regierung, die Sicherheitskrise in den Griff zu bekommen.

Der Schlüssel zum Verständnis der Situation liegt allerdings in der Unterscheidung zwischen strukturellen Veränderungen und Verschiebungen im Kräfteverhältnis. Statt zu institutionellen oder strukturellen Veränderungen der chilenischen Gesellschaft kam es nach dem Estallido zu einer Verschiebung in den politischen Machtverhältnissen und in der Deutung der Krise: Parteien, die das diktatorische Erbe verteidigten, konnten sich als Lösung für eine Krise darstellen, die sie selbst ursprünglich hervorgebracht hatten.

Kasts Erfolg besteht nicht allein darin, dass er in der Lage war, eine konservative Agenda durchzusetzen, sondern darin, dass er sich an die Spitze der Rechten stellen konnte, indem er versprach, den verlorenen Status quo mittels autoritärer Maßnahmen und unter Beibehaltung der neoliberalen Wirtschaftsarchitektur wiederherzustellen. Während sich der Estallido auf soziale Rechte berief, bietet Kast Ordnung und Sicherheit, ohne sich vom sozialen Druck beeindrucken zu lassen. Während die Linke über soziale Rechte und eine Umverteilung mittels Steuerreformen diskutiert, konzentriert sich Kast auf eine Reduzierung der Rolle des Staates und auf Einwanderungskontrolle.

Paradoxerweise strebt diese „Radikalisierung“ keinen Bruch mit der traditionellen liberalen Demokratie an. Vielmehr operiert sie innerhalb ihres Rahmens, um die Möglichkeiten, die die Demokratie bietet, zu ersticken. Kasts politisches Projekt stellt keinen Bruch mit den Institutionen dar, sondern eine strategische Wiederherstellung: Es will eine derart rigide Ordnung durchsetzen, dass alle Forderungen nach sozialen Rechten und alle systemkritischen Proteste wirksam negiert werden. Letztlich richten sich seine Anstrengungen auf die Konsolidierung eines Systems, in dem eine Gesellschaft, die grundlegend vom neoliberalen Modell abweicht, schlicht undenkbar wird.
 

Der deutsche Text ist eine gekürzte und für ein deutsches Publikum angepasste Version des englischen Originaltextes. Kürzung: Redaktion des Lateinamerika-Referats der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Für eine bessere Lesbarkeit wird auf die im Originaltext enthaltenen Literaturangaben verzichtet. 

Übersetzung des englischen Originaltextes von Daniel Fastner & Sebastian Landsberger für Gegensatz Translation Collective.

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